Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021676--15396-3040160- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 306 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 19 auf sie zu feuern. Jedoch waren letztere derart aufgeregt, daß sie immer weiter vorwärtsfchritten. Dann feuerten die Soldaten auf sie. Unglücklicherweise wurden dabei drei Muselmänner erschossen und mehrere verwundet. Herr Graham und Salar-es- Sultan wohnten dem Kampfe bei. Da die Priester gewahr wurden, daß sie gegen unsere Glaubensgenossen nichts vermochten, so wollten sie wenigstens den Muselmännern verbieten, ihnen Lebensmittel zu verkaufen. Nach einem Tag wurde das Verbot aufgehoben. Der Generalgouverneur war so menschenfreundlich und verschaffte der jüdischen Bevölkerung Brot. Auch wurden von diesem Tage an auf den Wunsch des Herrn Graham die Frauen und die Greise in der Schule untergebracht und die Schule wird seitdem von Kosaken und Soldaten bewacht. Der Herr Konsul brachte selbst drei Nächte in der Schule zu. Am Sonntag den 19. November schloß Herr Veneziani die Schule für eine Dauer von zehn Tagen. Am 30. November erließ S. E. Muchirad-Daula dank der Vermittlung der Minister Frankreichs und Englands einen Erlaß, laut dessen die jüdischen Schüler nicht belästigt und vergewaltigt werden dürfen. Seither herrscht Ruhe in der Schule. Jedoch wagen sich unsere armen Glaubensgenossen nicht aus dem jüdischen Stadtteil, da sie immer befürchten, sie könnten mißhandelt werden. Besonders unheilvoll sind die hier zwangsweise vorkommenden Bekehrungen, deren Folgen sich für die Familien der Bekehrten als höchst verhängnisvoll erweisen. Da Golpaygan weit von jeder Verbindung mit der Regierung liegt, so können die Juden gegen die Unterdrückung, der sie preisgegeben sind, keine Beschwerde führen. Noch vor einigen Tagen flehten mich zwei dortige Juden wegen einer von einem Priester an ihnen verübten Gewalttat um Hilfe an. Vor sechs Monaten hatte sich nämlich eine Jüdin zum Islam bekehrt; durch Vermittlung eines Priesters verlangte sie die Auszahlung der Erbschaft eines verstorbenen Onkels. Durch beständige Drohungen will der Priester die beim Judentum verbliebenen Geschwister dazu veranlassen, auf ihr Erbteil zu Gunsten der Abtrünnigen zu verzichten. Zwei von ihnen, auf die ich oben hinwies, denen es gelang, zu entfliehen, erzählen mir, wie ihre Brüder eingesperrt und ausgeplündert, wie ihre Schwestern gequält und geschändet worden waren. Daß ihnen Gerechtigkeit widerfahre, ist nicht zu erhoffen, da die Priester nach Belieben schalten und walten. Ich habe an den Minister des Aeußern ein Gesuch gerichtet und ihn darum gebeten, den Juden, die gleich den Muselmäunern, sich als treue Untertanen des Schahs erweisen, seinen Schutz angcdeihen zu lassen und den betreffenden Klageführern zu ihrem Rechte zu verhelfen.- Persien ist eben das europäischeste Land unter allen islamischen Staaten. Korrespondenzen. Das Resultat der antisemitischen Gemeindewirtschast in Wien. Die erste empfindliche Wahlniederlage der Antisemiten in Wien. Die am letzten Mittwoch vollzogenen Gemeinderatswahlen für den vierten Wahlkörper zeigen den Anfang des Niederganges der antisemitischen Parteiherrschaft in Wien. Den Sozialdemokraten gelang es trotz der intensivsten Agitation der herrschenden Machthaber, nicht nur die in ihrem Besitze befindlichen drei Mandate der Bezirke Favoriten, Ottakring und Floridsdorf zu behaupten, sondern noch vier andere in den Bezirken Margarethen, Meidling, Rudolfsheim und Brigittenau hinzu zu erobern. Sie haben damit ein Drittel der zur Besetzung gelangenden Mandate gewonnen und ein achtes Mandat, das von Simmering, wurde nur mit einer geringen Stimmendifferenz verloren. Erwägt