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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-11 · 19 (11.5.1906) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
19 (11.5.1906)
Date
1906-05-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 314 2)u 38iocb v MocbenscdnN. Nr. 19 banden, erbt die jüdische Gemeinde. Löwinsohn hat zwei Kinder überlebt und auch die Frau ist längst tot." Der Major sah ,>ur Decke und zwirbelte den Rotbart: „Tja, das iS im Leben t-aßlich eingerichtet . . . Wenn unsereins stirbt, is immer 'ne bedeutende Nachkommenschaft da, um sich das Minus zu teilen. Und bei dem Kies, es is unglaublich, da erbt 'ne Gemeinde. Schade um dieses riesige Vermögen!" Die drei seufzten fast unisono, bewegten schüttelnd die eleganten Köpfe und sahen wieder still auf die Gitter des Kamins, das rotgolden aufglühte . . . Das Rauchzimmer nebenan lag ganz unter dicklichem Qualm. Unter der Eichendecke hing eine graublaue Nebclschicht, und wirre, blasse Schlangenlinien durchzogen langsam das Halbdunkel. In einem Ecksessel saß der Oberst; neben ihm Adjutant Graf Thun, sein militärischer Adlatus, und Rittmeister von Fröben. Der hagere Regimentssührer lehnte in der rechten Ecke des Fauteuils. In der fast absoluten Lichtlosigkeit des Raumes war die Spitze seiner glühenden Zigarre das Einzige, was man von seinem dürren Rassekopf deutlich sah. Nur seine Stimme hörte man; eine freundliche, gute Stimme mit einem etwas schmalzigen Hinterklang und von leicht ostpreußischem Akzenten. Um auch das zu hören, was er sagte, mußten sich freilich die beiden Nebensitzenden stark nach vorn beugen. „Ja, meine Herren, da geht eben wieder so 'n Stückchen Re . . . mentstradiiion hin. Lachen Sie nicht, es is doch so. Dieser alte Semit hat vor mehr als sechzig Jahren bei uns seine drei Jahre abjemacht. Und seitdem fühlt er die Verpflichtung. Hilft den Herren, wo er kann. Man ging einfach zu keinem andern, wie zu ihm. Mein Gott, mit 'nem braunen Lappen gelegentlich ist ja uns allen geholfen. Mal braucht man 'n Pferd. Oder 'n Kleid für 'n kleines Mädchen. Oder 'ne Wohnungseinrichtung. Na, und ich sage Ihnen, lieber Graf, der Mann war tiefbetrübt, wenn man versuchte, an ihm vorbeizukommen. Bald nach meiner Verheiratung war er auch bei mir. Wußte, daß ich nicht viel hatte und die Komtesse Brück, meine Frau, auch nich. Nu, und da hat der Alte mit mir gesprochen wie 'n Vater. Hol mich der Deibel, wie 'n Vater. Ob ich etwa Halsabschneidern in die Hände fallen wolle? Und er täte es ja auch nicht umsonst. Gott bewahre, aber wenigstens zu mäßigen Bedingungen. Nee, meine Herren, da kann nur der skeptisch fein, der die letzten fünfzig Jahre unsere Re . . . mentsgeschichte nich kennt. Auf die paar Pullen Wein und die anderen Fressabilien und den Doktor, den ich ihm ans Krankenbett geschickt Hab', kommt's wirklich nich an. Die nach uns kommen, werden noch oft an den Mann denken. Der Vater des Re . . ments .... ja, ja, 's Hilst nichts, bester Fröben, ... der Vater des Re . . ments war der olle Löwinsohn. Wir werden nimmer seinesgleichen sehn . . .!" Im Türrahmen stand ein Ulane, die Haken zusammen. Graf Thun sah ihn, lief auf ihn zu, ,prach mit ihm und kam wieder. „Herr Oberst, Meldung vom Oberstabsarzt Birk: Der alte Löwinsohn ist vor 'ncr Viertelstunde sanft entschlafen . . .!" Die scharfe Offiziersstimme hatte den intimen- Raum bis in die fernsten Ecken durchdrungen. Die anderen H r ren hatten sich von den Stühlen erhoben, drängten hinzu, lau'chtcn . . . Einen Augenblick war es so still, daß man hören konnte, wie im Kamin die dunkelrot flackernde Flamme an den Eichenkloben fraß. Dann erhob sich der Oberst und fuhr mit der rechten Hand über die runde Wölbung des mit grauen Haarstacheln bedeckten Schädels: „Nja ... na, er ruhe in Frieden! Er war ein Prachtkerl. Im übrigen darf ich rvohl erwarten, daß fich das Korps an den Kranzspenden recht zahlreich beteiligt. Der Verstorbene hat's um uns verdient. Und ich wünsche nicht, daß da gewisse Vorurteile . . . na, das brauch' ich in diesem Falle nicht erst zu erwähnen. Zum Begräbnis werde ich selbst gehen. Daneben bitte ich als offizielle Deputation die Herren Graf Thun, von Fröben, von Berndt und Prinz Trettach in Czapka und Waffenrock. Den