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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-06-01 · 22 (1.6.1906) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
22 (1.6.1906)
Date
1906-06-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 Dr. Mocv s Mocbenscdrin. Seite 355 Drahtdiebstahl in Zusammenhang gebracht und in Hast genommen, obwohl kein anderer Anhaltspunkt für die Täterschaft vorlag, als daß der Radfahrer zufällig damals dieselbe Stelle passierte. Der Untersuchungsrichter Dr. Kästner scheint nun selbst geahnt zu haben, daß die Angaben dieser Frau nicht verläßlich sind und ließ einen anderen, mit dieser Strafsache gar nicht im Zusammenhang stehenden Häftling, Johann Schlögl, der überdies dem Radfahrer Gottlieb Aulitzky gar nicht ähnlich steht, aus der Zelle vorführen und mit der Zeugin konfrontieren. Und nun erklärte die Zeugin mit voller Bestimmtheit, daß Schlögl damals mit den Rädern an der Fabriksmauer vorbeifuhr. Ich habe den Angeklagten Aulitzky bei der Hauptverhandlung verteidigt und die verläßliche (?) Zeugin gab auf meine Frage an, sie sei stark kurzsichtig und sie habe infolge der herrschenden Finsternis nicht deutlich gesthen. Gottlieb Aulitzky wurde zwar freigesprochen, wer aber entschädigt ihn für die unschuldige einmonatliche Untersuchungshaft? Für die Aufnahme dieser Zeilen bestens dankend, zeichnet hochachtungsvoll Dr. Hermann Rand." * * Ein Mörder aus Aberglauben. Rom Augsburger Schwurgericht wurde am 16. v. M. ein Mann, Anton Englisch mit Namen, zum Tode verurteilt, dem zweiMädchenmorde nachgewiesen wurden unddertvnhrscheinlich noch einen dritten in Oesterreich begangen hat. Am 3. Dezember 1905, einem Sonntag, wurde auf dem großen Exerzierplatz bei Augsburg die 17jährige Fabriksarbeiterin Rosa Reste durch zahlreiche Stiche getötet. Die Getötete war in Begleitung ihrer jüngeren Schwester zu einem Besuch von Verwandten aufgebrochen und hatte ihren Weg über den Exerzierplatz genommen. Unterwegs hatte sich den beiden Mädchen der im Jahre' 1871 zu Stadelhaus geborene, nach Mähren zuständige Fabriksarbeiter Anton Englisch angeschlossen. Die Mädchen lehnten seine Begleitung ab. Englisch ging jedoch trotzdem einige Schritte neben der Rosa Reste, faßte dann das Mädchen Plötzlich am Arm und stieß ihm ein Messer mit voller Wucht in die Brust. Dann beugte er sich über die Niedergesunkene, zerfleischte sie mit zahlreichen Stichen, schnitt seinem Opfer das linke Ohr ab und flüchtete, wobei er das Ohr mitnahm. Mit Hilfe von Radfahrern gelang es, den Mörder festzunehmen. Im Verlauf der Untersuchung tauchte der Verdacht auf, daß Englisch auch den Mord an der achtjährigen Bertha Salger in Kempten begangen habe. Dieses Mädchen war mit seinem jüngeren Schwesterchen am 12. März des vorigen Jahres auf die Engelhalde bei Kempten gegangen, um die Funkenfeuer anzusehen. Unterwegs hatte sich den Kindern ein Mann zugesellt, der ihnen Geld versprach, plötzlich die kleine Bertha packte und ihr mehrere Stiche versetzte. Die Leiche wurde dann in ähnlicher Weise wie die der Rosa Reste verstümmelt aufrefunden. Der Täter war nicht zu ermitteln. Englisch hatte in ger bewußten Zeit in Kempten gearbeitet. Auf das Motiv für die Mordtaten läßt sich aus verschiedenen Aeußerungen des dußerst aberaläubischen Menschen schließen. So äußerte er seiner äfüheren Geliebten Mutzl gegenüber in der Zeit zwischen dem Kemptener und dem Augsburger Mord: „Ich habe ein Geheimnis bei mir. Drei Dinge muß ich vollbringen. Zwei Dinge habe ich schon vollbracht, wenn mir das dritte noch gelingt, dann vermag ich alles!" Dabei redete er von dem Blute unschuldiger Kinder. Weiter äußerte er: „In Oesterreich habe ich mich gerächt, in Kempten habe ich mich gerächt und in Augsburg will ich mich zum drittenmal rächen!" Ein andermal sagte er zur Mutzl: „Kannst du mich denn wirklich mögen? Ich bin doch ein Doppelmörder! Wer meinst du wohl, wer das Mädchen in Kempten umgebracht hat? Und in Oesterreich war es ganz