Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 doch nicht zusammenwirken können. Wenn diese Spaltung — die wohl von den Koalitionsblättern in Abrede gestellt, in Wirklichkeit aber doch da ist — öffentlich zu Tage tritt, muß und wird die Volkspartei wieder isoliert dastehen, dann wird Ungarn in Wirklichkeit ein freiheitlich gesinnter toleranter Staat sein. Wenn Herr Lueger und Genossen in einem Atem gegen Ungarn und Juden schimpft, so leistet er den ungarischen Juden nur einen großen Dienst, dadurch wird das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen ihnen durch das Bewußtsein der Isoliertheit nur gestärkt. Koste!. Dr. Carl D u s ch i n s k y. Der moderne Kampf um die Kidel. Aus dem Jnstallationsvortrage des Rektors Theol. Dr. Josef Rieb er in Prag. In dem modernen Kampfe um die Bibel sehen wir die heutigen Biblisten in zwei Lagern: die einen kämpfen um die traditionelle Wertung der Bibel als Gottes Wort, die anderen bestreiten ihr diesen Charakter. Auf beiden Seiten stehen ehrliche, die Wahrheit suchende äJiäimer, auf beiden Seiten wird so intensiv mir allen Mitteln der Wissenschaft gearbeitet, daß im Reiche der Geistesarbeit in den letzten Jahrzehnten wohl kaum auf einem Gebiete mehr gerungen wurde, als auf dem des alttestamentarischen Bibelstudiums. Der moderne Kampf um die Bibel ist geradezu ein Kampf um eine Jahrtausende alte Weltanschauung, die mit dem Offenbarungscharakter der Bibel steht und fällr. Es ist selbstverständlich, daß der katholische Theologe in diesem Kampf um die Bibel sich nicht zurückzlehen darf; es fragt sich nun, ob er vielleicht nach dem bisherigen Verlaufe dieses Kampfes gezwungen werden könnte, die Waffen zu strecken, das heißt, sich der von dem Berliner Assynologen Delitzsch aufgestellten Forderung, bezüglich der Bibel beziehungsweise des alltestamentarischen Christentums müsse das Dogma geändert werden, zu fügen; es ist die Frage, ob die Resultate der modernen Bivelwisfenschaft unwiderleglich den Beweis erbracht haben, baß die Bibel nicht mehr als Kundgebung eines transzendenren Willens an den Menschengelst betrachtet werden kann? Bon vornherein sei zugestanden, daß althergebrachte Anschauungen, welche der Bibel auch als äußerer Form eines höheren Inhaltes einen besonderen Nimbus verliehen, fallen, daß sie vielfach korrigiert werden mußten. Aber mag auch so manchen Elementen in der Bibel der Nimbus der Originalität genommen werden, mag auch die Literarkritik uralte traditionelle Anschauungen über Verfasser und Abfassungszeit einzelner Bücher als unrichtig umstoßen, das katholische Dogma betreffs der Bibel braucht deshalb nicht zu fallen; es braucht nicht zu fallen, wenn auch so manche kindliche und nawe Anschauungen und Vorstellungen, welche über einzelne Teile der Bibel vielleicht durch Jahrtausende die herrschenden waren, aufgegeben werden. Was im Wege wissenschaftlicher Forschung als unumstößliche Wahrheit festgestellt wurde, kann der katholische Theologe getrost aufnehmen, und wenn verlangt wird, „die religionsgeschichtliche Betrachtungsweise müsse jetzt zu Ehren kommen," so wird kein ruhig denkender Theologe oiese Betrachtungsweise a limine zurückweisen, er wird sich wohl bewußt sein, daß religionsgeschichtliche und theologische Betrachtungsweise sich gar wohl vereinigen lassen. Die biblischen Bücher müssen auch, sollen sie ihren wahren Charakter behalten, sollen sie ihr Ansehen auch vor dem Forum der Wissenschaft nicht verlieren, selbst bas intensive Licht, das aus den uralten Trümmerhügeln des vorderen Orients aufstrahlt und gerade den Inhalt der alttestamentlichen Bücher vielfach grell beleuchtet, ertragen können, ohne Schaden zu leiden. Die wissenschaftliche gesunde Kritik ist umso berechtigter, je mehr sich die Erkenntnis durchriugt, daß der fromme Glaube einer kritiklosen Zeit auch über die biblischen Bücher Ueberlieferungen hingenommen hat, die den legendenhaften Charakter oft nur zu deutlich an der Stirne tragen. Seite 319 Wer sollte heute noch nicht einsehen, daß gerade durch die neuesten Entdeckungen in