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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-27 · 17 (27.4.1906) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Jiti# *< Güte 282 Dr. Llocv's Mocdenscbclrr. Nr. 17 als er sich um ihre Gunst bewarb, und zudem wurde er unaufhörlich von ihrem Gatten angefeindet. Das war es ja eben, was sie nicht ertragen konnte, was sie forttrieb aus ihrer geachteten und gesicherten Stellung als Frau des reichen unabhängigen Kaufmannes. So war Rosa allein daoestanden und in ihrer Unerfahrenheit schien ihr die Flucht als das einzige Rettungsmittel von unerträglichen Zuständen. Sie hatte cs sich so leicht gedacht, mittelst ihrer Kenntnisse in weiblichen Handarbeiten sich eine Existenz zu verschaffen. Aber sie täuschte sich. Auf eine Anstellung, ähnlich der, wie sie selbe vor ihrer Verheiratung bekleidete, mußte sie im vorhinein verzichten. Sie bewarb sich nun um Lektionen. Aber da war man gegen eine vom Manne getrennte lebende Frau eingenommen, und eine, die das Haus desselben im Geheimen verlassen hatte, durfte ja beileibe nicht mit den zärtlich bewachten Töchtern in Berührung kommen. Nach wiederholten Abweisungen, ja Demütigungen blieb der Armen nichts übrig, als für ein Tapisseriegeschäft kunstvolle Arbeiten zu liefern. Und jene zart bewachten höheren Töchter, die mit der geschiedenen Frau um Goiteswillen in keine Berührung kommen durften, diese verschmähten cs nicht, deren Handarbeiten als die eigenen auszugeben und Eltern, Geschwistern oder dem Verlobten als Geschenke vorzulegen. Trotzdem das Geschäft, woselbst diese Arbeiten gekauft wurden, den größten Nutzen aus Rosa's Kunstfertigkeit zog, so war cs nur zu natürlich, daß die arme Stickerin nicht so viel verdiente, um ihr Leben aus die allerbescheidenste Weise fristen zu können. So lange sie etwas von den Effekten, die sie von ihrem Vaterhause her besaß, zu verwerten hatte, ging es noch, aber jetzt war sie damit zu Ende. Und so finden wir sie an diesem trüben Wintertage völlig mutlos und gebrochen in ihrem kleinen Zimmerchen. Die Unglückliche mußte alle von ihren frommen Eltern übernommene Religiosität, alle Pietät, die sie deren Andenken schuldete, zu Hilfe nehmen, um den sich ihr immer ausdrängenden Wunsch, ihrem Leben freiwillig ein Ende zu machen, zurückzuweisen. Schon glaubte sie in diesem Kampfe gegen die finsteren Mächte, welche von ihrer Seele Besitz ergriffen hatten, unterliegen zu müssen als ein leises Pochen an die Türe ihren düsteren Gedankengang unterbrach. Sie war unfähig, das übliche Herein zu rufen, oder aufzustehen, die Türe zu öffnen. Das Klopfen wiederholte sich, wurde lauter, dringlicher, so daß sie doch den Riegel wegschieben und die Türe öffnen mußte. Erstaunt, fast schwindlig faßte sie sich an den Kopf. Aeffte sie ein böser Geist, dem sie vorhin nur zu willig Eingang in ihr Herz gestattet? War es ein Gebilde ihrer Phantasie, welche in letzter Zeit so unregelmäßig funktionierte, daß sie den vor sich stehen sah, welcher einzig und allein im Stande war, sie von dem Banne zu befreien, der sie scheinbar unentrinnbar umklammerte? Oder war cs Wirklichkeit, er war hier, der Große, Edle, Herrliche, an dem sie noch immer mit allen Fasern ihres Herzens hing? Er, Doktor Adler, der Rabbiner aus ihrer Heimatstadt? «Ja," so jubelte es in ihr, „weil er sich so nach ihr sehnte, wie sie nach ihm schmachtete." Jedoch die strenge Zurückhaltung, die er zur Schau trug, die ernste Miene, die er aussetzte, verdrängte alsbald ihr freudiges Aufwallen. Fast beklommen begrüßte sie den Angekommenen. „Sie hier, Herr Doktor? Welche Ueberraschung! Bitte, nehmen Sie Platz!" „Meine knappe Zeit gestattet mir kein langes Verweilen," antwortete der Rabbiner, „meine Pflicht ruft mich noch heute nach Hause. Darum soll in Kürze der Zweck meines Hierseins gesagt sein. Ich komme vom Krankenbette Ihres Gatten. Er entbehrt schmerzlich der Pflege seines Weibes, sein Haus der festen Hand einer Hausfrau. Sie müssen zurückkehren, Ihre doppelte Pflicht zu erfüllen." „Ich muß? Das sagen Sie