Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 302 2>r. Dlocv's Mocvenscvnn. Nr. 19 Von einem begründeten Eingreifen der Fremd enpolizeiM ist in keiner Hinsicht die Rede. Weder Leute von verdächtigere politischer Gesinnung, noch solche kommen in Betracht, welchG der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen. Russisches Revolutionäre sind nicht so dumm, sich in einem Staate. niederzulaffen, welcher mit ihrem Stiefvaterlande Aus- ' lieferuugsverträge hat und sie mit einer Begeisterung erfüllt, die einer freiheitlicheren Sache würdig . wäre. Und gegen Arme ist erstens die Grenzsperre eiugeführt und kurze Gastrollen weniger Versprengter werden von den Hilfsvereinen kurzerhand beendet, damit sich die Polizei nicht einmischt. Auch keine volkswirtschaftlichen Bedenken unterstützen die Maßregel der Ausweisung. Kaufleute, die Verbindungen mit Rußland haben, können dem deutschen Handel nur förderlich sein. Weiters ist es ein Ruhm für jede Universität, möglichst viel internationales Publikum herbeizuziehen. Die russischen Studenten verzehren überdies ein hübsches Geld im Lande und kehren nach der Promotion immer in die Heimat zurück, weil sie iu Deutschland für ihre Existenz fürchten müssen. Auch in der Arbeiterfrage erweist sich die auf eigene Faust durchgeführte Alien-Bill der Berliner Polizei als ein Anfall blinden antisemitischen Kollers. Der Abgeordnete Bebel hätte es nie gewagt, die jüdisch-russischen Arbeiter zu verteidigen, wenn sie auf dem heimischen Markte eine empfindliche oder schmutzige Konkurrenz wären. Es sind aber seine eigenen Worte, daß die paar lausend jüdischen Arbeiter unter den b/4 Millionen der Berliner Arbeiterschaft verschwinden und daß niemals gehört wurde, daß sich einer der Ankömmlinge der Lohudrückerei schuldig gemacht habe. Vorsehung am Arbeitsmarkte zu spielen, ist der preußischen Polizei auch niemals eingefallen. Sie läßt ja sogar unter sanitären Gefahren zehntausende polnisch-russischer Sachsengänger über die Grenze, damit die preußischen Junker billige Kräfte für ihre Güter und Fabriken gewinnen, und kümmert sich keinen Deut um Gesinnung der Ankömmlinge oder um den Vorteil der eingeborenen Arbeiter. Um auch den letzten Schatten einer Begründung zu verscheuchen, kam bei dieser Gelegenheit zur Sprache, daß die Polizei einem Ausgewieseneu den höchst moralischen Antrag stellte, ihr gegen gutes Geld in Rußland Spionendienste zu leisten, und ihm einen falschen Paß ausstellte. Die preußische Moral braucht also vor niemand anderem geschützt zu werden, als vor ihren Hütern. Uugeheuchelte Brutalität also auf der ganzen Linie, die Polizei als Vollstrecker der Gesetzlosigkeit unter dem Beifall von konservativen Junkern und anderen Antisemiten, welche nie die Gelegenheit versäumen, ihre Rückständigkeit zu beweisen. Diese Rückständigkeit behaupten nicht nur die „verjudeten" Sozialdemokraten und die „verjudeten" Freisinnigen, sondern es hat auch das alles eher als judensreundliche Zentrum durch seinen Redner Spahn bei einer früheren Gelegenheit erklären lassen: „Der Ausländer genießt nicht den Schutz unserer Gesetze, aber die Kulturanschauungen, die in unserer Verfassung niedergelegt sind, haben wir zu beachten auch gegenüber den Ausländern. Wenn diese auch keinen Rechtsanspruch gegen den Staat haben, so hat doch der Staat Pflichten gegen seine Ehre und sein Ansehen. Es ist ein Stück alter Barbarei, das in unserem modernen Staatswesen existiert, daß ein Mann, der nicht zur Nation gehört, hier vogelfrei ist." Und weiter hat sich Herr Spahn noch ausdrücklich auf seine verstorbenen Parteigenossen Windthorst und Lieber berufen, die ausdrücklich dafür eingetreten sind, daß Ausländer im Deutschen Reich anständig behandelt werden. Wieder einmal zeigte es sich so, daß die Antisemiten aller Schattirungen ihren Launen und Gelüsten viel eher Rechnung tragen, als der Ehre und dem Interesse des Staates, und daß sie ihren Patriotismus heucheln. Auch ihre Religiosität, wie chnen Bebel mit