übrigen Herren steht die Beteiligung natürlich gleichfalls frei. Ich danke Ihnen, meine Herren . . .!" Man schritt wieder von dem kleinen Hügel herunter, aus dessen runder Fläche mit den schmutzig-weißen Schneetnpsen und den niedrigen Häuschen zusammengewehter Vlätterrestchln jetzt eine imposante Erhöhung wirksam hervorstach. Ueber dem Erdfleck, unter dem seit einer Viertelstunde die Reste des alten Lvwinsohn gebettet waren, türmte sich eine stolze Schicht tiefgrünen Lorbeers. Kranz lag auf Kranz, so dicht aneinander, daß die runden Lorbeerringe auch noch um die Peripherie des frischen Grabes einen weiten, streng duftenden Kreis zogen. Das Weiß der breiten, mit goldenem Rankenwerk und dicken Buchstaben bestickten Seidenschleifen war schon mit kleinen, schmutzigen Flöckchen der aufgeworfenen Erde dicht besprengelt. Jetzt rollte, sich schon zum Gehen wendend, der lange Oberleutnant von Berndt mit der Spitze des in der Wintersonne blitzenden Lackschaftsstiefels ein Schleifenende auf, das in Goldschrist die Worte zeigte : „Herrn Abraham Löwinsohn, dem vortrefflichen Menschen, in treuem Gedenken das Offizierskorps des R. Ulanenregimentes." An der Spitze des kleinen Trauergefolges, das jetzt, den Pfützen des Weges sorgsam ausweichend, zu dem sich nach der Promenade der Kleinstadt öffnenden Gitter des Friedhofes hinabstieg, gingen der Oberst und der Rabbiner der jüdischen Gemeinde, aus deren Präsidium gleichfalls eine Deputation zur Bestattung des alten, ganz alleinstehenden Mannes entsandt worden war. Der kleine Doktor Goldbaum polierte mit der schwarzbehandschuhten Rechten immer seinen braunen Spitzbart und sah durch das beschlagene Brillenglas, etwas devot lächelnd, zu dem langen Aristokraten empor, der so hübsch und so melancholisch von dem Toten zu sprechen wußte, noch hübscher, als er selbst es in seiner mehr klugen, als empfindungsreichen Grabrede verstanden hatte. Auch die Zylinder der anderen „Vorstände" bewegten sich eng neben den Czapkas der sieben Ulanenoffiziere. Und als letzter der Gruppe schritt neben dem dunkelbärtigen Bankier Säger die kleine Durchlaucht. Man plauderte ganz leise, aber noch lebhafter wie die anderen Paare, und das glatte Rassegesicht des kleinen Feudalen war mit leichtem Rot überhaucht. Beim Abschied drückte man sich die Hände. Und Säger sagte mit tiefer Verbeugung: „Aber Durchlaucht, da braucht's doch keine Entschuldigung. Morgen zwischen zwölf und eins vormittags. Ich bin dann selbstredend sonst für niemand zu sprechen. . . . Die kleine Durchlaucht nickte und legte freundlich grüßend die Hand an die Czapka. Und schritt mit leisem Lächeln in den leichtsinnigen Augen, den klirrenden Säbel schleppen lassend, auf den mit einem prächtigen Apfelschimmel bespannten Selbstfahrer zu, mit dem ihm sein Bursche unweit vom Friedhvfsgitter erwartete. . . . Kitrratur. »Die Zukunft der Juden" betitelt sich eine kleine, künstlerisch ausgestattete Sammelschrift, die im Verlage von M. Lilienthal, Berlin, vor Kurzem erschienen ist. Die erste Auflage wurde sofort nach der Veröffentlichung vergriffen; nun erscheint das 3. und 4. Tausend. Diesen Erfolg verdankt das Werkchen einerseits dem lebhaften Interesse an der Judenfrage, das durch die grauenvollen russischen Judenmassakres hervorgerufen wurde, andererseits dem gediegenen Inhalte und der geschickten Wahl der Beiträge, welche teils wissenschaftlichen, teils politisch-sozialen, teils dichterischen Charakters sind. Trotzdem die Aufsätze von verschiedenen Autoren herrühren, läßt es sich nicht verkennen, daß die Schrift eine leitende Idee systematisch entwickelt. Max Nordau weist in seinem Beitrag „Das europäische Gewissen" auf die Gleichgiltigkeit der Großmächte angesichts der Judenverfolgungen hin. Daraus leitet Alfred Nossig in dem programmatischen Aufsatz „Das Judenschiff" die Notwendigkeit der Selbsthilfe für die Juden ab. Und zwar soll diese Selbsthilfe nicht in der Zerstreuung, sondern in geschlossener Ansiedlung der jüdischen Massen im Orient bestehen. Professor Otto Marburg beleuchtet wissenschaftlich die Eignung Palästinas und der Nachbarländer als Kolonifationsgebiet, Dr. A. Hantke gibt zum erstenmal ein zusammenfaffendes Bild alles dessen, was

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