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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-05-04 · 18 (4.5.1906) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
18 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 .-'. Äfe.iais»i.wt ^aii; Äi-'^Ä gj*~! Dr. Blocb's MocbenscbrM. Auswanderungskommission unter dem Vorsitze des Herrn Dr. Friedrich Mintz — begonnen. Die letztere hat es sich insbesondere zur Aufgabe gestellt, die Berechtigung jener Klagen zu prüfen, welche in der letzten Generalversammlung über die Behandlung der russischen Auswanderer erhoben wurden. Auf Grund der sehr eingehenden und sorgsamen Prüfung müssen wir nun wahrheitsgemäß feststellen, daß die Schuld an den gerügten Mängeln nur zum geringsten Teile der „Israelitischen Allianz" oder deren Funktionären, dagegen zum allergrößten Teile der die Leistungsfähigkeit der „Allianz" weit übersteigenden, zeitweilig fast elementaren Ueberflutung Wiens mit Auswanderern, aber auch dem gewalttätigen und ungeberdigen Auftreten vieler Auswanderer selbst zuzuschreiben ist. An dem Ausbau unserer Organisation haben wir rüstig fortgearbeitet und unser Augenmerk im letzten Jahre hauptsächlich auf die Vermehrung der Mitgliederzahl in Wien gerichtet. Es ist uns tatsächlich gelungen, den Stand unserer Wiener Mitglieder um mehr als tausend zu erhöhen. Allerdings steht dem gegenüber der regelmäßige Abgang durch Ableben, Austritt rc., von zirka zehn Perzent, so daß der Gesamtzuwachs sich auf rund 400 Mitglieder beläuft. Bei der vorjährigen Generalversammlung hatten wir einen- Mitgliederstand von 7131, hievon mußten im Laufe des Jahres 624 abgeschrieben werden, während 1063 neu hinzukamen, so daß wir am 15. April 1906 7520 Mitglieder zählten. Nach dem von uns tiefbeklagten Ableben des Freiherrn Nathaniel von Rothschild hat Herr Baron Albert von Rothschild aus den im Testamente für gemeinnützige Zwecke legierten Gesamtbeträgen von zwei Millionen Kronen der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" für Zwecke der Gewährung unentgeltlichen Rechtsschutzes den Betrag von 5000 Kronen zugewendet. Wir sagen hiemit dem hochherzigen Spender nochmals unseren innigsten Dank. Die lebhafte Inanspruchnahme des Bureaus wird durch folgende Ziffern illustriert: Der Einlauf betrug im Berichtsjahre 1576 Geschäftsstücke, wogegen 1702 ausgingen. Für Propaganda und Kalenderedition wurden 6089 Briefe, im Ganzen sonach 8385 Briefe versendet. Die Vereinsagenden wurden in 7 Vorstands- und 9 Präsidialsitzungen erledigt. Die Kosten der „M o n a t s s ch r i f t", die sich als wirksames Propagationsmittel steigenden Anwertes bei unseren Mitgliedern erfreut, sind durch eine allgemeine Steigerung der Druckpreise neuerdings erhöht worden, so daß wir dem Gedanken näher treten müssen, für den Bezug der „Monatsschrift" vielleicht eine besondere Gebühr von je einer Krone von den Mitgliedern einzuheben. Die Beschlußfassung hierüber bleibt dem neu konstituierten Vorstande Vorbehalten. Der „11 n t o nkalender" hat im abgelaufenen Jahre eine kleine Mehreinnahme gebracht. Die Einnahmen betrugen L 6644*11, denen K 4152*65 an Ausgaben gegenüberstehen. Der Reinertrag beläuft sich auf K 2491*46, um K 163*98 mehr als im Vorjahre. Trauernd gedenken wir der Mitglieder, die uns im letzten Jahre durch den Tod entrissen wurden. Es find dies die Herren: Rudolf Auspitz, Ignatz Fantl, Baurat Max Fleischer, Philipp Lion, Löw-Beer, Dr. S. Maybaum, Siegmund Reff, Dr. Moritz Passauer, S. Rosner, Dr. B. Ronspurger, August Schnapper 86»., Moriz Schwarz, kaiserl. Rat Friedrich Seligmann, Dr. Isidor Schnabl und P. Tuchfeld, sämtlich in Wien, ferner Jakob Beer in Kremsier, Alexander Löwy in Pölitz a. M., Bernhard Bisenz in Nikolsburg, Julius Kraus in Horitz, I. Jakob Kohn in Pilgram, Gustav Auer und Simon Hoffmann in Pilsen, Abraham Taussig in Nachod, Markus Duldner, Karl Drab, Ignaz Feller und Ignaz Maier in Floridsdorf, Josef Bondy in Dobris, Hermann Löw in Colloredow, Leopold Weigner in Steyr, Dr. A. Kohn in Rumburg, Josef Kafka, Graziano Melli in Triest, Arthur Riesenfeld in Bielitz, Leopold Rittermann und Friedrich Kafka in Strakonitz. Die geehrte Generalversammlung hat durch Erheben von den Sitzen das Andenken der Verstorbenen geehrt, und