Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 22 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 356 Dr. Blorh's Wochenschrift. Nr. 22 meisterstuhle selbst vor nicht gar langer Zeit den Eid auf die Staatsgrundgesetze abgelegt und doch Tag für Tag diesen Eid bricht, Stunde um Stunde sich dieses Verbrechens schuldig macht. Trotz seines Eides auf die Staatsgruudgesetze drangsaliert er jüdische Hausierer, macht er jüdische Hausierer brotlos, präteriert er ein Jahrzent lang jüdische Lehrer und Lehrerinnen, ekelt er seine jüdischen Beamten aus dem Dienst, verfolgt er jüdische Kondukteure usw. usw. An alles das und noch an vieles andere erinnerten sich die Lehrer, als der oberste Chef des Bezirksschulrates die heuchlerischen Mahnungen über die Heiligkeit des Eides salbungsvoll vortrug. Viele mochten sich denken: „Wir verstehen Dich, Du willst uns nach Jesuitenmoral andeuten: Richtet Euch nicht nach meinen Worten, sondern nach meinen Taten!" In der Ratsstube den Lehrern über den Meineid Belehrungen erteilen, selbst aber tausendfach den Eidbruch gegen die Staatsgrundgesetze verüben, im Abgeorduetenhause sich in die Brust werfend „das gleiche Recht für alle fordern", selbst aber Juden und Sozialisten außerhalb des Gesetzes stellen und stellen wollen, das ist Antisemiten- Moral. Sapienti sat! Iehuda. Antisemitische Rasse. Der 26jährige Fabriksleiter Julius Nürnberger, Ottakring, Koppstraße Nr. 150, wurde kürzlich dem Landesgerichte eingeliefert. Ihm fällt zur Last, mittels eines gefälschten Garantiescheines dem Privaten Simon N e h a b, Döbling, Hauptstraße Nr. 77, 10.000 Kr. herausgelockt zu haben. Nürnbergers Vater war Maschinenfabrikant. Als er starb, zeigte es sich, daß das Unternehmen passiv war. Julius Nürnberger war Fabriksleiter des Verblichenen und trat nun an Herrn Nehab mit dem Vorschläge heran, ihm gegen einen Garantieschein 16.000 Kr. vorzustrecken. Mit diesem Gelde hoffte er, die Fabrik aus dem Konkurs an sich zu bringen, das Unternehmen zu sanieren und die Summe dann rück uerstatten. Herr Nehab ließ sich bewegen, das Geld zu borgen. Er behielt den Garantieschein und erhielt später auf wiederholte Urgenz 6000 Kr. zurück. Die anderen 10.000 Kr. sah er nicht wieder. Er mußte sich dann überzeugen, daß Nürnberger das Geld nicht zur Erwerbung der in Breitensee gelegenen Fabrik verwendet, sondern sich um das Unternehmen nicht wieder gekümmert und die 10.000 Kr. für sich behalten hat. Ferner ergab sich, daß der Garantieschein wertlos war, da die Unterschrift des Garanten gefälscht war. Aus diesem Grunde entschloß sich Herr Nehab zur Strafanzeige. Der Vater des Verhafteten war der Metallwarenfabrikant Anton Nürnberger, antisemitischer Bezirksrat des XUT. Bezirkes, Feuerwehrhauptmann, welcher der Freiwilligen Feuerwehr eine Spritze um 6000 Kr. spendete; ferner für die Breitenseer Kirche ein Glasfenstcr; dagegen endete er wegen mißlicher Verhältniffe durch Selbstmord und werden viele Branchenkollegen, welche Gläubiger sind, aus der Konkursmaffe kaum 5 Prozent bekommen. Cdrrard Ritter v. Gniewosz Olexow. Ein Edelmann in des Wortes wahrster Bedeutung hat am 24. Mai d. I. seinen Geist ausgehaucht. Wir Juden haben in dem Dahingeschiedenen einen unersetzlichen Verlust erlitten, denn wir haben in ihm einen Freund verloren, der mit Leidenschaftlichkeit und Feuereifer für uns sowohl auf der öffentlichen Tribüne lvie im Privatleben eingetreten ist. Seine Abkunft von einem alten polnischen Adelsgeschlechte, das für Frecheit und gegen ungerechte Unterdrückung immer zu kämpfen bereit war, hat er stets bewiesen und selten findet man jetzt Männer, die über anderen zugefügtes Unrecht derart in Aufregung geraten können, wie der Verblichene es imstande war. Bei seinem stark ausgeprägten Sinn für Recht und Gerechtigkeit hat er es nicht begreifen können, daß Bürger wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Konfession, die der Welt ihre Religion gegeben hat, entrechtet und verfolgt werden sollen. Und so