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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-27 · 17 (27.4.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
17 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 272 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 17 Llovumevta ^uclsies *) Unter diesem vielverheißenden Obertitel ist soeben das erste, prächtig ausgestattete Heft eines großen literarischen Quellenwerkes erschienen, das es sich zur Aufgabe macht, jedem die Urquellen zu erschließen, die zur Erkenntnis bes biblischen und talmudischen Judentums und seiner Geschichte führen. Die außerjüdische Welt, selbst die der gelehrtesten Fachkenner, mußte zum Schaden der historischen Treue und Wahrhaftigkeit oft zu Bearbeitungen aus zweiter und dritter Hand greifen. Nur wenigen Bearbeitern der Zeitepochen, für die Targumim, das heißt aramäische Paraphrasen des Alten Testaments, und die Talmude Babyloniens und Palästinas Quellenwerke ersten Ranges sind, ist es gelungen, den Geist dieser uralten Traditionen vollkommen zu erfassen. Insbesondere die vielfach verkannte und mißverstandene historische Ueberlieserung der Talmude hat selbst bei großen und gründlichen Forschern wie Bousset, Schürerund Harnack zu gewiß oft unbeabsichtigten Grundfehlern .ihrer Darstellungen geführt, weil ihnen das Eindringen in die überaus schwierigen Texte nicht ganz gelang. Die Monumenta Judaica. die zunächst in Bibliotheca Targamica und Bibliotheca Talmudica zerfallen, wollen der wisfenschaftlichen Welt die aramäischen Uebersetzungen des Pentateuch von Qnkelos-Akylas und Jonathan, die unter den Namen Targum Qnkelos und Targum Jeruschalmi bekannt sind, sowie die geschichtlich wertvollen Teile des babylonischen und palästinensischen Talmuds vollkommen zugänglich machen. Die Targume, als die zeitlich der Fixierung des pentateuchischen Urtextes nächstgelegenen und bedeutendsten Paraphrasen, sind für die religionsgeschichtliche und exegetische Erfassung der fünf Mosesbücher von hervorragender Bedeutung. Seit der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil war in Palästina das Aramäische Volkssprache geworden. Das Hebräische war in den Hintergrund gedrängt. Die ungelehrte Masse des aramäisch redenden Volkes war der heiligen Sprache längst entfremdet. Für sie waren die aramäischen Uebersetzungen bestimmt, die Targumim, von denen die öffentlichen, synagogalen Vorlesungen aus der heiligen Schrift begleitet wurden. Diese Uebertragungen des biblischen Textes ins Aramäische enthielten Erläuterungen des Schriftwortes und spiegelten Glaubensanschauungen wieder, die durch uralte Ueberlieferungen gesichert sind. Sie befleißen sich einer durchgehenden Vermeidung aller Anthropomorphismen und haben so zur Läuterung des Gottesbegriffes bei den Volksmassen wesentlich beigetrageu. Denn das Targum des Qnkelos- Akylas ist ein Volksbuch geworden. Die zuerst durch das regelmäßige Anhören der Paraphrasen zur Gewohnheit gewordene Auffassung wurde noch weitaus gestärkt, als das Lesen des Targum geradezu zum Gesetze erhoben wurde, das bis zum heutigen Tage beobachtet wird. Das Targum des Qnkelos, das babylonische genannt, ist im ostaramäischen, das des Jonathan und Jeruschalmi, das palästinensische genannt, im westaramäischen Sprachdialekt geschrieben. — Das große Ansehen, dessen sich diese Targume seit ihrem Entstehen bis zur Stunde erfreuen, und ihre Autorität erheben eine Uebersetzung dieser Denkmäler zu großer Bedeutung. Die Monumeuta Judaica haben also nach dieser Richtung einen neuen Weg eingeschlagen und eine sprachlich, religionsgeschichtlich und historisch wichtige Aufgabe zu erfüllen sich vorgesetzt. Die historischen Talmudtexte sind bisher in unzureichender Weise durchforscht und ausgebeutet, wenn auch den Arbeiten, die auf diesem Gebiete bisher geleistet worden sind, der größte Wert zuerkannt werden muß. Die Talmude aber sind trotz der bestehenden und eben entstehenden Uebertragungen aus alter und neuer Zeit noch immer nicht zugänglich genug. In ihnen sind Qrignalberichte über eine tausendjährige Kulturarbeit zahlloser Völker in einem semitischen Dialekte aufgespeichert, der selbst dem geübten Philologen und Archäologen keine kleinen *) Mouumevtajudaica. Prima pars: Bibliotheca targumica. Das Targum des Qnkelos, herausgegeben von Professor August Wünsche, P. Prof. Dr. W. Reumann, Dr. U. Altschüler, unter Leitung von Dr. I. I. Hollitscher, im