Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021675--15379-3040142- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 290 Dr. Llocbs Mocbens drttr. Nr. 18 die härter trifft: Das ist das öffentliche Urteil, und diese muß mit aller Schärfe angewendet werden. In seiner Sitzung vom 21. April hat daher der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraclitischen Union" folgende Resolution beschlossen und empfiehlt dieselbe auch der geehrten Generalversammlung zur Annahme: „In Erwägung, daß alle Bedrückungen, Verfolgungen und Niedermetzelungen unserer Glaubensbrüder in Rußland unter Gutheißung, ja unter tätiger Mithilfe der russischen Regierung erfolgt sind, in Erwägung, daß die Befriedigung des Geldbedürfnisses der russischen Regierung gleichbedeutend ist mit der Förderung der gewalttätigen Absichten dieser Regierung gegen die Freiheitsbewegung und gegen die Juden, deren Existenz mit dem Siege jener Bewegung unlösbar verknüpft ist, hält es die Leitung der „Oesterreichisch-Jsraclitischen Union" für ein zwingendes Gebot der Ehre, daß die Judenschast jede Solidarität zwischen sich und jenen jüdischen Finanzmännern, die unter Zurückstellung ethischer Pflichten hinter das Geschäft die Beteiligung Oesterreichs an der russischen Anleihe vermittelt haben, vor der Oeffentlichkeit ablehne. Die Vereinsleitung erklärt es. des Weitern als die Pflicht des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, als der berufenen Repräsentanz der Juden Wiens, daß auch er seinerseits durch eine klare Manifestation die Solidarität mit dem gekennzeichneten, die Ehre der österreichischen Judenschaft schädigenden Vorgehen öffentlich ablehne." Der Vorsitzende unterbricht hierauf die Verhandlung auf fünf Minuten zur Abgabe der Stimmzettel für die Wahl in die Vercinsleitung. Es wird sodann die Diskussion über den Rechenschaftsbericht und über die Resolution eröffnet. An der Debatte beteiligten sich nacheinander als Redner die Herren Dr. Friedrich Mintz, Lucian Brunner, Riemermeister Brill, Vizepräsident der Kultusgemeinde k. k. Landesschulrat Dr. G. K o h n, Max Marcus, Dozent Dr. H a j e k, Sekretär S. Fleischer, Reichsratsabgeordneter Dr. Ofner, Dr. Alex. M i n tz, Professor Dr. E h r m a n n und kais. Rat Wilhelm Pollak. Die Diskussion zeigte von einer ungeheueren Erregtheit und Erbitterung der Gemüter, die Stimmung machte sich in wilden Ausbrüchen Luft und zeitigte Szenen, die man aufrichtig bedauern, muß. Es war ein heroischer Akt der Selbstverleugnung und wahren Heldenmutes, als der I. Vizepräsident der israel. Kultusgemeinde Dr. G. K o h n, inmitten dieser tobenden, leidenschaftlich erregten Versammlung, trotz klarer Voraussicht, daß seine Worte kaum irgend eine tiefere Wirkung Hervorrufen dürften, auf die Rednertribüne trat, um die Pflicht der Loyalität und Kollegialität voll und ganz zu erfüllen und auf die schweren Anklagen zu antworten, die gegen ein abwesendes Vorstandsmitglied, Generaldirektor Ritter v. T a u s s i g, mit einer kaum zu überbietenden Schärfe erhoben wurden. Der Vizepräsident der israel. Kultusgemeinde Herr Dr. Gustav K o h n genießt seit Jahrzehnten eine unbestrittene Popularität in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung. Die hohe Verehrung, die man ihm von allen Seiten entgegenbringt, ist keine unverdiente. Er ist nicht bloß die stärkste Säule in der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde, welcher er mehr als die Hälfte seiner Arbeitszeit mit Hintansetzung seiner eigenen Privatinteressen widmet, er ist auch von einer sprichwörtlichen, fast wehrlosen Herzcnsgüte, im wahrsten Sinne des Wortes ein Vater der Armen und Schützer aller Notleidenden. Ueberall hört man seinen Namen als den eines Wohltäters segnen und preisen. Wenn es nun selbst diesem Manne nicht gelingen konnte, die Versammlung