Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 &U JBlocb's MlocbenscvrM. Seite 291 ähnlicher Weise frühere „Pazifikatoren" nach Bauernrevolten oder Attentaten verübt hatten. Witte hat dabei nicht einmal die Entschuldigung, unter dem Eindruck einer furchtbaren Katastrophe oder in der Abwehr von Gefahren gehandelt zu haben. Er selbst war es, der aus Tücke und nach überlegtem Plane das Land zuerst zu revolutionären Erhebungen drängte, um dann die Blut- und Eisenkur anwenden zu können. Man erinnere sich bloß der Vorgeschichte des Moskauer Ausstandes! Wer anders hat diesen veranlaßt als Witte, der, mutig gemacht durch das Erlöschen des Telegraphistenausstandes, einen Handstreich gegen die Arbeiterorganisationen ausführte, alle Arbeiterdelegierten, alle sozialistischen Schriftsteller, zuletzt auch demokratische Politiker zu Haus gefangennehmen ließ, um das Proletariat der Widerstandskraft zu berauben, den erst beginnenden Ausbau seiner Organisation zu vereiteln. Die eben verkündeten Grundgesetze versprachen dem Arbeiter Freiheit der Person, der Presse, der Versammlungen, indessen wurden fast alle sozialdemokratischen Zeitungen verboten, alle sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Organisatoren eingesperrt, und wo sich in größerer Gesellschaft Freunde des Fortschritts zusammenfanden, erschien die Polizei und holte alles in den Kerker heim. Was blieb nach solchen Provokationen übrig, als Gewalt gegen -Gewalt zu setzen? Aber der Kampf in Moskau endete mit dem Siege der militärischen Uebermacht. Nun hatte man, was man brauchte: den Anlaß zum allgemeinen offiziellen Morden. Der Kriegszustand breitete sich über das ganze Land aus, Füsilladen, Brandschatzungen, Einäscherungen, Massenauspeitschungen erfüllten Rußland mit Not und Tod. Nun beginnt ein neues, womöglich noch trüberes Kapitel der russischen Geschichte, und ein Schauspiel wird sich vor den Augen Europas abwickeln, welches kaum ein Beispiel hat in der Geschichte der Völker. Die Pariser Finanzmänner jammern: „Das Zarentum hat nicht einmal die Nespektsfrist für nötig gefunden, welche es der Selbstachtung und der Achtung der Anlehenskontrahenten schuldig gewesen wäre". Mit Unrecht! Seit wann hat ein schnöder Wucherer auf respektvolle' Behandlung Anspruch erhoben? Das jüdische Viertel in San Francisco vom Erdbeben zerstört. In London traf aus New-Iork nachstehende Kabelmeldung ein: „Schreckliche Szenen spielten sich in San Francisco in den von russischen Juden bewohnten Straßen ab, wo die einstürzenden Häuser in einigen Augenblicken Hunderte unter ihren Trümmern begruben." Ferner wird gemeldet, daß sämtliche Synagogen, jüdischen Spitäler und Wohlfahrtsanstalten teils eingestürzt, teils eingeäschert seien. Das von dem Erdbeben zerstörte San Francisco zählt 25.000 Juden. Die ersten Juden, die nachweislich in San Francisco einwanderten, waren Raphael und Benjamin Fischer, die im Jahre 1817 nach Amerika kamen, später aber wieder in ihre Heimatstadt Kempen (Provinz Posen) zurückkehrten. Bald gelangten Juden in der mächtig aufstrebenden Stadt — 1846 zählte sie nur 600, 1849 bereits 20.000 und 1890 schon 300.000 Einwohner — zu hohen Ehrenstellen: Abraham C. Labatt war bereits im Jahre 1851 Ratsherr, Joseph Shannon Kämmerer von San Francisco. Bereits im Jahre 1852 schickte die Stadt die Juden Elkan Heidenfeld und Jsaae Cardoza in die gesetzgebende Körperschaft, lieber die Entwicklung der jüdischen Gemeinde läßt sich folgendes sagen: 1849 wurde zum erstenmale gelegentlich der hohen Feiertage in einem gemieteten Zimmer Gottesdienst abgehalten und zwar unter Leitung von Joel Noah, einem Bruder des bekannten Mordechai Noah, der bereits vor 100 Jahren einen eigenen jüdischen Staat errichten wollte. 1854 gründete Dr. Eckmann die Sabbatschule und rief im folgenden Jahre die erste jüdische Zeitung:' Gleamer (Sammler) ins Leben, der dann später die Zeitungen: ..Boice of Israel" und „Jewish Messenger" folgten. — Der unbhängige Orden Bnei Briß wurde im Jahre 1855 durch Lewis Abraham aus Washington nach San Francisco verpflanzt. Die erste Loge erhielt den Namen Ophir XXI. Die Großloge V des U. O. B. B. wurde im Jahre 1863 durch Baruch Rothschild organisiert, ihr erster Präsident war Jacob Greenbaum. Eine Chewra-Kadischa entstand im Jahre 1857...Das erste jüdische Waisen- und Altersheim eröffnest im Jahre 1874, "von Dr. Elkan Cohn begründet, seine Pforten; in ihm befinden sich zur Zeit 250 Waisen und 50 Greise. Im Ganzen zählt jetzt die Stadt 12 jüdische Gemeinden: 5 größere und 7 kleinere, weiter 69 jüdische Institute einschließlich des Mount Zion-Hospital (gegründet 1888) und 11 Logen des U. O. B. B. Die