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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-25 · 21 (25.5.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
21 (25.5.1906)
Date
1906-05-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 Dr. Blocks Mocbenscbrttt. ®dk 335 solch krasser Justizmord ungesühnt bleiben soll, das erscheint mir undenkbar." Ob der Optimismus des Redners wohl berechtigt ist, wagen wir nicht zu entscheiden; Pflicht der Oeffentlichkeit aber bleibt es, an dieses Justizverbrechen nicht vergessen zu lassen! Die russische Iuderrfrage. Morgendämmerung auf einem blutgetränkten Schlachtfeld. Im Bagno Rußland ist der erste Schritt zur Freiheit getan worden und es scheint, daß ein gutes Ende wird erreicht werden können, ohne daß die Peter Pauls-Festung, in deren Quadern unzählige Seufzer höchster Qual eingemauert sind, das Schicksal der Bastille erlebt und ohne daß ein König den Kopf solange in den Nacken wirft, bis er ihm herunterfällt. Wieder einmal wurde bewiesen, daß die Stützen des herrschenden Systems im Zarenreiche die Brutalität und die Lüge sind, daß zum Zorn jedes empfindsamen und gebildeten Menschen ein unendlich großes Volk von einer Handvoll Tyrannen geknechtet werden kann, obwohl es voll Kraft und Tugenden ist. Die russische Duma hat Europa eine doppelte Freude bereitet. Man war geneigt, den verleumderischen Behauptungen der offiziösen Stimmungsmacher zu glauben, welche höhnisch ins Kulturland hiueinriefen: „Ihr klagt au, daß wir die Stimme des Volkes unterdrücken, ihm keine Verfassung geben wollen? Glaubt doch nicht, es mit zielbewußten Staatsbürgern des Westens zu tun zu haben. Unser Bauer ist ein Tier, das ohne die Peitsche zur rohen, heißhungrigen Bestie wird. Unsere Intelligenz besteht aus Idealisten und Phantasten, die sich mit Worten über ihre Träume berauschen, und unfähig sind zu jeder Tat." Diese geringschätzige Meinung fand Anklang, weil man nicht glauben wollte, daß ein so kolossales Volk nach so vielen historischen Beispielen sich seiner Bedränger nicht zu entledigen wüßte. Aber es zeigte sich, daß bloß die widersinnige Wirkung des Militarismus, die das Volk gegen das Volk aufstellt, den Erfolg der russischen Revolution eindämmen konnte. Ihre politische und menschliche Reife haben die Russen durch ihre Vertreter im jüngsten Parlament Europas glänzend erwiesen und in unendlicher Wiederholung ihren ärgsten Feind, die Regierung, Lügen gestraft. In kluger Mäßigung vermied es die Duma sorgfältig, irgend eine Handhabe für gewalttätiges Einschreiten der Machthaber zu geben. Sie vermied jede aufreizende Geberde, war nachgiebig in der Form und begnügte sich mit der Wirkung des Rechtes, welches jedes ihrer Worte begleitete, Worte, die einstimmig wie ein Gebet an die Freiheit seit Jahren von all den russischen Millionen gesprochen wurden. Der Adreßentwurf der Duma war die magna Charta des Zarenreiches, welches auf dieser Grundlage aus einem Zwinger zu einem modernen Staate mit vernünftiger Gesellschaftsordnung gemacht werden soll. Auch diese Adresse ist auf die starrenden Reihen der Kosakenlanzen gestoßen, eine verbrecherische Hofpartei hat auf den oft mißbrauchten Namen des Zaren den neuen Fluch geladen, daß er die Worte seiner angeblich geliebten Untertanen nicht hören wolle, ja man sprach sogar von Gewaltanwendung gegen die Leute, welche vom nordischen Koloß die Menschenrechte verlangten. Mag aber der endliche Erfolg welcher immer sein, die wirkliche Meinung des großen russischen Volkes ist zum Ausdruck gekommen und jenen Teil davon, der sich auf die Juden bezieht, wollen wir als Tatsache behandeln, weil Zuversicht und Erfahrung den unaufhaltsamen Sieg von gerechten Forderungen eines einigen Volkes erwarten. Die Juden haben allem Anschein nach vom russischen Freiheitskampf die Erlösung im modernen Egypten zu gewärtigen, wie es auch bei jeder anderen Volksemanzipation immer der Fall war. Unglück und Leid läutern die Menschen und wecken ihre edelsten