trat er noch als junger Mann im ersten galizischen Landtage für die Emanzipation der Juden ein. Später, als er im österreichischen Abgeordnetenhause mit großem Erfolg wirkte, hatte er den Mut, gegen den Strom zu schwimmen und überall, wo es galt, uns Juden zu verteidigen, war er immer der erste am Platze. Und so kam es häufig vor, daß er mit den Führern der antisemitischen Partei in Streit geriet. Der Ausspruch, daß die Flagge, unter der die Antisemiten kämpfen, nur rein und befleckt sei, rührt von ihm her. Als der berühmte Gelehrte Professor Dr. Nothnagel, den Verein zur Abwehr des Antisemitismus ins Leben rief, war Sektionschef v. Gniewosz der erste, der dies mit Freuden begrüßte und sich als Gründer mit Erfolg betätigte. Als Referent für jüdische Angelegenheiten im Unterrichtsministerium war er stets bestrebt, dem Geringsten und dem Größten gegenüber objektiv und gerecht vorzugehen. Anläßlich der Gesetzvorlage über die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der Judengemeinden hat er als Referent Ersprießliches geleistet, und daß dies gerade zu jener Zeit nicht leicht war, ist jedem Eingeweihten zur Genüge bekannt. Als Baron Hirsch die Gründung seiner Millionenstiftung plante, war es sein erstes, sich an Sektionschef v. Gniewosz zu wenden, bei welchem er auch das freundlichste Entgegenkommen fand. Auf Veranlassung des Verblichenen ist die Stiftung zur Gründung von Volksschulen in Galizien und Bukowina ins Leben gerufen worden, worin er auch als Kurator und Vizepräsident bis vor kurzem wirkte. Die Ehrenstelle als Vizepräsident nahm der Dahingeschiedene sehr ernst und wenn nicht außerordentliche Hindernisse dazwischentraten, wohnte er stets den Sitzungen bei, in denen er wiederholt das Wort ergriff. Ueberhaupt faßte er eine Ehrenstelle ebenso ernst auf wie eine bezahlte und konnte er es nie begreifen, daß viele andere Ehrenstellen förmlich kumulieren. Wie selbstlos der Verblichene wirkte, geht auch daraus hervor, daß, als die verstorbene Baronin Hirsch ihm für seine hervorragenden Verdienste um die Stiftung ein bedeutendes Ehrenhonorar anbot, er dasselbe entschieden zurückwies, da er in dem ersprießlichen Wirken für eine edle Sache den besten Lohn finde. Sein Rechtsgefühl war so ausgeprägt, daß, als er vom Kuratorium dieser Stiftung aufgefordert wurde, über einen einzelnen Fall sein Gutachten abzugeben, er darüber in Form eines Briefes an den Präsidenten ein ausführliches Memorandum schrieb und dasselbe auf eigene Kosten drucken ließ. Und als der Dahingeschiedene einsah, daß er nicht imstande sein werde, den Sitzungen des Kuratoriums beizuwohnen und er für die in seiner Abwesenheit getroffenen Anordnungen die Verantwortlichkeit nicht übernehmen wollte, gab er seine Demission und alle Bitten des Kuratoriums waren nicht imstande, ihn zur Zurücknahme seines Entschlusses zu bewegen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß der Verblichene auch ein Memorandum wegen der Einführung des jüdischen Gottesdienstes in Stiftungsschulen schrieb. Auch war er stets bemüht, für arme jüdische Studierende aus Galizien Stipendien von dieser Stiftung zu erwirken. Der Verblichene zählte viele Juden zu seinen intimsten Freunden und nie hörte man in seiner Umgebung die Frage, die sonst leider in Wien zur Sitte geworden ist, ob dieser oder jener eingeführte Herr Jude sei. Stets kämpfte er gegen das über die polnischen Juden herrschende Vorurteil. Dieser seiner Anschauung gab er auch in vielen an seine Freunde gerichteten Briefen Ausdruck, gleichgiltig, ob diese Briefe, an Juden oder Nichtjuden adressiert waren. Noch vor kurzem war er imstande, über geringschätzige Aeußerungen eines Wiener Juden über seine polnischen Glaubensgenossen derart in Erregung zu geraten, daß er noch um 10 Uhr nachts trotz seiner Schwäche seiner Entrüstung in einem an einen Wiener Freund gerichteten Briefe Ausdruck gab. An denselben Freund richtete er noch im vorigen Jahre einen längeren ausführlichen Brief anläßlich eines in „Nord