Mesopotamien und überhaupt in Vorderasien plötzlich ein intensives Licht wie von mächtigen Scheinwerfern in jene altersgraue Vorzeit geworfen wird, welche bis in die jüngste Zeit in undurchdringliches Dunkel gehüllt oder doch mit dichtem Nebel verschleiert war, so daß jetzt Gestalten, von denen wir nur die durch Legende und Volkstradition verwischten Umrisse erkennen konnten, welche eben darum so gerne als Phantasiegebilde, als Produkte der Mythenbildung erklärt wurden, plötzlich sichtbar und greifbar geworden sind, so daß so manche historische Gestalt leicht unterschieden werden kann von dem bunten Sagengewebe, welches die rege Phantasie des Orientalen um jene zu siechten bemüht war. Mit vollem Rechte hebt Delitzsch hervor, wie viel gerade die alttestamentliche Exegese der Assyriologie zu verdanken hat, ja wie gerade die Assyriologie „das Vertrauen zu der seit geraumer Zeit so heftig angefochtenen Ueberlieferung des alttestamentlichen Textes wiederherstellte." Die Literarkritik hat als gesichertes Resultat ergeben, daß wir vielfach das Bibellesen erst lernen müssen, daß die von orthodoxen Protestanten festgehaltene Verbalinspiration absolut unhaltbar ist. Auch bei katholischen Exegeteu bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß eine wörtliche Erklärung der erzählenden Partien in der Bibel vielfach nicht möglich, daß gerade in diesen Zeilen gar oft das didaktische oder auch nur das erbauliche Moment maßgebend ist. daß wir im historischen Bibeltext vielfach nur Allegorien vor uns haben, die nicht selten verkannt oder minder richtig interpretiert worden sind. Wenn ein bedeutender protestantischer Theologe dm Gedanken ausspricht, „daß die Schöpfungsdarstellung wegen ihrer Einzeichnung in den mit dem Sabbathgedanken vergoldeten Rahmen der Arbeitswoche aller Wahrscheinlichkeit nach r.ur als Lehrdarstellung gemeint sei," so teilt gewiß auch mancher katholische Exeget dessen Meinung, und gerade in diesem Zusammenhänge kann er sich mit größter Berechtigung gegen Delitzschs Satz wenden, „daß aus den Trümmerhügeln Babyloniens die Urgeschichten in reinerer und ursprünglicherer Form steigen." Denn welch ein himmelweiter Unterschied zwischen babylonischer und biblischer Darstellung, besonders wenn der eigentliche didaktische Zweck der letzteren ins Auge gefaßt wird! Wir finden hier im ersten Kapitel der Genesis in historischer Darstellung eminent religiöse Wahrheiten, die so unendlich erhaben sind, daß sie allein würdig sind, in einem Religionsbuche, wie es die Bibel ist, an der Spitze zu stehen: der Dualismus, die Präexistenz des Geistes vor der Materie, dessen allmächtiger Wille diese ins Dasein rief und Ordnung in sie brachte. Und wenn uns weiter gelehrt wird, daß Geschöpfe minderer Art als die Existenzbedingungen von Geschöpfen höherer Art früher ins Dasein traten, daß der Mensch als die Krone irdischer Schöpfung mit Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung erscheint, und wenn weiter die Gleichstellung von Mann und Weib gelehrt wird, wer möchte wohl solche Lehren eines Religionsbuches für unwürdig erklären? Und welch ein himmelweiter Unterschied gerade hier zwischen Babel und Bibel! In der babylonischen Schöpsuugsdarstellung erscheint als das erste die Materie, worauf erst die Sippe der Götter auf den Plan tritt. — Wir müssen die Bibel lesen lernen, wir müssen den Inhalt von der Form unterscheiden lernen, wir müssen die bildliche Redeweise verstehen lernen. So ist es auch unrichtig, in der biblischen Schöpfungsgeschichte eine authentische Mitteilung über die Entstehung der Welt zu sehen, eine Meinung, welche Jahrhunderte hindurch verteidigt wurde und auch heute noch herrscht, eine Meinung, welche zu den kompliziertesten und gewagtesten Versuchen führte, 6en. I mit den Naturwissenschaften in Einklang zu bringen. Der von der Bibelkritik so oft erhobene Vorwurf, daß vielen biblischen Darstellungen in historischem Gewände eine streng historische Wahrheit in unserem Sinne nicht zukomme, ist an und für sich berechtigt. Aber es gibt nun Dr. JBlocDs iftlocbenscDnn.