Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Dlocb's MocbenscdrM Seite 359 der sich vor Jahren um die Gründung des Verbandes verdient gemacht hat, wurde der Dank votiert. Der freudige Widerhall, den die Gründung des Verbandes in den Rabbiner- und jenen Laienkreisen, denen die Pflege jüdischer Angelegenheiten nahegeht, gefunden hat, bürgt für das weitere Gedeihen des Vereines. Schließlich sei hervorgehoben, daß der Verband seine Generalversammlungen abwechselnd in den einzelnen Kultusgemeinden Mährens und Schlesiens abhalten will und dieselben mit öffentlichen, wissenschaftlichen Vorträgen verbunden sein werden, um auf diese Weise auf weite Kreise anregend zu wirken. Berlin. Dem ersten Jahresbericht des Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten (Hilfsverein der deutschen Juden) Berlin, Lützowstraße 8, entnehmen wir über die Auskunftserteilung folgende Einzelheiten: Die brieflichen Anfragen, die an das Bureau von Auswanderern gerichtet worden sind, betrugen insgesamt 1184, davon kamen aus Rußland 800, aus Oesterreich 210, aus Rumänien 80, aus anderen Ländern, darunter Deutschland, Amerika, Chile, Kanada, Schweiz, Belgien, Holland, England, Frankreich 94. Der Sprache nach waren von den Briefen: russisch 430, jüdisch-deutsch 245, hebräisch 155, deutsch 280, in anderen Sprachen (polnisch, englisch, französisch) 74. Die Briefe gingen ans von rund 7500 Personen, da die Anfragenden zum Teil Familien, Gruppen, Vereine oder gar Gemeinden waren; etwa 100 rührten von christlichen Auswanderungs lustigen her, diese fast alle aus Oesterreich-Ungarn. Von den Anfragenden gaben sich aus: 40% als Handwerker, 25"/,, als Landwirte oder landwirtschaftliche Arbeiter, l.>% als Kaufleule, 20"/0 gaben keinen Beruf an und I0"/o waren ohne bestimmten Beruf. Die Briefe enthielten über 5000 Fragen. Von den Anfragen bezogen sich dem Lande nach auf Nord-Amerika 35%, England 10%, Kanada 15%, Argentinien 10%, Kuba 10%, Palästina 5%, auf andere und unbestimmte Länder 15%. Dem sachlichen Inhalt nach bezogen sich von den Fragen auf den Arbeitsmarkt 25%, auf Reiserouten und Reisekosten 20%, auf Einwanderungsbeschränkungen 20%. auf Durchzugsbeschränkungen in den Durchwanderungsländern namentlich Deutschland 15%, auf andere Verhältnisse, auf geeignete Einwanderungsländer, auf Unterstützungen rc. 20%. Zu den 7500 Personen, die sich brieflich über die Auswanderungsverhältnifse erkundigten, kommen noch etwa 1000 Personen, die mündliche Auskunft in Berlin oder bei den Organisationen an der Grenze einholten. Außer diesen haben rund 8700 Personen von dem Zentralbureau und seine Schutzkomitees Erleichterungen und Vergünstigungen während der Reise erfahren, so daß insgesamt etwa 17.200 Personen direkten Nutzen gezogen haben durch die Gründung des Bureaus. Diese Zahl wird ganz erheblich vermehrt durch diejenigen, die indirekt durch die Korrespondenzblätter und durch die Veröffentlichungen vorteilhafte Belehrung und Auskünfte erhalten haben. Zur Sch ächtfrage. (Die S ch u ß b e t ä u b u n g.) Berlin. Wie deutsche Blätter melden, hat der 28. Bezirkstag des Bezirksvereines Brandenburg des Deutschen Fleischerverbandes, der am 14. d. M. in Guben versammelt war, einstimmig eine Resolution angenommen, welche sich gegen die Tötung der Schlachttiere durch Schußapparate ausspricht. Diese von der Fleischerinnung zu Rixdorf (bei Berlin) beantragte Resolution, welche von den Obermeistern Seltmann und Burg begründet und von sämtlichen Rednern befürwortet wurde, hat, wie wir der „Allgemeinen Fleischer-Zeitung" entnehmen, folgenden Wortlaut: „Die heute zum 25. Brandenburgischen Fleischer-Bezirkstag in Guben versammelten Obermeister und Delegierten von 105 Innungen mißbilligen das Töten der Schlachttiere durch Schußapparat» insbesondere aber von Personen, welche das Gewerbe nicht erlernt haben, aus folgenden Gründen: Das nötige, ordnungsmäßige Ausbluten der Schlachttiere wird häufig durch Starrkrampf und Aufhebung jeder Herztätigkeit 5-15 Minuten und länger verhindert; im Moment des Schusses ziehen sich die Füße starr zusammen; häufig sind Bemühungen im oben angeführten Zeitraum ohne Erfolg. Einzelne Adern bluten nach eingetretener Bewegung dann nicht mehr aus. Eine Ader mit einer Länge von 10 am, mit Blut gefüllt, kann, hauptsächlich bei warmer Witterung, die daran liegenden Fleischteile zum Verderben bringen. Das Fleisch durch Schußapparat getöteter Tiere leidet und hat nie die Festigkeit und Dauer und ist, da weniger rein ausgeblutet, von dunkler Farbe, geht leicht ähnlich dem Wildfleisch in Schwammigkeit über und führt somit wesentlich zum Mißlingen von Dauerwaren. Durch den Schuß und den Pulvergeruch geht der Brägen, auch die