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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-04 · 18 (4.5.1906) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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mmsm »MMUIt. Fi Seite 292 Dr. Vlocb's MocbenscbrtN. Nr. IS das Verlassen des Staatsgebietes ohne Ausweisung empfohlen werde, damit die Hilfsorganisationen, ihrem Zweck entsprechend, Unterstützungen mit Rat und Tat gewahren und dazu beitragen könnten, daß die Abwanderung sich ohne Schwierigkeiten und tunlichst ohne Härte im einzelnen Falle vollziehe. Der Herr Minister behielt sich vor, über den ihm ferner vorgetragenen Wunsch zu entscheiden, ob und wie weit etwa die seit dem Jahre 1904 hier zugezogenen russischen Arbeiter, die hier ausreichenden Unterhalt gefunden und sich einwandfrei geführt hätten, unter die Kategorie der hier zu belassenden fremdbürtigen Personen aufzunehmen wären. Gegenüber der Anregung, es möchten d i e russisch-jüdischen Arbeiter hier belassen werden, deren Verbleiben im Interesse mancher einheimischen und an Arbeitermangel leidenden Industrien liege, erklärte der Minister, daß es bei den allgemeinen Bestimmungen über die Zulassung fremdbürtiger Arbeiter sein Bewenden haben müsse. Der Minister sagte ferner bereitwilligst zu, daß etwaige Jrrtümer, die bei der Handhabung der ministeriellen Vorschriften in einem Berliner Vorort vorgekommen sein möchten, Korrektur finden sollen. Die Vertreter der Hilfsorganisationen, die prinzipiell die Rücknahme des ganzen Vorgehens dringend erbeten hatten, sprachen die Hoffnung aus, daß die Handhabung der ministeriellen Vorschriften gemäß den Intentionen des Herrn Ministers vom Geiste des Wohlwollens getragen sein möchten. Korrespondenzen. Die Wächter der Sittenreinheit. Ein antisemitischer Edelmann. Meister Stampiglius ist eine Säule der antisemitischen Partei, welche angeblich die jüdische Korruption bekämpft. Herr Ernst Schneider ist der Typus seiner Genossen. Wir wissen alle, daß es eine durch ihre Unsauberkeit, ihre Unmoral, ihre Gemeinheit ekelerregende Partei ist. Viele ihrer Führer sind durch den Gerichtssaal geschleift worden, sind wegen unmoralischer Verbrechen und Vergehen für alle Zeiten gezeichnet Das hindert sie aber nicht, sich immer wieder als die Retter Oesterreichs und des christlichen Volkes aufzuspielen, sich in die Brust zu werfen, die Frauen zu Kreuzzügen gegen die Juden aufzurufen und die ganze Kulturwelt durch ihr Geschrei zu terrorisieren. Sie sind zwar schon eingehend genug beleuchtet, namentlich ihr Hauptmann, der Stampiglienfälscher Schneider. Aber diesem streitbaren Helden der christlichen Tugend möge man nun das Ehrendiplom überreichen. Er geht von Wählerversammlung zu Versammlung, gegen die Juden zu zetern. Dazu gehört eine eiserne Stirne, wenn man liest, mit welchem Heldenstück der reiche Geschäftsmann den antisemitischen Rekord der Moral geschlagen hat, wie das „Wiener Montags-Journal" berichtet: Der Mann mit dem Judenschußgeld hat einen Sohn und hat es ruhig geschehen lassen, daß sein hoffnungsvoller Stammhalter eine brave Familie erst finanziell ruinierte und dann dem Elend preisgab. Herr Vergani weiß zwar die Geschichte, aber da antisemitische Abgeordnete Ehrenmänner bis ins vierte Geschlecht bleiben müssen, dürfen die Lumpereien des Herrn Schneider jun. nicht aufgedcckt werden. Der Sohn des Herrn Schneider ist eigentlich in der Oeffentlichkeit nicht unbekannt. Da er nichts gelernt hat, war er aus dem besten Wege-, eine politische Karriere zu machen. Er begann als Agitator für die Partei des Herrn Papa und leistete in dieser Branche ganz Ansehnliches. Freilich blühte das Geschäft nur zur Wahlzeit, und da Herr Schneider weder Stampiglien erzeugen noch das zweite ehrsame Gewerbe seines Vaters, die Mechanik, ausüben wollte, andererseits aber sehr noble Passionen hatte, kam er auf einen weit rentableren .Erwerbszweig.. Er wurde Protektor von Juden. Mau muß nicht denken, daß er sich plötzlich zum Philosemiten gehäutet hat. Nein, er war nur als Protektor nicht. Antisemit, d. h. er nahm Geld von Juden, die