Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021676--15395-3040159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19 Dr. JSlocb’s TWlocbenscbrttt Seite 305 gewesen ist und von der modernen levantinischen Zivilisation noch nichts exi stierte. Wohl ist seither manches anders geworden; aber in den physikalischen Verhältnissen, im Klima und in den verschiedenen Gesichtspunkten, unter denen die Frage zu untersuchen sein wird, ob Palästina ein für die Besiedelung durch eine moderne, dichtere Bevölkerung geeignetes Land sei, ist keine Aenderung eingetrettn. Sie wissen alle, daß Palästina ein sehr kleines Land ist, nicht größer als Wales, und daß ein gewöhnlicher Schnellzug von Dan bis Beerscheba etwa drei Stunden brauchen würde. Es umfaßt nur 6000 Quadratmeilen (zirka 15’6 Quadratkilometer) wcstlich, 4000 Quadratmeilen (zirka 10 4 Quadratkilometer) östlich des Jordans, 4000 Quadratmeilen in Syrien und im Libanon-Gebiet. Das sind unbestreitbare, unbestrittene Tatsachen; aber Palästina ist nicht kleiner geworden; es hat heute genau denselben Umfang, wie in jenen Tagen, wo es von einer großen Bevölkerung Ihrer Väter bewohnt war. Wenn man deshalb die Angaben der Heiligen Schrift für wahr hält, muß man beipflichten. daß Palästina eine zahlreiche Bewohnerschaft aufnehmen und erhalten kann, es sei denn, daß inzwischen eingetretene, klimatische Veränderungen dies zur Unmöglichkeit machen. Augenblicklich ist seine Bevölkerung nur sehr gering: etwa 600.000 Seelen im Lande, respektive 1,000.000, wenn man Syrien im Norden hinzurechnet. Bei meinen Besichtigungen des ganzen Landes und der Untersuchung der alten Ruinenstädte schätzte ich die Bevölkerung in jenen Tagen des Gedeihens auf m i n d e st e n s 10,000.000 Seelen mehr, als gegenwärtig. Ich bin den verschiedenartigen Ansichten über Palästina begegnet. Die einen meinen, es besteht nur aus Sand und Palmenbäumen, andere, es seien nichts als Steine vorhanden. Wenn diese Leute im Herbst nach Palästina gegangen sind und Jerusalem und Hebron besuchten, dann haben sie Palästina von seiner schlechtesten Seite kennen gelernt und den unfreundlichsten Teil des ganzen Landes besichtigt. Wären sie aber im April oder März dorthin gereist, dann hätten sie ein völlig verschiedenes Palästina vorgefunden: in dieser Jahreszeit ist die ganze Ebene von Saron mit Gras und den sogenannten Saronrosen, Narzissen, rotem Fingerhut, Federnelken :c. bedeckt, und wenn sie das Jordantal aufwärts gepilgert oder im Osten das Gilead-Gebirge hinangestiegen wären, dann würden sie einen ganz anderen Eindruck von den landschaftlichen Schönheiten Palästinas gewonnen haben. Sie waren in England an grüne Felder und Hecken gewöhnt und dachten, jedes Land mit Felsenbildung sei unfruchtbar. Sizilien und Griechenland waren ebenso felsig und sahen ebenso unsrnchtbar aus. wie Palästina; aber man konnte ihnen gegenüber nicht dieselben Einwände erheben, wie in den ersten Tagen der zionistischen Bewegung, wo ausdrücklich betont wurde, Palästma sei unbewohnbar. Der großartige Erfolg der palästinischen Kolonien ließ erkennen, daß dieses Land von einer beträchtlichen, ackerbautreibenden Bevölkerung bewohnt werden kann. lNach einer eingehenden Schilderung der physikalischen Kennzeichen des Landes lesprach Redner dessen Geschichte, die Eroberungen durch die Babylonier, Assyrier, Perser, Griechen, Römer. Kreuzritter, Türken und führte dann weiter aus:) Meine Ansicht über die Zukunft Palästinas in bekannt. Angesichts der Tatsache, daß die das Heilige Land umgebenden Nationen, Egypten, die Türkei und Europa, allesamt den Wunsch haben, dasselbe zu besitzen, wird, wie ich glaube, keine derselben einweiligen, es irgend einer Macht zu überlasten. Somit bleibe kein anderer Weg übrig, als Palästina zu neutralisieren, und die beste Neutralisierung würde in der Rückgabe an seine rechtmäßigen Besitzer, an die Juden, bestehen Aus diesem Grunde habe ich die zionistische Bewegung stets begünstigt. Es wurde von dem „unveränderlichen" Osten gesprochen, und doch ist im Osten alles in ewigem Wechsel. Es ist wahr: die Türken haben bisher keine Anstalten gemacht, abzuziehen und sie werden sich der Bildung eines neutralen Staates oder der Errichtung einer jüdischen Heimstätte im Lande in stärkster Weise widersetzen. Aber es muß daran erinnert werden, daß nichts so hoffnungslos aussah. als die babylonische Gefangenschaft, ehe sie ihr Ende erreichte. Die Türken hatten versucht, dem allmählichen Eindringen europäischer Zivilisation Widerstand entgegenzusetzen, aber das gelang ihnen nicht und jetzt sind sie selbst gezwungen, Eisenbahnen zu bauen, und das Projekt einer Eisenbahn nach Akabah, an der Mündung des gleichnamigen Meerbusens, ist in dieser Hinsicht besonders interessant. Diese Anzeichen eines bei