man, daß die jüdischen Wähler leider nur in sehr geringem Maße zur Wahl gingen und deswegen gerade die mehr von Juden bewohnten Bezirke nahezu kampflos den Antisemiten in die Hände fielen, so wird man die Bedeutung des letzten Wahltages als eine wichtige Etappe auf dem Wege zur schließlichen Ausrottung eines bildungs- und freiheitsfeindlichen Regimes würdigen. Dem interessanten Wahlaufrufe der sozialdemokratischen Partei entnehmen wir folgende Daten über das Resultat der Gemeindewirtschaft der Wiener Antisemiten: Sparsamkeit im Gemeindehaushalt haben sie versprochen und schon in den ersten sechs Jahren haben sie die Schuldenlast der Gemeinde mehr als verdreifacht und zu den in den dreißig Jahren liberaler Herrschaft aufgelaufenen Anlehen von 165.000.000 Kronen 375 000.000 Kronen neue Schulden dazugemacht, so daß die Bevölkerung Wiens jährlich 20 Millionen Schnldzinsen zahlen muß. Ermäßigung der Steuern haben sie versprochen und sie haben in den Jahren 1898 und 1905 die Landesumlagen bis auf 30 Prozent um volle 8 Prozent erhöht und so der Bevölkerung Wiens jährlich um 6,500.000 Kronen mehr Umlagen auferlegt und außerdem im vorigen Jahre die neue Lueger-Steuer von 4 Millionen auf Bier eingeführt, um den ch r i stlichfozialen Gemeinderat Wiens vor dem dräuenden Defizit zu retten. Die Rettung des kleinen Mannes haben sie versprochen und nach dieser Rettung wurden vom Wiener M a g i st r a t e wegen rückständiger Stenern nicht weniger als 278.000 Pfändungsanfträge erlassen, wovon 48.000 Pfändungen nicht durchgeführt werden konnten, weil die von Herrn Dr. Lueger „Geretteten" gar nichts Pfändbares mehr befaßen! Befreiung und Förderung der Arbeiter haben sie verheißen und die städtischen Arbeiter zu den ausgebeutetsten, geknechtetften Sklaven entwürdigt und all die tausend und tausend anderen Arbeiter mit ihrem teuflischen Hasse verfolgt und ihr Führer Lueger hatte sogar die Frechheit, alle diese Arbeiter „Lumpen" zu schimpfen. Schätzer aller gebildeten Stände haben sie sich, genannt, aber die Lehrer haben sie gemaßregelt und korrumpiert, die Maler sind ihnen Leute, „die ein paar Jahre angestrichen haben", die Professoren werden von ihnen Bildungsprotzen geschmäht und von den Aerzten erklärte der Bürgermeister Dr. Lueger, „d a ß s o ein Arzt leicht die Wiener Schülmadeln zu genau untersuchen könnte", wenn man in Wien Schulärzte anstellte. Roheit, Unkultur, Gemeinheit und Niedertracht drücken allen ihren Handlungen den Stempel auf. Roheit und Härte haben sie für die Armen, mit Terrorismus und Brutalität werden alle ihre Bediensteten behandelt, mit Beschimpfungen und Verleumdungen überschütten sie alle jene, die sich ihrer Despotie nicht willenlos beugen; sie selbst aber verzehren sich fast in Habgier und Neid über sich selber. Mit wahrer Gier stürzen sie sich über den Gemeindesäckel her und suchen jeder so viel als nur möglich eiligst daraus zu schöpfen und zu beuten. Unerschöpflich sind sie in der Erfindung neuer Aemter und Pöstchen, neuer Funktionen und Kommissionen, wo Gehalte, Diäten, Zehrgelder, Fahrspesen und Kommissionsgebühren für sie oder ihre nächsten Verwandten hcrauszuschinden sind, und alle mitsammen dann schwelgen im Genuß verschwenderischer Festgelage auf Kosten der Stadtkasse, die ächzend und stöhnend die armen Steuerträger wieder füllen müssen. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. In der am 2. Mai a. c. abgehaltenen Generalversammlung gedachte zunächst der Präsident Dr. Josef Freiherr von S e i l l e r des am 7. Juli dahingegangenen Ehrenpräsidenten Hofrat Prof. Dr. Nothnagel, welchem in den Nummern 28 und 51 der „Wochenschrift" die entsprechende Ehrung zu Teil geworden sei. Hierauf wurde durch den Schriftführer des Ver-