das gleiche! Die nämlichen Schnitte und Stiche wie in Oesterreich!" Englisch hörte das gegen ihn gefällte Todesurteil ohne besondere Erregung an. * * * Ein Mvrd ä la Polna. Budapest. Am jüngsten Feiertag wurde in Szarazbero die Leiche der zehnjährigen Anna Zolzsak, einer Wirtstochter, mit durchschnittenem Halse aufgefunden. Es verbreitete sich das Gerücht von einem Ritualmorde. Die Gendarmerie pflog eifrige Erhebungen und verhaftete den 17jährigen Hirtenbuben Josef Nagy als den mutmaßlichen Täter. Er gestand auch, das Mädchen ermordet zu haben, nachdem er an ihr ein Sittlichkeitsverbrechen verübt hatte. Den Hals habe er mit einem Messer durchschnitten, um den Verdacht ans die Juden zu lenken. _ Vom Jahrmarkt des Hebens. Antisemiten-Moral. I. Dieser Tage wurde sämtlichen jüdischen Lehrern und jüdischen Religionslehrern durch Gemeindediener „die Mitteilungen", Prospekte und Postkarten mit dem Bildnisse Dr. Porzers zugesendet, um einen ausgiebigen Gimpelfang für die städtische Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Lebens- und Rentenverficherungsanstalt zu inszenieren. Die Herren Porzer, Axmann, Hraba und Konsorten, die sich an der Krippe dieser' an Marasmus leidenden Unternehmung mästen, wollen ihr nun mit jüdischem Gelde aufhelfen. Dieselben Herrschaften, die fort und fort „Kauft nur bei Christen" schreien, verschmähen es nun nicht, bei jüdischen Religionslehrern und bei jüdischen Lehrern um Hilfe zu betteln. — Das nennt man Antisemiten-Moral. II. Zwei Wiener Kommunallehrer redigieren eine Jugendzeitschrift: „Wiener Kinder". Was den trefflichen „Schriftstellern" an Geist, Begabung und schriftstellerischer Fähigkeit abgeht, das ersetzen sie in ihren „Wiener Kinder" durch Roheit und antisemitische Niedertracht. Noch nie wurde die Druckerschwärze so arg mißbraucht, als es die beiden antisemitischen Lehrer in dieser Zeitschrift um die Wette seit Jahr und Tag treiben. Trotzdem wollen die „Wiener Kinder" nicht „einschlagen". Den Wienern ekelt es selbst vor diesen schamlosen Ablagerungen antisemitischen Giftes. Nun versuchen es die biederen Lehrer, ihre Jugendschrift, die von gemeinen Beschimpfungen der Juden und von niederträchtiger Verhetzung der christlichen Schuljugend gegen ihre jüdischen Mitschüler strotzt, in jüdische Häuser einzuschmuggeln, jüdische Kinder zu Lesern ihres antisemitischen Machwerkes zu gewinnen. Ist das nicht eine nette antisemitische Moral? III. Bekanntlich find derzeit mehr als 90^ unserer Jugendbildner enragierte Antisemiten. Leute, die noch vor wenigen Jahren von Liberalismus trieften, find heute die ärgsten Judenfresser. Dagegen wäre nichts weiter einzuwenden. Allein dieselben Herren und Damen fahnden leidenschaftlich nach Lektionen bei ihren jüdischen Schulparteien. Das jüdische Geld gefällt ihnen außerordentlich, aber der Haß gegen die Juden ist um so größer, je mehr sie in jüdischen Häusern zu tun haben und je besser sie gezahlt werden. In den Versammlungen der „Lehrer¬ und Schulfreunde" auf die Juden schimpfen, immer und überall „Kauft nicht bei Juden" schreien und eine Stunde vorher der jüdischen Mutter die Hand drücken, dem Vater versichern, „ich bin nur politisch ein Antisemit!" Das ist denn doch nur möglich infolge antisemitischer Moral". IV. Der Oberbonze der Wiener Antisemiten, Herr Dr. Karl Lueger, versicherte am 26. Mai, anläßlich der Eidesablegung der Lehrer und Lehrerinnen, er betrachte jeden Eidbruch als ein Verbrechen und die Lehrer mögen sich stets vor Augen halten, daß es ihre heiligste Pflicht sei, ihres Eides eingedenk zu bleiben. Hat Herr Dr. Lueger das Schmunzeln und Lächeln der so angesprochenen Lehrer und Lehrerinnen nicht bemerkt? Und wenn, hat er dies verstanden? Allenfalls wollen wir es ihm und der Welt verraten. Die Lehrer und Lehrerinnen, die trotz allem und jedem noch nicht Auffassung und Verständnis gänzlich verloren, erinnerten sich daran, daß der Moralist auf dem Bürger-

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