den Türken sich geltend inachenden Fortschrittes erledigen die eine der gegen den Zionismus erhobenen Einwendungen. Ein anderer Einwand, auf den bereits hingewiesen wurde, bezog sich auf den Umfang Palästinas. Wenn man bedenkt, daß es früher eine Bevölkerung von zehn Millionen ernährt hat, so ist es absurd, anzunehmen, daß Palästina, weil es jetzt bereits beinahe eine Million ernährt, nicht noch eine fernere Million ernähren könnte. Ich habe das Wachstum des Zionismus während langer Jahre verfolgt und viele Jahre dürften noch vergehen, ehe dessen Ideale sich verwirklichen werden. Aber wenn eine Bewegung eine Wirklichkeit in der Zukunft sein soll, dann muß diese Bewegung auf Wirklichkeiten in der Vergangenheit gegründet sein, und Palästina ist die einzige wirkliche Heimat des jüdischen Volkes; an Palästina und an kein anderes Land unter der Sonne sind seine nationalen Erinnerungen für immerdar geknüpft." Ueber die Blutmischung in den französischen Adelsfamilien schreibt ein Feuilletonist im „Berliner Tageblatt": „ . . . Sehr spaßhaft ist der förmliche Wutschrei eines Pariser Blättchens, das mit einemmale die Entdeckung gemacht hat, die ganze französische Aristokratie sei auf dem besten Wege, sich zu „industrialisieren". Denn von Jahr zu Jahr mehre sich die Zahl der Träger der ältesten, schon in den Kreuzzügen rühmlichst bekannten Namen, die ihre Lebensgefährtinnen unter den Töchtern reicher Kaufleute wählten. Und besagtes Blättchen führt zum Belege dafür eine kleine Liste auf, die wirklich ganz lesenswert ist. Wir erfahren da, was wir allerdings teilweise schon wußten, daß die Herzöge von Wagram und von Gramont Schwiegersöhne des verstorbenen Frankfurter Rothschild find, daß die Herzöge von Richelieu und von Elchingen Heine'sches Blut in ihren Adern haben, und daß der Marquis de Lentillac, der Vicomte de Quelen, der Baron de Baxe dadurch Schwäger geworden sind, daß sie drei Schwestern Oppenheim heirateten. Vier frühere Fräulein Haber, deren Heimat wohl im Baden'schen zu suchen ist, find jetzt: Marquise de Grouchy, Gräfin Legrand de Villiers, Gräfin de Behague und Gräfin de Kerjegu. Die Marquise de Salignac-Fenelon hieß mit ihrem Mädchennamen: Hertz, die Marquise de Las Marmies: Jacob, die Marquise de Bretuil: Fould, die Vicomteffe de la Panouse: Heilbronn, die Marquise de Noailles: Lachmann — und so geht es munter in infinitum weiter. Ja, durch die Heirat einer Mademoiselle Cahen d'Anvers mit dem Prinzen von Faucigny-Lucinge, einem Enkel des Herzogs von Berry und Urenkel des Königs Karl X.. hat die internationale Finanzaristokratie sich sogar mit dem stolzen 5,ause der Bourbonen verschwägert. Von dem Grafen Cahen d'Anvers, dessen neunzackige Krone aus Rom stammen soll und der der Vater der eben genannten jungen Dame war, erzählt man sich übrigens eine sehr niedliche kleine Geschichte. Ursprünglich hieß er nur Cahen und den Namen seiner Vaterstadt Antwerpen hatte er sich gewissermaßen zur Abrundung seines eigenen beigelegt. Als er nun richtiger Graf geworden war, ließ er allmählich das Cahen auf Kosten des d'Anvers mehr und mehr zurücktreten. In Köln gab er einmal bei dem witzigen Baron Oppenheim eine Vifitkarte ab, auf der stand: ..Le Gönne C. d’Anversil . . . Herr v. Oppenheim erwiderte seinen Besuch prompt mit einer Karte, die da lautete: „Le Baron 0. de Cologne“ .... Juden in Persien. Ueber ernste Unruhen, die in Shiraz im Laufe des Monats November 1905 entstanden, berichtet ein Korrespondent an das Zentralkomitee der Alliance IsraSlite Universelle folgendes: Unsere Glaubensgenossen in Schiras waren jüngsthin einer ernstlichen Gefahr ausgesetzt. Die Muselmänner, durch die Priester gehetzt, überfielen das jüdische Stadtviertel, zerstörten und plünderten das schönste Haus und einige Juwelengeschäfte. Sobald er davon hörte, begab sich Herr Veneziani zum Generalgouverneur, der den jüdischen Stadtteil von Kosaken und Soldaten bewachen ließ. Der englische Konsul, Herr Graham, und der lokale Gouverneur Salar-es-Sultan stellten die Ordnung wieder her. Es geschah dies am 15. November. Am folgenden Tag fing es aber wieder an. Die Menge warf mit Steinen auf die Juden. Herr Graham eilte herbei, und dank seinem tatkräftigen Auftreten wurden die Aufwiegler zurückgedrängt, es waren aber inzwischen drei Juden verwundet worden. Da die Lage immer noch eine bedrohliche war, wandte sich Herr Veneziani wiederum zum Generalgouverneur, der sofort das jüdische Stadtviertel durch Truppen sperren ließ. Am anderen Morgen stürmten über 200 Personen in das Stadtviertel. Die Kosaken und die Soldaten konnten aber diesmal der Meuterer nicht Herr werden. Die Truppenbefehlshaber schritten, den Koran in der Hand, voran und schwuren, daß sie den Befehl erhielten, falls die Muselmänner näher rücken sollten.