Kopfpartie, durch schlechten Geschmack verloren. Die Kugel ist häufig infolge Zuckens des Tieres ins Rückenmark, auch schon in den Kamm eingedrungen; auch Gefahr für Menschenleben ist in solchen Fällen nicht ausgeschlossen. Der ehrsame Stand der Schlächtermeister und Gesellen, dessen Ruhm und Ehre es stets und mit Recht war, eine einwandfreie Tötung der Schlachttiere ohne Quälerei vorzunehmen, wird durch die allen Erfahrungen hohnsprechende Tötung mittels Schußapparates niedergedrückt und die Lust und Liebe zum Handwerk ihm verleidet. Der Bezirkstag spricht die Bitte aus, diesbezüglichen Bestrebungen, welchen außer den an Erfahrung reichen Fachmännern auch die in der Wissenschaft als Autoritäten anerkannten Professoren Dr. Ostertag (Berlin) und Dr. Schmidt (Müllheim) als Gegner gegenüberstehen, kein Gehör zu verleihen und es, wie bisher, bei der Betäubung durch Schlag und sofortiges Stechen, der besseren Ausblutung und der damit verbürgten Haltbarkeit wegen, zu belassen, da hiergegen keinerlei Tatsachen für Schädigung erbracht werden konnten." Hier sei als ein weiterer Beleg für die „Unfehlbarkeit" der Bolzenschußtötung eine Episode mitgeteilt, die sich auf dem Schlachthofe in Köln zugetragen hat. Ein Augenzeuge berichtet uns darüber wie folgt: „Am 30. April wurden im hiesigen Schlachthofe in Anwesenheit mehrerer auswärtiger, zur Besichtigung desselben hier weilender Herren und einiger städtischer Beigeordneter Versuche mit dem Bolzenschußapparat vorgenommen. Dabei ereignete es sich, daß ein Bulle erst nach dem dritten Schuß betäubt war. Das Tier, dem der Bolzen nur teilweise in den Kopf eingedrungen war, blieb nach dem ersten Schuß, als wäre ihm nichts geschehen, aufrecht stehen und fiel zwar nach dem zweiten Schuß zu Boden, sprang aber nach einigem Hin- und Herzerren wieder auf, bis es endlich durch den dritten Schuß von seinen Qualen erlöst wurde. Hinzugesiigt sei. daß der Versuch mit einem tadellosen Apparat durch einen mit dessen Handhabung Vertrauten vorgenommen worden ist. Alle Beobachter der gräßlichen Szene waren darin einig, daß eine Tötungsart, bei der solche Grausamkeiten möglich sind, zu verwerfen ist. Der Schlachthofdirektor machte geltend, daß das Personal durch die Anwesenheit der vielen Fremden verwirrt gewesen und deshalb nicht mit der gewohnten Geschicklichkeit zu Werke gegangen sei; man wird umgekehrt der Ansicht sein dürfen, daß gerade die Gegenwart der Prüfungskommiffion, vor allem der aufsichtführenden Behörden sie zu erhöhter Aufmerksamkeit und Vorsicht veranlaßt haben wird." Vorkommnisse dieser Art find, wie Kundige wissen, durchaus nicht selten und bilden einen der Gründe, weshalb in zahlreichen Schlachthäusern die Bolzenschußapparate nach vorübergehender Benützung zum alten Eisen geworfen wurden. Die Alliance-Schulen in Tunis. Die Knabenschule der Alliance Jsraelite Universelle in Tunis ist im Jahre 1878 eröffnet worden. Die ersten Schüler, die diese Anstalt besuchten, find heute fertige Männer und Familienväter. Man kann somit heute an einer ganzen Generation, die alle Altersstufen von 7 bis 40 Jahren umfaßt — die ersten Zöglinge waren schon bis 12 Jahre alt — den erziehlichen Charakter erkennen, den das Werk der Alliance geübt hat. Dieser Einfluß greift um so tiefer, als er nicht bloß über ein Viertcljahrhundert andauert, sondern auch auf eine sehr große Zahl von Personen sich erstreckt. Jede der Alliance-Schulen in Tunis hat bei Beginn 400 bis 500 Zöglinge gehabt; einige Jahre später erreichte die Knabenschule eine Besuchsziffer von 1000 bis 1200 und auf dieser ist sie seit langen Jahren geblieben, manchmal hat sie sie noch überstiegen. Die Mädchenschule wird von 950 Schülerinnen besucht. Seit etwa 18 Jahren verlassen 300 bis 350 Knaben und Mädchen im Jahresdurchschnitte die Alliance-Schule und immer kommt ein gleich großer jüngerer Ersatz. Die hohe Zahl der Schüler und die lange Dauer des Unterrichtes verleiht den Alliance-Schulen einen ungewöhnlichen Einfluß auf unsere tunesischen Glaubensgenossen. Der klägliche Zustand, in dem heute unsere Glaubensgenossen in Marokko hindämmern, war vor etwa fünfzig Jahren auch der der Israeliten von Tunis. Man kennt das Elend, die Bedrückung, die Demütigung, in der sie lebten. Wenige Jahre nach der Eröffnung der Allianceschulen kam — ein glückliches Zusammentreffen! — das Protektorat. Während dieses den Israeliten des Landes die für jede Entwicklung unentbehrliche Sicherheit gab, bereiteten jene sie für den Kampf vor, der sich auf dem der zivilisierten Welt neu erschlossenen Markte entfalten sollte. Daß unsere Glaubensgenossen von dieser Gunst der Umstände Nutzen gezogen haben, ist jedem erkennbar, der sich hier im Lande umsteht.