Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Dr. Blocfo’s Mocbenscbrttt. Seite 365 gebracht. Das Bild Dalskys erschien vor ihrem geistigen Auge und neue, unbekannte Gefühle beschlichen sie. Als sie einige Augenblicke später zufällig in den Spiegel blickte, schaute ihr ein fremdes Antlitz entgegen. „Ist das Tanya? Ist das die geachtete, tugendhafte, junge Frau, die sie bis jetzt gewesen ist?" schien sie sich im Selbstgespräch zu fragen. „Ach, was für ein Unsinn! Was habe ich denn schließlich getan? Dalsky selbst ahnt ja gar nichts." Sie wollte ihr Gewissen beruhigen und lauschte aus eine günstige Antwort, die aber nicht kam. Sie fürchtete sich vor sich selbst, und wieder von einem Gefühl der Zärtlichkeit für ihren Gatten ergriffen, wollte sie ihn wecken, doch kaum hatte sie ihn berührt, als die Welle von Zärtlichkeit wieder verflog. Sie verließ das Zimmer. „Es darf nicht sein," sagte sie sich selbst, „und ich muß alles tun, um ihn zum Ausziehen zu bewegen. Und dann werde ich ihn auch vergessen, trotz alledem." Ob sie nun den Mut gefunden, die Sache auch auszuführen, ist nicht bekannt; es kam nicht dazu, ihr Handeln wurde überflüssig. (Schluß folgt.) Literatur. Die Bernfeld-Bibel.*) Zu den in Pädagogischen Kreisen viel umstrittenen Fragen gehört auch die, ob den Zöglingen im Religionsunterricht auf der Oberstufe die ganze Bibel in unveränderter Gestalt, oder in einer besonderen Redaktion in die Hände gegeben werden soll, oder ob nicht ein kürzeres biblisches Lesebuch mit den wichtigsten historischen und religiös-sittlichen Abschnitten genüge. Wenn der Zweck der religiösen Belehrung darin erkannt wird, möglichste Vertrautheit mit der Bibel zu vermitteln, so daß ihr Inhalt zum Lebensbesitze wird, der Halt, Kraft, Trost und, Erquickung in schweren Stunden gewährt, so ist von vorneherein damit ausgesprochen, daß mit dem biblischen Lesebuche sich unmöglich dieses Ziel erreichen läßt. Die Bibel bleibt bei dem biblischen Lesebuche den Zöglingen ein unbekanntes Land, in dem sie nicht zu Hause sind und sich niemals heimisch fühlen werden. Somit kann es sich nur um einen der beiden ersten Fälle handeln, entweder um die Bibel in Form der Ueberlieferung, oder um eine für Unterrichtszwecke besonders hergestellte Redaktion, um eine sogenannte Schulbibel. Um in dieser Hinsicht das Richtige zu treffen, dürften folgende Erwägungen am Platze sein. Die Bibel schildert oft Zustände, Gebrechen und Laster in einer derben, unverblümten Sprache, namentlich redet sie von sexuellen Dingen in einer Weise, die unser modernes sittliches und ästhetisches Empfinden und Fühlen vielfach verletzt, Lehrer und Schüler geraten beim Lesen solcher Stellen in Verlegenheit. Uebergeht sie der Lehrer, so liest sie der Schüler heimlich und es werden Vorstellungen und Einbildungen in ihm erregt, die zu einer sittlichen Gefahr für ihn werden können. Wenn wir auch der Ueberzeugung sind, daß die Lektüre anderer Bücher, besonders auch schlechter Umgang weit vergiftender auf junge Gemüter wirkt als die Bibel mit ihren einzelnen sittlich anstößigen Stellen, so beseelt uns doch der Wunsch, daß gerade das Buch des Lebens, das für unser religiöses Denken und Fühlen in jeder Beziehung Autorität und Norm ist, nicht zu einem sittlichen Anstoß werde. Aus diesem Grunde ist die Herstellung einer Schulbibel geboten und sie wird zu einer durchaus berechtigten Forderung der Zeit. Die Bernfeld-Bibel erfüllt nun alle Wünsche, welche die Pädagogen in der angedeuteten Richtung in Bezug auf die Bibel als Religionsbuch geltend gemacht haben. Sie bietet der Schule die ganze Bibel mit Beiseitelassung aller sittlich bedenk¬ *) Die heilige Schrift nach dem masoretischen Texte neu übersetzt und erklärt nebst einer Einleitung von Dr. S. Bernfeld. A. Ausgabe auf Druckpapier in Leinwand gebunden M. 5; L. Prachtausgabe M. 20; 0. Luxusausgabe M. 30; D. Ausgabe für Schule und Haus M. 4. Frankfurt a. M., I. Kauffmann. lichen Stellen. Wo Zusammenhang und Sinn