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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 326 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 20 zfeuMeton. Uerauiterte KebensverhallnUe. Aus dem Englischen übersetzt von A. Steinhaus. t daß der Weg zum Erfolg in der Advokatenlaufbahn nur über die Taufe gehe. xM „Elender", donnerte ihn Lurie an und seine Fäuste Mballten sich, seine Augen schossen Blitze. pH Glücklicherweise war der Beamte ein kühl denkender Mann, der es verstand, unangenehme Szenen zu vermeiden, und als Tatyana Markawna Lurie hatte soeben die April-Numm«; Sf ** ®mB“ °°" *«“«'«"* *““* tturbe et bcä .RuMscheu Baten" in Empsang genammen und war über.^ land-len Baris und Tanya diese Sendung aus der Hennat hocherfreut: sie nahm sich kaum p. ~ - 0 Ir Zeit, die Blätter aufzuschneiden, am liebsten hätte sie das ganze,HD*" e ziemlich umfangreiche Heft auf einmal verschlungen. Schnell ließ M sie sich in ihrem Schaukelstuhl nieder, den sie vorher in die Es war nach sieben Uhr abends, als Boris aus der Nähe des Fensters geschoben hatte, um sich nun dem Genusses Perlmutter-Knopffabrik, wo er sechs bis sieben Dollars wöchentdes Lesens hinzugeben. verdiente, nach Hause kam. Als Tanya seine Schritte auf Luries Wohnung bestand aus drei kleinen, spärliche der Stiege hörte, sprang sie auf und lief ihm entgegen. In möblierten Zimmerchen und war im vierten Stockwerk einesMihrer Freude hatte sie ganz auf den Maupassant-Artikel alten, verfallenen Hauses der Madison-Straße gelegen. Unvergessen. Tatyana hatte sich in die Lektüre eines längeren Auf-M Nach einer zärtlichen Begrüßung sagte sie mit komischer satzes, der die neueste, russische Uebersetzung einer Novelle von W Zerknirschung. „Sei nicht böse, Boris, aber ich fürchte, die Maupassant besprach, vertieft; das heißt, sie durchflog nur An-'U. Suppe ist heute wieder nicht gut." fang, Mitte und Ende, bis endlich ein Gedanke, über den sieM Sein ermüdeter Gesichtsausdruck wich einem Lächeln, zufälligerweise erst neulich mit ihrem Gatten lebhaft debattiert hatte, ihr ganzes Interesse gefangen nahm. Sie freute sich int1 vorhinein, daß sie am Abend ihrem von der Arbeit heim-. kehrenden Gatten davon erzählen werde; neulich, als sie zu-A sammen dasselbe Thema besprachen, hatte er ihre Ansichten itt'J ironischer, ein wenig überlegener Weise beantwortet, die er? immer annahm, wenn er mit ihr über Bücher sprach. Doch bei? dem Gedanken an Boris fiel ihr Plötzlich das Essen, das sie zu'* bereiten hatte, ein und sie stürzte eifrig in die Küche. Tatyana oder Tanya, wie sie Boris immer liebevoll nannte, war die Tochter eines russischen Kaufmannes in Kiew, der sich in seinen Mußestunden als hebräischer Schriftsteller betätigt und dabei das Mißgeschick hatte, in seinen literarischen; Unternehmungen das einzubüßen, was er als Kaufmann erspart? hatte. Bald nachdem Tanya das Mädchen-Gymnasium „Das Aergste", fuhr sie fort, „ist, daß meine Nachlässigkeit beim Kochen aus einer gegen dich gerichteten Sache resultiert. Ja ich habe heute etwas bekommen, das dir beweisen wird, daß Herr Boris nicht allein die ganze Weisheit gepachtet hat, daß auch andere Leute etwas wissen. Ja, mein Herr", endete sie in ""englischer Sprache. H „Das geht dich vorläufig gar nichts an", erwiderte sie auf englisch, das sie noch mit stark russischen Akzent sprach. "„Du weißt es ja ohnehin, vor dem Essen bekommst du es nicht zu sehen, also frage nicht weiter", fügte sie nun in ihrer ^Muttersprache hinzu. Dann ging sie rasch in die Küche, um * das Essen aufzutragen; sie war ganz erfüllt von dem Glück ^über die Anwesenheit des geliebten Mannes. Boris hatte abgetragene Arbeitskleider an, sein Gesicht ihrerJ /war nicht rasiert und er sah physisch erschöpft aus; aber all' Vaterstadt absolviert hatte, lernte