in eine mildere Stimmung zu bringen, die zitternde Leidenschaftlichkeit zn sänftigen und zu mildern, wenn das Beispiel der Aufopferung und der Tn ne, die er dem angefeindeten Kollegen bewies, auf die erbitterten Gemüter keinerlei Eindruck übte, so ist das ein Beweis, daß das Vorgehen der Wiener Finanzmänner in Sachen des russischen Am lehens die jüdische Bevölkerung in ihrem tiefsten Empfinden getroffen und schwer verletzt hat. Die Versammlung verübelte ihm förmlich schon den Versuch, für die Geschehnisse ein Wort der Entschuldigung vorzubringen und als er gar auf die notorischen Verdienste und das segensreiche reformatorische Wirken des Herrn von T a u s s i g innerhalb des Kultusvorstandes mit Schärfe und Nachdruck hinwies, kam es zu feindseligen Manifestationen, die kaum jemand weniger verdient hat, als gerade Vizepräsident Dr. Gustav K o h n. Das Resultat der Abstimmung war demgemäß von vornherein vorauszusehen. Noch versuchten die Vorstandsmitglieder Professor Dr. E h r m a n n und kais. Rat Wilhelm P o l l a k eine getrennte Abstimmung über die beiden Teile der Resolution zu erzielen, um eventuell in der Lage zu sein, für den ersten Teil zu stimmen und. den zweiten Teil, der sich gegen den abwesenden Kollegen kehrte, abzulehnen. Allein die Versammlung wollte auch auf diesen Vorschlag nicht eingehen und so gelangte denn die Resolution zur Gänze mit allen gegen die Stimmen der anwesenden Vorstandsmitglieder zur Annahme. Gleichzeitig wurde der Vereinsleitung das Absolutorium erteilt. Von mehreren Seiten forderte man durch stürmische Zurufe den Kultusvorsteher Herrn Oskar Marmorek auf, das Wort zu ergreifen und eine Erklärung abzugeben. Herr Marmorek bestieg die Rednertribüne und bemerkte in kurzen Worten, man werde in den nächsten Tagen seine Erklärung in der weitesten Oeffentlichkeit lesen. Bei der vorgenommenen Wahl wurden die Herren Kommerzialrat Eduard D o c 1 o r, Emanuel K a u d e r s und Dr. Heinrich Schreiber wieder- und die Herren Univ.-Dozent Dr. Markus H a j e k und Hof- und Gerichts-Advokat Dr. Alexander M i n tz neu in den Vorstand gewählt. Mit einem kurzen Dankesworte schloß um halb 1 Uhr nachts der Vorsitzende die Versammlung. Wie wir vernehmen, hat Herr Marmorek bereits Donnerstag vorher dem Vorstand seine Demission angekündigt; das diesbezügliche Demissionsschreiben wurde Sonntag dem Präsidium überreicht. Dom Zabrmurkt des Lebens. Der Sturz Wittes. Das Zarentum beeilt sich, den europäischen Finanzmännern, die zur Beschönigung ihrer Profitwut von der bevorstehenden Etablierung eines freiheitlichen Rußland auf Grund der neuen Verfassung und der vollzogenen Dumawahlen gern redeten, das dünne Feigenblatt von der Blöße wegzureißen. Witte, der mit liberalen Neigungen kokettierte, wird, nachdem das Anlehen in Sicherheit ist, weggeschickt, um getreueren Schergen der Aristokratie Platz zu machen. Wir Juden haben keine Ursache, Witte eine Träne nachzuweinen. Die schweren Ausnahmsgesetze, unter denen unsere Brüder in Rußland leiden, hat er nicht um das Geringste zu mildern versucht; sein Regime ist durch die grausamsten Judenschlächtereien, welche die Geschichte überhaupt kennt, ewig gebrandmarkt. Nur Europa gegenüber gab er sich als „modernen" Staatsmann; der Zar und die Großfürsten ließen es gewähren, so lange das große Anlehen nicht perfekt war; nunmehr aber ist für ihn die Zeit gekommen, von der Oberfläche zu verschwinden. Wittes Walten in den letzten Monaten war ein sehr unrühmliches. Nie, selbst in den Tagen Plehwes und unter Alexander III. nicht, sind die Mittel der Gewalt grausamer gehandhabt worden. Gegen die Massenauspeitschungen in Twjer, Samara, Kiew, gegen den Massenmord in Moskau und Livland, gegen die Massenverhaftungen, die alle Kerker des Reiches zum Sprengen füllten, verblaßt alles zum wesenlosen Schein, was in