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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 322 Dr. Dlocb s Mocbenscörm. Nr. 20 den Anklagen zu ziehen brauchen, denn er war als Vertreter der Höchstbesteuerten von der öffentlichen Meinung unabhängig. Aber er zog es vor, mit hohem Anstand von der Bühne abzutreten, auf welcher ihm. ein schwerer und unverzeihlicher Fehler das Verweilen unmöglich gemacht hatte, und gab damit ein Aufsehen erregendes Zugeständnis eines hoch veranlagten Menschen, daß die politische Gerichtsbarkeit im Volke sitze. Trotzdem er sich sagen konnte und viele cs ihm sagten, daß seine Arbeitskraft im Kultusvorstand mit Recht aufs Höchste geschätzt wurde, trotzdem viele engere Kollegen im Streite auf seiner Seite standen, respektierte der mächtige Ritter v. Taussig das öffentliche Urteil, das nach wie vor in einer Tätigkeit zu gunsten der Anleihe für die Judenschlächter vom November keine mildernden Umstände finden konnte. Es ist keine Verbeugung vor Macht und Besitz, wenn man dem gewesenen Kultusvorstand zugesteht, daß er mit großer Würde seinen Gegnern das Feld geräumt hat. Er hat mit der Form seines Rücktrittes bewiesen, daß er kein politischer Kleinbürger, sondern eine großzügige, demokratische Natur ist. Es war unmöglich, der stets — früher oder später — siegreichen öffentlichen Meinung auf die Dauer zu widerstehen. Diese Einsicht hat R. v. Taussig zu einer lehrreichen und vielsagenden Entschließung gebracht, welche es macht, daß wohl nicht die besiegte Sache, aber die Art der Niederlage aucheinem Cato gefallen darf. Bize-Präsideut der Kultusgemeinde kaiserl. Rat Moriz Hirsch gestorben. Am 15. d., 1V4 Uhr Morgens, starb in Wien der zweite Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde, Herr kaiserl. Rat Moriz Hirsch. Ein an wertvoller Arbeit und wohlverdienten, glänzenden Erfolgen reiches Leben voll Schaffenskraft und Arbeitsfreudigkcit ging durch eine tückische Erkrankung des Herzens zu Ende, und die aufrichtige Trauer weiter Kreise der Residenz steht an der Bahre eines Ehrenmannes, eines hochbegabten und großherzigen Menschen. Im Jahre 1839 zu Proßnitz in Mähren geboren, gründete Moritz Hirsch in jungen Jahren eine Speditionsfirma in Wien gemeinschaftlich mit dem vor einigen Jahren verstorbenen Herrn Moritz Karpeles unter der Firma Karpeles & Hirsch und etablierte später im Vereine mit dem dritten Kompagnon Gottfried Schenker die Firma Schenker & Co., die sich binnen kurzem einen Weltruf zu erringen verstand. Für seine vielfachen Verdienste auf dem Gebiete des Verkehrswesens wurde Moritz Hirsch mit den Ritterkreuzen des österreichischen Franz Joseph-Ordens und des belgischen Leopold-Ordens ausgezeichnet. Infolge seiner umfassenden Geschäftskeuntnisse und reichen kommerziellen Erfahrung wurde Moritz Hirsch in die Zeusorenkollegien der Oesterreichisch-ungarischen Bank, der Oesterreichischen Länderbauk und der Niederösterreichischen Eskomptegesellschaft berufen, bei welch letzterer er als Vizepräsident des Zeusorenkollegiums fungierte. Strenge Rechtlichkeit und unbedingte Vertrauenswürdigkeit, gepaart mit edler, vornehmer Gesinnung, bildeten das hellleuchtende Ehrenschild des Heimgegangenen. Seine glänzenden Eigenschaften befähigten ihn insbesonders im hervorragenden Maße zur Ausübung einer Reihe von Aemtern, die er in der uueigennützigstcu Weise im Dienste der Oeffeutlichkeit und Allgemeinheit mit beispielloser Hingebung versah. Ec war Laienrichter des Wiener Handelsgerichtes, Mitglied des Schiedsgerichtes der Wiener Warenbörse und der Wiener Handels- und Gewerbekammer, sowie auch gewähltes Mitglied der Personal-Einkommensteuer- Schätzungs-Kommissiou für den I. Bezirk in Wien. Trotzdem er schon in seiiren Kinderjahren von Proßuitz nach Wien kam, so hielt er doch in bewunderungswürdiger Treue an seiner Vaterstadt fest, bewahrte ihr während seines ganzen Lebens ein warmes, werktätiges Interesse und für das Anliegen eines jeden Proßnitzers hatte er allezeit ein williges