Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Kjn srsi Seite 308 Oberrabbiners verliehen werde. Der Antrag des Vorstandes, an Stelle Dr. Ignaz Goldziher's den Rabbiner Doktor Julius W e i ß b u r g zum Sekretär zu wählen, wird einhellig angenommen. Vorsitzender Dr. Wein mann begrüßt in warmen Worten Dr. W e i ß b u r g, der sür die Begrüßung dankt. Die außerordentliche Generalversammlung zur Wahl des neuen Präsidenten wurde für den 20. d. M. anberaumt. Zum Schluß wurden Hofrat Sigmund K o h n e r (an Stelle weil. Sigmund B r o d y's), Abgeordneter Dr. Wilhelm Vazsonyi (an Stelle weil. Martin Schweige r's) und Alexander T s u k (an Stelle Adolf Sterntha l's) zu Ausschußmitgliedern gewählt. Bekanntlich war Magnatenhausmitglied Sigmund Kornfeld zum Nachfolger Kohner's als Präsident der israelitischen Kultusgemeinde ausersehen. Dieser hat jedoch auf das bestimmteste erklärt, daß er die Stelle nicht annehmen könne, da er nicht über so viel Zeit verfügt, als ein so verantwortungsvoller Posten erheischt. Dagegen würde er, falls Dr. Weinmann zum Präsidenten gewählt wird, die Stelle eines Vizepräsidenten gerne annehmen und als Auszeichnung betrachten. Die Landtagswahlen und die Juden in Kroatien- Slavonien Mit großem Interesse sah man in allen politischen Kreisen dem Ausgang der Wahlen entgegen. Wir Juden haben uns bisher zumeist an der Seite der Regierungspartei gehalten. Aber auch bei uns trat ein merklicher Umschwung eint Nach Berichten, die nahezu aus allen Wahlbezirken einlaufen, hat ein großer Teil der jüdischen Wähler für die oppositionellen Kandidaten gestimmt. Und es ist da eigentlich ganz gleichgiltig, welcher oppositionellen Partei oder Fraktion der betreffende Abgeordnete angehört. Die kroatischen Juden wollten demonstrativ bekunden, daß sie einer Regierung, die ein Gesetz im Landtage einbrachte, worin ein § 14 enthalten, der den Uebertritt aus einer christlichen Religionsgenossenschaft zur jüdischen mit der Motivierung verbietet: „Weil das patriotische Gefühl sich mit der jüdischen Religion nicht vereinbaren läßt!!" einer solchen Regierung ihre Unterstützung nicht mehr wollen angedeihen lassen. Der Bonus, Graf Pejacsevich, wird jetzt, nach diesen Wahlen, wohl zur Erkenntnis gelangen, daß man im Jahrhundert des Fortschrittes einen vom Geiste des schimmelnden Rückschrittes getragenen Paragraphen mit einer solchen uns Juden aufs tiefste verletzenden Klausel nicht ungestraft einbringt. Wohl wurde seinerzeit in Agram eine von vielen kroatischen Rabbinern und Gemeindevorstehern besuchte Protestversammlung abgehalten; der Erfolg dieses energischen Protestes gegen oberwähnten Paragraphen bestand in einer farblosen, gewundenen Erklärung von Seite des Sektionschefs Chavrak. Welche Folgen eine solche Tendenz zeitigt, hat uns nun diese Wahl gezeigt. Mögen nun die neugewählten Abgeordneten in der Landstube die Ueberzeugung mitn.ehmen, daß wir Juden stets bestrebt waren und sind, für das Wohl unseres geliebten Vaterlandes Opfer zu bringen, mögen sie aber auch die Ueberzcugung mitnehmen, daß das religiöse jüdische Gefühl sich nicht nur mit den patriotischen Gefühlen vereinbart, sondern uns von unserer Religion geradezu zur Pflicht gemacht wird. K u t i n a, 4. Mai 1096. Mathias Tauber, Bezirksrabbiner. Berlin. Ueber die Bedeutung des jüdischen Elementes in Amerika für die dortige Industrie machte gelegentlich eines Vortrages Landesgewerberat Dr. Dunker im Berliner Zentralverein für Handelsgeographie einige bemerkenswerte Mitteilungen. Rußland hat durch die Revolution bekanntlich viele Juden verloren, die sich nach Amerika gewendet haben und namentlich New-Iork aufsuchten. New-Iork kann sich jetzt einer Ziffer von dreiviertel Millionen Juden erfteuen. Da der amerikanische Außenhandel meist von Ausländern besorgt wird, wie Schotten, deutschen Juden usw., so ist es bei den Eigenschaften der jüdischen Kaufleute klar, daß auch die sehr betriebsamen russischen Nr. 19 Juden in diesem Außenhandel bald eine große Rolle spielen werden. Dr. Dunker schilderte die eingewanderten Juden als sehr vorwärtsstrebend, äußerst zäh und als überaus anpassungsfähig. Ihre Kinder sprechen deutsch