wir Seite 289 erbitten uns die Ermächtigung, diese Trauerkundgebung dem Protokolle einverleiben zu dürfen. Schließlich gereicht es uns zur angenehmen Pflicht, allen Beiräten und Vertrauensmännern der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", ferner den Anwälten und Abgeordneten, welche in selbstloser Weise unsere gemeinnützigen Bestrebungen gefördert haben, endlich der Presse unseren innigsten Dank auszusprechen. Zu unserem innigen Bedauern haben die Herren Vizepräsident Dr. Moriz Ascher und Professor Dr. E h r m a n n die bestimmte Erklärung abgegeben, daß sie wegen Ueberhäufung mit Berufsgeschäften nicht mehr in der Lage find, ein Mandat in den Vorstand anzunehmen. Wir erfüllen hiemit nicht nur eine konventionelle Dankespflicht, sondern eine wahre Herzenspflicht, wenn wir den beiden Herren für die langjährige, hingebungsvolle Mitarbeit, die sie in der verantwortlichen Stellung als Vizepräsidenten des Vereines geleistet haben, hiemit öffentlich unseren wärmsten Dank abstatten. Sowohl Herr Dr. Ascher, als auch Herr Profeffor E h r m a n n haben sich übrigens bereit erklärt, auch in Zukunft als Beiräte ihre Einsicht und Erfahrung dem Vereine zur Verfügung stellen zu wollen. (Lebhafter Beifall.) Geehrte Generalversammlung! In dem vorstehenden Berichte haben wir eine wichtige politische Aktion unseres Vereines nicht erwähnt. Es ist dies die große Protestversammlung der Wiener Judenschaft vom 19. November 1905 gegen die russischen Judenmassakres, an welcher sich die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" führend beteiligt hat. Wir stellen die Erreichung dieser großartigen Manifestation an den Schluß unseres Rechenschaftsberichtes, weil in den letzten Tagen ein Ereignis eingetreten ist, das im engsten Zusammenhänge mit jener Protest- und Trauerkundgebung besprochen werden muß. Die flammende Anklage, welche damals der Oberrabbiner Wiens gegen die russische Regierung erhob, die feierliche Versicherung des Redners der Union, daß wir durch unser Mitgefühl den Tausenden Unglücklicher den festen Glauben an die Menschheit wiedergeben wollen, die ergreifenden Worte aus dem Schreiben eines hervorragenden russischen Arztes: „Fluch dem Lande, das ein solches Volk hervorgebracht, Fluch der Regierung, die ein solches Volk gezüchtet hat!" vermochte es nicht zu hindern, daß Wiener jüdische Finanzmänner unter Führung eines hervorragenden Mitgliedes des Wiener Kultusvorstandes zu dem Abschlüsse der jüngsten russischen Anleihe die Hand boten und eine Beteiligung des österreichischen Kapitals vermittelten. Sie haben hiedurch der russischen Regierung die Mittel verschafft, neue Kanonen und Gewehre zur Unterdrückung der Freiheitsbewegung und der Juden zu bestellen. In der Resolution, welche die viertausendköpfige Versammlung vom 19. November beschloß, hieß es: „Gegen diese Scheußlichkeit appellieren wir an das Herz der ganzen zivilisierten Menschheit, wir appellieren an das öffentliche Gewissen aller Kulturnationen! Wir erklären, daß wir uns mit unseren leidenden Brüdern eins fühlen und alle Bestrebungen tatkräftig unterstützen wollen, welche geeignet find, ihnen eine menschenwürdige Zukunft zu sichern." Einen Meineid hätten wir damals geschworen, wenn wir jetzt nicht den Verrat brandmarken würden, den Juden an unseren russischen Glaubensbrüdern begangen haben. „Gebt Rußland kein Geld zum Morden!", so rief vor wenigen Tagen der russische Freiheitsmärtyrer Maxim Gorki der gesitteten Welt zu. Aber nur Deutschland, Nordamerika und Italien haben diesen Ruf beachtet. Als im Jahre 1871 die ftanzöfische Nationalregierung unter Gambetta eine Anleihe zur Fortführung des Krieges mit Deutschland ausschrieb und Berliner Finanziers sich daran beteiligten, machte die preußische Regierung kurzen Prozeß, die betreffenden Herren wurden wegen Landesverrates zu mehrjährigem Gefängnis verurteilt. Die Beteiligung der jüdischen Finanziers an der ruffischen Anleihe bedeutet zwar keinen Landesverrat, aber — was angesichts der Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit vielleicht noch schlimmer ist — einen Verrat an unseren ruffischen Brüdern. Darauf steht wohl nicht Gefängnisstrafe, es gibt jedoch eine Strafe,

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