doch die Mitteilung eines anstößigen Vorganges erheischen, ist glückliche dezente Umschreibung eingetreten; stark sinnliche Ausdrücke find gemildert, ohne daß Kraft und Wucht der Diktion wesentlich Einbuße erleiden. Der Lehrer kann jeden erzählenden Abschnitt lesen lassen und besprechen, ohne Gefahr zu laufen, Dinge berühren zu müssen, welche ihn und den Zögling verlegen machen und die Schamröte ins Gesicht treiben. Doch der Bernfeld-Bibel eignet nicht bloß dieser eine Vorzug, der sie brauchbar und empfehlenswert macht, es gibt noch vieles andere, was an ihr lobend hervorzuheben ist. Wir greifen zuvörderst die Art der Uebersetzung heraus. Obgleich sich streng an den masoretischen Text haltend und wortgetreu ihn wiedergebend, hat die Sprache doch schönen Fall und Fluß, der Ausdruck ist korrekt, klar und bestimmt, und wo kleine Verstöße gegen den Gebrauch etwa vorliegen, wie beispielsweise Jes. 1, 21: „entartet worden", kann leicht bei Neuauflagen Verbefferung eintreten. Schön wäre es dabei auch, wenn das Metrische und Strophische in den poetischen Büchern fürs Auge sichtbar zur Darstellung gelangen könnte. Des weiteren bietet die Bernfeld- Bibel zahlreiche Stellen in neuer, für das Verständnis wichtiger Beleuchtung. Wir können den meisten diesbezüglichen Verbesserungen zustimmen. Außerordentlich wertvoll find ferner die jedem Buche vorangestellten Einleitungen, die über Abfassungszeit, Inhalt, Tendenz u. s. w. unterrichten. Als besonders gelungen dürsten die Einleitungen zu den prophetischen und hagiographischen Schriften gelten, weil sie neben ihrer geschichtlichen und religiös - sittlichen auch die ästhetische 'Seite würdigen. An der Spitze des Werkes steht eine instruktive Einleitung, die sich über das Wissenswerte hinsichtlich der Entstehung des biblischen Schrifttums überhaupt, über seine Textgestaltung, die Schriftzeichen, das Vokalisations- und Akzentuationssystem, die hervorragendsten Uebersetzungen, besonders die Septuaginta und Onkelos und die wichtigsten Kommentierungen während des Mittelalters und der neueren Zeit lichtvoll verbreitet. Die Bernfeld-Bibel erweist sich somit als eine äußerst fleißige, sorgfältige und gewissenhafte Arbeit, die wirklich warmer Empfehlung wert ist und es verdient, in Schule und Haus ihren Einzug zu halten. Möchten Behörden und Schulleiter dem Werke ihre Aufmerksamkeit schenken und seine Einführung fördern, reicher Gottessegen wird sicher solchem Beginnen auf dem Fuße folgen. Prof. vr. theol. et ph.il. Aug. Wünsche. Sefer Thillim (Die Psalmen für Haus und Synagoge nebst Anhang: Erbauungslektüre für Kranke.) von Dr. Adolf Frankl-Grün, Rabbiner in Kremfier. Zu den religiösen Pflichten, die im täglichen Morgengebete besonders anempfohlen werden — gehört auch der Krankenbesuch — welch echt nationale Tugend nahezu aus unserer Mitte zu schwinden droht, wie die frühere Gastfteundschaft gegen Arme. Der Zweck desselben ist, den Kranken psychisch und physisch zu heben und zu beleben, ihm moralischen Mut einzuflößen, und mit Recht sagen unsere Weisen, daß durch ßickur Gholim ein Teil der Krankheit besiegt und beseitigt wird. Den gleichen Zweck verfolgt aber auch das Gebet und namentlich die andachtsvolle Rezitation der Psalmen. Denn wie ihr Verfasser» König David seligen Andenkens, durch sie Trost und Hilfe in Not und Gefahr, Aufrichtung und Linderung im Schmerze und Leid fand, so hoffen auch wir es noch heute in gleicher Weise zu erlangen und dieses feste Gottvertrauen muß die Heranwachsende Generation in unserer so bewegten und erregten Zeit jederzeit erfüllen und beseelen, wenn anders das Judentum seine moralische Macht und Ehrenstellung in der Kulturwelt behaupten soll. Dazu möge der öftere und richtige Gebrauch der altbewährten Psalmen auch der modernen Jugend die Kraft verleihen! Der rührige und glaubenseifrige Verfaffer hat eine Ausgabe der Psalmen, wie bereits berichtet wurde, behufs Schulgebrauches mit einem Wort-Lexikon versehen und fürden Unter-