Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 342 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 21 Zugleich ist Winawer ein sehr tätiges Mitglied der konstitutionell-demokratischen Partei gewesen und die Partei hat ihn als einen der sechs Kandidaten für Petersburg aufgestellt. Der Umstand, daß die Residenz einen Juden als ihren Vertreter in die Duma schickt, muß doch wahrlich als ein Beweis betrachtet werden, daß in Petersburg kein ausgesprochener Antisemitismus besteht. Winawer ist mit 147 Stimmen gegen 12 Stimmen gewählt worden. In den letzten Tagen ist noch ein anderer interessanter Beitrag zur Frage des angeblichen Antisemitismus des russischen Volkes geliefert worden. Die Bauernvertretung in der Duma teilt sich in zwei Gruppen, in progressive und parteilose. Die Gruppe der progressiven Bauern umfaßt ungefähr 130 Mitglieder. Vorgestern kam in der Vorberatung die Stellung der Gleichberechtigung der Juden zur Sprache. Drei Bauern sprachen sich gegen die volle Gleichberechtigung aus, von dem Standpunkte ausgehend, daß die Juden fähiger und klüger seien und die Konkurrenz mit ihnen dann unmöglich werde. Eine Gruppe von zehn Bauern enchielt sich der Abstimmung, so daß die Frage von 107 Bauern ballotiert wurde, die sich mit 104 gegen 3 Stimmen für die volle Gleichberechtigung ausgesprochen haben. Judenhetze in den Kasernen. Warschau, 12. Mai. Ueber die wütende Judenhetze, welche unter den Augen der Behörden, mit deren Zustimmung, ja sogar unter ihrer Mitwirkung in den Kasernen nach wie vor betrieben wird, ist wiederholt berichtet worden. Das bisher stärkste Stück, das auch nach allem, was vorangegangen, unglaublich klingt, aber buchstäblich Wahrheit ist, hat sich hier zugetragen und auch in nichtjüdischen Kreisen tiefgehende Entrüstung wachgerufen. Der Kommandeur des hier garnisonierenden 38. Tobolsker Infanterie-Regiments hat vor einigen Tagen seine Soldaten mit folgender Ansprache haranguiert: „Unser Vaterland macht jetzt schwere Tage durch. Aufwiegler und Sozialisten wollen unser Vaterland teilen und Hetzen sogar unsere tapferen Soldaten auf, indem sie ihre Lehre unter den treuen Dienern unseres Väterchens Zar zu verbreiten suchen. Die Mehrzahl der Agitatoren sind Juden und Polen. Brüder, denkt immer daran, wer Eure Feinde stnd und vernichtet sie bei jeder Gelegenheit! Wenn Ihr bei der Verfolgung eines Aufwieglers diesen niederschießen wollt, aber irrtümlich einen anderen töten werdet, so wird Euch deshalb nichts geschehen. Im Gegenteil: man wird Euch für Eure gute Absicht auszeichnen. Vergeht nicht, daß wir Kriegszeiten durchzumachen haben, und je mehr unserer Feinde Ihr vernichten werdet, um so besser wird mau Euch belohnen. Vergeht nicht, dah unsere inneren Feinde, die Juden, Polen und Sozialisten, viel gefährlicher sind als die äußeren." Nach dieser Rede befahl der Regiments-Adjutant: „Die des Lesens und Schreibens Kundigen zwei Schritt vorwärts!" Aus den Recheu traten vier Bauern und vierzehn Juden. „Juden?!", schrie der Adjutant. „Israeliten", antworteten die Soldaten. «Ganz egal, schert Euch weg!" Abends kam der Kompagniechef in die Kaserne, las den Soldaten einen Artikel aus dem „Moskowskija Wjedomosti" vor und knüpfte daran folgende Worte: „Das ganze Unheil, unter dem unser Vaterland leidet, kommt ausschließlich von den Juden, die unser Blut aussaugen und dennoch so lun, als ob es ihnen um den Muschik und den russischen Arbeiter zu tun wäre. Doch glaubt ihnen nicht. „Moschka," — er zeigte auf einen jüdischen Soldaten — „ist Euer Feind; ich, ein Russe, ein Rechtgläubiger und Adliger, warne Euch, dem Moschka zu glauben. Spuckt ihm in's Gesicht!" Die Soldaten umringten den „Moschka" und begannen, den Befehl buchstäblich auszuführen. Schließlich konnte „Moschka" sich nicht mehr beherrschen; als der Stubenälteste sich ihm näherte und ihm direkt in's Gesicht spuckte, fuhr er auf und gab ihm zwei Ohrfeigen. Hierauf kam „Moschka" in's Militärgefängnis, und bald wird ihn ein Kriegsgericht wegen schwerer Mißhandlung eines Vorgesetzten aburteilen. Bon Tunis nach Tripolis. In einem Feuilleton in der „N. Fr. Pr." plaudert Alice