Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-04 · 18 (4.5.1906) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021675--15387-3040150
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■jrr*Ti,iri<riF*,w*"ffw—* A3fcgLassBaggg»'.^—> ©eite 396 ♦ Der Killelyrarm. Erzählung von Babette Fried, Prag. (Schluß.) IV. Einige Tage später finden wir Rosa an dem Krankenlager ihres Mannes. Der Killetyrann war nahe daran, einem noch strengeren, unerbittlichen Tyrannen, als er selbst es war, seinen Tribut zu entrichten. Seine Krankheit war soweit vorgeschritten, daß die Auflösung nicht lange mehr ausbleiben konnte. Rosa erkannte, daß es hauptsächlich eine Wirkung seines alten Leidens war, was ihren Gatten so griesgrämig und unduldsam machte, und in dieser Erkenntnis entschuldigte und vergab sie ihm alles Leid, das er ihr zugefügt, sogar die Verfolgungen, mit denen er den Rabbiner gequält hatte. Nicht so nachsichtig wurde er von anderen beurteilt. Die Dienstboten, denen er stets ein strenger, unnachsichtiger Herr gewesen, bewiesen sich sehr lässig in der Pflege des Kranken, ließen ihn oft stundenlang allein liegen, ohne ihm eine Erquickung zu reichen. Die Freunde, welche ihm nur allzuwillig Dienste geleistet hatten, wo es galt, dem verhaßten Rabbiner einen Streich zu spielen, diese sogenannten Freunde stoben auseinander wie Spreu im Winde, als es hieß, daß der Allgefürchtete nicht mehr zu fürchten sei: So hätte er traurig und verlassen, sreud- und trostlos sein Leben beschließen müssen, wenn nicht sein Weib zurückgekehrt wäre und ihm jede Erleichterung verschafft hätte, welche sein Zustand erforderte. Als Doktor Adler kurz zuvor durch den redseligen Schamis von der Verlaffenheit seines Gegners vernommen hatte, da wurde er sich sofort seiner Pflicht bewußt, an dem Krankenlager seines Gemeindemitgliedes zu erscheinen und dem Leidenden Trost und Mut zuzusprechen. So wollte er es auch bei Hofmann halten. Jedoch der Trotz des Killetyrannen war weder durch Krankheit noch durch Verlassenheit gebrochen worden, und so weigerte er sich, den Besuch des Rabbiners anzunchmen. Als dieser sah, daß er selbst nichts zur Linderung des traurigen Zustandes beitragen konnte, daß all sein guter Wille noch immer arg verkannt wurde, reifte in dem edlen Manne der Entschluß, Rosa aufzusuchen und an ihre Pflicht zu erinnern. So war sie auf deffen Wunsch in das Haus ihres Mannes zurückgekehrt, das sie einstmals in der festen Absicht verlassen, es niemals wieder zu betreten. Ein Freudenstrahl war über das abgehärmte Gesicht ihres Gatten gehuscht, als Rosa an der Hand des Arztes in sein Zimmer getreten war und ihn gebeten hatte, das Vorgefallene zu vergeben und zu vergessen, sie wolle durch treue Pflege alles, alles wieder gut machen. Jetzt saß sie an seinem Bette und hielt seine abgezehrten, fieberheißen Hände in den ihren. Ihre unerwartete Rückkehr hatte den Kranken aus der Lethargie gerissen, in welcher er die letzte Zeit hindurch hinlebte. Er lauschte andächtig ihren Erzählungen und warf hie und da eine Frage auf, so daß Rosa sich der Hoffnung hingab, es werde ihrer treuen, aufmerksamen Pflege gelingen, den Kranken zu retten. „Und wem verdanke ich es eigentlich, daß Du zu mir zurückgekehrt bist, um mein Lebensende zu verklären?" „Wie, Du weißt es nicht? Er kam also nicht in Deinem Aufträge?" „Wer? Wen meinst Du, liebes Kind „Nun er, der Rabbiner, Doktor Adler," sprach Rosa bebend. Sprachlos vor Erstaunen, vor Schrecken riß Hofmann seine Hand aus der seiner Frau. Erst nach einer geraumen Weile, während welcher Rosa wie eine Schuldbewußte mit niedergeschlagenen Augen dagesessen, brachte er vor Aufregung stammelnd die Frage hervor: Nr. 18 „Warum tat er dies, was