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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-08 · 23 (8.6.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
23 (8.6.1906)
Date
1906-06-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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r--”~ ****™*>r «Krv-^.qgj Sette 370 Dr. Liocv's Mocvenscvrm. 'Kr.23 Erzherzogs Franz Ferdinand des Klerikaiismus beschuldigen. Bedeutung; er liefert überdies einen überaus wichtigen Beitrag Dle Prvmuzpresfe rut es uni) tut es aus voller Keylc. Klerikal ist nicht immer antisemitisch; es ist meist eine feinere* Nuance, es lst «semitisch, d. h. man will weder für, noch gegen, noch von den Juden etwas wissen. Nur manchmal kommt es auch vor, daß man die katholischen Interessen auch wahrt, ohne die anderen zu schädigen. Vielleicht haveu mir einen Ministerpräsidenten, der eine solche Ausnahme bildet. Er ist noch ein weißes Blatt; hoffen wir, daß der Schneider nlchts darauf herumschmiert, wenn auch die Klerikalen und die Christlich-Sozialen sonst immer liebe Vettern sind. Jedenfalls wird der Ministerpräsident mit dem Standpunkt der Gerechtigkeit seinen schweren Stand haben. Noch einer droht nämlich dem M:nisterium zu unserem Schaden zuzuwachsen und dieser bedeutet die größte Gefahr. Man spricht davon, daß die Christlich- Sozialen, eine der stärksten Parteien im Parlament, ern Ministerportefeuille erhalten sollen. Dem Pattai, der Eisenbahnminister hätte werden sollen, hat sein Prozeß den Prozeß gemacht und so ist der Heldentenor vom blauen Luchsen, der blaublütige, tieffchwarze und schwarzgelbe Liechtenstein an der Reihe. Was der Fanatismus dieses Mannes auszurichten vermag, haben wir schon deutlich genug gesehen, um es fürchten. Was soll der arme Dr. Marchet gegen diese Phalanx ausrichten, wenn eine Verordnung oder eine Vorlage einen liberalen Anwalt braucht? Dr. Marchet gehört zwar der Fortschrittspartei an, uns will aber bedüukeu, als hätten wir schon bemerkt, daß der Fortschritt dieser Partei ganz fortgeschritten ist, wenn es sich um den Judenpunkt hauoelt. Dr. Marchet wird kein Glück und deswegen auch keine Kraft haben, wenn er nur dann Minister wird sein wollen, wenn er Fortschrittler bleiben darf. Da haben wir schon mehr Zutrauen zu deu Beamten auf den kurulischen Fauteuils, welche vermöge ihrer Erziehung in ihren Ressorts eine gewisse wohlwollende Freundlichkeit entfalten. Von ihnen ist aber bestenfalls die Energielosigteit in der Gegnerschaft zu erwarten. Wir haben das bei Dr. Klein gesehen, welcher bisher nicht imstande war, sich trotz seiner Bildung und juristischen Eiusicht zur Ausrottung des Hilsner-Skandals aufzuraffen. Das Kabinett vereinigt also eine starke antisemitische Augriffskraft mit einer nichtssagenden Abwehr. Antisemiten sind immer fleißig, um chre gehässigen Grundsätze vorwärts zu bringen. Wenn auch vorderhano zu erwarten ist, daß das Ministerium vollauf mit großen Ausgaben beschäftigt sein und so uns Juden Ruhe gönnen wird, wenn auch seine Lebensdauer nicht prophezeit werden kann, so ist es doch uotweuoig, alle Aufmerksamkeit und Kraft wachzurufen. In einem nun bald zu erwartenden neuen Parlament wird es möglich sein, durch Reoeu, persönliche Einwirkung und Arbeit in den Ausschüssen deu antisemitischen Einfluß einzudämmeu. Im Ministerrat werden genug Anträge emgebracht und durch ihn unterstützt werden, welche uns Juden nicht gleichgiltlg sein können. Das einzige Gegenwicht können lerdenfchasUiche, bewährte und wirklich jüdische Parlamentarier bieten. Die Wahlreform ist am Wege, mit ihr die Möglichkeit, solche Vertreter zu gewinnen, wenn wir einig und klug vorgehen. Das ist die einzig richtige Antwort aus die unruhige Frage nach der zukünftigen Wirksamkeit des neuen Minister rums im Hinblick auf die Juden._ I. Upki m u y. M« ordentlicher Professor des Strafrechts an der Wiener Unioersstiit uder das Instixnerdrechen gegen Leopold Hilsner. Inder „Schweizerischen Zeitschrift fürStrastecht", 19. Jahrgang, schreibt der Profeffor des Strafrechtes