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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-01 · 22 (1.6.1906) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 364 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Nr. 23 AAorms. Auf das vom Vorstande der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde veranlaßte Preisausschreiben über: „Was bedeutet Raschl für seine Zeit, wie wirkte er in der Folge und von welchem Werte sind seine Schriften für die Jetztzeit?" sind 2 Arbeiten eingelaufen, welche beide mit einem Preise ausgezeichnet worden sind. Die Verfasser sind: Kreisrabbiner Dr. B e e r m a n n—I nsterburg und Landrabbiner Dr. D o c t o r—C assel. Beide Schriften werden dem Drucke übergeben. Feuilleton. Keriinderte LebeusverhältnUe. Aus dem Englischen übersetzt von A. Steinhaus. V. Wieder waren drei Monate vergangen und Boris war noch immer im Knopfgeschäft tätig; dieser ihm so wenig zusagende Beruf regte ihn immer mehr auf. Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, war er todmüde und konnte nicht daran denken, noch Englisch zu lernen. Er wurde immer moroser. Auch Tanya hatte schon ihre Heiterkeit eingebüßt. Eines Abends, als sie in ihrem Schaukelstuhl saß und ein melancholisches, russisches Liedchen summte, während ihre weißen Hände ein Buch hielten, wurde sie plötzlich durch nahende Schritte aus ihren Träumen aufgeschreckt. Ehe sie noch Zeit gefunden, nachzusehen, wer es sei, ging die Tür auf und Boris trat ein. Als ihre Augen auf ihn fielen, ging ein Schatten über ihr Gesicht. Der leidende Ausdruck seines ermüdeten Gesichtes rief in ihr Mitleid hervor und sie begrüßte ihn mit erhöhter Freundlichkeit. Nach einer Weile fing er an. ihr einen neuen Plan vorzulegen, den er während des Tages gefaßt. Anfangs hörte sie mit scheinbarem Interesse zu, aber bald steigerte sich ihre Aufmerksamkeit, und als er fortfuhr, starrte sie ihn verständnislos an und nickte belanglos zustimmend. „Aber wozu spreche ich denn, wenn du mir gar nicht zuhörst", sagte er nach einer Weile milde. Sie wollte schon sanft erwidern: „Entschuldige mich, Boris, bitte, sage es mir noch einmal", aber sie sagte bloß: „Laß mich in Frieden!" Sein Mut sank. „Keine Briefe von zu Hause", ftug er nach einer Weile, um das unangenehme Schweigen zu unterbrechen. „Nein," unterbrach sie ihn mit ungeduldigem Achselzucken. Er blickte sie nun erstaunt an und nahm, ohne ein Wort zu entgegnen, seine englische Grammatik zur Hand. Als Dalsky endlich kam, war er unangenehm berührt, sie beide in so schlechter Stimmung zu treffen. Tanya erwiderte sein freundliches „Guten Abend" mit leiser Stimme, aber ihr Gesicht hellte sich ein wenig auf bei seinem Eintritt. Boris hob seinen dunklen Kopf von dem Buch und sein höflicher Gruß war kaum über seine Lippen gewichen, als Dalsch sagte: „Sie müflen mich entschuldigen, daß ich Sie habe warten lassen, aber ich habe heute einen neuen Vortrag angehört und am Nachhauseweg traf ich Stern, und Sie wissen, wie schwer der abzuschütteln ist, wenn er einen einmal erwischt hat." „Es ist ja noch nicht so spät", sagte Tanya, noch immer mißgestimmt. „Was wollte Stern von Ihnen, hat er vielleicht wieder neue Pläne?" „Ganz richtig, Tanya Markovna; übrigens spielen Sie die Hauptrolle bei diesen Plänen." „Ich", ftagte Tanya überrascht und neugierig geworden. „Wie ist das zu verstehen?" Auch Boris hatte sein Buch zur Seite gelegt und horchte. „Er hat einige bemerkenswerte Gedichte im Klein- Russischen entdeckt. Sie wissen ja, daß Stern alles „bemerkenswert" findet. Nun möchte er Sie bitten, daß Sie dieselben bei der Neujahrsunterhaltung vortragen sollen." „Was für ein idiotischer Plan," war Boris' rasches Urteil.