hatte er dabei für Absicht?" Der finstere Zug von ehemals trat bei diesen Worten wieder über sein bereits vom Todesengel gezeichnetes Angesicht. „O, verkenne diese Absicht nicht, mein Freund! Es war die beste, edelste, ihm dauerte Deine Verlassenheit und er wollte Abhilfe schaffen, indem er mich zu Dir berief." „Er ist ja mein Feind." „Er war es niemals. Du, Du warst es, der ihn verfolgt hat, Du kränktest ihn, so viel Du konntest. Aber keinen Vorwurf darüber, mein Freund! Was geschehen ist, ist vorüber und möge niemals Deine Ruhe trüben." „Warum aber kommt er jetzt nicht zu mir?" „Weil wir uns das Versprechen gegeben haben, uns nie mehr zu sehen." Erleichtert atmete der Kranke auf. Die Erwähnung Doktor Adlers hatte auf Hofmann wie lähmend gewirkt. Kraftlos ließ er sich in die Kissen des Bettes sinken und schloß die Augen. Die Besserung in dem Befinden des Killetyrannen war nur eine scheinbare gewesen. Es war das letzte Aufflackern einer verlöschenden Lampe. Gar bald stellten sich die früheren beängstigenden Zustände wieder ein, so daß er selbst, trotz der gegenteiligen Versicherung seiner treuen Pflegerin Rosa, sein Ende herannahen fühlte. So fragte er diese einmal ganz unvermittelt: „ob sie ihm auch alles Leid vergeben habe, das er ihr zugefügt und das sie zur Flucht aus seinem Hause veranlaßt habe." „Zu verzeihen ist es an Dir, denn ich war es, die gegen Dich gefehlt hat. Ich hätte wissen sollen, daß Deine Launen nur eine Folge Deiner Kränklichkeit seien, ich hätte ihnen Geduld und Sanftmut, wie es dem Weibe ziemt, entgegensetzen sollen, anstatt fahnenflüchtig zu werden." Befriedigt und beruhigt von dieser Antwort sagte Hofmann : „Ich nehme an, daß es so ist, wie Du sagst, und daß wir uns gegenseitig nichts vorzuwerfen und zu verzeihen haben und daß ich in Frieden von Dir scheiden kann. Aber jemand lebt hier, gegen den ich ein himmelschreiendes Unrecht begangen habe, der es mir aber in seltenem Edelmut mit Gutem vergalt. Diesen Mann möchte ich vor meinem Ende noch sprechen um seine Verzeihung zu erlangen." , Trotzdem Rosa recht wohl wußte, von wem ihr Mann spreche, so frug sie ihn dennoch: „Wer ist dies, mein Freund?" „Als ob Du es nicht wüßtest, mein Kind! Du willst mir mit dieser Frage nur Beschämung ersparen und mein Bekenntnis erleichtern. Schicke zu dem Rabbiner, ich lasse ihn bitten, mich noch im Laufe des heutigen Tages zu besuchen." Und er kam. Was die beiden Männer in der stillen Krankenstube besprochen haben, mußte sehr ernster Natur gewesen sein; denn ein feierlicher Ernst lagerte auf den Gesichtszügen des Rabbiners, während das Angesicht des Kranken ein zufriedenes Lächeln umspielte. So fand ihn Rosa, als sie hineingekommen war, um ihm die vorgeschriebene Medizin zu reichen. „Komme her, mein Kind," sprach Hofmann seine Frau an, „und laß mich Dir die frohe Mitteilung machen, daß der Herr Rabbiner mir alles Unrecht, das ich ihm zugefügt, vergeben habe, und zum Zeichen dessen mir versprochen hat, meinen Herzenswunsch zu erfüllen, damit ich über Deine Zukunst beruhigt in ein besseres Leben übergehen kann. Er hat mir gelobt, Dich nach Ablauf des Trauerjahres zu seiner Gattin zu machen und Dir das Glück zu bieten, das Du in meinem Hause nicht gefunden, trotzdem Du es verdient hast." Nach diesen Worten faßte er die widerstrebende Hand der jungen Frau und legte sie in die des still und bleich dastehenden Rabbiners. Wenige Tage später war Hofmann von seinem Leiden erlöst. Als nach Ende des Trauerwoche die Eröffnung des Testamentes erfolgte, war alles höchst erstaunt darüber, daß das in den letzten Lebenstagen verfaßte Testament die über- Dr. Bloch's WoürrnjULrtft. Feuilleton

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.