Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 372 Dr. Blocb's Mlocvenscbrttt Nr. 23 sehenerregenden Prozeß eine wichtige Rolle zu spielen, setzte die Phantasie in Bewegung und modelte an den Erinnerungsbildern so lange herum, bis sie der Vorstellung entsprachen, die sich das Volk von einem Ritualmord macht. Ein Fläschchen mit Maggis Suppenwürze verwandelt sich da in ein geheimnisvolles Fläschchen mit Christenblut, und ein orthopädischer Turnapparat wird in der überhitzten Phantasie zu einem Gerüst, an dem ein geschächteter Christenknabe hängt. Vertieft man sich in das Aktenmaterial, welches das Buch liefert, so begreift man, daß der Strafrechtslehrer Franz v. Liszt es für der Mühe wert hielt, ihm ein Geleitwort mit auf den Weg zu geben, das die Schrift als eine Urkunde von einzigartiger Bedeutung für die Kulturgeschichte des ausklingenden 19. Jahrhunderts bezeichnet, als einen Beitrag zur Psychologie der Aussage, der alle theoretischen Auseinandersetzungen und alle experimentellen Untersuchungen in den Schatten stellt. Man kann die Macht der Massensuggestion hier verspüren, man kann mit den Händen greifen, wie aus dem Volksaberglauben heraus die Phantasiebilder emporwachsen, immer festere Gestalt annehmen, anschaulicher werden und zahlreiche kennzeichnende Einzelheiten aufnehmen. Seines Wertes vollbewußt, erhebt sich stets der Mann, den die Ahnung einer unheimlichen Bluttat mit ihren Schauern umwittert hat. Er hat sich arge Unbequemlichkeiten auferlegt, um Beobachtungen zu machen, die . gar kein Interesse für ihn haben konnten. Stundenlang hat er in strömendem Regen ausgeharrt, um zu sehen, ob eine ihm gleichgiltige Person aus einem Wirtshause wieder hervorkomme und wohin sie ihre Schritte lenke. Stundenlang hat er auf dem Bauche liegend durch Ritzen und Spalten im Dunkeln gelugt, gelauert und gelauscht, obschon keinerlei auffällige Erscheinung seine Neugierde reizte oder beftiedigte. Aber sein Ahnungsvermögen hat ihn nicht getäuscht; seine zunächst ganz belanglosen Beobachtungen gewinnen im Zusammenhang des Prozeffes eine überraschende Bedeutung. Stolz erhobenen Hauptes, hellseherischen Auges darf er von der Bühne abtreten; der Mantel der Gottheit hat ihn gestreift. Phantasie, Suggestion, Freude an der Jcherhöhung, berückende Zauberinnen seid ihr und behende Verwandlungskünstler; ihr äfft und narrt das Menschenkind mit eurem märchenhaft bunten Gaukelspiel und eurem fahrigen Mummenschanz. Das Edle und das Gemeine in seiner Brust, das Weise und das Läppische in seinem Gehirn rufet ihr lachend auf den Kampfplatz. Aus der harmlosen Butterstulle, die in Zeitungspapier eingeschlagen ist, macht ihr vielleicht ein blutiges Schächtmesser, das die zarte christliche Jungftau ruhig, sicher, kunstgerecht hinmordet. Den armseligen Trottel erhöht ihr zu der genächtigten Vertrauensperson, die das schlaue Judentum zu einen lichtscheuen, verderbenschwangern Verbrechen erkiest. Phantasie, Suggestion, Eitelkeit, wenn man euch hinweglockte aus dem Buche unseres Schicksals, wie dünn, wie gelassen, wie langweilig würde die Geschichte unsereres Geschlechtes einherschleichen, wie arm an schreckhaften Taten wütenden Aberwitzes und an herzerfrischenden Husarenritten opfermutigen Hochsinns, wie arm an fröhlich selbstgefälligen Schellengeläut lärmender Torheit und an Glockenklang und Fanfarenton feierlicher, verzückter Begeisterung. Engel des Lichts seid ihr und Töchter der Hölle, zwiespältig wie alle Tiefen und alle Höhen der Menschennatur. Die Frau nnb die jüdische Literatur. Literarische Aus- und Nachlese von Dr. M. G r ü n f e l d. I. Wenn in unserer Zeit die Frage aufgeworfen wird, ob die Frau wie der Mann das Recht besitzt, sich auf allen Gebieten des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens zu betätigen, wird man über diesen Gegenstand diskutieren können und die verschiedenartigsten Meinungen hören; aber eines kann nicht geleugnet werden: den Anspruch, auf literarischem Gebiete dem Manne gleichwertig erklärt zu werden, haben sich die Frauen durch ihre Tätigkeit auf diesem Felde erobert, denn nicht ohne Erfolg haben sie um die literarischen Lorbeeren mit den Männern gerungen. Daß sie auch auf wissenschaftlichem Gebiete Bedeutendes leisteten, wer würde dies in einer Zeit leugnen, in der Madame Curie Mithelferin und Mitarbeiterin ihres verewigten Gatten gewesen? Was nun die schöne Literatur anbelangt, so ist es schwer möglich, alle die Namen bedeutender Frauen zu nennen, die uns mit den schönsten Früchten ihres Talentes beschenkten. Man muß, wenn man von der deutschen Literatur spricht, hier nicht gerade an die Marlitt denken oder an die Birch-Pfeiffer, obgleich die Leistungen dieser Frauen auf dem Gebiete des Romans und Dramas nicht unterschätzt werden sollten. Ilse Frapan, Wilhelmine von Hillern, Gabriele Reuter, Dora Duncker, Louise Westkirch