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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-18 · 20 (18.5.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
20 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 318 Nr.^20 Dr. Llocv's 'Mocvenscvcur. ihm nun dieselbe Suppe ein, mit der er seinerzeit die Wiener geködert hat. Nun kam es zum Gipfelpunkt der Heuchelei. Der gegen sich selbst empörte Lueger! Lueger wallfahrtet zu den Gesetzen, mit denen er bis jetzt Krieg geführt hat, damit sie ihm das politische Leben und die Herrschaft sichern. Die Reue pocht an die Tore Canossas, aber es wird ihr nicht aufgetan. Wie könnteu denn auch die Behörden plötzlich gegen ein Gewohnheitsuurecht eiuschreiten, das sie mit wohlwollender Nachsicht haben einreißen lassen? Würde ein neues Strafgesetz gegen den Boykott etwa mit rückwirkender Kraft erlassen, so wäre Lueger selbst der am meisten Schuldige. Aber der Bürgermeister braucht sich nicht zu fürchten, denn er und seine Herrschaft werden das Gesetz kaum mehr erleben. Der nach christlichsozialem Muster ausgeübte Druck wird den Lehrer erwürgen. In erbgesessenen Bezirken der herrschenden Partei, im Herzen der antisemitischen Bewegung, hat der sozialdemokratische Boykott gegen christlichsoziÄe Geschäftsleute von diesen eine Frontveränderung erzwungen, Luegers Hochburgen zerfallen unter der Wirkung seiuer eigenen Wurfmaschinen. Noch von einer anderen Seite her bekommen die Christlich-Sozialen Prügel, noch aus einem anderen Grunde ist das Motto des „Deutschen Volksblattes" verschwunden. In Ungarn wurde der Boykott über Waren aus Oesterreich verhängt, unter welchem die hiesigen Kaufleute und Fabrikanten schwer leiden. Die staatlichen Faktoren wurden um Abhilfe bestürmt. Da ergab sich nun der tragikomische Zwischenfall, daß eine Deputation von Industriellen in dieser Angelegenheit beim Minister war, von denen die meisten wegen ihrer christlichsozialen Gesinnung bisher von Juden prinzipiell nichts kauften, obwohl sie, nebenbei bemerkt, doch wissen mußten, daß von den jüdischen Betrieben zahlreiche christliche Familien ihre Existenz fristen. Auch sie tun empört über diese Gesetzesverletzung — anderer, auch sie wünschen womöglich Soldaten und Kanonen zum Schutze ihres Eigentums. Nun, ihr gepanzerten Feinde des armen jüdischen Hausierers, des müden und fleißigen Reisenden, des jüdischen Kaufmannes und Arbeiters — wie tut euere Gemeinheit am eigeueu Leibe? Wehleidig und entrüstet schreit ihr auf, und doch ist es erst ein Anfang. Ihr werdet den brennenden Wald nicht mehr löschen, weil er euere Hütten ergriffen hat. Es wird noch viele Tränen der Frauen, noch viel Verzweiflung kosten, gerade wie bei uns, ehe die wirkliche Hilfe gebracht werden kann. Lueger und Genossen müssen schon lange am politischen Zentralfriedhof begraben liegen, bis man mit den letzten Resten ihrer Grundsätze und Gewohnheiten aufräumen kann. Nun staunen große Volkskreise und die Behörden sind erstaunt und erschreckt, was die krasse Gesetzesverletzung des Boykotts angerichtet hat, nachdem sie sie gefördert und beschützt haben. Luegers Methode hat die ganze Monarchie angesteckt, weil man einen vorbeugenden Schutz nicht für nötig hielt. Handelte es sich doch nur um diese Juden. Jetzt arbeitet man fieberhaft und angestrengt an Gegenmaßregeln. Vielleicht erhalten auch wir Juden durch diese ironische