Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 18 (4.5.1906)
- Date
- 1906-05-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 286 Dr Lwcb s Mocbenscbrlrr. Nr. 18 Prinz Hohenlohe als Statthalter von Triest Czernowitz ver-M ließ. Auch als Bezirkshauptmann in Teplitz trat der HerrU Ministerpräsident mit der starken und bedeutenden Judeu-W gemeinde in Fühlung und erwarb sich durch sein liebens-H würdiges und gerechtes Vorgehen deren Dankbarkeit ebenso-^- sehr, wie zuletzt die der Juden von Triest. Zu diesen Erfahrungen kommen unserer Hoffnung auf Gerechtigkeit noch die Aeußerungen des jetzigen Landeshauptmannes der Bukowina, Georg Freih. v. Wassilko, über den neuen Ministerpräsidenten entgegen, den er in nahem Umgang würdigen lernte. Frh. v. Wassilko sagte einem Interviewer: „Prinz Hohenlohe ist ein Mann voller Ideale, ein Schätzer der Menschheit. Er war es, welcher der Bukowinaer Bevölkerung - die wahre Freiheit erst gab, indem er zum erstenmal den politischen Beamten verbot, aktiv in die Wahlen einzugreifen, so daß unter seiner Amtsführung die Abgeordneten ohne die geringste Einflußnahme der Regierung gewählt wurden. Prinz Hohenlohe ist ein Mann, der eine so große Achtung vor den Gesetzen hat, daß keinerlei Rücksicht ihn dazu bewegen könnte, dieselben zu verletzen oder auch nur willkürlich zu interpretieren. Prinz Hohenlohe wird es stets als seine heilige Pflicht betrachten, jeden Staatsbürger vor Unrecht zu schützen, aber auch dafür zu sorgen, daß die Stiefkinder unserer gesetzgebenden Körperschaften zu ihren zwar nicht verbrieften, ihnen aber moralisch gebührenden Rechten gelangen." Das wäre sogar mehr, als wir Juden erwarten. Unsere kühnsten Hoffnungen sind um keinen Millimeter höher als der Buchstabe des Gesetzes und wir begnügen uns bescheiden mit dem Genuß unserer verbrieften, aber doch mißachteten Rechte. Wir haben fast nichts, um es als Tribut der Dankbarkeit darzubringen, wenn Prinz Hohenlohe der Gerechtigkeit die Binde abnimmt, die sie gegen die Juden blind gemacht hat. Denn wir haben unsere Pflichten als Staatsbürger auch erfüllt, wenn wir statt Lohn Strafe bekommen haben. Vielleicht aber findet Prinz Hohenlohe die Belohnung für gerechtes Wirken in sich und in der Anerkennung der wirklichen Kulturwelt und vielleicht bringt die angeeiferte Mitwirkung eines kleinen Stammes doch Dinge hervor, die selbst einem mächtigen österreichischen Ministerpräsidenten willkommen sind. Wir wünschen uns, daß es nur der amtliche Charakter des Prinzen Hohenlohe ist, der sich geändert hat und daß er seine persönliche Eigenart sowohl in seiner äußerst wichtigen Stellung als Minister des Innern, die er nun für Bylandt-Rheidt übernahm, als auch als Vorsitzender des Kabinettes voll entfaltet. Ueber die Zukunft der übrigen Minister ist bis zur Stunde noch nicht entschieden. Wahrscheinlich aber ist, daß wir in diesem Punkte sehr viel zu fürchten haben. Die Parlamentarisierung des Kabinettes dürfte Vertreter der Deutschen Volkspariei, der Tschechen, der Katholischen Volkspartei, vielleicht auch der leise tretenden Christlich-Sozialen und bei. geändertem Standpunkt auch des Poleuklubs bringen. Die meisten Parteien davon vertreten die Schattierungen des Antisemitismus von grau bis schwarz, eine laute Mahnung au die Juden, sich eifrig um ihre Angelegenheiten zu bekümmern. Ein Sprecher der Deutschen Volkspartei hat bei dem großen Rednerturnier in der Wahlreformfrage den nationalen Bestrebungen der Juden Gerechtigkeit widerfahren lassen und gewiß werden auch andere völkische Vertreter und die Regierung dieser Verkleinerung der nationalen Reibungsflächen ihre Zustimmung nicht versagen. Man muß versuchen und die Stimmung erforschen, auf welcher Plattform eine billige Verständigung in der Judenfrage mit den Machthabern erfolgen kann. Dafür müssen vor allem einige Notwendigkeiten erfüllt werden. Vor allem müssen die Juden geschlossen