mir?" „Das sage ich, der stets die Pflicht über das eigene Gefühl gestellt hat." „Und wenn ich nicht will? Wenn ich nicht an die Demütigungen vergessen kann, die mir in seinem Hause geworden, wenn ich mich weigere, zurückzugehen?" „Sie dazu zu zwingen habe ich weder die Macht noch das Recht und ich gestehe es gerne, auch nicht den Willen. Aber muß es denn ein äußerer Zwang sein, der Sie zur Erfüllung Ihrer heiligen Pflicht veranlaßte? Sollte in Ihrem Herzen nicht noch ein Rest jener Liebe zurückgeblieben sein, nicht noch ein Fünkchen jener Liebe glimmen, unter deren Einfluß Sic einstmals diesem Manne unter den Trauhimmel folgten?" „Liebe für ihn?" stöhnte Rosa, indem sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte. „O, Sie wissen nicht, Sie ahnen nicht, was ich damals empfunden habe. Ich habe ihn niemals geliebt, verniochte ihn auch nicht einmal zu achten; ich habe das Bild eines anderen Mannes in meinem Herzen . getragen, als ich nach hartem inneren Kampfe ihm das Jawort gab. Das war die große Schuld meines Lebens, die ich nur mit meinem Tode büßen werde. Es galt, meinen Vater aus seinen Wucherhänden befreien, und in der Hoffnung, einen wohltätigen Einfluß auf diesen harten, verschlossenen Mann auszuüben. Aber mein Opfer war umsonst gebracht. Mein Vater starb kurz darnach und e r, er blieb wie früher Ihr Feind und Verfolger." „Stille davon," mahnte der Rabbiner strenge, „ich mag Ihre Bekenntnisse nicht weiter anhören, ich bin dazu weder befugt, noch gewillt. Das, was mich veranlaßt, in Ihre freiwillige Abgeschiedenheit zu dringen, das ist das tiefe Erbarmen mit einem kranken Manne, dessen Tage gezählt sind und der dieselben nicht einsam und verzweifelnd verleben soll." „Erbarmen? Sie mit ihm? Hatte er ein solches für Sie? Hat er nicht vielmehr alles versucht, um Sie zu kränken und zu quälen und Sie aus Ihrer Stellung zu verdrängen?" „Ich habe ihm alles vergeben." „Das sieht Ihnen ähnlich. Ich aber kann mich zu dieser Geisteshöhe nicht Hinaufschwingen; bei mir gilt das Bibelwort: „Aug' um Auge, Zahn um Zahn!" " . Adler unterbrach die feuerige, aufgeregte Sprecherin mit den milden Worten: „Sollte unsere heilige Lehre, deren Worte Sie, aus dem Zusammenhänge gerissen, zitieren, wodurch sie ein ganz anderes Gepräge erhalten und eine andere Deutung zulassen, als es die eigentliche Absicht unseres heiligen Gesetzgebers gewesen — sollte diese Lehre keine anderen Aussprüche enthalten, nach denen Sie sich richten wollten, als das nicht verstandene und darum mißdeutete: Aug' um Auge u. s. w. Sind Ihnen denn die Gebote der Menschen- und Gattenliebe unbekannt, welche unsere heilige Thora enthält? Sollten Sie nichts davon wissen, daß diese vorschreibt, den Feinden zu vergeben und unseren Hassern beizustehen? Doch wozu so vieler Worte? Sie kehrenzurück, fühlen den Posten aus, den Sie feige verlassen haben, bleiben bei Ihrem Gatten, und sei es nur, um dem Schwerkranken die Augen zuzudrücken, wenn er von seinen Leiden erlöst wird. Wollen Sie?" Fast befehlend hatten diese Worte geklungen und hatten auch die beabsichtigte Wirkung auf die junge Frau nicht verfehlt „Ich will!" hatte sie leise, aber fest gesprochen. „Tausend Dank für Ihren hochherzigen Entschluß. Vergessen Sie alle Demütigungen, die Ihnen im Hause Ihres Gatten widerfahren sind, und denken Sie nur an die Ihnen daselbst bewiesene Güte. Auch ich will vergessen, welche Ueberredung ich aufwenden mußte, um Ihren Entschluß herbeizuführen. Und jetzt leben Sie wohl, Frau Rosa, und Gott stärke Sie!" „Wann sehen wir uns wieder, Herr Doktor?" Traurig schüttelte dieser sein Haupt und sagte: „Der Schritt, den ich heute unternommen habe,' Sie aufzusuchen und zur Heimkehr zu bewegen, dieser Schritt trennt uns auf immer. Auch die edelste, selbstloseste Absicht ist nicht sicher vor Mißdeutungen; so könnte es auch mir ergehen. Man könnte glauben, ich hätte Sie für m i ch zurückgeholt. Während aber ein Privatmann im Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit sich

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