Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 17 (27.4.1906)
- Date
- 1906-04-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 274 Dr. Llocb'r MocvenscbrlN. Nr. 17 unter welchen die russische Regierung die neue Anleihe aufnimmt, zur Zahlungsunfähigkeit fuhren müssen. Diese droht bei dem russischen Staate auch durch die Umstände, unter denen die Anleihe genommen wird, und zwar nicht nur durch die politischen und sozialen Umstände, obwohl auch darauf Wert gelegt werden müsse, daß Staaten ein moralisches Empfinden betätigen sollen, und daß eine Regierung schon dann die Bevölkerung des Landes abhalten soll, Geld zu geben, wenn dieses Geld zu frevelhaften Zwecken verwendet werden soll, in Rußland zu dem Zwecke, alle Hoffnungen des Volkes auf eine fteie Entwicklung zu zerstören und den nur durch Meuchelmord gemäßigten Zarismus unversehrt zu erhalten. Aber auch die wirtschaftlichen Umstände kommen hier in Betracht. Von den 2'/z Milliarden Francs werden die 800 Millionen Francs der ftüheren französischen und die 500 Millionen Mark der ftüheren deutschen Anleihe bezahlt. Für die russische Regierung verbleiben also nach dem Emissionskurse der neuen Anleihe und nach Abzug der offenen und geheimen Agenten und Subagenten Profite gegen 600 Millionen Francs. Nun weist der Budgetvorschlag des Jahres 1906 im Extraordinarium ein Defizit von 4811 Millionen Rubel 1039 Millionen Mark auf Das Defizit der nächsten Jahre wird kaum geringer sein. Rußland tritt in die Periode ein, welche Oesterreich in den 1850er Jahren durchmachte, und man weiß, wie zerstörend die Reaktion auf alle wirtschaftlichen Werte — die ethischen nicht gerechnet — gewirkt hat. Schon jetzt kann Rußland seine Zinsen nur durch neue Anleihen decken. Endlich aber muß der Faden reißen, der schon jetzt, wie die Bedingungen der neuen Anleihe zeigen, kaum mehr hält. Mag man auch von den unermeßlichen Schätzen des Landes sprechen, das russische Volk ist arm, ausgesogen bis ins Mark durch eine verschwenderische Regierung und bestechliche Beamte. Und wenn die Bauern der Duma es vorziehen, die Ausländer ihre Torheit büßen zu lassen, als sich durch noch weitere unerhörte Steuerlast an jedem Emporkommen selbst zu hindern, so wird selbst der größte Ethiker sich scheuen, sie zu ' verurteilen. Es wird dann auf das Vorgehen der deutschen Regierung verwiesen und bemerkt, Oesterreich habe noch mehr Grund zur Zurückhaltung, denn wir sind viel ärmer und brauchen selbst mehr Geld. Es sei daher unverantwortlich, daß die Regierung ruhig zusieht, wie das Geld unseres Volkes in eine waghalsige auswärtige Spekulation verrannt wird, während der Finanzminister schon im Begriffe steht, selbst wieder eine Kronenanleihe auf den Markt zu werfen und daß sie der russischen Anleihe bei so gefahrvollen Umständen die Cote bewilligen will. Es wird die Anfrage gestellt: Wie vermag die Regierung ihre Untätigkeit zu entschuldigen? Ist sie bereit, noch derzeit aufklärend und warnend einzugreifen und insbesondere auch die Cotierung der russischen Anleihe zu verhüten? Protestverfammluug gegen die russische Anleihe. Im Saale „zur Post" fand Mittwoch eine massenhaft besuchte Versammlung der Wiener Judenschaft statt, die gegen die Beteiligung an der russischen Anleihe mit äußerster Heftigkeit protestierte. Der Versammlung wohnte Abg. Dr. Ofner bei. Namens der Einbernfer eröffnete Herr Groß die Versammlung und sagte, sie habe den Zweck, zu zeigen, daß die Masse der Wiener Juden der Meinung ist, daß ein Mann, der den Mördern von Kischenew Geld verschaffe, mindestens in der Repräsentanz der Judenschast, in der Kultusstube nichts weiter zu suchen habe. Das Volk hat keine Gemeinsamkeit mit den Erwählten der Großgrundbefitzerkurie in der Kultusgemeinde. Und damit werde die Kundgebung gleichzeitig ein Protest gegen das Privilegienwahlrecht in der jüdischen Gemeinde. Der Referent Dr. Paul Weisengrün sagte, er wünsche, daß viele Nichtjuden heute davon Zeugen wären, daß hier laut protestiert wird gegen