Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Dlocv s Mocvenscbrm. Seite 373 Vorträge über die Jurisprudenz hielt. Wir wissen nicht, ob Fulda Petachja ben Jakob aus Prag kennt, der 1175 bis l190 von Regensbnrg aus weite Reisen machte, die ihn bis nach Persien führten. Sein Landsmann Jehuda ben Samuel der Fromme, hat seine Notizen unvollständig ausgezeichnet.') Petachja erzählt von einer Jungfrau Halewi, die in der Bibel und im Talmud sehr bewandert war; sie hatte eine große Schülerzahl, damit sich aber niemand von ihren Schülern in sie verliebe, saß sie bei ihren Vorlesungen hinter einem Gitter; man konnte sie zwar hören, aber nicht sehen. Hundert Jahre nach ihr lebte die im Talmud sehr gelehrte Mirjam Spira. die bei ihren öffentlichen Vorträgen ihren Anblick den Schülern durch einen Vorhang entzog. Wir richten nun zunächst unseren Blick auf jene Frauen, die in der sogenannten „jüdisch-deutschen Literatur" Hervorragendes leisteten'). Diese wendet sich naturgemäß an das weibliche Geschlecht, aber die Frauen selbst betrachten sie auch als ihr ureigenes Gebiet. Hier ist an erster Stelle Glücket von Hameln zu nennen, deren „Sichsonoth" (Memoiren), behandelnd die Zeit von 1645—1719, nun in einer musterhaften Ausgabe von David Kaufmann vorliegen'). Wir können nur auf dieses Buch verweisen und insbesondere jene, die sich mit dem ..Jüdisch-Deutsch" genauer bekannt zu machen wünschen. Sie werden hier eine Frau von nicht gewöhnlicher Bildung kennen lernen, eine Frau von seltenen Geistes- und Herzensgaben, eine von jenen wahrhaft frommen, guten jüdischen Müttern, die aufgehen in der Liebe zu ihrer Familie und ihrem Volke, die aber auch einen hellen, ungetrübten Blick für die Zeitereignisse sich wahren, welche sie mit ebensoviel Verstand als Gemüt betrachten. So kann man dieses Memoirenwerk als ein wahres Volksbuch bezeichnen, als ein klassisches Buch, auch nach der Richtung, daß es das Bild einer ganzen Literatur in seltener Reinheit bietet. Glückel von Hameln würdig zur Seite stellt sich Rebekka Tiktiner* 2 * 4), ihre Gelehrsamkeit erhebt sie sogar noch über Elftere. Sie war die Tochter Rabbi Meir Tiktiners. Im Jabre 1609, nach ihrem Tode, erschien zu Praa ihr Hauptwerk in deutscher Sprache im Druck. Es führt den Titel „Meneketh Ribka" („Pflegerin Rebekkas") und handelt über die Pflichten der Frau. Rebekka übersetzte aber auch lange, bevor Stern und Jellinek das Werk Herausgaben, die „Choboth ha Lebaboth", die „Herzenspflichten" des Bachja ibn Pakuda, dieses einst vielgelesene Werk des Richters von Saragossa. Der Herausgeber des ersteren Werkes spendet ihr viel Lob, das auch Wagenseil wiederholte. Die ersten sicheren Spuren des „Judendeutsch" und seiner Literatur führen in den Anfang des 16. Jahrhunderts, daher wir nur nebenbei erwähnen, daß allerdings schon früher der Frau Litte von Regensburg eine „Geschichte des König Davids" zugeschrieben wurde. Diese soll eine Schriftsetzerin gewesen sein, muß also frühestens im 15. Jahrhundert gelebt haben. Sie bedient sich der Nibelungenstrophe und besingt in dieser echt germanischen Form den Heldenkönig der Inden. Was werden unsere Alldeutschen dazu sagen? Während wir von dieser Litte wenig wissen, erfahren wir etwas mehr