zusammenstehen, um ihre größte Kraft entfalten zu können. Sie dürfen sich keiner Nation anschließen, um nicht die Feindseligkeit einer anderen hervorzurufen. In Mähren mit seiner Leidigen Kataster- Lfrage müßte eine Verständigung mit den örtlichen Führern «gefunden werden. Und vor allem: Niemand anderer als «jüdische Juden darf irgendwo, irgendwie das Wort führen, ^nur solche Leute dürfen mit Vertrauen ausgezeichnet werden, ''denen ihr eigenes Interesse nichts, das ihres Volkes alles ist, deren unwandelbar jüdische Gesinnung bekannt ist. Es kann mit Hilfe des Ministerpräsidenten mit oder gegen die Minister eine wirkungsvolle Vertretung und Verteidigung der schwerbedrohten jüdischen Interessen gewonnen werden, wenn die Juden die Zukunft klar erfassen und nicht auch noch ihr bißchen Gegenwart verlieren wollen. I. U p r i m n y. Orsterreichisch-Israelitische Wnio«. Die 21. Generalversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", welche Samstag den 28. v. M. im großen Saale des „Hotel Guth" unter großer Beteiligung der Mitglieder stattfand, war eine der stürmischesten und aufgeregtesten, welche die Geschichte dieses Vereines aufzuweisen hat. Die Ankündigung der Tagesordnung mit der vom Vereinsvorstande beschlossenen Resolution in Angelegenheit des russischen Anlehens hatte einen so starken Zustrom von Teilnehmern der Versammlung zugeführt, daß der weite Saal die Menge kaum zu fassen vermochte. Den Vorsitz in der Versammlung führten abwechselnd Präsident Siegmund Mayer und die Vizepräsidenten kaiserl. Rat Wilhelm Anninger und Dr. M o r iz Ascher. Vom Kultusvorstande waren die beiden Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav Kohn und kaiserl. Rat Dr. Moriz Hirsch, ferner die Herren Salo Cohn, kaiserl. Rat Wilhelm Pollak, Professor Dr. Ehrmann, kaiserl. Rat Sigmund Kauders, Hermann Eltbogen, Architekt Oskar Marmorek und Dr. Markus Spitzer erschienen; ferner waren anwesend Herr Reichsratsabgeordneter Dr. Ofner, Präsident des „Politischen Volksvereines" Doktor F i a l l a, Univ.-Dozent Dr. H a j e k re. Präsident SiegmundMayer begrüßte mit herzlichen Worten die Versammlung, konstatierte die rechtzeitige Ausschreibung der Generalversammlung und deren Beschlußfähigkeit und fuhr hierauf fort: „Der Zeitraum, über den wir Ihnen Bericht zu erstatten haben, ist ein Jahr der Trauer für die gesamte Judenheit durch die Ereignisse, welche sich in Rußland vollzogen haben, Ereignisse, wie wir sie in Europa schon seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen haben, die für kaum möglich gehalten werden können und doch Tatsache sind. So traurig diese Ereignisse sind, so glaube ich gerade deshalb, daß alle Juden die doppelte Verpflichtung haben, in ihrer Handlungsweise die Folgerungen daraus zu ziehen. (Beifall.) Das abgelaufene Jahr war auch speziell für Oesterreich bedeutungsvoll durch die Aufwerfung der Frage des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes, welches die politische Stellung der Juden nach gewissen Richtungen hin nicht günstig beeinflussen wird. Wie der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" gesucht hat, den politischen Anforderungen der Zeit gerecht zu werden, möge Ihnen der Rechenschaftsbericht zeigen, zu welchem Behufe ich Herrn Fleischer das Wort erteile." Sekretär Fleischer verliest folgenden Rechenschaftsbericht: Geehrte Generalversammlung! Auch unser diesjähriger Rechenschaftsbericht beginnt mit einer Totenklage. Die Greuel von Kischenew haben sich im abgelaufenen Jahre verhundertfacht, die Schergen des Zaren haben die Freiheitsbewegung, welche nach den Niederlagen in Ostasien das ganze russische Volk erfaßte, in Strömen jüdischen Blutes zu ersticken versucht. Aber die Absichten der Werkzeuge der russischen Despotie scheiterten an der Energie des Volkswillens. Der Zar mußte sich zur Verheißung konstitutioneller Einrichtungen auf Grundlage des allgemeinen Wahlrechtes bequemen.