und empfindliche Rache der Geschichte das blanke Recht unserer Arbeit zurück, das uns unter dem Rufe gestohlen wurde: Kauft nicht bei Juden! I. Uprimny. Liberalismus i« Ungar«. In Ungarn ist nach einem langen Krisenjahr! wieder Ruhe und Frieden. Das Parlament ist wieder gewählt und tritt in einigen Tagen zusammen, um, wie es heißt, einige Zeit der ersprießlichen gesetzgeberischen Tätigkeit unter der Leitung „des großen Ministeriums" zu beginnen. Die liberale Partei hat zu bestehen aufgehört, und da Liberalismus und Antisemitismus zwei gar eng mit einander verbundene Dinge sind, dürste es von Interesse sein, wenn wir im Folgenden ein Zukunftsbild vom Antisemitismus und' dem Lose unserer ungarischen Glaubensbruder zu entwerfen suchen. Ungarn war von jeher im Verhältnisse zu den angrenzenden Staaten ein steihettlich gesinnter Staat. Möglich, daß das ungarische Volk die Toleranz schon aus seiner asiatischen Urheimat mitgebracht, daß friedliche. Gesinnung eine Eigenschaft seiner Rasse ist, wahrscheinlicher aber ist es, daß die Isoliertheit beider, der Ungarn und der Juden, inmitten der westeuropäischen Völker und die Anfeindungen, die beide von jeher zu erdulden hatten, ihre Gefühle begegnen ließ und sie fest aneinander kettete. Es steht unstreitig fest, daß Ungarn und Juden gemeinsame Züge und charakteristische Eigenheiten haben; die südliche Lebhaftigkeit, das empfängliche Gemüt, die rasch entflammte Begeisterung, endlich die melancholische Weichheit der Stimmung, die uns, ähnlich den synagogalen Gesängen der Juden, aus jedem ungarischen Volksliede entgegentönt. Auch hier wie dort wechseln Klagen mit Hoffnungsfreudigkeit, Klagen über „das arme einsame Ungarvolk" und frohe Zuversicht auf die Zukunft, die der „Gott der Ungarn" zum Guten leiten wird. Ganz wie bei den „Kinoth". Was immer auch die Ursache sein möge, so viel steht fest, daß in den rein ungarischen Gegenden, während des tausendjährigen Bestandes Ungarns auch nicht eine einzige Judenverfolgung zu verzeichnen ist. Diese waren zumeist in den von anderssprachigen Nationalitäten bewohnten Gegenden (Tyrnau,' Preßburg, Siebenbürgen) aufgetreten. Der Jude fühlte sich auf ungarischer Erde sehr wohl, was Wunder also, wenn er gar bald einer der eifrigsten Verfechter ungarischer Freiheit, ungarischen Patriotismus wurde. In Kriegszeiten war er immer auf ungarischer Seite als tapfe er Kämpfer zu finden, so auch im Freiheitsjahre 1848. Der Freiheitskrieg endete zu Ungunsten der Ungarn und so auch zu Ungunsten der ungarischen Juden. Die Gleichheit der Rechte, die ihnen Kossuth im 48er Jahre zugesprochen, wurde aufgehoben und erst im Ausgleichsjahre 1867 wurden sie als gleichberechtigte Bürger anerkannt. Das war der erste Schritt, der unter Deak's und Andrassy's Leitung entstandenen „liberalen Partei". Nach solchem Anfänge war es nun selbstverständlich, daß alle Juden ohne Ausnahme sich um die liberale Fahne scharten und nicht zum mindesten ihnen hatte es diese Partei zu verdanken, daß sie selbst in von Slaven, Rumänen, Serben usw. bewohnten Gegenden nahezu alle Mandate gewann. Doch die liberale Partei erfüllte nicht alles, was sie versprochen. Unter dem Kultus- und Unterrichtsminister Trefort begann ein frostiger antisemitischer Hauch die noch immer zarten Blüten wirklichen Freisinns welken zu machen. Juden wurden nur selten oder gar nicht mehr zum Unterrichte an