über Rachel Ackermann, obgleich auch diese Nachrichten nicht ganz historisch zu sein scheinen^). Sie sind aber für uns Oesterreicher interessant genug, um hier angeführt zu werden. Ist es doch Zweck dieses Aufsatzes, nahezu Verschollenes ans Tageslicht zu ziehen. Rachel also war die Tochter eines sehr reichen Juden in Wien. Der Vater ließ das sehr begabte Kind in der griechischen und lateinischen Sprache unterrichten. Viele Gedichte entstammen ihrer poetischen Begabung. Im reinen Schriftdeutsch verfaßte sie ein Gedicht „Das Geheimnis des Hofes". Wegen dieses Werkes, das Hofintriguen schilderte, mußte sie und ihr Vater Wien verlassen und auf der Reise nach Danzig starb sie zu I g l a u in Mähren im 22. Lebensjahre (1514). Während wir über Litte von Regensburg und die soeben angeführte Rachel Ackermann nur Sagenhaftes wissen, hat uns Taube Pan aus Prag in einem Gedichte, das am Anfänge des 17. Jahrhunderts, um 1610, erschien, über ihre Person und Dichtung schon mehr gesagt. Diese bezeichnet sie in folgender Weise: Ein schönes Lied, neu gemacht, Beloschen T e ch i n a ist's worden ausgebracht". Wir haben es also mit einer religiösen Erbauungsschrift in Form einer Dichtung zu tun. In der letzten Strophe dieser Techina, die dem großen Gebiete der von Frauen besonders gepflegten Erbauungsliteratur angehört, sagt Taube, sie sei das Weib des R. Joseph Pan, Tochter des ehrwürdigen Rabbi Loeb Pizker Zal. Von ihrem Bruder wissen wir, er sei Setzer bei dem Drucker Gerschom ') Auszüge daraus hat Wagenseil als exoreitatio gnarta der 6X6rei1atiou68 8«x mit einer lateinischen Uebersetzung herausgegeben (II. Anfl. 1697). 2) Vgl. M. Grünbaum: Die jüdisch-deutsche Literatur in Deutschland, Polen und Amerika 1896, ein Buch, das nur wenig oder gar nichts über unser Thema enthält. Kayserling a. a O. S. 150 ff. ') Das vortreffliche Buch Professor D. Kaufmanns s. A. erschien 1896, Frankfurt bei I. Kauffmann. 4) Zelt, ein Rostocker Professor, gab 1719 über diese Frau eine gelehrte Dissertation heraus. °) Carmoly: „Gelehrte Frauen in Israel", im Jüdischen Volkslehrer, 1858, S. 549. Cohen gewesen.4) Wenn Taube Pan sich nur in der Techinah versucht, wagt sich Hanna K a tz an die Deraschah heran (sicherlich das erste Beispiel einer Predigerin!) Aber auch Geschichtsschreiberinnen werden ans dieser Zeit genannt, es sind: Bella Hurwitz, welche die „Geschichte des Hauses David" geschrieben und im Vereine mit R a h e l Rausnitz eine Geschichte der Ansiedlung der Juden in Prag.') Wir sind in der Lage über die letztgenannte Bella Hurwitz auch einige biographische Notizen hinzuzufügen, die sich in dem Werke von Karpeles nicht finden. Bella war die Tochter des Baer ben Chiskia Levi Hurwitz (oder Horwitz). Sie war im Hebräischen und Jüdisch- Deutschen sehr bewandert, ihr Gatte war der Gelehrte Joseph Chasan. „Die Geschichte vom königlichen Hause David" erschien in einer Uebersetzung von David aus Töplitz (1705). Ihre Mitarbeiterin Rachel war die Tochter des Nathan Ronsnitz (Rausnitz) und Gattin des Löb Porjes. Bella Chasan (Hurwitzl hat auch eine Techina herausgegeben. Da wir bei der geschichtlichen Literatur sind, so ist es interessant, zu bemerken, wie man sich damals, d. i. im 17. Jahrhundert, gerne