Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 19 (11.5.1906)
- Date
- 1906-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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'-t'lt: '—ir Mhd.-anr..^ > Ur. 19 Dr. Bloch’s Jahrgang IWI Zentcaloroan für die gesamten Interessen des Wien, 11. Mai 1S06. — LrscbeLnt jeden Freitag Brief-Adresse: Mlien, IX/1. Werggasse 39. Telegramm-Adresse: WlocD's Mockensebritt. MNen. ^-g M. ft. Po flsparftaffrn-Amr Llearlng-Verkebr Nr. SI0.S76. Redaktion und Administration:' Wien lX/i. Lerggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847. V-:-« Judentums. «-« I Bezugspreis für Vrsterreirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für s Susland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt: L e i t a r t i k e l: Die Massenausweismifl russischer Juden in Berlin. — VomJahrmarkt des Lebens: Prinz Hohenlohe der neue Ministerpräsident. „Die Zukunft Palästinas". Juden in Persien. — Korrespondenzen: DaS Resultat der antisemiti scheu Gemeindewirtschaft in Wien. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Graf Stefan Karoly gegen den Antisemitismus Baden, Prag, Budapest. Die Landtagswahlen und die Juden in Kroatien-Slavonien. Berlin. Von der Lombroso-Feier und dem Kongreß für Kriminal-Anthropologie. Des Herzogs von Sachsen-Meiningen Stellung zum Judentum. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien. Verein zur Beförderung der Handwerke uut;r den inländischen Israeliten. Allgemeiner Kranken- und Unterstützungsverein „Montefiore", Teplitz, Lemberg, Jglau, Mährisch-Schönberg, Olmütz. Verband der Rabbiner Mährens und Schlesiens. Budapest, Straßnitz, Rabbiner-Jubiläum. Aufruf des Hilfskomitees für jüdische Abbrändler in Snyatin. Berlin, Philadelphia. Ein Schreiben des Präsidenten Th. Roosevelt. — Feuilleton: Der alte Löwinsohn. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die Massenausmeisung russischer Juden i« Kerli«. Das Junkertum ist die preußische Form des Größenwahns? Von Zeit zu Zeit gerät er in einen wilden Ausbruch. Ein solcher hat jetzt stattgefunden und ein paar Hundert armer Schlucker, ein paar Wohlhabende dazu, die, dumm genug, hinter den Adelstiteln auch den Adel vermutet hatten, die nicht etwa um Großmut und Gastfreundschaft ersuchten, sondern das kleinste und allgemeinste Recht des Aufenthaltes mit rechtlichen Mitteln in Anspruch nahmen, wurden nicht anders als schmutzige Hunde von einem Kulturstaate tief beleidigt, verjagt und zum größten Teile ins Elend getrieben. „Sadistische Launen" hat der Abgeordnete Bebel die Massenausweisungen russischer Staatsbürger aus Berlin genannt, die im Einverständnis des Polizeipräsidiums mit dem preußischen Minister des Innern erfolgten. Die beiden verantwortlichen Herren, die ihren Befähigungsnachweis vielleicht als Rittmeister der Tanzhusaren oder als Drittchargierte in einem feudalen Korps erbracht haben, scheinen tatsächlich während ihrer Laufbahn alle menschlichen Begriffe verloren zu haben. Ist es denn von einem normalen Menschen denkbar, daß er ohne jeden Grund Familienväter mit ihren Kindern, harmlose Frauen um ihr bitter verdientes Brot bringt, sie erbarmungslos in die Not jagt? Ohne den geringsten Grund. Das muß festgehalten werden für den Beweis zukünftiger Geschichtsschreiber, daß Preußen im zwanzigsten Jahrhundert an kultureller Rückständigkeit mit Rußland schmachvoll konkurrierte. Graf Posadowsky, der in Vertretung des kranken Reichskanzlers über die letzten Heldentaten der Polizei interpelliert wurde, die ihre Hennig-Blamage mit einem billigen Lorbeerkranze bedecken wollte — Posadowsky hat mit der Allmacht junkerlicher Kraft geprahlt, als er die Beantwortung mit fadenscheinigen Gründen der Formalität ablehute. Nichtsdestoweniger wurde die Interpellation besprochen und festgestellt, daß nicht die Spur einer Berechtigung für die ritterlich deutsche Tat an den Gästen der Stadt Berlin hätte gezeigt werden können. Diese Tat ist aber erst noch -er Beginn einer Reihe gleicher Maßnahmen. Das Polizeipräsidium hat sich geäußert, daß alle russischen Arbeiter, die seit 1904 in Berlin ansässig sind, hinaus müßten, ob sie sich nun einwandfrei geführt hätten oder nicht, ob sie Arbeit hätten oder keine. Woher dieses Eisen in der Stirne? Man rempelt seinen russischen Nachbar doch nicht an, mit dem man durch Sonderverträge stark in die Lieb' gegangen ist; man bringt sich nicht in den Ruf eines groben Herbergsvaters, wo so viel eigene Kinder in der Fremde sind. All dies kann sich Preußen jetzt erlauben und noch mehr. Denn es handelt sich bloß um die kleinste Scheidemünze, um ein Nichts der Politik, um die Juden. Was zufällig im großen Rummel mit erwischt wurde, hat bloß Malheur gehabt wegen des verdächtigen Familiennamens oder einer Nachlässigkeit der Registraturbeamten. Gemeint waren und bleiben aber bloß die Juden, wie der Polizeipräsident einer vermittelnden Deputation rund heraussagte. Alles, was er zugestand, war die rechtzeitige, humane Verständigung der Hilfsvereine, damit rechtzeitig Hilfe geschafft werden könnte. Der Gute! So erspart er menschenfreundlichst die Schubkosten. Das ist keine geringe Ersparnis bei den 6000 bis 7000 Köpfen, um die es sich handelt. Der größte Teil davon sind Arbeiter, dann gibt es viele Studenten, wenig Kaufleute. Diese Leute sind nicht nur völlig schuldlos, sondern der preußische Staat könnte sich nur gratulieren, wenn er lauter solche Bürger hätte. Der Dünkel der betreffenden Würdenträger hat sie das prachtvolle Wort vergessen gemacht, daß der Mensch das kostbarste Kapital des Staates sei. Ein Minister des Innern, der seine Pflicht gewissenhaft erfaßt, muß freudig Leute begrüßen, die sich musterhaft aufführen und direkte und indirekte Steuern bezahlen. Daß dies der Fall sei und daß eine schreiende Ungerechtigkeit in Berlin im Gange ist, nachdem sie wahrscheinlich in irgend einem hinterpommerschen Jagdschloß von einem Donkosaken an der Weichsel angeregt wurde, hat der Abgeordnete Bebel in einer groß angelegten Rede bewiesen. Es ist bezeichnend, daß die Interpellation von Sozialdemokraten eingebracht und verteidigt wurde, trotzdem diese Partei im Judenpunkt sehr vorsichtig ist. Das ist ein Beweis, daß nur das blanke Recht zu verteidigen war.