Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 374 Dr Blocb s Mocdenscbrltt. Nr. 23 Rama bau Chama, daß der Gewinn des Würfelspielers ungesetzlich und entehrend sei — ein Ausspruch von großem Gewicht, der sich auf alle größeren Geldsummen bezog, die durch Hazardspiele gewonnen wurden. So tief war der Abscheu vor dem Spiel in talmudischen Zeiten eingewurzelt, daß das Wort „Kubuistes". Würfelspieler, gleichbedeutend war mit Dieb und Spitzbube. Karten folgten dem Schachspiel: die Juden waren immer große Liebhaber des Schachspieles. Maimonides verdammt gewerbsmäßiges Schachspielen, aber der große Jehuda ha Lewi spielte es mit Eifer. Abraham Jbn Ezra spielte Schach und schrieb ein Gedicht darüber. Ein großer Perzentsatz der berühmtesten Schachspieler der Gegenwart besteht aus Juden: der Schachheld Steinitz; ebenso einige der leitenden Meister in dem eben beendeten Schachturnier in New-Aork: Günsberg, Max Weiß und Dr. Laster. Die erste europäische Heimat der Karten war Italien; von dort verbreiteten sie sich nach Deutschland und weiter. In Italien nannten die Juden die Karten „Kofim", ein hebräisches Wort. In Deutschland, wo das Spiel den Juden von ihren christlichen Nachbarn überliefert war, wurden sie von ihnen immer Karten genannt. Darnach scheint es, daß die Juden in Italien das Spiel nicht von den Christen herleitetcn, denn wenn sie Spiele von Fremden annahmen, gaben sie ihnen keine hebräische Namen. Wir haben das bei den Würfeln gesehen, welche im Talmud einen griechischen Namen haben, weil die Würfeln von den Griechen herstammten. Diese Theorie wird durch eine andere Tatsache bekräftigt. Bald nach der Einführung der Karten in Europa findet man, daß Juden sich mit der Anfertigung der Karten beschäftigten. Jüdische Kartenmaler in verschiedenen Teilen Europas werden ausdrücklich erwähnt. Im Jahre 1520 z. B. brachte Josef Jud eine Petition bei dem Gouverneur irgend eines Ortes am Rhein ein, zu Gunsten seines Schwiegersohnes Maier Chaim des Schulklopfers. Der Schulklopfer hatte das Amt, die Gemeinde jeden Morgen aus dem Schlaf zu klopfen, wenn es Zeit war, in die Synagoge zu gehen. Der Schulklopfer betrieb das Gewerbe des Kartenmalens, und er beklagte fich, daß sein Geschäft durch andere Juden beeinträchtigt würde, die anderswo gemachte Karten einführten. Er verlangte Schutz; ob mit Erfolg, ist nicht gesagt. Der Vorfall, welchen auch Reuchlin erwähnt, schien dessen Theorie zu unterstützen, daß die Juden mit dem ersten Erscheinen des Kartenspiels in Verbindung standen. Man muß indeß zugeben, daß der Beweis nicht sehr kräftig ist. Die Einmütigkeit, mit welcher die Juden von Anfang an der Verbreitung des Kartenspiels entgegen waren, läßt sich als Gegenbeweis anführen. Ob nun die Juden das Kartenspiel in Europa eingeführt haben oder nicht, so kann doch nicht bezweifelt werden, daß sich in unseren Brüdern schnell eine Leidenschaft dafür entwickelte. Wie bei den zeitgenössischen Christen manifestierte sich diese Leidenschaft nicht nur bei den Unwissenden und Ungebildeten. Die Gelehrten und die Großen unter den Juden werden zuweilen Opfer dieses verhängnisvollen Zaubers. Einer der traurigsten Fälle, der des Leon Modena, erinnert einigermaßen an Charles James Fox. Leon Modena war ein gelehrter Jude und ein Mann der Wissenschaft. Im Jahre 1593 kam er nach Venedig, wo er lehrte und predigte. Aber auf dem Wege zum Erfolg wurde er durch einen Stein des Anstoßes behindert; seine Liebe zum Kartenspiel. Er war sich der Gefahren des Spieles vollkommen bewußt, denn schon im Alter von 14 Jahren schrieb er eine Flugschrift dagegen, die in viele Sprachen übersetzt wurde. Obgleich er oft den Entschluß faßte, der Leidenschaft zu entsagen, deren er sich im höchsten Grade schämte, gelang es ihm nie, selbst nicht im hohen Alter. Die Rabbinen von Venedig erließen eine Verordnung, nach welcher jedes Gemeindemitglied in den Baun getan wurde, welches im Verlauf von 6 Jahren, vom Tage der Bekanntmachung dieser Verordnung an gerechnet, Karten spielen würde. Dieses war im Jahre 1628 und wahrscheinlich gegen Leon Modena gerichtet. Er bot seine