mit dem altbekannten Josippon beschäftigte. Das Werk war ein wahres Volksbuch geworden. Ein Kompendium dieses Buches gab in jüdischdeutscher Sprache Edel (Adel) M e n d e l e s, Tochter des Rabbi Moses Mendeles, 1622 in Prag und 1635 in Krakau, heraus. Hier lebte auch Adel und ihr Werk soll in dieser Stadt 1670 erschienen sein. Mit dieser Frau nehmen wir von dem Kapitel „Jüdisch-Deutsche Literatur" Abschied, das so viele Namen von Schriftstellerinnen, seit dem 15. bis ins 18. Jahrhundert aufweist. Es ist in der Tat eine stattliche Reihe, die von Litte von Regensburg bis Rahel Rausnitz führt. Das Kartenspiel vom Klarrbpvrrkl des Judentums. Der Selbstmord des Kaufmanns N. Jacob hat in den weitesten Schichten der Berliner Geschäftswelt großes Aufsehen erregt. Jacob ist ein Opfer seiner Spielwut geworden. Seinem Sohn, hat er einen Brief hinterlassen, an dessen Schluß er ihm die Mahnung dringend ans Herz legt: „Spiele nie". Die Spielwut grassiert jetzt in geradezu unheimlicher Weise namentlich in begüterten Kreisen und nicht nur in den männlichen, sondern leider auch weiblichen Schichten dieser Bevölkerung, und angesichts dieser Tatsache dürfte es interessant sein, das Kartenspiel auch einmal vom Standpunkt des Judentums aus zu betrachten. Im alten Israel kannte man weder Hazardnoch irgend welche andere Geschicklichkeit erfordernde Spiele, ausgenommen Turnübungen. Welch' eine Tatsache! Könnten wir dasselbe vom modernen Israel sagen! Die umgekehrte Behauptung würde diesem gegenüber der Wahrheit näher kommen; es möchte schwer sein, ein Spiel zu finden, das dem heutigen Israel fremd wäre, körperliche Uebungen vielleicht ausgenommen. Erst zur Zeit des Herodes oder der hellenisierenden herodischen Prinzen wurden Würfel bei den Juden durch die Griechen eingeführt. Daß dem so ist, beweist der hebräische Name deutlich genug. Würfel heißt auf hebräisch „Kubia", ein Wort, welches offenbar dem griechischen Kubos entstammt — Cubus — die Form in welcher Kaaba oder der Quadrattempel in Mekka gebaut ist. Auch das Schachspiel hat im Talmud einen griechischen Namen, da es ebenfalls den Griechen entstammt. Die Mischna bezeichnet das Würfelspiel als entehrend. Sie ging noch weiter, indem sie die Würfelspieler in die Liste derjenigen aufnahm, die vor Gericht nicht als Zeugen vorgelaffen wurden. Der Eid eines Würfelspielers ist ungültig. Rabi Jehuda ben Jlai versuchte diese harte Maßregel zu mildern. Er machte einen Unterschied zwischen Leuten, die nur zum Vergnügen spielten (Sab. 11, 3) und solchen, die keine anderen Erwerbsmittel hatten — eine sehr gerechte Unterscheidung, aber sie wurde nicht angenommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die Römer der Mifchnah in der Verdammung des Würfelspieles vorangegangen. Aber in einer Beziehung find nach Löw die Juden den Römern zuvorgekommen, nämlich in Betreff der Gesetzmäßigkeit des Gewinnes. Justinian erließ ein Gesetz, das dem Verlierer erlaubt, sein Feld zurüktzufordern; aber vor seiner Zeit bestimmte 4) Zur Bibliographie vgl. des. Steinschneider in Serapeum 1848—1869. 2) Karpeles „Geschichte der jüdischen Literatur" ll, S. 1039. lieber die Setzer und Drucker, sowie ihre weiblichen Genossinnen am . Schluffe mehr.