Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-27 · 17 (27.4.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021674--15369-3040131
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 17 L>r. JBiocD ö MlocvenscdrM. Seite 281 Ein Mann von Verständnis, Begabung und grober Vielseitigkeit, besaß Emanuel Lichtwitz, der einer sehr geachteten, frommen Familie zu Hotzenplotz entstammte, ein schönes, jüdisches Wissen. Dauernd wie ein schöner Edelstein, lichtstrahlend im Glanze humanen Charakters hat dieser strebsame Mann nicht nur in seiner Heimat Schlesien, sondern auch in ganz Oesterreich-Ungarn. Deutschland, ja selbst in den entferntesten Ländern und Staaten durch lebendigen Sinn, unermüdlichen Fleiß seinen Erzeugnissen Verbreitung und Beliebtheit verschafft. Emanuel Lichtwitz in Troppau war auch bestrebt, sein ewiges Licht leuchten zu lassen durch Werke der Wohltätigkeit und Nächstenliebe. Nun folgte dieser biedere Mann in seinem 86. Lebensjahre seiner vor einigen Jahren verstorbenen, treuen und edlen Gattin, von einer hochachtbaren Familie betrauert. In Emanuel Lichtwitz verliert das Judentum einen treuen Sohn, die Familie einen selten guten Vater und Schlesien einen hervorragenden Förderer heimischer Industrie. Möge die Seele des Heimgegangenen ins Reich des Lichtes und des Friedens eingezogen allen zum Segen sein. Wien, 23. April 1906. Albert L ö w. Wsetin. Der verdienstvolle Vereinskassier Herr Jakob Sax verlobte sich mit Fräulein Anna Riesenfeld, Tochter des Herrn Leopold Riesenfeld, Obmann der Chewra-Kadischa, Präses der städtischen Sparkasse in Mährisch- Weißkirchen. Dr. Moritz Klein, Oberrabbiner v. N.-Becskerek — Ritter des Franz Josef-Ordens. Die Auszeichnung des ehrwürdigen, vierzig Jahre lang im Dienste wirkenden Oberrabbiners hat überall freudige Genugtuung erweckt. Dr. M. Klein hat sich um die Negierung keinerlei Verdienste erworben. Er ist wohl in seinen Reden stets aktuell, doch behandelt er die Tagesfragen „von einer höheren Warte, als ron der Zinne der Partei" und nie hat er die Kanzel, das Gotteshaus, wie dies leider von unbesonnenen Heißspornen geschah, dazu mißbraucht, von derselben politische Gegner nut Finch und Bannspruch zu bedrohe», nie hat er die Stätte der Andacht ihrer Würde und Heiligkeit entkleidet. Aber wie die alten Propheten erhob er wiederholt und so auch jüngst mahnend sein Wort und flehte zum Allerbarmer, er möge den König und seine Ratgeber, sowie die Führer der Nation und das gesamte Volk erleuchten und sie zum Frieden und zur Eintracht/ zum Verständnisse dessen, was dem Lande und feinen Bürgern nottut, führen, damit die Besorgnisse, die, einem Alpdrücke gleich, die Herzen der Patrioten bekümmern, zerstreut werden und die Eintracht wieder heraufziehe wie die siegreiche, alle Nebel zerstreuende, alles belebende Sonne. Durch dieses schwungvolle, von wärmster Empfindung getragene Gebet hat Dr. Klein nicht nur die Herzen aller wahren Patrioten, sondern auch die Verehrung aller gewonnen, die die Verklärung und Adelung des Alltäglichen, sein Hinübertragen in eine höhere Sphäre verstehen und zu würdigen wissen. Se. Majestät hat daher nicht nur ihn ausgezeichnet, sondern auch dokumentiert, daß Er den Kulturwert des Judentums und die Kulturarbeit seiner Verkünder schätzt und hoch bewertet. Jüdische Hochschülerinnen in Berlin. Von den 666 weiblichen Studierenden, die als Hospitantinnen für das Wintersemester 1905/06 an der Berliner Universität zugelassen waren, waren 191 Jüdinnen. Diese rekrutieren sich hauptsächlich aus dem Jnlande, da von de» 666 Hospitantinnen nur 104 Russinnen waren, von denen ein sehr erheblicher Perzentsatz nichtjüdischen Stammes war. Die erste jüdische Assistentin in Preußen. Frl. Dr. Paula Philippson ist, nachdem sie erst vor wenigen Wochen zur unbesoldeten, jetzt zur besoldeten Assistentin an der Breslauer Universitäts-Poliklinik ernannt wurde, die erste besoldete medizinische Asfistentin dieser Art in Preußen überhaupt. Kassel Herr Bezirksrabbiner Dr. D o c t o r - Bruchsal ist als Nachfolger des Herrn Dr. Prager zum