Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 21 (25.5.1906)
- Date
- 1906-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. ZSlocb's TRUocbenscbrtft, Seite 341 Generalversammlung des Verbandes für Statistik der Juden. Am 26. April d. I fand im Lokal des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zu Berlin die III. ordentliche Generalversammlung des Verbandes für Statistik der Juden statt. Aus dem vom Vorsitzenden des Verbandes, Dr. Alfred Nossig, erstatteten Berichte über die Tätigkeit des Kuratoriums, des Vorstandes und des Bureaus für Statistik der Juden ergab es sich, daß der statistische Verband in äußerst erfreulichem Ausblüben begriffen sei. Das Bureau veröffentlichte im Berichtsjahre drei größere Arbeiten: Das „Statistische Jahrbuch deutscher Juden" (im Aufträge des Deutsch-Jsrael.-Gemeindebundes), den „Anteil der Juden am Schulwesen in Preußen" (mit Unterstützung der Jüdischen Gemeinde in Berlin) und „Die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland" (im Aufträge des zionistischen Aktionskomitees). Die von Dr. Artur Ruppin und Dr. Jakob Thon verfaßten Schriften fanden volle Anerkennung seitens der wissenschaftllchen Kritik und erwiesen sich zugleich als wertvolle Hilfsmittel für die praktischen Zwecke der jüdischen Verwaltung und Wohlfahrtspflege. Besonderes Interesse erweckte in den gebildeten jüdischen Kreisen die vom Bureau herausgegebene „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden", die eine Fülle von zuverlässigen Angaben über die Verhältnisse der Juden in den verschiedensten Ländern bietet. Das Organ des Bureaus hat, dank seiner Verbreitung in der ganzen Welt, gleich im ersten Jahre seines Bestehens seine Kosten bis auf eine geringe Differenz selbst gedeckt. In Anerkennung der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit und der praktischen Nützlichkeit des statistischen Bureaus bezeigten die großen jüdischen Organisationen und Gemeinden dem Verbände im letzten Jahre ein viel lebhafteres, tätiges Interesse als früher. Zunächst überwies man dem Bureau neue wissenschaftliche Arbeiten: Im Aufträge der Großloge des II. O. B. B. wird eine erschöpfende, weit über den Rahmen der vorhandenen, amtlichen Erhebungen hinausgehende Statistik der jüdischen Bevölkerung im Großherzogtnm Hessen ausgearbeitet werden. Die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" ermöglichte dem Bureau die Inangriffnahme einer Arbeit über „Die jüdischen Gemeinden Deutschlands". Betreffs der Herstellung einer Statistik der Juden in Oesterreich, Ungarn und Galizien schweben zurzeit Unterhandlungen mit mehreren Körperschaften. Noch wertvoller für den Verband war die erhebliche Zunahme von Jahressnbvent'onen, die eine systematische, planvolle Herstellung der Gesamtstatistik der Juden ermöglichen. Zu den Körperschaften, die den Verband bereits früher subventionierten, dem Zentralverein, der Großloge, mehreren Einzellogen, dem Denlsch-Jsrael. Gemeindebund, der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft der Inden, traten in diesem Jahre fast sämtliche größere Gemeinden Deutschlands hinzu: Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln, Breslau, Stettin, Posen, Wiesbaden, Frankfurt, Mainz. Um eine nähere Fühlung zwischen dem statistischen Verbände und den subventionierenden Organisationen herbeizuführen, berief das Kuratorium für den 28. März 1906 eine Konferenz ein, an der die Vertreter der bedeutendsten jüdischen Organisationen teilnahmen. Man beschloß, daß alle jene Körperschaften, die dem statistischen Verband größere Jahressubventionen zukommen lassen (von 200 Mark an) befugt sein sollen, einen Vertreter in das Kuratorium zu entsenden. Auch die Vereine für Statistik der Juden in anderen Ländern, die sich dem Verbände angeschloffen haben, besonders der Ztatistische Verein in Bayern, haben im letzten Jahre eine rege Tätigkeit entwickelt und die Zeitschrift des Verbandes mit wertvollen Beiträgen versorgt. Aus dem Berichte des Schatzmeisters Herrn Benno Braun ging hervor, daß der Etat des Verbandes sich im letzten Jahre gegen das Vorjahr mehr als verdoppelt hat; er betrug im Jahre 1904/5 4032 Mark, im Jahre 1905/6 9685*75 Mark. Auf Antrag der Revisionskommission (Herr Richard Kassel und Ing. S. Eliasberg) wurde für die Finanzgebahrung Decharge erteilt. Herr Rechtsanwalt Dr. Max Horwitz erstattete hierauf Bericht über einen neuen Entwurf der Satzungen des Verbandes. Nach längerer Diskussion beschloß die Versammlung, die endqiltige Entscheidung über den neuen Entwurf erst iu der nächsten Plenarversammlung zu treffen. Dagegen wurde der Entwurf der Satzungen des Kuratoriums einstimmig angenommen. Auf Grund dieser Satzungen, die der Generalversammlung des Verbandes die Entsendung von fünf Mitgliedern in das Kuratorium einräumt, fanden die Wahlen statt, aus denen nachstehende Herren hervorgingen: San -Rat Dr. Maretzki, G"b. Rat Dr. Blumenthal, Prof. Dr. Martin Philippson, Just.