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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-01 · 22 (1.6.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 360 Dr. Mocb s Mocbens drm. Nr. 22 Wenn hier ein Schiff Anker wirft und die Reisenden sich ausbooten lassen, wird alles von dem Geschrei der Gepäckträger übertont. Der kundige Reisende weiß, daß er sein Gepäck einzig den bekannten Agenturen Aglot, Rapide, Dana anvertrauen darf. Die Aglot ist ein ftanzösisches Haus, das in allen Häfen Bureaus unterhält. Ihre Angestellten in Tunis sind der Mehrzahl nach ehemalige Zöglinge der Alliance- Schule. Die beiden anderen Agenturen machen der erstgenannten eine harte Konkurrenz. Ihre Begründer und gegenwärtigen Direktoren find vormalige Zöglinge der Alliance-Schule. Hat der Reisende ein Zimmer im Hotel erlangt und will er in einer Bank Geld wechseln, so hat er die Wahl zwischen dem Comptoir National d'Escompte der tunesischen Bank, der Compagnie Algerien und der tunesischen Kommerzialbank. Wohin er sich wenden mag — an den Kassierer, an den Kontrolleur, an den Depotverwahrer, an den Vorsteher der Wechselkaffe, überall begegnet er vormaligen Alliance-Schülern. Auch von den sonstigen Angestellten gehört die Mehrzahl zu den früheren Alliance-Schülern. So ist es in allen Banken, mit einer einzigen Ausnahme; in der Banque d'Algerien stellt die Verwaltung die Bedingung, daß ihre Beamten Franzosen sein müffen und unseren tunesischen Glaubensgenossen ist die Erlangung der Naturalisation versperrt. Sehen wir uns nun in den großen Warenhäusern um. Eines der bedeutendsten ist „Der kleine Louvre". Ganz wie die großen Louvremagazine von Paris nimmt das tunesische Etabliffement ein mächtiges Gebäude ein. Im Erdgeschoß und zwei Stockwerken darüber drängt sich die Menge der Käufer, die, wie in Paris, alle erdenklichen Gegenstände zu ihrer Auswcchl vorfinden. Nicht Millionäre und nicht vereinigte Kapitalisten betreiben dieses Geschäft. Drei Brüder sind die Besitzer, ehemalige Zöglinge der Alliance-Schule. Sie waren arme Jungen und die Alliance hat ihnen neben dem Unterricht Nahrung gegeben. Nachdem sie eine praktische Erziehung genoffen, eröffneten sie einen ganz kleinen, bescheidenen Laden, in dem sie bMge Stoffe verkauften. Durch Ausdauer und Sparsamkeit gelang es ihnen, ein kleines Betriebskapital zu sammeln. Ihre persönliche Geschicklichkeit verschaffte ihnen gute Kundschaft. Heute sind sie wohlhabend. Sie sind aber auch gut und vergeffen nicht die Pflichten, die ihre neue Lage ihnen auferlegt. Ganz besonders gedenken sie der Wohlfahrtsanstalt, der sie den ersten Unterhatt, der Schule, der sie die erste Bildung verdanken. Alle würdigen Armen finden bei ihnen gute Aufnahme und Hilfe. Wenn von den Direktoren der Alliance- Schule ein Auftuf ergeht, so sind es die drei Brüder, die sich als die ersten hilfsbereit einstellen. Mehr als 100 ehemalige Alliance-Schüler sind bei ihnen beschäftigt, in ihren Werkstätten arbeiten frühere Alliance-Schülerinnen als Schneiderinnen, Modistinnen, Stickerinnen, Korsettnäherinnen. In dem großen Warenhaus Orosdi-Bach ist der Subdirektor Guez ein früherer Alliance-Schüler. Der Kassierer desselben Hauses ist der vormalige Kassierer der Vereinigung der Alliance-Elementarschüler. Mehrere Rayonchefs und die große Mehrhett der Angestellten in allen großen Magazinen waren vordem Alliance-Schüler. In jedem großen und mittleren Geschäft, in jedem Laden, der 5—6 Personen beschäftigt, findet man Allianceschüler. In Tunis gibt es eine außerordentlich große Menge von Agenten und Handelsvertretern; die meisten von ihnen, und gerade die bestsituierten, sind aus der Alliance-Schule hervorgegangen. Unter ihnen sind einzelne, die jährlich 5000 bis 6000 Frcs. verdienen. Die Buchhalter der Anwälte und Gerichtsvollzieher, auch der nichtjüdischen, sind meist Alliance-Schüler. Der Advokat Füouffi war, als er die Alliance-Schule verließ, einfacher Buchhalter. In seinen Mußestunden widmete er sich dem Rechtsstüdium. Er bestand die Prüfungen und gehört jetzt zu den geachtetsten Anwälten von Tunis. Advokat Schalom, ein früherer Alliance-Schüler, ist jetzt Ehrensyndikus der Allianceanstalten. Andere frühere Alliance-Schüler haben sich dem Studium der Medizin gewidmet und in der Stadt bereits wohlverdienten Ruf als Aerzte erlangt. In Souk-el-Grana, dem berühmten Geschäftswinkel, wo