Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Sir. 20 Dr. Blocb’s MocvenscdrtN. Seite 329 sie vermutete sofort, daß er von ihr auch vielleicht irgend eine Konzession verlangen werde. Sie war eigentlich enttäuscht, daß ihr Spaß nicht gelungen war, fragte aber nichts, sondern bemerkte^ nur in sarkastischem Ton: „Natürlich, nun da es im „Russischen Boten" steht, ist der Gesichtspunkt interessant, aber so lange nur Tanya diesen Gedanken ausgesprochen hat, war es ein Unsinn." „Du weißt ganz gut, daß ich es nie als Unsinn bezeichnet habe, Tanya," gab er mild zurück. Nach einer Pause sagte er in gelassenem Ton: „Uebrigens bin ich dieser „interessanten" Gesichtspunkte überdrüssig. Sie waren unser Unglück, Tanyschka, sie nahmen uns zu sehr gefangen, diese interessanten Dinge, der Teufel hole sie. Wenn wir uns weniger um „interessante Gesichtspunkte" gekümmert hätten," er sprach diese beiden Worte mit boshafter Betonung aus, „und dafür uns mehr um deine und meine Zukunft geschert hätten, dann müßte ich jetzt nicht mein Dasein in einer Knopsfabrik fristen." Sie hörte ihm mit belustigter Miene zu und sagte dann schalkhaft: „Das hat man uns schon viel früher gesagt." „Wenn du doch beginnen wolltest, unsere Lage mit ernsteren Augen zu betrachten! Ja, Tanya, du solltest mir so lange zusetzen und mir das Leben zur Last machen, bis ich etwas unternehme, um aus dieser unhaltbaren, dieser unerträglichen Situation herauszukommen." „Ja, du hättest Cecilia Trotzky heiraten sollen," sagte sie ihm lachend. Cecilia Trotzky war das Mannweib unter den gebildeten, russisch-jüdischen Eingewanderten, die eine große Kolonie im Ghetto von New-Iork bilden. Man erzählte sich von ihr, daß sie es war, die ihren Gatten in dem medizinischen Kolleg untergebracht hatte, und daß sie ihm das Nachtmahl verweigerte, wenn er nicht fleißig studiert hatte. Und später, als er seine Praxis schon ausübte, setzte sie die Honorarnoten fest. „Ach, spasse nicht," sagte er trüb. „Jeder unintelligente Bengel besucht hierzulande ein Kolleg, jeder Kommis tut es. der zu Hause kaum wußte, daß so etwas wie eine Universität überhaupt existiere. Und ich diene der Gesellschaft, indem ich sie für sechs Dollars wöchentlich mit Perlmutterknöpfen versehe. Ach, und wenn das wenigstens ein bestimmtes Einkommen wäre; aber nein, es heißt allgemein, daß wir einer schlechten Saison entgegengehen. Nein, es kann nicht mehr so fortgehen. Wenn ich mir nicht bald helfe, muß ich mir eine Kugel durch den Kopf schießen. Ja, es muß alles anders werden. Ich habe einen Plan, ich habe alles sorgsam überdacht. Wenn wir endlich aus dieser bettlerhaften Lage herauskommen wollen, wenn wir uns von dem schrecklichen Gefühl der über uns hereinbrechenden Not befreien wollen, wenn wir von den beständigen Ausflügen ins Versatzamt erlöst sein wollen, wenn es mir doch gegönnt sein soll, ins Kolleg einzutreten, dann müssen wir die Literatur und dergleichen wohl bei Seite schieben und so Vorgehen wie die anderen. Ich habe einen guten Plan, willst du mich anhören, Tanyschka? Alles hängt nur von dir ab. Leute, die vom Versatzamt abhängig sind, haben kein Recht auf Guy de Maupassant und dergleichen Luxusinteressen. Ja, die Armut ist ein Verbrechen. Doch von nun an soll alles anders werden. Höre mich an, Tanyschka. Wie ou ja am besten weißt, ist der Zins unsere größte Ausgabe, er verzehrt den größten Teil meines Verdienstes. Und du weißt, wie ich immer vor dem Ersten eines jeden Monats zittern muß. Wie schwer fällt es uns, so viel zurückzulegen, damit wir ihn erlegen können, wie müssen wir uns quälen, damit uns das gelingt. Vergessen wir nicht, daß wir einfache Arbeiter find. Und jede Arbeiterfamilie hält hier einen Zimmerherrn. Tun wir es also