-Rat Dr. Eugen Fuchs, Herr Benno Braun. In den Vorstand des Verbandes wurden gewählt: Dr. Kurt Alexander, Dr. Walter Munk, Dr. Theod. Zlocisti, Dr Alfred Nossig, Dr. Bruno Blau, Dr. Hans Gideon Heymann, Dr. Moritz Sobernheim, Herr Benno Braun, Dr. Rothholz, Privatdozent Dr. I. Schur. Zu Revisoren wurden wie im Vorjahre Herr Richard Cassel und Ing. S. Eliasberg gewählt. In einer sehr anregenden Diskussion, an der sich Dr. Hirsch Hildesheimer, Dr. H. G. Heymann, Dr. M. Horwitz, Herr Richard Cassel, Dr. Kurt Alexander, Dr. Walter Munk beteiligten, wurden dem neugewählten Vorstande Direktiven für seine Tätigkeit erteilt, die wesentlich dahin abzieltea, ein reges Vereinsleben und eine kräftige Propaganda zu entwickeln Nachdem Dr. Horwitz dem scheidenden Vorstande Dank und Anerkennung für seine erfolgreiche Tätigkeit ausgedrückt hatte, schloß die Versammlung. Die in ihr vorgebrachten Tatsachen verschafften den Anwesenden die Ueberzeugung, daß die allgemein jüdische Institution, die in dem Bureau für Statistik der Inden dank dem einsichtsvollen Interesse der jüdischen Organisationen und Gemeinden zustande gekommen ist. durch ihre Arbeiten tatsächlich allen jüdischen Körperschaften und Bevölkerungsgruppen wesentliche Dienste leiste. Das Jubiläum des Professors Dr. Maybaum wurde dieser Tage im engeren Freundes- und Familienkreise des Jubilars gefeiert. Zahlreiche Glückwünsche, Blumenspenden und Telegramme trafen von nah und fern in der Wohnung Dr. Maybaums ein. Durch Deputationen ließen ihre Glückwünsche zur fünsundzwanzigjährigen Amtsfeier des Predigers der Berliner jüdischen Gemeinde aussprechen: das Rabbinat der Gemeinde, der Deutsche Rabbinerverband, der liberale Rabbinerverband, das Kuratorium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, deren Dozenten und Hörer. Der Schulvorstand der Gemeinde war durch Professor Ludwig Geiger vertreten. Ein aus den angesehensten Berliner Persönlichkeiten bestehendes Komitee ließ durch Dr. Gustav Karpeles eine kunstvoll ausgeführte Adresse und eine stattliche Ehrengabe überreichen, die zu einer Maybaum-Stiftung bestimmt ist. Ferner gratulierten die Lehrerbildungsanstalt, die Taubstummenanstalt, das Waisenhaus Pankow, der Hilfsverein der deutschen Juden, die Resormgemeinde und andere. — Aus Anlaß des Jubiläums des Professors Dr. Maybaum fand abends in der Neuen Synagoge ein feierlicher Festakt statt. Vor Beginn des Gottesdienstes überreichte der Vorstand der jüdischen Gemeinde dem Jubilar im Trausale eine Adresse. Sodann wurde Dr. Maybaum durch das Rabbinat und den Vorstand feierlich in die Synagoge geleitet, woselbst Rabbiner Dr. Rosenzweig die Festrede hielt. Im Anschluß hieran sprach Rabbiner Dr. Warschauer im Namen der Maybaumschen Schüler. Zum Schlüsse gab der Jubilar einen historischen Rückblick auf seine Amtstätigkeit und schloß mit einem Segen auf die Gemeinde. Die Revision des Dreyfns-Prozesses. Paris. Die Verhandlung über die Revision des Dreyfus-Prozesses vor dem Kassationshofe ist definitiv für den 15. Juni anberaumt. Die ersten zwei Tage sollen der Prüfung der Geheimakten gewidmet sein. Berichterstatter Moras beantragt die Kassierung des Urteils des Kriegsgerichtes von Rennes und die Verweisung des Kapitäns Dreyfus vor ein neues Kriegsgericht. Generalprokurator Baudouin beantragt gleifalls die Kassierung des kriegsgerichtlichen Urteils, verlangt aber die sofortige Freisprechung Dreyfus', ohne denselben vor ein neues Kriegsgericht zu verweisen. Der Generalprokurator begründet diesen Antrag damit, daß die Untersuchung die volle Schuldlosigkeit Dreyfus' ergeben hat und daß eine neuerliche Verhandlung in dieser Sache vor einem Kriegsgerichte ohne jeden Nutzen bleiben' müßte, nachdem die Militärrichter den Major Walsin-Eszterhazy freigesprochen hatten. Das russische Volk und die Judenfrage. Berlin. Zu der Frage, wie das russische Volk gegenüber den Juden gestimmt ist, wird der „Russischen Korrespondenz" aus Petersburg folgendes berichtet: Als Beweis, daß der Antisemitismus im russischen Volke durchaus nicht so verbreitet ist, wie die Regierung bisher stets behauptet hat, kann zunächst die Wahl des Rechtsanwaltes Winawer zum Dumaabgeordneten von Petersburg angeführt werden. Winawer ist seit vielen Jahren als Führer des jüdischen „Verbandes zur Erreichung der Gleichberechtigung" in weitesten Kreisen bekannt und ist oft energisch und schroff aufgetreten, wenn es galt, in der russischen Gesellschaft die Interessen des Judentums zu verteidigen.