Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 und Süd" über die Chassidim erschienenen Aufsatzes. In diesem Briefe formulierte er seine politischen Anschauungen und wendete sich gegen die seiner Meinung nach stärksten Feinde der Menschheit, gegen die Herrschsucht und den Eigennutz. Er geißelte auch in demselben in scharfen Worten den Antisemitismus, so daß sich der erwähnte Freund veranlaßt sah, diesen Brief wegen seiner Wichtigkeit unter dem Titel „Oesterr.-ungarische Sphinx" bei dem Wiener Akademischen Verlage erscheinen zu lassen. Trotz seiner Bescheidenheit, da er am liebsten im Schatten blieb, haben ihn viele Politiker und einflußreiche Persönlichkeiten ausgesucht, um seinen Rat in verwickelten Fragen zu hören. Dieselben mußten stets den trotz seines hohen Alters rüstigen, geistesfrischen Mann bewundern. Daß ein Mann in dieser Stellung, mit diesem Mut, auch viele Gegner haben mußte, ist selbstverständlich. Das aber ist zu bewundern, daß auch seine Gegner zu ihm immer mit der größten Verehrung emporschauten. Er war stets bestrebt, seiner hohen Stellung und den Titeln, die er besaß, gerecht zu werden, Nie aber war es seine Art, bei den anderen nur Titel und Würden zu suchen. Mit einem Worte, er war nicht nur von Geburt ein Edelmann, sondern auch, was sehr selten der Fall ist, in Gesinnung und Handlungsweise ein erhabener, edler Mensch. Die dem Polenklub angehörenden jüdischen Abgeordneten haben dies auch zu schätzen gewußt und haben dieselben auf das Grab des Verblichenen einen Kranz hinterlegt, der die Aufschrift trägt: „Dem wackeren Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Juden." Der Verblichene hat sich nicht bloß bei uns Juden, sondern bei allen frei und rechtlich Denkenden ein dankbares Andenken gesichert. Ll. Br. * * Samstag um 4 Uhr nachmittags hat das Leichenbegängnis des Sektionschefs Eduard von Gniewosz stattgefunden. Im '^rauerhäuse fänden sich außer den Verwandten des Verstorbenen ein: Minister Pientak, Leiter des Unterrichtsministeriums Freiherr von Bienerth, die Abgeordneten Dr. Byk, Dr. Glombinski, v. Struszkiewicz, Dr. Kolischer, Dr. Seinfeld, ferner Hofrat Dr. v. Galecki, die Sektionsräte Ressig, Pilat und Baron Przychocki, David von Gutmann, Bankdirektor Dr. Hammerschlag u. a. Die Leiche wurde in der Alserkirche eingesegnet und auf dem Heiligenstädter Kirchhof beigesetzt. Die Abgeordneten Dr. Byk, Dr. Kolischer, Dr. Rapoport und Dr. Seinfeld haben auf den Sarg des verstorbenen Reichsrats-Abgeordneten und Sektionschefs i. P. Eduard v. Gniewosz einen Kranz mit der Aufschrift gelegt: „Dem wackeren Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Juden — Die jüdischen Abgeordneten aus Galizien." Unter den Anwesenden bemerkte man auch eine Deputation der Stadt Buczacz unter Anführung des Bürgermeisters Herrn Bernhard Stern, der im Namen der Stadt Buczacz an dem Sarge des Verblichenen einen Kranz niederlegte mit der Aufschrift: „Dem Ehrenbürger der Stadt Buczacz in Anbetracht seiner großen Verdienste um die Stadt." Herr Gniewosz war eben einer der wärmsten Kämpfer für die Kreierung des Staatsgymnasiums in Buczacz so gut im Landtage wie im Reichsrate, weshalb ihm die Stadt seinerseits das Ehrenbürgerrecht erteilte. Brorrespondenzen. Zionistische Konferenzen. Am 20., 21. und 22. Mai tagte in Wien die Reichskonferenz der zionistischen Partei in Oesterreich, der mehrtägige Vorbesprechungen vorangegangen waren. An den Verhandlungen, die Dr. Schalit leitete, nahmen Vertreter aller Distrikte teil. Unter anderem waren erschienen: Dr. Braude-Stanislau, Doktor