die großen Getreideabschlüsse gemacht werden findet man in beträchtlicher Zahl unsere bejahrten Notablen, mit etwas rückständigen Anschauungen, aber tüchtige Finanzmänner. Sie fitzen in ihren alten Bureaus unbeweglich. Aber rund um sie tummelt sich eine Jugend mit lebhaften Augen, mit entschlossener Miene. Das sind ihre Söhne oder Angestellten, lauter frühere Alliance-Schüler, die nach und nach die Handelsmethoden ihrer Väter oder Chefs umgestaltet haben. In allen Handwerkswerkstätten trifft man frühere Alliance- Schüler. Aus ihnen besteht die Mehrzahl aller Typographen, Teppichweber, Steinhauer, Schneider, Schuhmacher, Lackierer, Anstreicher, Schmiede, Drechsler, Holzbildhauer, Elektriker, Optiker u. s. w. In allen diesen und anderen Handwerken haben sie nur einen ernsthaften Konkurrenten: den Italiener. Dieser wirtschaftliche Einfluß ist aber nicht der einzige und nicht der bedeutendste, den die Alliance-Schulen ausgeübt haben. Die Alliance-Schulen haben ihre Zöglinge nicht bloß unterrichtet und für den wirtschaftlichen Lebenskampf gestählt, sondern auch auf ihre Moralität in der glücklichsten Weise eingewirkt, die Sittlichkeit der ganzen jüdischen Bevölkerung gehoben. Freilich ist noch viel zu tun. Doch die fünfundzwanzigjährige Arbeit ist nicht vergeblich gewesen, und wenn erst das Uebergangsgeschlecht in der Wüste gestorben sein wird, so wird ein neues Geschlecht da sein, ehrenhafter, gewissenhafter, pflichtbewußter, als das vorige. Die amtlichen Personen, die lange Jahre hindurch hier tätig gewesen sind, haben den glücklichen Umschwung in der wissenschaftlichen und moralischen Bildung der Israeliten von Tunis wahrgenommen, gewürdigt und öffentlich bezeugt. Die General-Präsidenten, die Direktoren des öffentlichen Unterrichtes, alle Konsuln können hierfür aufgerufen werden. Ein weiterer Beweis für den Umschwung der ganzen Anschauungsweise liegt darin, daß die jüdische Gemeinde allmählich sich entschlossen hat, zum Unterhalt der Schulen recht beträchtliche Zuschüsse zu leisten. Die Gemeinde von Tunis trägt zu den Kosten der Alliance-Schule über 40.000 Francs jährlich bei, teils direkt, teils in persönlichen Spenden. Es geht daraus hervor, daß unsere Glaubensgenossen der Erziehung ihrer Kinder jetzt einen außerordentlichen Wert beimessen; sie würden sich sonst nicht so schwere Opfer auferlegen. An den Tagen der Schüleraufnahme gibt es förmliche Kämpfe, und die Eltern fühlen sich tief unglücklich, deren Kinder aus Mangel an Platz haben zurückgewiesen werden müssen. Auch eine Rückwirkung auf das ältere Geschlecht ist bereits wahrnehmbar. Greise, die seit undenklichen Jahren den „Chilul" empfinden, verweigern jetzt die Annahme, weil ihre Kinder genug verdienen, um sie zu erhalten. Wenn in den Synagogen ein armer Mann, dessen Kind in der Alliance-Schule erzogen wird, zur Sefer-Thora geht, so versäumt er nicht, einen Francs oder einen halben Francs für die Alliance zu spenden, zum Beweis seiner Dankbarkeit und der tiefen Anerkennung, die er für die Alliance und ihr Wirken hegt. Der große Fortschritt in den häuslichen Gewohnheiten und Gebräuchen ist ganz unverkennbar, seitdem die früheren Allianz-Schülerinnen Hausfrauen geworden sind.. Die Erziehung in der Mädchenschule hat den glücklichsten Einfluß geübt. Die allzu frühen Eheschließungen haben fast völlig aufgehört. Die Lehrerinnen prägen den Mädchen von Jugend auf die Pflichten der hausfraulichen Fürsorge ein, so daß die Kinder den höchsten Wert auf gesundheitliche Einrichtungen, auf Sauberkeit, auf Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit legen und Geschmack an der Einfachheit gewinnen. Das neue Geschlecht, das zur Schule kommt, sieht in Haltung und allen Äußerlichkeiten schon ganz anders aus, als das vorige. Noch wenige Jahre, und es wird nicht mehr, wie ehedem, einen Widerstreit zwischen Schulunterricht und häuslichem Beispiel geben. Schule und Haus werden einander unterstützen und ergänzen und der moralisierende Einfluß wird umso stärker sein. Es wäre Unrecht, wollten wir nur die Lichtseiten zeigen und von den Schatten völlig schweigen. Eine erfreuliche Besserung in dem moralischen Stand unserer tunesischen Glaubensgenossen ist unverkennbar. Würdige Haltung und Gewissenhaftigkeit treten mehr und mehr hervor, aber auch eine gewisse Sucht, sich

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