größte Berühmtheit erlangte der einstige Bürgermeister Josef S u t r o, einer der bedeutendsten amerikanischen Ingenieure. Geboren im Jahre 1830 in Aachen, besuchte er daselbst die vorzüglichen polytechnischen Schulen, um in noch jungen Jahren die technische Leitung der ausgedehnten Wollwebereien seines Vaters zu übernehmen. Aber durch die Revolution des Jahres 1848 verarmte die Familie und wurde gezwungen, nach Amerika auszuwandern und sich im Jahre 1850 in Baltimore anzusiedeln. In demselben Jahre jedoch bewog die Entdeckung der Kalifornischen Goldfelder Sutro dazu, nach San Francisco zu gehen, wo er geschäftlich tätig war, bis mehrere Jahre später die Entdeckung der Minen in Nevada ihn dahin zog. Er prüfte dort die Felder und gründete bald in Dahton Nevada eine Stampfmühle zur Ausscheidung der Silbererze, die von technischen und finanziellen Erfolgen begünstigt war. Das Problem der Konstruktion eines Tunnels als Durchgang durch den Comstockpaß, in welchem durch die große Hitze, die aus der Tiefe der Schachte emporstieg, jede Arbeit unmöglich war, wurde von Sutro gelöst. Im Jahre 1864 reiften seine Pläne. Nach einigen erfolgreichen Anstrengungen, amerikanische und europäische Kapitalisteu für sein Unternehmen zu interessieren, gründete er am 4. Februar 1865 The Sutro Tunnel Company, nachdem er von dem Kongreß die erforderliche Konzession erhalten hatte. Die Konstruktion des Tunnels, in der Nähe von Sutro, einem Dorfe in dem Carson River Tal, wurde am 19. Oktober 1869 begonnen und am 8. Juli 1879 beendet. Der Hauptschacht ist 12 Fuß breit, 10 Fuß tief, 20.500 Fuß lang und befindet sich 1600 Fuß unter der Erdoberfläche. Im Jahre 1879 löste er seine Verbindungen mit der Gesellschaft und kehrte nach San Francisco zurück, wo er während der Kearuhaufstände und Sand-lot Agitation seine ganze Kraft einsetzte, um wieder geordnete Verhältniffe zu schaffen, da er die allgemeine Hoffnungslosigkeit und das Mißtrauen in die Zukunst der Stadt nicht teilte. Auch der materielle Erfolg dieser Zuversicht blieb nicht aus; durch die Terrains, die er während der Unruhen erwarb, wurde er einer der reichsten Leute des Pacific-Abhangs, ungefähr den größten Teil des Gebietes von San Francisco nannte er sein Eigentum; einschließlich Sutro Heights, welche er in einen prachtvollen öffentlichen Park verwandelte, der nach seinem Tode das Eigentum der Gemeinde wurde. Im Jahre 1894 wurde Sutro zum Lord - Major von San Francisco gewählt. Er war ein reger Sammler von Büchern und Manuskripten und hinterließ eine Bibliothek von über 200.000 Bänden, einschließlich 135 seltener hebräischer Manuskripte und einer großen Sammlung amerikanischer Frühdrucke, die nun alle ein Opfer der Elementar-Ereignisse wurden. Sutro starb in San Francisco am 8. August 1898. Es sei noch bemerkt, daß der Friskoer Bürgermeister ein Großneffe des berühmten Rabbi Abraham Sutro, Landesrabbiners der Distrikte Münster und Dortmund, gewesen, der einer der eifrigsten Kämpfer gegen die Reform, sich namentlich durch das Werk „Milchamoth Haschern", einen der feurigsten Proteste gegen die Orgel, bekannt gemacht hat. _ Die Ausweisungen in Deutschland. Am Dienstag den 1. Mai vormittags hatten Vertreterder Berliner Jüdischen Gemeinde, der Deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Universelle und des Hilfsvereines der Deutschen Juden eine Besprechung bei dem Herrn Minister des Innern. Gegenstand der Besprechung war die Handhabung der von der Staatsregierung angeordneten Ausweisung der russischen Zuzüglinge. Der Minister des Innern erklärte, daß er bei der Ausführung der von ihm als notwendig erkannten Maßregel jede humane Rücksicht walten lassen wolle, daß es sich bei den Ausweisungen insgesamt um etwa 5500 Personen jüdischen Glaubens handle, die sich seit dem Jahre 1904 in Berlin neu angesammelt hätten. Von unmittelbarer Ausweisung sollten nur mittel- und ausweislose sowie politisch verdächtige Personen betroffen werden. Die Zahl der zu dieser Kategorie gehörigen Personen betrage etwa 700. Bezüglich der anderen Personen sollte jetzt keine Ausweisung verfügt, sondern es sollte den Betreffenden von der Behörde mitgeteilt werden, daß sie auf die Erlaubnis dauernder Niederlassung hier nicht rechnen dürften und sich deshalb vorbereiten müßten, das Staatsgebiet wieder zu verlassen. Diesen Personen werde eine bestimmte Frist nicht gestellt. Wegen der russisch-bürtigen Personen, die vor dem Jahre 1904 hierher gekommen seien, solle es bei der bisherigen Praxis verbleiben, sofern sie sich nicht lästig machen. Den vereinigten jüdischen Hilfsorganisationen sollen von Polizei wegen die Namen der Personen genannt werden, denen