sie Boris Lurie kennen, der das konnte sein ausgesprochen intelligentes Aussehen nicht be damals an der St. Vladimir-Universität Jus studierte. Boris ^einträchtigen, es verlieh ihm nur noch den Anstrich eines Mär war weit entfernt, das zu sein, was die russischen Mädchenjs Syrers. Tanya war zu sehr an ihn gewöhnt, ~1* cr~;~ .verändertes Aussehen bemerkt hätte; bte Blässe seines Gesichtes auf. Und als daß sie sein nur hie und da fiel ihr dann bewegte es sie bis einen „lieben Jungen" nennen; er war hochaufgeschossen, mehr als schlank, sehr kurzsichtig und bleich; die Narbe über seiner^ linken Augenbraue trug auch nicht gerade zur Erhöhung seiner -^zum Mitleid, und ihre Liebe zu ihm wurde noch größer. In Schönheit bei. Trotzdem hatte er Glück bei den Frauen, sie^ ' ' .. fanden sein Aeußeres ungeheuer interessant. Tanyas Sympathie hatte er sich durch seine impulsive und geistvolle Art, über literarische Dinge zu sprechen, erworben; sein Ruf, einer der belesensten Studenten der Universität zu sein, und seine Stellung als geistiger Führer einer Verbindung imponierten ihr; außerdem gefielen ihr seine kohlschwarzen HaareZ die er echt ruffisch, in die Stirne fallend, trug, gar sehr. Und was seine Gefühle für sie anbelangt, hatten es ihm ihre lustigen,!! schwarzen Augen, die frischen roten Wangen, der kleine Mund'" angetan; er war von Anfang an von ihr entzückt. Bald nach seiner Promotion fand die Hochzeit statt. Sie hatten die Absicht, sich in Krementschug niederzulassen, wo Aus r sicht auf eine große Klientel war. Doch als er sich beim lIsSchlaf. Alles, was für mich bleibt, ist das halbe Stündchen Gerichtshof zur Eintragung in die Advokatenliste meldete, wurde^Kwährend des Nachtmahls und dessen willst du mich nun auch ihm ein Hindernis nach dem andern in den Weg gelegt. ErH»noch berauben!" - Das war Tanyas beständiger Schmerz und er brach bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit hervor ^solchen Augenblicken erschienen ihr seine Kleider wie Sträflingss.gewänder eines nach Sibirien verbannten Studenten. „Lass mich nur einen Blick in das Heft werfen," bat er, Lindem er sich seine Hände wusch. „Nein, nach dem Nachtmahl." „Erzähl' mir wenigstens, was Lesenswertes darin steht, ^ist nichts besonders Interessantes dabei?" „Nach dem Nachtmahl." „Oder willst du mir die wenigen Minuten, die zum ^Plaudern für mich übrig bleiben, auch noch rauben?" sagte sie ^nach einer kurzen Pause ernst. ,Den ganzen Tag bin ich allein und wenn du dann ^endlich nach Hause kommst verfällst du in einen totenähnlichen war gezwungen, es anderweitig zu versuchen, doch war daM Resultat das gleiche. Die ruffische Regierung hatte es gerabe^ um jenen Zeitpunkt für angezeigt gefunden, die Juden nicht'' mehr zur forensischen Laufbahn zuzulassen, wenn diese auch nicht offiziell auf der Liste der für Juden verbotenen Berufe vermerkt war. Lurie hatte es in verschiedenen Ortschaften versucht. Nach' einem Jahr vergeblicher Wanderschaft gingen sie nach Jitomir,! in der Provinz Volhynien, um noch hier einen letzten Versuch' zu machen. Ein hoher Gerichtsfunktionär, bei dem Lurie vorsprach,; machte im Laufe des Gespräches die halb spaßhafte Bemerkung, Nach dem Nachtmahl las sie ihm jene Stelle vor, die sie Jfür eine Bestätigung ihrer eigenen Ansichten über Maupassant khielt. Als sie geendet hatte, wandte sie ihm ihr Gesicht voll ^Triumph zu und war sehr enttäuscht von seiner Gleichgiltigkeit Hund der lauen Geneigtheit, ihr nun recht zu geben. „Ja. ja, es ist dies ein ganz interessanter Gesichtspunkt," ^bemerkte er ohne Erregung. Er stand an den steifen, teppichbedeckten Divan angelehnt, ^während sie vor ihm im Schaukelstuhl saß. Es fiel ihr auf, 'daß er heute in so ungewöhnlich gefügiger Stimmung war und

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