und englisch, wenn auch nicht in der klassischen Form. Sie verwenden sehr viel auf die Ausbildung der Söhne, mehr als auf die der Töchter. Hier wächst ein Geschlecht heran, sagte Dr. Dunker, das geeignet ist, aus dem mittel- und südamerikanischen Markte dem europäischen Wettbewerb sehr gefährlich zu werden! Bo» der Lombroso-Feier und dem Kongreß für Kriminal-Anthropologie. Ueber den vielgefeierten Cesare Lombroso schreibt seine Tochter Paola Lombroso in der Montagsnummer des „Berliner Tageblatt^ („Der Zeitgeist"): „Er ist ein Demokrat von tiefster Gesinnungstreue. Sein Herz und sein Wort gehören stets den Armen, den Unterdrückten, den Ideen der Unabhängigkeit und der Fortentwicklung. Israelit der Geburt nach, Freidenker aus Ueberzeugung, ehrt er alle Religionen, ist er ein Gegner aller Priesterherrschaft. Er liebt die Jugend. Findet er unter seinen Schülern, unter seinen Assistenten einen jungen Gelehrten, der „Stoff in sich" hat — das ist ein Lieblingswort von ihm —, so hilft er ihm, soviel er vermag, in seinen Arbeiten. Er läßt nicht ab, ihn zu ermutigen, ihn mit Rat und Tat zu unterstützen, ihm die Wege znm Weiterkommen zu öffnen. Nur, daß man arbeite, verlangt er als Dank. Das ist natürlich, denn er selbst ist ein gewaltiger Arbeiter. Nichts stört ihn, nichts kann ibn verwirren; er hat seine Bücher geschrieben, während wir Kinder neben ihm lärmten, und er ist heute noch imstande, den unterbrochenen Gedankengang einer Abhandlung gerade da wieder aufzunehmen, wo er innehielt, als er sich vor Stunden oder Tagen vom Schreibtisch erhob. Dabei bedarf er keiner Reizmittel und keiner Erfrischung; früher trank er gern Kaffee, Wein hat er nie genossen " Er ist am 18. November 1835 in Verona geboren. Sein Vater hieß Aron Verrara, seine Mutter Zipora Levi. Der Festakt in der Aula Magna der Universität Turin zur Feier des 25jährigen Profefforen-Jubiläums Lombrosos trug den Stempel südlicher Lebhaftigkeit und Zwanglosigkeit, der dem an die Förmlichkeit und die steife Ordnung deutscher akademischer Akte Gewöhnten besonders auffiel. Die Studenten füllten stehend in dichtgedrängten Reihen den vorderen Teil des Saales, vor Beginn der Feier schwatzend, während des Verlaufes ihre Lieblinge unter den Rednern durch lauten Zuruf begrüßend. Wie schon kurz gemeldet, sprachen u. a. Max Nordau und Enrico Fern. Beide Männer sind schon äußerlich sehr interessante und auffällige Erscheinungen. Nordau eine mäßig große starke Gestalt mit einem mächtigen Kopf, der von einem langen schneeweißen Barte umrahmt ist. Er ist ein eleganter Redner, klar, mit einem immer gleichbleibenden Tempo und einer Stärke der Stimme, wie man sie dem alten Herrn kaum zugetraut hätte. Fern verfügt über eine gewaltige Wucht, die ihn selbst ungestüm immer weiter fortreißt. Gegen diese Erscheinungen verschwinden fast zwei andere Männer, die im Mittelpunkt des Interesses stehen: der Präsident Magnaud vom Tribunal in Chateau-Thierry, als „bon juge“ bekannt, der die Forderungen des menschlichen Empfindens denen des starren Buchstaben des Gesetzes voranstellt, ein zierlicher, aber unscheinbarer Mann, und der Jubilar Lombroso selbst, ebenfalls von kleiner Gestalt, dessen ovales Gesicht durch einen grauen Spitzbart und durch eine große Brille charakterisiert wird. Unter den wenigen Geschenken, die dem Jubilar zugekommen sind, besitzt eines hervorragenden Kunstwert: Die Reliefplatte Bistolfis mit der Allegorie auf die Lebensarbeit des Gelehrten. Es war keine leichte Aufgabe, ein Sinnbild für „Genie und Wahnsinn" zu schaffen. Der Künstler setzte in die Mitte des Reliefs die Dementia, eine Frauengestalt mit lang aufgelösten Haaren und Zügen, die aufs äußerste bewegt, aber nicht verzerrt sind, links davon eine Gruppe Wahnsinniger, deren Geisteszustand Bistolfi wirksam, aber mit Maß kennzeichnet, rechts von der Dementia das Genie in zwei Gestalten. Die eine führt den Stift, das Antlitz der anderen leuchtet von einem göttlichen Abglanz. Auffällig ist es, daß unter den Teilnehmern am Kongreß Deutschland ganz besonders schwach vertreten ist, weit schwächer z. B. als Holland und Belgien. Und doch ist die deutsche Dr. Dlocv's Mocvenscbrtn.