und Marie Janitschek, das sind nur einige Namen, die immer werden genannt werden, wenn man von den Besten in der modernen Literatur spricht. Die Frage, die uns nun beschäftigen soll, ob sich auch Frauen in der jüdischen Literatur und Wissenschaft betätigten, wird vielleicht mancher mit einem gewissen zweifelnden Kopfschütteln verneinen. Die Talmudisten wenigstens scheinen in dieser Beziehung von den Frauen nicht gerade die beste Meinung gehabt zu haben. Sie sprachen von „leichtsinnigen, eitlen Geschöpfen", und auch der Segenspruch, den unser Morgengebet den Mann sagen läßt, in dem er seinen Herrn preist, daß er ihn nicht als Frau erschaffen habe, hat gar manches Mißverständnis rege gemacht, wie denn viele Sätze unseres Schrifttums das Geschick erfahren haben, schlecht oder gar nicht verstanden worden zu sein. Die jüdischen Gesetzeslehrer, die vielleicht mancher als wenig galante Herren hinstellen wird, haben das Schiller'sche Wort: „Ehret die Frauen" lange vor dem deutschen Dichter ausgesprochen und hinzugefügt: „Auf daß es euch wohl ergehe". — Freilich findet man auch einen anderen Satz, den die alten Talmudisten über die Frau ausgesprochen haben, und dieser scheint eine förmliche Ausschließung der Frau von jeder literarischen und wissenschaftlichen Tätigkeit zu enthalten, es ist der Satz, der besagt: „Wer seine Tochter die Thora lehrt, der lehrt sie etwas Unwürdiges". Und sie sagen ferner: „Der Frau geziemt keine andere Weisheit als der Spinnrocken". Doch wenn wir diese beiden Sätze zusammenhalten, dann wird uns der Sinn deutlich werden. Der weibliche Beruf ist es, den diese alten Lehrer im Auge haben, wenn sie sich dagegen aussprechen, der Frau Gelehrsamkeit und die schwere Wissenschaft der Thora beizubringen, sie sind gegen die gelehrte Frau, von der sie meinen, sie werde den Beruf der guten Hausfrau nicht ganz ausfüllen. Es ist aber bezeichnend, daß schon der Talmud gelehrte Frauen kennt. Wir wollen hier nicht die Frau Akibas anführen, die ihren Gatten znm Studium anleitete, auch nicht Jaltha, die Gattin des Rabbi Nachmann; vielmehr denken wir insbesondere an die Tochter des Chanaujah den Teradion, des Märtyrers, die Gattin des Rabbi Meir, von der wir sagen dürfen, daß sie selbst weiteren Kreisen bekannt geworden ist, und von der wir nicht erzählen wollen, was selbst unsere Kinder wissen, wie sie ihren Gatten in seinem Schmerze tröstete und aufricht'te. Beruria wird geradezu zu den Tannaim gezählt. R. Isaak ben Jakob de Lates von Perpignan, der im Jahre 1372 eine Gelehrtengeschichte verfaßte (herausgegeben von Buber, 1885), sagt von ihr: „Wir finden, daß eine Frau in der Boraitha mit Tannaim disputiert". *) Es ist dies eben jene Beruria, die nach der Thostphta Kelim Perek I, eine Entscheidung über die Reinheit eines Gefäßes gefällt, von der R. Josua sagte: „Schön hat Beruria gesprochen". Wie man also sieht, haben auch die Talmudisten die Gelehrsamkeit der Frau wohl anzuerkennen verstanden. Und wenn wir in der Geschichte unserer Literatur Nachlesen, so finden wir eine erstaunlich große Zahl von Frauen, die wirklich Bedeutendes auf dem Gebiete der Literatur, der wissenschaftlichen sowohl, als auch der schönen leisteten. Wir staunen darüber umsomehr, wenn wir bedenken, wie viel das Unterrichts- und Bildungswesen in jenen verflossenen Tagen zu wünschen übrig ließ. Schon in den Fünfziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der ans vielen Gebieten der jüdischen Literatur tätige, wenn auch nicht ganz zuverlässige Eljakim C a r m o l y *) in einer Mitteilung über „Gelehrte Frauen in Israel" uns mit mancher literarisch wirkenden jüdischen Frau bekannt gemacht. Er beruft sich auch auf das Werk eines Herrn P. Dung, arllum maKmtsr der Universität Oxford, welches in Leipzig unter dem Titel: „Alphabetisches Register aller gelehrten Juden und Jüdinnen" erschien, das uns aber leider nicht zugänglich war. Der verewigte Kayserling, dem wir so viele gelehrte Arbeiten über die verschiedenartigsten Teile der jüdischen Literatur und Geschichte danken, hat auch ein gelehrtes Buch über die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst3) geschrieben, und so sehen wir, daß die geistige Tätigkeit der jüdischen Frauen auf dem Boden unserer Literatur schon frühzeitig die Aufmerksamkeit unserer Gelehrten erregte und auch zu einer wissenschaftlichen Bearbeitung Anlaß gab. Was wird nicht alles von diesen Frauen erzählt! In seinem Drama „Novella d’Andrea" behandelt Ludwig Fulda neuestens das tragische Geschick einer gelehrten Juristin, die hinter einem Vorhänge sitzend, der ihre Schönheit den lauschenden Hörern verbarg, gelehrte ') Vgl Dr. A. Lewin in Wünsche-Winter's „Die jüdische Literatur", III. S. 335. 2) lieber ihn zu vgl. Kayserling: „Die jüdische Literatur von Mendelssohn bis auf die Gegenwart" in dem angeführten Werke III. 860. ') Leipzig, 1879.