Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 23 (8.6.1906)
- Date
- 1906-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021680--15463-3040231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
|lr. 23 Dr■ Bloch’s JahrgangXXIII Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 8. Juni 1S06. Lrscbetnt jeden Freitag. :z Brief-Adresse: MUen. IX/1, Kerggasse 39. Teleqramm-Adreffe: VlocD's MlocbenscLritt. Mien. »-& K. ft. Postsparftsssen-Arnl Slearing-Verkebr INr. 810.976. Redsklion und RdmInistrsUon: Wien IX/1. Lerggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847 V-« »-G Verugsprris für Vefierreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. 6-» Inhalt: Leitartikel: Das Ministerium Beck. — Ein ordentlicher Professor des Strafrechtes an der Wiener Universität über das Justizverbrechen gegen Leopold Hilsner. — Die „Köln. Ztg." über das Justizverbrechen gegen Hilsner. — Die Frau und die jüdische Literatur. — Das Kartenspiel vom Standpunkt des Judentums. — Korrespondenzen: Jüdische Offiziere in der bayerischen Armee. Der Raimund-Preis. Ueber das Hamburger Bismarck-Denkmal. Zionistische Konferenz. Der neue italienische Finanzminister. Eine Versammlung der jüdischen Territorial-Organisation. Kulturbedeutung der Juden im Urteil Karl Lamprechts. Der Onkel Wolf und der Pole. Unterbringung jüdisch-ruffischer Waisenkinder. Tolstoi über die russischen Judenmetzeleien. Ein interessantes Avancement. — Vermischtes: Wien, Linz a. D, Prag, Budapest, Essegg, Göding, Radnitz, Pisek, Ung.-Hradisch, Falkenau a. E. — Feuilleton: Llatss dolorosa. Veränderte Lebensverhältnisse. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Das Ministerium Keck. Auf das geeinte Kabinet der Parlamentarier blicken wir Juden mit gemischten Gefühlen. Wir würden wie jeder andere Patriot bloß reine und hohe Freude empfinden, wenn aus dem Wiener Frieden der Parteien der endgiltige Waffenstillstand für Oesterreich entstehen sollte, wenn die Sache nicht einen verfluchten Vorgeschmack hätte, als wäre bte Vereinigung ohne uns oder gegen uns geschloffen. Nicht als ob wir die tragikomische Aufgeblasenheit des Unglücklichen besäßen, der glaubt, alle Leute hätten sich just gegen ihn verschworen. Man schenkt uns vorderhand gar keine Aufmerksamkeit, man beachtet uns gar nicht, wir werden nur gelegentlich drankommen. Mit der Judenfrage ist es nämlich dieselbe Geschichte wie beim Löwenbändiger. Wenn die Tiere unruhig werden, hält man ihnen eine Eisenstange zum Drausbeißen hin. Wir sind oft dem Maul der Bestien hingehalten worden, wenn ihre Wildheit nach Opfern verlangte. Optimisten können sich bei dieser Gelegenheit freuen, daß sich schon mancher die Zähne an uns ausgebiffen hat. Aber besorgte Väter sehen mit trauriger Verdrossenheit in eine Zukunft, in welcher alle Aemter ihren Söhnen hermetisch, wenn auch nicht wasserdicht verschlossen sind; in welcher alle Behörden die Gesetze ungünstig für unsere Kaufleute und Gewerbetreibenden auslegen und vom Parlamente Vorschriften mit antisemitischen Tendenzen erlassen werden; in welcher, kurz gesagt, das Luegersche Regime über ganz Oesterreich herrschen wird. Von den neuen Ministern rechtfertigen einige durch ihre Vergangenheit diese Befürchtungen für die Zukunft. Sie haben zwar alle nochmals den Eid auf die Staatsgrundgesetze abgelegt. Aber dieser Eid würde sich schön wundern, wenn er einmal gehalten werden würde. Es ist derselbe Schwur, den der Bürgermeister von Wien geschworen hat und noch eine ganze Liste voll von Leuten, die gar nicht mehr daran gedacht haben, daß es sich um mehr handelt als um die Form einer Forniel. Die Naturgesetze sind längst schon die einzigen Gesetze in Oesterreich, vor denen alle Bürger gleich sind. Herr Prade und Dr. Derschatta sind die Führer einer Partei, deren zweiter Programmpunkt der Antisemitismus ist. Ist nun zu erwarten, daß das Parteiprogramm ihnen wichtiger sein wird oder der Ministereid? Gewiß wird sich kein Richter darüber finden, denn die Stimme der Juden ist viel zu schwach dazu, als daß sie als Kläger vor dem Gericht der Oeffentlichkeit gehört würden. Mußten wir es uns doch gefallen lassen, daß auf Befehl eines Stampiglienfälschers ein Unschuldiger unter der blödesten Anklage aller Zeiten, wegen Ritualmordes verurteilt wurde, konnten es doch die frechsten Räuber unserer Ehre zu den höchsten Ehrenstelleu bringen. Was in derStille eines Ministerhotels vorgeht, ist unkontrollierbar, und wenn aus einzelnen Zweigen der Verwaltung der billige Teil an jüdischer Mitarbeit und jüdischem Einfluß ausgemerzt wird, so finden sich bestenfalls ein paar gleichgiltige Ministerworte als Totengebet für die eingebrachte Interpellation. Das sind so Schatten der Zukunft, von denen jeder weiß, daß sie durch die Kunst der Herren Derschatta und Prade sich zu Körpern verdichten können. Mit ihnen sind aber die verdächtigen Momente noch nicht zu Ende. Da sind weiter die Herren vom Polenklub, welche sich die Vorstellung durchaus nicht abgewöhnen können, als sei der Jude von heute noch immer der alte Moschko, der zu parieren und zu arbeiten habe für gelegentliche Gnadenbeweise des meistens ungnädigen Herrn. Man kennt die Folgen der wirtschaftlichen Zarenpolitik der Schlachzizen über die Juden, vor der sich täglich vierzig von den letzteren nach Amerika empfehlen. Auch von den delegierten Ministern des Tschechenklubs sind für die Juden kaum irgendwelche Taten zu erwarten, die von Milck und Honig überfließen. Speziell Dr. Pacak war lange Mitarbeiter der „Narodny Lisch", die trotz ihrer sonstigen Vornehmheit im Judenpunkt den unverschämten Lügenton des „Deutschen Volksblatt" meisterhaft zu treffen wissen. Die Herren Tschechen belieben böse zu sein über das Deutschtum der Juden, die Herren Deutschen der Sudetenlünder sind aufgeregt über die tschechischen Juden, keinem Menschen ist es bislang in den Sinn gekommen, gerechte und vernünftige Erklärungen und Abmachungen zu suchen, trotzdem sich die meisten duellieren würden, wenn man ihr Rechtsgefühl nnd ihren Idealismus zu verdächtigen wagte. Höher nun von den starken Gliedern zum lenkenden Haupte! Wir sind es nicht, die den Vertrauensmann des