Ohr und eine offene Hand. Die politische Jsraeliteugemeinde Proßnitz verlieh ihm vor vielen Jahren bereits das Ehrenbürgerrecht. Seitdem kaiserl. Rat Hirsch sich vor zirka 10 Jahrep von der Leitung der vorerwähnten Speditionsfirma zurückzog, betätigte er sich als Verwaltungsrat einer Reihe von Jndustrie-Aktien-Gesellschaften, insbesonders der k. k. priv. ersten Floridsdorfer Tonwaren-Fabriks-Aktien-Gesellschaft Lederer & Nessänyi, der Oelindustrie-Gesellschaft, deren Präsident, und der Nesselsdorfer Wagenbau-Fabriks-Gesellschaft, deren Vizepräsident er war. Gleichzeitig entfaltete er als langjähriges Vorstandsmitglied und Präsident des Oesterr-ungar. Export-Vereines eine umfassende und erfolgreiche Tätigkeit zur Förderung des österreichischen Exportes. In dieser Eigenschaft wurde er auch vor einigen Monaten vom österreichischen Handelsminister in das Präsidium der Kommission für die österreichische Ausstellung in London berufen. Seine Beteiligung an den Eröffnungsfeierlichkeiten in London mußte er jedoch aus dem Grunde unterlassen, weil er in den letzten Tagen sich physisch nicht mehr ganz wohl fühlte. Der Verstorbene, der in der Stille ungezählte Akte der Wohltätigkeit übte, war auch ein eifriges Mitglied der hervorragendsten jüdischen Humanitätsvereine, so des Handwerkervereines und des Israelitischen Waisenvereines. In der Kultusgemeinde, welcher er eine lange Reihe von Jahren als Vorstandsmitglied angehörte, wußte er sich, dank seiner hervorragenden Persönlichkeit und seinem geradezu bewundernswürdigen Verständnis, rasch eine einflußreiche Stellung zu verschaffen. In außerordentlich musterhafter Weise und mit seltener Hingebung leitete er als Vertreter das reich entwickelte und sich stetig komplizierende Finanzwesen des Gemeindehaushaltes. In der Budgetierung und in der Buchhaltung hat er vielfache Reformen eingeführt, die sich vorzüglich bewährt haben. Zu dieser enormen Geschäftslast, deren Bewältigung er mehrere Stunden täglich widmete, übernahm er nach dem Rücktritte des Präsidenten Klinger auch die Stelle eines Vizepräsidenten im Kultusvorstande. So umfassend das Tätigkeitsgebiet des Verstorbenen war, so hat er doch niemals eine Stelle nur dem Namen nach angenommen, sondern er hat in allen Fällen darauf Gewicht gelegt, das Amt, das er bekleidete, auch voll und ganz auszufüllen und ihm den Stempel seiner eigenen Persönlichkeit aufzuprägen. Kaiserlicher Rat Moriz Hirsch hinterläßt durch seinen allseits tief beklagten Heimgang eine große Lücke überall dort, wo er zu Lebzeiten gestanden. Die allgemeine hygienische Ausstellung in Wien. Im Prater, in der Rotunde, wurde Samstag durch Se. kaiserl. Hoheit den Herrn Erzherzog Franz Salvator als Vertreter des Kaisers eine Ausstellung eröffnet, die nicht nur dadurch, daß sie zeitgemäß und reich an sehenswerten Objekten ist, sondern auch durch den Umstand Bedeutung gewinnt, daß ein großer Teil der Expositionen dem Besucher reiche Belehrung auf dem Gebiete der Hygiene und der Kranken- Fürsorgebestrebungen vermittelt. Während wir unter den Industriellen, die ihre gediegensten und neuesten Erzeugnisse zur Aufstellung brachten, zahlreichen Glaubensgenossen begegnen, deren Objekte volle Anerkennung finden, vermissen wir in der Gruppe der humanitären, privaten und öffentlichen Fürsorge-Institute gar manche jüdischkonfessionelle Anstalt, die sich würdig und imponierend durch ihre Leistungen in den Rahmen fügen hätte können. Nur vier jüdische Vereine sind in dieser Gruppe vertreten. Es wäre die Aufklärung vonnöten, wie es kommt, daß z. B. das Rothschildspital, die israelitische Versorgungsanstalt, der Verein zur unentgeltlichen Verpflegung Brustleidender aus dem Lande, die jüdischen Waisenhäuser, die Chewra-Kadischa und noch eine Reihe jüdischer Institutionen, die auf eminente Leistungen Hinweisen können, die den modernsten Anforderungen in ihren Betrieben Rechnung tragen, an dieser Ausstellung nicht beteiligt erscheinen.

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