Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 20 (18.5.1906)
- Date
- 1906-05-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021677--15408-3040173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 20 Dr■ BlOCh 8 Jahrgang XXUI Zentralorgan für die gesamten IFnteressen des Ä7-S K. ft. Postsparftsffen-Amt Glearing-Derfeebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1. Merggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847. $-* Wim, 18. Mai 1906. — JErscbetnt jeden Freitag, z: Brief-Adresse: MUen. IX/1. Kerggasse 39. Telegramm-Adreffe: Wlocb's Mlocbenscbritt. Mlien. Judentums. O-* Befugapceia für Vrstrrrrirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gefpalkene Petttzetle 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Karl m Canossa — Liberalismus in Ungarn. — Der moderne Kampf um die Bibel. — Gegen die russische Anleihe. — Korrespondenzen: Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Rücktritt des Kultusvorstandes Ritter r. Taussig. Vize- Präsident der Kultusgemeinde kaiserl. Rat Moritz Hirsch gestorben. Die allgemeine hygienische Ausstellung in Wien. Graf Heinrich Coudenhove. Oesterreichlsch-Jsraelitische Union. Aufruf und Instruktion des Jnnerösterreichijchen Distriktskomitees des Verbandes Zion für die Schekeltage 1906. Israelitischer Frauen-Wohltätigkeitsverein für die Bezirke Mariahilf und Neubau in Wien. Karl Schurz. Szegedin. Die französischen Juden und das Trennungsgesetz. — Vermischtes: Kranzablö ungsspenden zugunsten der Chewra-Kadlscha :n Wien. Wien. Verein zur Beförderung der Handwerke uuter den inländischen Israeliten. Gedächtnisfeier für den sel. k. k. Kommerzialrat Herrn Ignaz Zucker. Theologischer Verein der Hörer an der Jiraelitisch-theologiscben Lehranstalt in Wien. St. Polten. Falkenau a. d. E., Jaroslau, Budapest, Braila, Ungarisch-Ostra. Straßnitz. Raudnitz a. d. E., Groß-Meseritsch, Berlin. — Feuilleton: Veränderte Lebensverhältnisse. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Karl in Canossa. Karl, der Zerschmetterer der Juden, Liberalen und Sozialdemokraten hat in ein paar Finger den Krampf bekommen. Und da er nun deutlich den Anfang des unabwendbaren Endes seiner Laufbahn als Jntriguant auf der politischen Bühne kommen sieht, raunzt er, statt wie sonst zu schreien, ist höflich anstatt zu schimpfen, verlangt er Gerechtigkeit, statt wie sonst die Gerechtigkeit höhnisch zu mißhandeln. Lueger ruft die Gesetze an, durch deren ungestrafte Verletzung er groß geworden ist! Lueger wird zum frommen Staatsbürger, wie eine Maitresse nach einem wie im Champagnerrausch durchflogenen Leben auf ihre alten Tage zur zerknirschten Betschwester wird. In der letzten Sitzung des Gemeinderates hat der Barrierestockfabrikant über den Terrorismus geweint, den angeblich die Sozialdemokraten gegen seine Anhänger durch geschäftlichen Boykott geübt haben, und unter dem Beifall der dahinschmelzenden Getreuen dringend ein Gesetz gegen diesen geschäftlichen Boykott verlangt. Selbst dem Blasiertesten verschlägt es da vor Erstaunen die Rede. Das sagt derselbe Mensch, dessen Erfindung der geschäftliche Boykott ist, nun klagt er, wenn die eigene Waffe ihm über den fleißigen Mund gefahren ist. Derselbe Lueger verlangt nach einem Gesetz gegen den Boykott, der nach den entsetzlichen Novembertagen in Rußland den Wiener Juden mit dem russischen Schicksal zu drohen sich erkühnte, und als man ihm seine Gelüste ein bißchen stutzte, sich zum humanen, gebildeten und würdigen Widerruf herbeiließ, die Juden sollen nicht erschrecken, man werde ihnen kein Haar krümmen, sondern nur bei dem altbewährten Grundsatz bleiben: Kauft nicht bei Juden! Kauft nicht bei Juden! war der erste und heiligste Kampfruf der christlichsozialen Horde, als sie angeblich in den Krieg gegen die Korruption auszog. Jetzt wälzt sie sich geradezu auf einem Düngerhaufen. Ins Maßlose vergrößert hat sie die Korruption, der sie mit einem Meineid Vernichtung geschworen hat. Wer kennt sie nicht, die traurigen Helden schmutziger Skandalprozesse, anrüchiger Unternehmungen, die wie Raubthiere an der Gemeindekrippe sitzen und es noch wagen, sich für den heiligen Georg zu geben, der den Drachen tötet, um das christliche Volk zu befreien? Wie ein Spuk aus vergangenen Zeiten konnte eine Partei entstehen, die sich auf die allergemeinsten Instinkte der Bestie im Menschen stützte, zur Schande unseres Jahrhunderts erhob sie sich über die Gesetze, unterdrückte hunderttausende verdienter Staatsbürger mit Hilfe der Behörden, die keine Kraft hatten, als der freche Ruf laut wurde und blieb: Kauft nicht bei Juden! Vor Weihnachten trommelte die christlichsoziale Partei stets ihre Getreuen zusammen, nur um ihnen einzuschärfe», sie möchten nicht bei Juden kaufen. Der beliebte Troubadour der christlichsozialen Frauenvereine, Prinz Alois Liechtenstein, bewies seine adelige Gesinnung und sang mit edler Leidenschaftlichkeit seine schönsten Weisen in diesen Versammlungen zum Zwecke des Boykotts. Die holdseligen Vorstandsdamen der Trägerinnen weißer Nelken auf dem Hut zeigten ihre frauliche Milde und Güte, ihr sanftes, christliches Herz, umrahmt von der Devise: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!", indem sie ohne Rücksicht, ob Familienväter zugrundegehen, mit hoher Stimme den Boykott der Juden verlangten. So oft die christlichsozialen Verdrehungen und Dummheiten auf irgend einer Tribüne verkündet wurden, stets war der Refrain das „Kauft nicht bei Juden!" Man schrie es in Wien, aus der Provinz hallte das Echo wieder. Und erst die christlich-soziale Presse! Die Hälfte ihres Berufes der Verhetzung war die Verkündigung des Boykotts gegen die Juden, in Artikeln, Notizen und Schlagworten. Unter dem Feuilleton des zu trauriger Berühmtheit gelangten „Deutschen Volksblattes" stand jeden Tag im Jahre mit fetten Buchstaben: Kaust nur bei Christen! Diese Aufforderung ist jetzt verschwunden, spurlos in Vergessenheit geraten. Denn Lueger hat Anhänger gefunden, nicht Anhänger der Gesinnung, aber Anhänger der Methode. Mit einer prächtigen Rache der Geschichte hat der Waffenschmied seinen ärgsten Feinden das Schwert geliefert. Skrupellose Gewalttätigkeit hat ihm den Weg gebahnt und die Gegner haben sich von seinen Erfolgen belehren lassen. Sie haben den Keil gefunden, der auf diesen Klotz paßt und sie sind leidenschaftlicher beim Vorwärtsdringen und Zusammenhalten als die Partei der Bankette, der Frömmelei und des Stumpfsinnes. Sie haben das Luegersche Kochrezept gefunden und brocken