an der Wiener Universität Dr. Karl Stooß über das Buch Nußbaums: Der Fall Hilsner hat, wie von Liszt in seinem Vorwort ausführt, als Ritualmordprozeß kulturgeschichtliche zur Psychologie der A u s s a g e. Die Darstellung Nußbaums beruht im wesentlichen auf einer Uebersetzung der Akten, namentlich des amtlichen stenographischen Protokolls der Hauptverhandlung. Nußbaum verzichtet auf Sensation, er berichtet aktenmäßig, er versteht es aber, den gewaltigen Stoff übersichtlich anzuvrdnen und unnötige Weitläufigkeit zu vermeiden. Sehr eingehend behandelt der Verfasser den Hintergrund des Prozesses, damit es möglich sei, den- Fall kriminalpsychologisch zu würdigen. Eine Episode ist charakteristisch (S. 35). Am 19. Mai 1890 hat der antisemitische Abgeordnete Schneider den Statthalter von Niederösterreich wegen der Konfiskation des „Deutschen Volksblattes" interpelliert und dabei mitgeteilt: „Der Spezialöerichterstatter des „Deutschen Volksblattes" hat durch volle drei Tage mit Unterstützung des Bürgermeisters, des Polizeikommissärs und anderer Gemeindefunktionäre in gewissenhaftester und eingehendster Weise seine Erhebungen gepflogen, indem er sowohl eine Tatbestandsaufnahme auf Grund der vorliegenden Daten veranlaßte, ferner aber auch die Aussagen der einzelnen Personen, die über die Personen der Täter und die Art und Weise, wie der Mord vollbracht wurde, Mitteilung zu machen in der Lage waren, protokollarisch festlegte." Der Spezialberichterstatter des „Deutschen Volksblattes", des Organs der Antisemiten, hat mit dem Bürgermeister von Polna und andern Gemeindebeamten den Tatbestand ausgenommen und Zeugen zu Protokoll vernommen! — Hilsner ist unsympathisch. Der junge Mann, er ist am 10. Juli 1876 geboren, sollte Schuster werden, aber er war zu faul, um die Lehrzeit zu beendigen; er versteht sein Handwerk so schlecht, daß iyn kein Meister behalten wollte. Er lebte mit seiner Mutter in einer Art Höhle. Die Mutter verkaufte die alten Kleider, die sie erbettelt hatte; er trieb sich meist müßig herum, und wenn er auf die Wanderschaft ging,, so verschaffte er sich den Unterhalt mehr durch Bettel als dürcy Arbeit. Hilsner muß beschränkt sein; er hat nicht einmal ordentlich schreiben gelernt, in seiner Verteidigung zeigte er sich gleichgiltig oder ungeschickt, ja töricht. Um den Verdacht des Lustmordes zu widerlegen, hat er behauptet, er sei zum Beischlaf unfähig, obwohl er sexuell normal ist. Es ist schwer begreiflich, wie Hilsner in den Verdacht gekommen ist, die H r u z a ermordet zu haben, deren Leiche am 1. April 1899, vormittags zwischen 7 und 8 Uhr, im Jungholz eines Waldes neben dem Weg, der nach Kleinwieznitz führt, ausgefunden worden rst h„gegenüber" lag ein adgeschälter Tannenstock, Augenscheinsprorokoll). Die Hruza ist am 29. März, um 6 Uhr abends, diesen Weg gegangen. Da die Leiche auf der lmken Seite des Halses eine große, tiefe Wunde aufwies, so sprach man alsbald von einem Ritualmord. Der Verdacht lenkte sich auf den Juden Hilsner, der in jener Gegend häufig herumstrich. Sehr merkwürdige Umstände, die den Bruder der Ermordeten betreffen, ließ man auf sich beruhen, weil der Ritualmord alle Gemüter beherrschte. Dr. Westenhoeffer hält es übrigens für wahrscheinlich, daß die Halswunde der Hruza erst nach dem Tode beigebracht worden ifl (S. 255), während dre Prager Fakultät dies ausschließt (S. 234). Der Fuhrmann C i n k (S. 94 ff.) bezeugte am 24. April, er habe am 29. März, also fast einen Monat zuvor, nach 5 Uhr drei Juden, alle mit Zigaretten im Mund, in der Richtung des Ortes, wo die Lerche gefunden worden ist, eilig gehen sehen. Mehr als vier Monate nach der Tat meldete sich der Landwirt P e s a k HS. 99 ff.J, er habe am 29. März, um 5 Uhr abends, in unmittelbarer Nähe des Ortes, wo die Leiche lag, einen Menschen gesehen, den er als Hilsner erkannte; dieser habe mit einem Stock gefuchtelt. In einer Vertiefung habe er zwei Männer bemerkt. Hilsner sei zu ihnen gegangen und habe mit ihnen gesprochen.

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