den Grundsatz: „Geschäft ist Geschäft." Es wurde gesagt, daß die Ruhe in den heurigen Ostern eine Folge des Anleiheabschlusses ist. Werden also jetzt alle Ostern ein paar Milliarden nach Rußland wandern müssen, wenn Judenverfolgungen unterbleiben sollen? Kein Jude dürfe sich nach diesem Streich auf die Straße trauen, weil jeder ihm sagen dürfe: Du gibst ja Geld denen, die dich prügeln. (Tosender Beifall.) Schließlich gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Die heutige Massenversammlung der Wiener Juden gibt ihrer tiefsten Entrüstung über das unerhörte Vorgehen von jüdischen Kapitalisten Ausdruck, die nicht davor zurückgeschreckt sind, der blutbefleckten russischen Regierung durch Vermittlung einer Anleihe die Inszenierung neuer Judenmaffakres und die Unterdrückung der Freiheitsbewegung in Rußland zu ermöglichen. Als besondere Schmach empfindet es die Wiener Judenschaft, daß gerade ein Kultusrat der jüdischen Kultusgemeinde in Wien es ist, der den russischen Juden in ihrem Freiheitskampfe gegen eine Henkerregierung um schnöder Perzente willen verräterisch in den Rücken fällt. Die Versammlung fordert den Wiener Kultusvorstand auf, den Kultusrat Theodor Ritter von Tauffig zur sofortigen Niederlegung seines Mandates zu zwingen. Mit Rücksicht darauf, daß diese Wahl nur infolge deS Bestehens eines reaktionären Kuriensystemes möglich wurde, verlangt die Versammlung die rascheste Einführung des allgemeinen Wahlrechtes für die Kultusgemeinde, um würdige Vertreter wählen zu können. Reichsratsabgeordneter Dr. Ofner konstatiert, daß jüdische und arische Bankiers sich bei diesem merkwürdigen Geschäft brüderlich die Hand reichen. Man müsse unterscheiden, zwischen Juden und jüdischen Bankiers. Es sei gut, wenn man diese Unterschiede deutlich hervorhebt". (Stürmischer Beifall.) Ein Aufruf. Ein Komitee von Sozialpolitikern wendet sich in einem Aufruf an die Oeffentlichkeit, in dem es unter eingehender Darlegung der Verhältnisse vor der Anteilnahme an der Subskription auf die russische Anleihe warnt. Der Aufruf trägt die Unterschriften folgender Persönlichkeiten: Direktor Dr. Aristides Brezina, Hofrat Dr. Max Burckhard, Advokat Dr. Adolf Daum, Auguste Fickert, Dr. Friedrich Frey, Dr. Emil Ritter v. Fürth, Dr. Hugo Ganz, Rudolf Golgscheid, Universitätsprofessor - .Dr. Karl - Grünberg, Dr. Michael Hainisch, Dr... Gustav Harpner, Rudolf Hawel, Paul Freiherr v. Hock, Hofrat Professor Dr. Viktor v, Lang, Universitätsprofessor Dr. E. Lippmann, Arnold Lotz, Dr. Julius Ofner, Hofrat Professor Dr. Ernst Mach, Rudolf Springer, Hofrat Professor Doktor Weichselbaum, Dr. Siegmund Wolf-Eppinger, Ernst Viktor Zenker, Dr. Moriz Zmeybrück. Die Kotierung. In einer Plenarsitzung der Börsekammer vom Donnerstag wurde beschlossen, die Notierung des neuen russischen Anlehens an der Wiener Börse dem Finanzministerium zu empfehlen. Von der Sitzung der Börsekammer haben sich Präsident Miller v. Aichholz und der erste Vizepräsident Leopold v. Lieben, sowie Direktor Wiedmann von der Unionbank, welch letztere sich an der russischen Anleihe bekanntlich nicht beteiligt, absentiert. Zwei Börsenräte stimmten gegen die Bewilligung der Kote. Generalversammlung der Chewra-Kadischa „Fünfhaus". Am 12. April 1906 fand die 41. ordentliche Generalversammlung um 2 Uhr nachmittags' im Sitzungssaale der Kultusgemeinde, XV., Turnergafse 22, statt. Der Präses Herr Heinrich N e u f e l d eröffnete die Versammlung, begrüßte die erschienenen Mitglieder und insbesondere die Ehrengäste: Kommerzialrat Gottlieb Tanßig, Samuel Steiner und Samuel Mohr. Der Vorsitzende appellierte in seiner warmen Ansprache an die Mitglieder, dieser bewährten Chewra Unterstützung zu gewähren, um alle Ansprüche erfüllen zu können, die an die Chewra gestellt werden. Bei dem 1. Gegenstand der Tagesordnung „Rechenschaftsbericht" würde dieser über Antrag des Revisors Herrn Hönigsberg zur Kenntnis genommen und dem Vorstände mit dem Dank für die aufopfernde Mühe das Absolntorium erteilt.