Land-, Provinzial- und Stadtrabbiner gewählt und landesherrlich bestätigt worden. Fiume. Unser Gemeindemitglied Herr Samuel Rosenberg hat der Synagoge ein schönes Sefer-Thora gespendet, welches am 7. April feierlich eingeweiht wurde. Herr Rabbiner Dr. Josef Frank hielt bei dieser Gelegenheit eine eindrucksvolle Ansprache. Feuilleton. Der Kiüetyramr. Erzählung von Babette Fried, Prag. III. In einem kleinen Zimmerchen eines Kosthauses in der Geistgasse zu Prag stand einige Wochen später eine blasse junge Frau a.n Fenster und blickte hinaus auf die schneebedeckten Dächer der Nachbarhäuser und von da auf den kleinen Teil des Bürgersteiges, der von ihrem Fenster aus sichtbar war. Unbeweglich, starr, stand sie da und nur von Zeit zu Zeit machte sie eine fast unwillkürliche Handbewegung, um die Scheiben des Fensters zu trocknen, wenn sich immer wieder Niederschläge daran setzten. Diese dichtfallenden Schneeflocken schienen ihr ein Bild ihres eigenen Lebens zu sein. „So rein und fleckenlos wie dieser frischgefallene Schnee, so war auch mein Leben, bevor er in dasselbe getreten" — sprach sie leise zu sich selber, indem ein tiefer Seufzer ihren bebenden Lippen entfuhr — „so schuldlos fühlte ich mich, bevor ich, den Drängen des Vaters nachgebend, meine unschuldvolle Liebe aus dem Herzen riß und dem ungeliebten Manne meine Hand reichte. Wie lange aber bin ich so rein und schuldlos geblieben? So lange der Schnee, der jetzt aus die Erde fällt und sie in reines Weiß einhüllet, fleckenlos bleibt. Da ist sie, eingehüllt in jungfräuliches Weiß wie eine Braut an ihrem Hochzeitstage. Nicht lange dauert es, da kommt ein Mensch und drückt die schmutzige Spur seines Fußes auf diesen weichen weißen Teppich und gar bald bildet dieser Schnee eine zertretene schmutzige Masse. Und erst, wenn die Winde des Himmels wehen und dunkle Wolken ihre Wassermassen herniedersenden — dann zergeht dieser Schnee vollends, wie mein Glück zerflossen ist, als es unter den erbarmungslosen Fußtritten meines Peinigers zertreten worden." Die so sprach, das war des Killetyrannen entflohene Gattin, Rosa Hofmann. Die erste Gattin desselben, eine zarte schwächliche Frau, war den Kränkungen und Qualen, denen sie in ihrer Ehe ausgesetzt war, erlegen. Ein früher Tod war ihr Erlöser geworden. Die kräftiger veranlagte Rosa wußte nur e i n Mittel, dem allen zu entgehen, die Flucht. Sie hatte geduldig alles ertragen, was nur ein Weib ertragen kann. Seinen hämischen Bemerkungen über die traurigen materiellen Verhältnisse, denen sie durch ihre Verbindung mit ihm entronnen, setzte sie demutvolles Schweigen entgegen, seinen oft an Wahnsinn grenzenden Eifersuchtsanwandlungen wußte sie mit Würde und Ergebung zu begegnen. Die junge Frau, welche in das alte vereinsamte Kaufmannshaus mit seinen düsteren gewölbten Stuben und langen finsteren Gängen Licht und Leben gebracht hatte, welche von dem festen Willen beseelt war, dem stets kränkelnden Gatten eine treue Gefährtin und aufmerksame Pflegerin zu werden, diese Frau galt im Hause nicht viel mehr, als die alte taube Köchin, welche seit dem Tode der Seligen die Wirtschaft führte. Doch alles ertrug Rosa geduldig. Sie betrachtete dieses als Sühne für ihre unwürdige Schwäche, daß sie dem Drängen des Vaters keinen festeren Widerstand entgegengesetzt hatte und daß sie nicht rechtzeitig Mittel und Wege gefunden habe, der schimpflichen Abhängigkeit ihres Vaters ein Ende zu machen; sie betrachtete es ferner als Sühne dafür, daß sie ihre unschuldsvolle Liebe aus dem Herzen gerissen, um dem ungeliebten Manne unter den Trauhimmel zu folgen. Ihr Vater lebte nicht mehr, Geschwister hatte sie niemals besessen, sie hatte niemanden, den sie zu berücksichtigen brauchte, hatte auch niemanden, dem sie ihr Leid klagen konnte. Der einzige Mensch, dem sie sich so gerne entdeckt hätte, dessen Stellung es auch gestattet hätte, vermittelnd zwischen die beiden Gatten einzutreten, der stand so hoch über ihr, so unnahbar weit, seitdem sie es vermocht hatte, ihn zurückzuweisen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.