Schalek auch über die Juden in Tripolis. Wir entnehmen demselben eine interessante Stelle: Es ist dreifacher Feiertag in Tripolis. Außer dem christlichen Sonntag der Italiener das Geburtstagsfest des Sultans, das mit Truppenparade und Flaggengala auf Schiffen, Konsulaten und Straßen gefeiert wird, und das Laubhüttenfest der Juden. Im Judenviertel herrscht tiefe Feiertagsstille. Jüdinnen aller Altersklassen sitzen in phantastischen Prunkgewändern in den Hausfluren, eine dicker als die andere; gilt doch Wohlbeleibtheit hier als erstrebenswerte Frauenzier. — Wir treten bei einem reichen Seidenhändler ein. Indem großen, lichten Hof ist eine richtige Hütte gezimmert, deren Dach frische Bambusblätter und Granatäpfel schmücken und die einen zierlich gedeckten Tisch enthält, an dem dte frommen Juden während des Laubhüttenfestes speisen. Freudig begrüßt uns die Frau des Hauses. Ein junges, rassiges Weib mit blitzenden Feueraugen, einem verführerischen Munde, dessen schwellende Lippen uns fröhlichen Willkomm zulächeln, und einer feinnüstrigen, edlen, römischen Nase. Das wie von Künstlerhand geformte Oval ihres Gesichtes wird von wirren, lockigen, nachtschwarzen Haaren umrahmt, die sie mit koketter Grazie immer wieder in das hellgrüne, malerisch geraffte Kopftüchlein zurückstreicht. Ihre Tracht ist verschieden von der algerischer oder tunesischer Jüdinnen. Während in Konstantine kleine, spitze Zuckerhutformen aus Samt in allen Farben am Hinterkopf befestigt getragen werden und schwarze, weite Seidenjacken zu langen, weißen, steifen Hosen, in Tunis goldgestickte, helmartige Hauben, rosa oder blaue Atlaskittel und weite Pluderhosen, schlingt die Tripolitaner Jüdin ein gold- oder filberdurchwirktes Tuch kunstvoll um ihre Beinkleider und aus dem reich gestickten Bolero fallen bei verheirateten Frauen bunte, bei Mädchen Weiße Hemdärmel auf die wohlgepflegten Hände. Aus Frau Bubas beweglichen Zügen spricht heißes Temperament, in ihren Blicken lodert kaum verhaltene Leidenschaft. Sie ist eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen. Ich sage es ihr und sie dreht sich blitzschnell suchend um: „Hat es mein Mann nur auch deutlich gehört?" Alles an dieser orientalischen Jüdin ist Leben. Sie weiß nichts von den strengen Vorschriften, die englische Steifheit den Vornehmen aller europäischen Völker macht und die einzuhalten den Südländern oft schwer genug fällt. Die nordische Sitte hat ihr noch nicht wie manch einer heißblütigen Italienerin die Eigenart genommen, und weil ihr überstarkes, überquellendes Temperament unmittelbar die weichen, ausdrucksvollen Gesten hervorruft, durch welche die österreichischen Goldgulden an ihrem Halse in leichtes Klirren geraten, wirken sie harmonisch, notwendig und schön. Sie spricht vollendet italienisch und erwidert unsere Fragen mit schlagfertigem Geist. Es beseligt sie, ungewöhnlichen Besuch zu haben, sie lacht freudig, wenn wir ihre fremdartig schmeckenden Speisen loben. Ich sehe den selbstbewußten, überschäumenden Italiener mit den Gebärden eines römischen Imperators prüfend an, gedenke der sprühenden Buba, betrachte die steifen, schweigsamen Briten. Vor kurzem noch hätte ich diesen die unbedingte Vorherrschaft, wie auf der Erde, so auch in der Sitte zuerkannt, das widerspruchslose Recht, ihre Lebensregeln allen anderen Nationen aufzuzwingen. Afrika aber hat mich gelehrt, daß kein Volk die Sittengesetze eines anderen übernehmen kann, daß. keines ob seiner Lebensäußerungen verachtet werden soll. Denn nicht vom menschlichen Intellekt werden die Rasse-Eigentümlichkeiten geschaffen, sondern sie hängen von der Größe des Winkels ab, unter denen die Sonnenstrahlen auf die Scheitel fallen. Schön aber ist nur, was echt ist. ursprünglich und angeboren. Vermischtes. Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra Kadischa i., Seitenstettengasse 4 für arme kranke Glaubensgenossen. Anläßlich des Ablebens der sei. Alice Prager: Von kais. Rat Wilhelm Anninger Kronen 40.—, Rosa Nossal 10.—. Arthur Lemberger 10—, Adolf Pisko 10:—, Josef May 10.— , Wilhelm Stöckler 10.-, Dr. Emil Löwy, Sulz-Stangau 20. -, Viktor Bodansky 20.—,