- „Wer wird noch daran teilnehmen?" fragte Tanya. Dalsky wandte sein Antlitz seiner jugendlichen Hausfrau zu und erklärte ihr alle Details der projektierten Unterhaltung. Plötzlich brach er ab, als ob er den Faden verloren hätte. Es war ihm plötzlich aufgefallen, daß ihre Blicke so unstät und wandernd waren, daß ihre Augen immer den seinen zu begegnen suchten, daß sie aber gar nicht zuhöre, was er sage. Sie ließ ihre Augen auf seinem glatt rasierten Gesicht ruhen, dann auf seiner nett gebundenen Krawatte und seiner tadellosen Hemdbrust. Boris trug nur ein blaues Flanellhemd und war, wie gewöhnlich in der Mitte der Woche, unrasiert. Als er aufgestanden war, weil ihn Dalsky's Thema zu interessieren begann, um ihn mit Fragen zu überhäufen, war der Gegensatz im Aeußern der beiden ein ganz auffallender. Der eine schien ein müder, armer Arbeiter, der andere ein schmucker, junger Student. Das Nachtmahl verging wie gewöhnlich in anregendem Gespräch, und als der Zimmerherr sich wegen seiner Lektionen entfernt hatte, nahm Boris wieder seinen „Dombay und sein Sohn" und sein englisches Wörterbuch. Aber eine Viertelstunde später war er schon wieder fest eingeschlafen und begann laut zu schnarchen. Das Geräusch hatte Tanya's Blicke auf ihn gelenkt und sie ließ den Roman in den Schoß fallen, den sie eben noch gelesen hatte. Sein ausgestreckter Körper und sein Schnarchen revoltierten sie. Ihr Blick fiel auf die Narbe über dem linken Auge und es schmerzte sie und doch konnte sie den Blick nicht von ihm abwenden. Plötzlich tauchte eine Erinnerung in ihr auf. Was war es nur? Entweder hatte sie einmal etwas ähnliches gelesen oder -gehört, etwas, das mit ihrem momentanen, schmerzlichen Gefühl irgendwie im Zusammenhänge war und das sie nun durch den Anblick der Narbe gegen ihren Willen beschlichen hatte. Was war es nur? Sie strengte ihr Gedächtnis an, um sich zu erinnern und kam darauf, daß in Anna Karenina eine Stelle sei, die etwas ähnliches schildere. Als Anna Karenina der Macht Vronsky's schon erlegen war und sie auf der Rückkehr von St. Petersburg mit ihrem Gatten zusammentraf, war die eigentümliche Form seines Ohres das erste, was ihr an diesem auffiel. Nicht zum ersten Mal hatte ihr Gedankengang diese Richtung genommen. Sie hatte sich schon oft bei solchen dummen Beobachtungen ertappt, wie anmutig Dalsky die Asche von seiner Zigarre entferne, wie hübsch es sei, wenn er zur Kredenz hingehe, um den Krug zum Blumenbegießen zu holen, wie klangvoll seine Stimme sei, wenn er „Tatyania Markowna" sage, diese echt russische Form ihres Namens, die sie hier im Ghetto zu New-Aork sonst nie hörte. Einmal, als sie die Blumen am Fenster in der Nähe bewunderte, schien es ihr, als ob sie ihr etwas zuflüstern wollten. Und als ihr der Fall in Anna Karenina einfiel wie eine Illustration ihrer eigenen Lage, berührte es sie wie eine besondere Entdeckung. „So bin ich also eine verheiratete Frau, die in einen anderen Mann verliebt ist," war ihr erster Gedanke, und ein betäubender Schrecken befiel sie und gleichzeitig der süße Reiz, wie beim Kosten einer verbotenen Frucht. Und sie wiederholte, ohne zu wollen: „Ja, ich bin eine verheiratete Frau, die einen anderen Mann liebt." Und mit einem schmerzlichen Gefühl betrachtete sie wieder die Narbe über dem Auge ihres Gatten und sie horchte wieder auf sein Schnarchen. Eine Minute fühlte sie etwas wie Sympathie für ihn in ihrem Herzen und sie war zu Tränen gerührt. Aber im nächsten Augenblick fiel es ihr ein, daß es sein eigener Wille und nur sein Wille war, der den Zinimerherrn ins Haus

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