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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ftfriraff irr "Ti Seite 320 L)r. Blocb's MocbenscbrM. Nr. 20 einmal in der Bibel keine Geschichte um ihrer selbst willen, und weiter ist zu betonen, daß den eigentlichen historischen Büchern der Bibel keine geringere Glaubwürdigkeit zukommt als den Geschichtsschreibern der übrigen alten Kulturvölker; darf aber deshalb alles, was uns in der Bibel, z. B. aus der Patriarchenzeit mitgeteilt wird, als buntes Sagengewirr bezeichnet werden? Dürfen wir darin nur einen Nachklang altbabylouischer Sagen erkennen? Ernstlich wird man heute den Patriarchengestalten die historische Existenz kaum mehr streitig machen können, seitdem die jüngsten Entdeckungen den historischen Rahmen sichergestellt haben, in welchen die biblische Gestalt Abrahams eingezeichnet ist. Geradezu verhängnisvoll aber scheinen in diesem Kampfe dem Dogma die Entwicklungstheorien zu werden, deneu die meisten Bibelkritiker huldigen. Die Anhänger der modernsten Schule lehren den strengsten Evolutionismus, demzufolge die Entwicklung aller religiösen Begriffe und Anschauungen bei den Hebräern keine andere war als bei den übrigen Kulturvölkern des Altertums. Kann aber ein Evolutionismus auch in Bezug auf den in der alttestameutlichen Literatur gelehrten Gottesbegriff und allgemeiner in Bezug auf die alttestamentliche Theologie angenommen werden? Niemand wird leugnen, daß die Israeliten in einer früheren Periode von ihrem Gotte Jahweh eine verhältnismäßig unvollkommene Anschauung hatten, daß ihm damals im großen Ganzen doch auch die Rolle eines Nationalgottes zugewiesen wurde. Doch dieser Gottesbegriff wurde nach und nach immer vollkommener. Mag aber in der ältesten Zeit Israels der Gottesbegriff noch so unvollkommen sein, soweit wir den Spuren dieses Volkes folgen können — stets begegnet uns dort der Monotheismus, während in Egypten wie in Vorderasien die stark monotheistischen Strömungen des 15. vorchristlichen Jahrhunderts wieder verschwanden und der Gottesbegriff wieder die stärkste politheistische Färbung erlangte. Auch dem Berliner Assyriologen bleibt nichts übrig, als zuzugestehen: In diesem Punkte bleiben Bibel und Babel Gegensätze für immer. Das Dogma muß abgeändert werden, sagen die Gegner der Bibel, denn nicht bloß die Exegese widersprach sich im Laufe der Zeit, die Bibel selbst weist offenkundige Widersprüche und Unrichtigkeiten auf, welche mit dem Offenbarungscharakter schlechterdings unvereinbar sind. Aber eine unrichtige Interpretation, eine falsche Auffassung des Inhalts zwingt nur zum Eingeständnis des menschlichen Irrtums, tangiert aber den Charakter oder den Wert des Buches nicht im Geringsten. Wenn eine kritiklose, gar zu wundersüchtige Zeit unter der Hypnose einer nicht selten irreführenden Tradition hier Fehler gemacht hat, so ist es eben die Aufgabe einer kiitisch beanlagten Zeit, diese Fehler wieder gut zu machen. Ich meine nun, es ist die Pflicht aller Theologen, welcher Konfession und welchem Lager sie immer angehören mögen, an diesem Kampfe um die Bibel sich zu beteiligen, well es sich hier um die vitalsten religiösen Interessen handelt; die meisten Fragen, welche hier behandelt werden, sind international und interkonfessionell, Fragen, bei deren Behandlung und Lösung heute Gelehrte der verschiedensten Konfessionen so häufig Hand in Hand gehen. Wie kleinlich erscheint gegenüber diesem gewaltigen theologisch-wissenschaftlichen Kampfe um die ernstesten religiösen Fragen von kaum absehbarer Tragweite das nicht selten widerliche Geplänkel, welches in den unteren Schichten der Religionskämpfer fast ununterbrochen stattfindet, jene zuweilen erbärmlichen Zänkereien, bei denen Fehler und Gebrechen menschlicher Kulteiurichtuugen, wie sie ja mehr weniger die Gottesverehrung jeder Konfession aufweist, als das Wesen des betreffenden Kultes bezeichnet werden, wie abstoßend jene niedrige und gewissenlose Kampfweise, welche