Halpern-Stanislau, Red. Löwy-Prag, Dozent Dr. Mahler-Prag, Seite 357 A. Stand-Lemberg, Abg. Dr. Straucher-Czernowitz, Dr. Syrop- Krakau, Dr. Waschitz-Krakau. Die Konferenz beschloß, die Agitation für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht mit allen gesetzlichen Mitteln in energischester Weife fortzuführen und für die kommenden Reichsratswahlen die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Es wurde als unbedingte Notwendigkeit anerkannt, in allen Wahlbezirken, in denen die Juden die Majorität haben, besondere nationaljüdische Kandidaten aufzustellen. Ebenso gelangte die Frage der Aufstellung von Zählkandidaturen in anderen Orten zur eingehendsten Diskussion. Die Konferenz beschloß ferner, in den Wahlkampf mit einem Programme zu treten, dessen Grundzüge festgelegt wurden, und ein Zentralwahlkomitee aus den Vertrauensmännern aller Wahlkreise zu konstituieren. Im Sinne dieser Beschlüsse wurde die Gründung eines politischen Reichsvereines der österreichischen Juden und besonderer politischer Vereine in den einzelnen Distrikten in Angriff genommen. Die Ratifizierung aller dieser Beschlüsse bleibt einem allgemeinen Parteitage Vorbehalten, der demnächst einberufen werden wird. Die Schule in der Werderthorgasse. „Interpellation des Abgeordneten Dr. Ofner und Genossen an Seine Exzellenz den Herrn Leiter des Unterrichtsministeriums, betreffend die Schulleiterstelle an der Volksschule Werdertorgasse in Wien. Die Gefertigten haben an Seine Exzellenz eine Interpellation gerichtet, in welcher ausführlich dargelegt und ziffermäßig bewiesen wurde, daß sich die Wiener Schulbehörde der Ausführung des Volksschulgesetzes (§ 48 der Novelle vom 2. Mai 1883, R.-G.-Bl. Nr. 53) bei Besetzung der Schulleiterstelle an der Volksschule in der Werderthorgaffe planmäßig widersetzt. Der § 48 der Novelle hat den Zweck verfolgt und erreicht, die Schulleiterstellen nahezu ausschließlich den katholischen Lehrern vorzubehalten, die nichtkatholischen Lehrer von ihnen auszuschließen und dadurch einen Einbruch in die grundgesetzlich gewährleistete Zugänglichkeit der öffentlichen Aemter für alle Staatsbürger vollführt. In vereinzelten Ausnahmsfällen hat aber 8 48 zur Folge, daß die Schulleiterstelle einem Nichtkatholiken gegeben werden muß und zu ihnen gehört die Volksschule in der Werderthorgasse, in welcher seit Beginn die überwiegende Zahl der Schüler Juden find. Die Wiener Schulbehörde hat, um dem Gesetze nicht folgen zu müssen, Jahre hindurch die Schulleiterstelle an der Knabenschule durch einen Pensionisten, der dauernd beurlaubt wurde, besetzt gehalten, die andere überhaupt nicht besetzt; in der letzten Zeit aber das Gebiet der vereinten Knaben- und Mädchenschule willkürlich derart geändert, daß in den letzten zwei Jahren eine geringe Majorität katholischer Schüler herauskam. Nun sagt ß 48 der Novelle wörtlich: „Als verantwortliche Schulleiter können nur Lehrpersonen bestellt werden, welche auch die Befähigung zum Religionsunterrichte jenes Glaubensbekenntniffes Nachweisen, welchem die Mehrzahl der Schüler der betreffenden Schule nach dem Durchschnitte der vorausgegangenen fünf Schuljahre angehört." Der Durchschnitt ergibt eine Mehrheit jüdischer Schüler, wie aus folgendem Schema hervorgeht: Israelitische Kinder Christliche Kinder 1901/2 530 268 1902/3 468 324 1903/4 426 320 1904/5 272 421 1905/6 253 343 Insgesamt 1.949 1.676 Durchschnitt 389 8 335 2 Dennoch ist derzeit die Schulleiterstelle ausgeschrieben mit dem Vermerk, daß der Schulleiter Katholik sein müsse. Das ist Dr. Vlocb's MocbenscbrM.