auch, das ist der einzige Ausweg." „Boris!" rief Tanya bestürzt aus. Ihr Entsetzen über den Vorschlag ärgerte ihn. „Das habe ich mir gedacht, daß du die Sache so auffassen wirst," sagte er gereizt und seine Stimme erhebend, zwang er sie, die Einzelheiten seines Projektes anzuhören. „Das, was uns der Zimmerherr bezahlen wird, wird den Zins decken. Wenn wir uns dann weiter einschränken, können wir so viel erübrigen, daß ich des Schulgeld für ein New-Iorker Kolleg aufbringe. Auch könnten wir dann einen Zeitungsverschleiß erlangen. Wenn ich dann von der Angst um den Zins befreit bin, werde ich auch Muße haben, Englisch zu lernen. Im Laufe der Zeit werde ich die Sprache so gut beherrschen, daß ich unter den einfachen, kürzlich eingewanderten, jüdischen Arbeitern, die noch nicht Englisch können, Unterricht erteilen könnte und so wäre ich befreit von der Sklaverei in der Fabrik. Viele der Emigranten sind so vorgegangen. Dalsky, einer meiner einstigen Schulgeuossen, verdient auch so seinen Unterhalt und studiert dabei Medizin. Zufällig sucht Dalsky gerade Wohnung. Warum sollten wir ihm nicht unser Besuchszimmer vermieten. Wir können uns doch mit der Küche und dem Schlafzimmer begnügen. Außerdem wäre Dalsky zur Familie gehörig und würde das Besuchszimmer tagsüber nicht viel benützen." Als der Plan immer festere Formen annahm und das Gesicht einer bestimmten Person als Mieter vor ihrem geistigen Auge auftauchte, schien ihr die nahe Realisierung des ihr so unsympathischen Planes unerträglich und sie bat Boris, sie zu schonen und Mitleid mit ihr zu haben. Boris geriet in Zorn und warf ihr aristokratische Instinkte vor, die mit der gegenwärtigen Lage unvereinbar wären. „Nein, nein, ich will mit Dir ganz allein sein, allein mit Dir, ich will in meinen vier Wänden nicht immer fremde Menschen um mich haben!" sagte sie und umarmte ihn. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Ch. S. Sliwkin: .rvsan Eine talmudische Encyklvpädie. Bd. I und II. Ein gelehrtes und überaus nützliches literarisches Unternehmen für alle Kenner und Forscher des Talmud. Prof. A. Berliner schreibt über dieses Werk: Das literarische Unternehmen des Talmudgelehrten Herrn Sliwkin verdient eine besondere Förderung, um es zur vollständigen Ausführung zu bringen. Ich subskribiere daher für das Seminar, wie für mich auf fünf Exemplare mit Anzahlung von 20 Mark für Lieferung 1 und 2. Der Rektor des Rabbinerseminars in Berlin Doktor D. Hofmann schreibt über dieses Werk: Auch ich schließe mich den vorangehenden Empfehlungen des bedeutenden und nützlichen Werkes des Herrn Sliwkin an. Möge dasselbe von Freunden der jüdischen Wissenschaft nach Kräften gefmdert werden. Prof. W. Bacher schreibt über dieses Werk: Indem ich auf das Werk des Herrn Sliwkin subskribiere, kann ich dasselbe wegen des in ihm gesammelten, sehr reichen Stoffes und seiner guten Disposition wärmstens empfehlen. Das Werk ist erhältlich bei Aron F a u st, Buchhandlung, Krakau, und M. Sliwkin in Siedlez, Russisch-Polen, Browarnstraße. _ Neue Bücher. „Ost und West". Illustrierte Monatsschrift für modernes Judentum. Herausgegeben und redigiert von Leo Winz (Verlag von „Ost und West", Berlin W. 8, Leipzigerstraße 31/32). Inhalt des Aprilheftes: Neue Bahnen (zur Reorganisation der „Alliance Jsraslite Universelle"). G u t Ort (Gedicht) Siegbert Salter. Jüdische Rassenköpfe (mit 22 prachtvollen Illustrationen) Prof. Dr. C. L. Schleich. Zu dem Aufsatz von Professor Schleich über „Jüdische R a s s e n k ö p f e" D. A. Sandler. Kain und Abel in der bildenden Kunst (mit 5 Illustrationen) Dr. A. Kutna. D a s j ü d i s ch e Essay Fabius Schach. Moritz Steinschneider (mit 2 Illustrationen) Doktor A. Biram. Ein autvgraphisches Huldigungs-