selbstgezeichnete Karikaturen religiöser Einrichtungen und Gebräuche einer verwandten Konfession den breiten Massen hinstellt und dadurch die Konfession selbst und ihren gesamten Kult dem allgemeinen Hohne und spotte prersgibt, die Gemüter ohne Grund beunruhigt, den konfessionellen Frieden stört, Haß und Zwietracht säet und ein gemeinschaftliches Arbeiten an großen kulturellen Aufgaben vielfach unmöglich macht. — Man möge aber andererseits nicht vergessen, daß es sich hier, wie kaum irgendwo, um einen Kampf um die Wahrheit handelt, welche zum Siege kommen muß, welche niemals aufgehalteu werden kann, da sie sich durch ihre eigene Kraft Bahn brechen wird. Wer immer daher in diesen Kampf eintritt mit dem ernsten Bestreben, der Wahrheit zu dienen, der suche, was da eint, nicht aber das, was trennt. Gegen die russische Anleihe. Triest, 7. Mai 1906. Im Teatro Fenice sprach Sonntag den 6. d. M. die bekannte Arbeiterführerin Dr. AngelicaBelabanoff über „M ariaSpiridonowa und dieSchandtaten des Zarismus". Das Theater war bis auf den letzten Platz von Arbeitern besetzt und die dichtgedrängte Menge folgte mit atemloser Spannung den grausigen Bildern, welche die Nednerin aus der schrecklichen Revolution ihres Geburtslandes aufrollte. Mit hinreißender Beredsamkeit, welche die lapidaren Schilderungen^ des Schriftstellers Korolenko in seinem berühmten offenen Schreiben an den Tyrannen Staatsrat F i l o n o w erreichte, charakterisierte Dr. Ang. Belabanoff die verruchte Grausamkeit der Tschinowniki gegen die gefangenen Opfer der Autokratie und die haarsträubenden Details, welche sie aus dem Tagebuch ihrer unglücklichen Genossin Maria Spiridonowa über die vom Kosakenoffizier A b r a m o w an ihr begangene Vergewaltigung vorlas, Peitschten das Gefühl des italienischen Arbeiterpublikums zu leidenschaftlichen Aeußerungen des Abscheus und der Entrüstung auf. Ihrer eingehenden Darstellung, welche auch die furchtbaren Judenmetzeleien in ganz Rußland ebenso anschaulich schilderte, wie sie S ch i r i k o v in seinem Drama ergreifend vorführt, entnehmen wir folgende, besonders bemerkenswerte Schlußsätze: „Und diesem Zarismus mit allen seinen tierischen Schandtaten gegen seine unschuldigen und wehrlosen Opfer, dieser Tyrannei, deren Gewissen die furchtbarsten Verbrechen an Gesittung und Menschlichkeit belasten, welche die Geschichte seit Jahrtausenden kennt, hilft die demokratische Republik in Frankreich und die Regierung in Oesterreich-Ungarn zu neuen Anlehen. „Das reiche Oesterreich, dessen eigene Landeskinder allalljährlich zu Tausenden über die Häfen von Triest und Fiume — die fremden Auswandererhäfen ganz ungerechnet — ihre Heimat verlassen, um sich nur vor dem Verhungern zu retten, dieser reiche Staat kann sich natürlich die finanzielle Unterstützung des Zarismus leisten! — — „Und die österreichischenJuden, welche hier noch Ritualmordprozesse erleben und also gut wissen, welches Schicksal erst ihre russischen Glaubensgenossen heute wieder erwartet, schrecken nicht vor dem Blute zurück, welches vom Profite dieses schändlichen russischen Anleihegeschäftes trieft, von dem Blute jüdischer Kinder, die von Kosaken lebend entzweigerissen, vor dem Blute geschändeter Judenfrauen und Mädchen, vor dem Blute elender Greise, die derselbe Zarismus scharenweise hingemordet. „Ja, in diesem Oesterreich fanden sich jüdische Kapitalisten, welche dieser von der gesamten zivilisierten Menschheit gebrandmarkten russischen Schreckensherrschaft neues Geld geben zu neuen Schreckenstaten gegen ihre jüdischen Brüder! . . . . Bis der Brand in den elenden Juden-- gassen Rußlands neuerdings auflodert, bis neue Hekatomben von jüdischen Opfern den mordenden und plündernden schwarzen Rotten unter Anführung zarischer Kosaken und Polizei in den Judenquartieren zur Beute fallen werden, dann st erbet nur ruhig, Ihr russischen Juden, denn Eure Wiener und österreichischen Glaubensgenossen haben ja die Rubel her-

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