sich an ihn gewendet hatten, um vermeintlich Vorteile zu erzielen. Schließlich kamen sie um ihr Geld, denn Schneider jun. hatte nicht die richtigen Beziehungen. Mit einem Male sah sich der Herr Abgeordnete von einem Heer jüdischer Geldgeber und Kaufleute umringt, die alle ihr Geld wollten und die nicht einen Heller erhielten, weil der Herr Abgeordnete klüger war als sie und vor seinem Sohne — in der „Wiener-Zeitung" warnte. Sonst blieben die beiden aber die alten. Der Vater fand nun, daß es Zeit sei, daß sein Sohn etwas werde und er brachte ihn zur Südbahn. Einige Monate hielt er sich ganz gut, schon aus dem Grunde, weil er heiraten wollte. Er lernte in Mödling ein junges Mädchen aus guter Familie kennen, mit dem er sich verlobte. Die Mutter desselben war eine verhältnismäßig wohlhabende Frau, besaß nur das eine Kind und gab diesem 20.000 Kronen und räumte dem Ehepaar eine Wohnung in dem hübschen Häuschen in Mödling ein. Wenn sich die Mutter des Mädchens über den Schwiegersohn vorher erkundigt hätte, wäre die Partie schwerlich zustande gekommen, aber ihr schien es unmöglich, daß der Sohn des großen Antisemiten ein Lump sein könne. Sie sah es leider zu spät ein. Schon einige Wochen nach der Hochzeit, die vor etwa 1V2 Jahren stattfand, begann Schneider jun. neuerlich seinen liederlichen Lebenswandel. Die Mitgift wurde in sinnloser Weise vergeudet, ganze Nächte kam er nicht nach Hause und während die Gattin ihn in banger Sorge erwartete, trieb er sich in Wien mit Dirnen in den Nachtlokalen herum. Und wenn er erst am nächsten Abend nach Hause kam und sie ihm Vorwürfe machte, bekam sie Prügel. So begann die Ehe des Herrn Schneider jun. Wie sie endigte, wollen wir nun erzählen. Die 20.000 Kronen wurden vergeudet, ohne daß der moralische Herr Abgeordnete eingeschritten wäre. Gegen alle Vorstellungen der Mutter seiner Schwiegertochter blieb er gefühllos und unterzog sich nicht einmal der Mühe, seinem sauberen Sohn den Text zu lesen: ------ Dieser trieb es immer ärger. Erst fuhr er im Fiaker, natürlich mit seinen Geliebten, dann war ihm dieses Vehikel nicht fein genug und er kaufte sich ein Automobil. Den Dienst vernachlässigte er natürlich und wurde von der Südbahn davongejagt. Die Mitgift war längst aufgebracht und um Skandal zu vermeiden, zahlte die Schwiegermutter solange die Schulden, bis sie selbst völlig mittellos dastand. Selbst darnach gab Schneider sein Lasterleben noch nicht auf, zechte die Nächte hindurch und besoff sich derart, daß er dem Säuferwahnsinn nahe war. Und daheim saß die junge, unglückliche Frau mit dem Kinde, das sie unterdessen geboren hatte. Die Fürsorge des Abgeordneten bestand bloß darin, - daß er die Aufnahme des Sohnes in ein Trinkerasyl durchsetzte; um die unglückliche Familie kümmerte er sich nicht. Diese ist völlig ruiniert und das Häuschen in Mödling wirft nicht einmal so viel ab, um das knappe Leben zu fristen. Vor einigen Wochen verließ Schneider jun., von der Trunksucht geheilt, die Anstalt. Statt ein neues Leben zu beginnen und für Weib und Kind endlich zu sorgen, nahm er seine Maitresse und ging bei Nacht und Nebel nach Amerika durch. Es sind nun einige Wochen vergangen und man bekam kein Lebenszeichen von dem Betrüger. Sein Zweck, die Familie auszuplündern, war vollkommen erreicht und er hatte weiter hier nichts zu suchen. Die gerichtlichen Schritte sind eingeleitet, werden aber erfolglos bleiben. Was nun den wackeren Herrn Abgeordneten betrifft, hat er bisher keinen Finger gerührt, um der im Unglücke zurückgebliebenen Familie zu helfen. Solange sie Geld hatte, kannte er sie, jetzt, wo sie arm ist, stellt er sich auf den Standpunkt, daß das, was sein Sohn getan habe, ihn nichts angehe. Er denkt, mit der Warnung im Amtsblatte auch die betrogene Schwiegertochter abfertigen zu können. Man muß solche Taten niedriger hängen, um die Summe der Moral zu beleuchten, die in dieser moralischen Partei herrscht. Freilich, Herrn Schneider wird das wenig genieren, er hat eine dicke Haut und läßt sich auch andere Dinge ruhig ins Gesicht sagen.

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