Akademischen Verlag Wien. Generalvertrieb „Union", Gesellschaft für Literatur und Kunst, Wien-Leipzig. Schwierigkeiten bereitet. Die Sichtung der Quellen und die Herstellung der Beziehungen sind noch nicht zur Genüge vollzogen. Erst wenn das gesamte historische Material, losgelöst von den schier unendlichen, die disparatesten Stoffe behandelnden Teilen, in tadellosem Texte und treffender Uebersetzung vorliegt und durch einen erschöpfenden wissenschaftlichen Apparat durchleuchtet sein wird, kann von einer gesicherten Grundlage dieses merkwürdigen Literatur- und Kulturdenkmales als historischer Quelle die Rede sein. Und diese Grundlage wollen die Mounmenta schaffen. An die in lateinischer Transkription erscheinende Textausgabe der Targumim und deren wort- und sinngetreue deutsche Uebersetzung und die Talmudtexte wird sich ein kritisch-exegetischer Apparat schließen. Es soll der Wunsch und die Hoffnung nicht unterdrückt werden, daß die befremdlich anmutende transkribierte Textedition" sich auf die besten bisherigen Editionen und insbesondere Handschriften gründen möge, wenn ihr Wert nicht wesentlich geschmälert werden soll. Die traditionelle, das heißt in der Talmud- und Midrasch-Ueberlieferung begründete Wiedergabe des Textes und der Version darf den vulgären und dem einfachen Wortlaut entsprechenden Sinn nicht außer acht lassen. — Die Tradition, eine der wichtigsten und untrüglichsten Erkenntuisquellen der jüdischen Antike, ist allerdings bisher wenig oder gar nicht beachtet worden. Und gerade sie ist das unterscheidende Charakteristikuni des Judentums. Die Betonung und Beachtung dieses Momentes wird einen Vorzug des Werkes ausmachen. An die Targum- und Talmudtexte werden sich Exkurse reihen, die die antiken Kulturvölker, wie Babylonier, Assyrer und Egypter, in Betracht ziehen; denn viel unbeachtetes und unerkanntes Material zur Erkenntnis dieser Völker und ihrer Beziehungen zum Judentum und zu einander liegt gerade in den Talmuden begraben. Es soll gezeigt werden, wie die Kulturwerte und Religionsmomente der altklassischen, der semitischen und hamitischen Völker innerhalb des Judentums umgewertet worden sind. Die Verwirrung, die der oft genug sehr unwissenschaftlich geführte Streit um Babel und Bibel angerichtet hat, wird vielleicht durch objektiven Vergleich der Quellen und deren Harmonisierung einigermaßen geklärt und gelöst werden. Assyrien und Babylonien zumal sind in dem letzten Jahrzehnt in den hellsten Vordergrund getreten. Es ist klar, daß der babylonische Talmud in Vereinigung mit der auch im Midrasch (Auslegung) aufgespeicherten wundersamen Sagen- und Legendenüberlieferung oft ungeahnte Aufklärung bringen wird. Die Ueberschätzung des babylonisch-assyrischen Einflusses auf das früheste hebräische Altertumdürfte bei ruhiger Forschung manche Einschränkung erfahren. Eine unabhängige, vorurteilslose Behandlung der Materie steht umso eher zu erwarten, als Gelehrte dreier Konfessionen sich vereint haben — eine auf diesem Gebiete bisher noch nicht dagewesene Erscheinung — um in gemeinsamer Arbeit die Wahrheit festzustellen. Umso ernster darf man strenge Wissenschaftlichkeit und einwandfreies, gründlichstes, gelehrtes Forschen erwarten und fordern. Die Monumenta Judaica werden vom Akademischen Verlag (Wien und Leipzig) herausgegeben, an dessen Spitze Doktor I. I. Hollitscher als Direktor steht. Dem Redaktionskomitee gehören ferner an: Universitätsprofessor Dr. W. Neumann (Wien), Universitätsprofessor Dr. A. Wünsche (Dresden) und Dr. M. Altschüler, Herausgeber der Vierteljahrschrift für Bibelkunde und Patristik (Wien). Diese Zusammensetzung soll dafür Bürgschaft leisten, daß in der Auffassung und Beurteilung namentlich der Talmudquellen nicht irgend ein subjektiver Standpunkt zum Ausdruck gelange oder daß Tendenz die Erläuterung trübe. Aus demselben Grunde wurde eine große Anzahl von katholischen, protestantischen und jüdischen Fachgelehrten als Mitarbeiter angeworben. Das vorliegende erste Heft der Monumenta enthält eine über Zweck und Anlage vollkommen orientierende Einleitung, das Mitarbeiterverzeichnis, die angewandten Abbreviaturen, einen Exkurs über „die mündliche Ueberlieserung", der wohl in kommenden Exkursen wesentlicher Ergänzungen bedarf. Daß für die Geschichte dieser mündlichen Ueberlieserung, von deren überwiegendem Einflüsse bereits die Rede war und deren Nicht-

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