ganze Gelehrsamkeit in einer Anklage dieser Verordnung auf, welche <-:• lebhaft bekämpfte. Vielleicht würde er seine Gewohnheit ' esiegt haben, ohne den Glauben an Astrologie und Fatalismus. Er betrachtete es als sein Schicksal, zu spielen. Sicherlich war es sein Schicksal, die Strafe der Armut und Erniederung zu erdulden — eine schwere Strafe für eine schlechte Gewohnheit, die den Ruin dieses mächtigen Geistes herbeiführte. Der Bannfluch der Juden von Venedig im Jahre 1628 war die Veranlassung, daß die zu verschiedenen Zeiten von jüdischen Autoritäten gemachten Versuche zur Unterdrückung des Kartenspiels genauer und systematischer untersucht wurden. — Es war eine schwere Aufgabe, das Gebot durchzusetzen, auch erwies sie sich als erfolglos. Der Jude sah am Kartentisch Priester und Ritter, Bürger und Bauer; alle spielten und spielten, um zu gewinnen. Die jüdischen Rabbinen waren machtlos einer so allgemeinen Plage gegenüber. Aerzte können einer Epidemie nicht Einhalt gebieten, sie nimmt ihren traurigen Verlauf bis an's Ende. Und ähnlich ist es mit den Vorschlägen und Maßnahmen von einberufenen Versammlungen und Vereinen. Diejenigen, von denen irgendwelcher praktische Nutzen erwartet wird, sind schon vor Jahrhunderten von jüdischen Rabbinen und Lehrern gemacht worden. Die Krankheit des Spiels wurde in jüdischen Andachtsbüchern erwähnt; Väter und Mütter schärften ihren Kindern ein, das Laster zu meiden, die jüdische Geistlichkeit war nicht sparsam mit ihren Schmähungen desselben und unermüdlich in Versuchen und Vorschlägen zur Unterdrückung der Plage. Eine Hauptmaßregel der jüdischen Rabbinen bestand darin, die Leute zu dem fteiwilligen Versprechen der Entsagungen zu ermutigen. Das Gelübde spielte eine große Rolle im sittlichen Leben der Juden; es war oft dem schwachen Willen eine Stütze und mußte die mangelnde Charakterstärke ersetzen. Außer individuellen Gelübden, wie z. B. nur um Obst zu spielen, gab es viele Tekanoth oder kommunale Gelübde von vollkommen freiwilligem Charakter. Eins der frühesten war das der ganzen Gemeinde von Bologna und Forli in Italien im Jahre 1461: „Wir beschließen, daß kein Jude in seinem Hause oder aus seinem Grundbesitz fortan eine Spielpartie versammeln soll, weder Juden noch Christen; auch ist dem Juden Würfel-, Karten- und jedes andere Hazardspiel untersagt. Er darf nicht für andere spielen und andere nicht für ihn. Kein Jude darf in seinem Hause oder anderswo spielen; die einzige Ausnahme ist das Schachspiel. Wenn jemand krank oder schwer heimgesucht wurde, darf er Karten zur Erheiterung spielen, aber nur mit geringem Einsatz. Wer dieses Gebot Übertritt, ist ein Sünder und muß als Strafe einen Dukaten zahlen und wenn er nicht zahlt, soll er folgendermaßen bestraft werden: er soll nicht zu Minjan zählen, nicht zum Gesetz aufgerusen werden und er soll nicht eher Gelila haben, bis er sein Vergehen bereut. Wenn jemand von einem anderen Juden weiß, daß er die Sünde des Kartenspiels begangen hat, soll er ihn anzeigen, denn wenn er schweigt, muß er sich derselben Strafe unterziehen." Als letztes Mittel versuchten die Rabbiner boycotting, sie belegten Spieler mit dem Bann. Der fragwürdigste Zug unter den öffentlichen Edikten gegen Kartenspieler ist, daß Frauen nachsichtlicher behandelt wurden, als Männer und größere Freiheit im Spielen hatten. Derselbe Zug fällt in den englischen Gesetzen des Mittelalters auf, welche das Spiel als strafbar hinstellten, aber Frauen von der gesetzlichen Strafe ausschließen. Im Talmud finden sich Anspielungen auf das Spielen der Frauen und es scheint, daß die jüdischen Frauen sich schon mit Schachspielen beschäftigten, als es den Männern im allgemeinen noch unbekannt war. Eines der kühnsten, kräftigsten, an die jüdischen Frauen gerichteten Gedichte gegen das Kartenspiel war aller Wahrscheinlichkeit nach von einer jüdischen Frau geschrieben. Korrespondenzen. Jüdische Offiziere in der bayerischen Armee. München. Geehrte Redaktion! Auf Ihre Notiz in Nr. 22, betreffend „Jüdische Offiziere in Bayern" kann ich Ihnen als jüdischer Offizier die Mitteilung machen, daß es