Gefühle; daher auch das Verstummen jener durch die Jahrhunderte schleichenden Bestie des Antisemitismus in den Momenten, wo bisher Unglückliche zu Befehlshabern werden. In der Adresse der Duma ist ausgeführt: „Die Reichsduma geht von der unerschütterlichen Ueberzeugung aus, daß weder die Freiheit noch die Ordnung befestigt werden kann ohne die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze. Sie wird daher ein Gesetz ausarbeiten, das die Gleichberechtigung aller Bürger ausspricht und gleichzeitig alle ständischen, nationalen und religiösen Vorrechte aufhebt." Diese herrliche Grabinschrift auf den unzähligen Denksteinen gefallener Freiheitsheldeu hat für die russischen Juden nicht bloß eine einzige Bedeutung. Vor allem ist die große Lüge zerstört, mit welcher die Schergen der zarischen Despotie in Europa hausierten, als ob das „russische Volk" gegen die Emanzipation der Juden sei. Noch in Amerika und dann in Paris hat Graf Witte zum Träger dieser Lüge sich gemacht. — Gewiß, das Verlangen der Duma ist noch kein Gesetz; die zarische Despotie wird sich nicht ohne Widerstand unterwerfen; wir stehen am Beginne eines grandiosen Kampfes, dessen Ausgang aber nicht zweifelhaft sein kann. Er muß endigen mit dem Siege des Rechtes über die Tyrannei, und nach den unausbleiblichen Zusammenstößen dürften in absehbarer Zeit die russischen Juden eine Neuzeit erleben. Wohl ist also jetzt ein Frühling der Hoffnungen und ein Sommer voll reicher Fruchtbarkeit dürfte folgen. Ist das nicht die Zeit für ein vollstimmiges Hallelujah? Der weitausblickende Historiker ist jedoch geneigt, dem Jubel einen Dämpfer aufzusetzen. Er ist eingedenk des alten Wortes, daß die Zukunft das Tor sei, durch das die Vergangenheit wieder einzieht. Und er fragt sich, ob die Zukunft der russischen Juden nicht das Tor sei, durch welches die Vergangenheit ihrer westlichen Brüder ihren Einzug halte. Auch wir haben ja unsere Emanzipation erlebt, haben schon durchgemacht, was jetzt die Sehnsucht im Ansiedlungsrayon ist. War alles Gold, was da so verführerisch glänzte? Wer nicht nur ein Freund der Juden ist, sondern auch des Judentums, mag diese Frage beantworten. Die alte Fabel vom Wanderer, der den Mantel bei Sturmwind fefthielt, bei Sonnenschein ablegte. Im Hunger nach Freiheit und Menschenrechten warfen die Juden stets bei erster Gelegenheit weg, woran man sie erkennen könnte, ihre prachtvolle, eigene Kultur, den jüdischen Stolz, ihre ganze geistige Eigenart. Sie wollten auch so aussehen, wie die anderen, damit ""ihre Rechte so ausschauen, wie die der anderen. Mit Feuereifer begannen sie sich zu assimilieren — heute sehen wir ja, was daraus geworden ist. Unerquickliche Zwitterwesen, Mußjuden aus Aberglaube und Trägheit, die aus ihrer Haut nicht heraus können, so gerne sie möchten, Liebhaber einer abweisenden Geliebten, überdrüssig ihres eigenen Wesens, das sie nicht kennen, und sehnsüchtig nach einem anderen, das ihnen ewig fremd bleibt, denn Blut ist sogar dicker als Tauswasser. Sie haben die Achtung verloren, die man jedem selbstbewußten Angehörigen einer völkischen Gemeinschaft unwillkürlich entgegenbringt, sie halten nicht zusammen, so vereinzelt sie auch dastehen, den kolossalen Schatz ihrer kulturellen Besonderheit, der von der Bibel bis Marx so kostbare Edelsteine aufweist, haben sie nachlässig verworfen, sie sind wieder materiell gedrückt, gesellschaftlich zurückgesetzt. Nur ein paar leise Formen der Emanzipation haben sie mit so kolossalen Verlusten erkauft. Das soll keine Sentimentalität sein. Wir müssen nur an dem Grundsätze festhalten, daß für die Assimilation der Massen von Juden weder die Möglichkeit noch der Wille da ist. Hilflosigkeit durch Zerstreuung und Verlust der inneren Kraft war der Endeffekt unserer Assimilation, deren Verlauf uns Juden wieder vereinzelt einer feindseligen Welt gegenübergestellt hat, wobei wir schwächer geworden sind, als wir es vor dem Beginne waren.

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