höhnischen Worten zurief, indem er sie an Moses III., 19 erinnerte: „Wenn ein Fremder bei Euch wohnen will, sollt ihr ihn nicht schinden." Die Gegenüberstellung glänzender jüdischer Ethik "zur germanischen hat das deutsche Sozialistenorgan „Vorwärts" schämig unter den Tisch fallen lassen. Fürchten "etwa die jüdischen Redakteure des „Vorwärts", die sozialdemokratische Parteipolizei werde ebenso Vorgehen wie die staatliche Berliner? Ein solches Ehrenzeichen der eigenen Kultur darf man schon herzeigen, und es ist geradezu ein Mißtrauensvotum für die Genossen, wenn man sich nicht traut. Es ist aber auch die richtigste Antwort für den Abgeordneten Lattmann, der im Anwachsen des jüdischen Geistes eine Gefahr für sein Volkstum sieht. Die einzige Gefahr besteht aber nur für die Juden. Die einflußreichen jüdischen Kreise haben ihre Fürsprecher zu den Behörden geschickt, um vielleicht doch das grausame Schicksal von den 6000 bis 7000 Existenzen abzuwenden, die sich vor den Wutausbrüchen der russischen Reaktion zur deutschen Gastfreundschaft geflüchtet haben und hier auf Gesinnungsgenossen der russischen Beamtenschaft gestoßen sind. Die Vermittlung war nutzlos. Die preußische Polizei behält ihre absolutistische Gewalt im Reiche der Denker und Dichter und gibt über ihre Ukase nicht einmal Auskunft. Der einzige richtige Weg wäre wie immer nicht die Bittstellerei einzelner gewesen, sondern das einheitliche, politische Vorgehen der Gemeinden und Korporationen. Ueber vielen ihrer Mitglieder hängt ja das Damoklesschwert. Sie hätten Versammlungen und Resolutionen aufzeigen und die jüdischen Vertreter im Landtag hätten nach dieser Unterstützung das Wort ergreifen sollen. Letztere haben das verabsäumt. Daraus sieht man wieder einmal, was jüdische Vertreter mit fremder Parteizugehörigkeit wert sind. Vielleicht ist diese Lehre der karge Gewinn, den uns die traurigen Berliner Vorgänge bringen. I. U p r i m n y. ch * * Nahezu am selben Tage, als im deutschen Reichstag über die barbarische Mißhandlung der Fremden und die empörende Verletzung des Gastrechtes durch die preußische Regierung öffentlich verhandelt worden, hielt im Wiener Verein zur Abwehr des Antisemitismus Dr. M. Grunwald einen Vortrag „Zur Psychologie und Geschichte des Blutwahnes". In der Einleitung behandelte er die Stellung Israels zu den anderen Völkern einerseits und zu dem Fremden, welcher auf seinem staatlichen Territorium weilte, andererseits, und seine Ausführungen haben durch die Verhandlungen im deutschen Reichstag nunmehr ein besonders aktuelles Interesse gewonnen. Dr. Grunwald sagte: Die Gedenkblätter unseres Volksstammes, oft blutig gefärbt, wissen nie davon zu erzählen, daß er selbst in der Zeit seiner Blüte, auf der Höhe nationaler und staatlicher Machtentfaltung je versucht hätte, fremde Länder aus Eroberungssucht mit Krieg zu überziehen, andere Staatskörper unter seine Botmäßigkeit zu bringen. Wenn es in der Geschichte üblich wäre, diejenigen Völker auszuzeichnen, welche nicht der Versuchung erlagen, die nationale Existenz schwächerer Nachbarn mit Gewalt und List zu bedrohen, so müsse man Israel die Palme reichen. Nach Kriegsruhm und blutigem Siegeslorber trug es keine Gelüste. Vielleicht liegt hierin eine der Ursachen seines staatlichen Unterganges. Da es nicht der Hammer zu sein verlangte, so ist es der Ambos für alle geworden. Israel hat auch niemals einen Religionskrieg, d. h. einen Krieg mit dem Ziele, anderen Völkern seine religiöse Ueberzeugung aufzudrängen oder aufzüzwingen, zu unternehmen versucht. In der heiligen Schrift findet sich der Ausdruck „Gotteskrieg" — die Schrift versteht darunter einen Krieg, in welchem Gott für Israel kämpft, niemals aber einen Krieg, den der Mensch für Gott unternommen hätte. Religionskriege, Kriege, für welche die Religion Ursache oder Vorwand abgegeben hat, waren dem gesamten Altertum ftemd und auf dem Boden einer politheistischen Gottesauffassung ausgeschlossen. Als noch so viele Götter ihre Kultusstätten neben