Mittelschulen zugelassen, ja selbst in staatlichen Volksschulen wurden jüdische Bewerber um Lehrerstellen nur sehr selten berücksichtigt und alle Angelegenheiten, die den jüdischen Kultus betrafen, wurden stiefmütterlich behandelt. Damals ging den Juden ein Licht auf, das ihnen zeigte, die liberale Partei sei auch nicht das, was ihr Name bedeute und sie fingen an, zur Unabhängtgkeitspartei überzugehen, der Partei jenes Kossuth, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Losungswort hatte. Die Mitglieder dieser Partei betonten es auch bei jedem Anlasse, daß wirklicher Liberalismus nur bei ihnen zu finden sei. Die Rezipierung der jüdischen Religion als „vollberechtigte und anerkannte" im Jahre 1894, konnte diesen Ueberläufen keinen Einhalt tun, zumal seither, von dem Regime Szell's. protegiert, die antisemitische Volkspartei von Tag zu Tag an Terrain gewann (allerdings wieder nur in den nichtungarischen Gegenden) und offen antisemitische Reden zu führen begann. Herr Schneider hat also nicht ganz Unrecht, wenn er sagt, den Sieg der Koalition der oppositionellen Parteien über Tisza haben die Juden inszeniert; denn in Wirklichkeit war der Sturz der liberalen Partei in vielen Bezirken dadurch verursacht worden, daß die Juden den Kandidaten der Unabhängigkeitspartei unterstützten. Das war aber diesmal ein gewaltiger Fehler. Sie vergaßen den Umstand, daß in der Koalition auch die Volkspartei sitze, und „nicht - vergebens verbündet sich die Krähe mit dem Raben, er ist ja von einer Gattung" sagen unsere Weisen; das was früher das Motto der Unabhängigkeltspartei gegen die Angriffe der Liberalen war, nämlich, daß sie in Wirklichkeit nicht liberal sei, wurde an ihr zur Wahrheit. Die Volkspartei wurde überall lanciert und der Juden bemächtigte sich ein beengendes Gefühl im Angesichte der kommenden Wahlen! sollte doch die Volkspartei von der Unabhängigkeitspartei ungefähr 60 bis 70 Mitglieder ins neue Haus bringen. Eine Lueger-Aera schien für Ungarn zu kommen, mit der liberalen Partei schien auch der Liberalismus begraben. Die Tulpe, das Symbol des Ungartums, wurde von der antisemitischen Presse zum Symbol der Judenfeinde gestempelt und sollte zum Mittel einer Agitation gleich der „8vü k svemu" oder „Kauft nicht bei Juden" werden. Das ist jetzt besser geworden. Die Volkspartei hat von den 70 Kandidaten kaum 30 ins Parlament bringen können und auch diese nur dadurch, daß in vielen Bezirken (Baan, Kubin) die Juden aus Patriotismus gegen den panslavischen für den ungarischen Kandidaten stimmten, trotzdem dieser der antisemitischen Volkspartei angehörte. Von den jüdischen Kandidaten aber sind die meisten wieder gewählt worden, trotzdem die antisemitische Hetze Männer wie Visontai in ihren bisherigen Bezirken zu Falle gebracht hatte. Nicht weniger als 17 (nach den Stichwahlen vielleicht außerdem noch 2 bis 3) werden im neuen ungarischen Abgeordnetenhause sitzen, und wäre es nur zu wünschen, daß sie sich auch als Juden dort zeigen und für ihr Judentum eintreten. Ungarn aber ist auf seine jüdischen Bürger angewiesen, denn sie haben an ihnen treue, begeisterte Anhänger des Ungartums, wenn sie sie nicht von sich stoßen. Schon zeigt sich eine Spaltung im Rahmen der Unabhängigkeitspartei, in der es wirklich liberale Männer gibt, die mit reattionären Elementen für die Dauer

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