Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 1« Dr. Blocb’s MocvenscbrM. Seite 263 benachbarten Kultusgemeinden bewirkt. Ferner beschloß der Vorstand auf Antrag des Vorstehers, daß das Leichenbegängnis auf Kosten der Kultusgemeinde, die Beisetzung in dem dem Verewigten von der Gemeinde zu widmenden Ehrengrabe zu erfolgen habe und der Name des Verblichenen jeweils bei den Seelengedächtnisfeiern im Tempel zu nennen sei. Beschlossen wurde auch die Abhaltung eines Trauergottesdienstes. Am 23. März l. I. fand die Beerdigung statt. In dem fast unabsehbaren Zuge der Trauergäste waren alle Schichten der Bevölkerung und benachbarte Gemeinden durch Abordnungen vertreten, ein Beweis für die allgemeine Wertschätzung des Dahingegangenen. In der Friedhofshalle hielt Rabbiner Professor Dr. Hofmann die Trauerrede, worin er in gewohnt trefflicher Weise das Lebensbild des Entschlafenen entwarf, seine edlen Eigenschaften und Betätigungen hervorhebend und zur Nacheiferung anspornend. Hierauf sprach Vorsteher Dr. Schnürmacher in herzbewegenden Worten, selbst tief ergriffen, das letzte Lebewohl. Die sich anschließende, in würdigster Weise verlaufene Trauerfeier versammelte den größten Teil aller Gemeindemitglieder und Teilnehmer der Bestattung in dem schwarz ausgeschlagenen Tempel. Prof. Dr. Hosmann gedachte nach der Gebetsandacht nochmals der beispielgebenden Trefflichkeit des Verstorbenen, der Tempelchorverein erwies seinem geschiedenen Ehrenmitgliedc durch zwei weihevolle Vorträge die letzte Ehre. Anläßlich des Todes des Herrn Eduard Soyka stoffen verschiedenen wohltätigen und gemeinnützigen Zwecken seitens seiner Hinterbliebenen, Freunden und Bekannten Spenden zu, die einen ansehnlichen Gesamtbetrag ergaben. Der Verblichene selbst hatte letztwillig ebensolchen Zwecken namhafte Zuwendungen, so insbesonders unserer Kultusgemeinde eine solche von 2000 K als Stiftung gemacht. Hamburg. Die im hiesigen Kunstsalon Louis Bock u. Sohn seit längerer Zeit ausgestellten Plastiken von Boris Schatz, „Darstellungen aus dem jüdischen Leben, Charakterbilder im Zionidenton", sind von Herrn Louis Friedenheim, deffen warmes Interesse für jüdische Angelegenheiten weit über die Grenzen unserer Gemeinde bekannt und geschätzt ist, angekauft und der hiesigen „G es e l l s ch a f t für jüdische Volkskunde" als Geschenk überwiesen worden. Die kostbare Sammlung im Werte von etwa 1200 Mark umfaßt folgende Nummern: „Großmutter und Enkel", „Jüdische Mutter"; E. M. Lilien; „Totengebet", „Heimatssehnsucht", „Des Rabbi Segen". „Simson und Delila", „Maske eines Schlafenden", „Makkabäer", „Judith"; Dr. Herzl; „Einer aus dem Volke", „Morgengebet"; David Wolffsohn; Professor Marburg: „Judith", „Jubiläum Wolffsohn", „Sabbathsegen", „Großmütterchen", Gebet mit Becher", „Heiratsvermittler", „Frau Marburg". Der U. O. B. B. und Witte. Der Präsident des Exekutivkomitees des „Unabhängigen Ordens Bnai Brith", Adolf Kraus in Chicago, hat an den Grafen Witte folgende Eingabe gerichtet: Ew. Exzellenz! Sie werden sich sicher unseres Interviews in Portsmonth erinnern, dem anch die Herren Schiff, Strauß, Seligmann, Levisohn und andere beiwohnten, und als drei von uns in der City von New- Aork Ihnen glückliche Heimkehr wünschten, hatten Sie die Güte, uns aufzufordern Ihnen in einiger Zeit über das Thema unserer damaligen Unterredung zu schreiben. Und so erlaube ich mir heute, von der mir so gütig gewährten Erlaubnis Gebrauch zu machen. Es ist zwecklos, bei den Einzelheiten der schrecklichen Jndenmassakres in Rußland länger zu verweilen, denn diese Einzelheiten sind Ihnen ja besser bekannt als mir. Ew. Exzellenz werden sich Wohl daran erinnern, daß ich damals die Meinung äußerte, daß wenn diejenigen, die so mutwillig die Inden verfolgt, bei den Mordtaten geholfen oder zu dielen sogar anfgereizt haben, schnell und gerecht bestraft worden wären, dies eine solche Warnung für die anderen gewesen wäre und eine so deutliche Stellung der Regierung zur Sache, daß sie wohl hingereicht hätte, der Wiederholung solcher Schrecken im vollen Maße vorzubeugen. Daß wir aber von keinen strengen Maßnahmen zur Bestrafung dieser Verbrechen gelesen haben, mag wohl darin seinen Grund haben, daß vielleicht die Regierung die Pflicht außeracht gelassen hat, die Bewegung im Keime zu ersticken, oder darin, daß die Presse nur unzulängliche Informationen über die Angelegenheit erhalten konnte. Aber was auch die Ursache sein mag, die Tatsache hat eine allgemeine Besorgnis in unserem Lande hervargernfen, daß die Massakres gegen die Inden in Rußland sich wiederholen könnten, und es herrscht überwiegend die Ansicht, daß das Leben der Juden in diesem großen Reiche keine Sicherheit biete. Als das Resultat dieser immer mehr sich verbreitenden Anschauung, daß Leben und Eigentum der Juden schutzlos seien in dem Lande, wo ihre Ahnen seit Generationen gelebt haben und in dem Ew. Exzellenz Premierminister sind, wurde eine wichtige Maßregel ernstlich in Erwägung gezogen: ob man es mit dem Gesetz vereinbaren könne, die Juden ganz, oder soweit es ausführbar ist, aus Rußland wegzubringen und sie in Länder überuiführen, wo ihnen die Möglichkeit geboten ist, eines natürlichen Todes zu sterben. Wenn die Pläne einer solchen Bewegung sich in Taten umsetzen werden, wird die Gesellschaft, deren Präsident ich bin, sehr aktiven Anteil daran nehmen. Ueber die ungehe'-ere Tragweite dieses Schrittes sind wir uns ganz klar, und er wird natürlich unsere letzte Zuflucht sein. Ich nehme mir deshalb die Freiheit, mich an Sie um die Informationen zu wenden, von welchen unsere Aktion abhängen wird, wenn es Ew. Exzellenz richtig erscheint, daß uns solche gegeben werden, und zwar sind es die folgenden: Ist jetzt, wo es scheint, daß die Regierung den Frieden im Lande hergestellt hat, diese auch in der Lage, das Leben und Eigentum der Juden so zu schützen wie das der Christen und jene Beamten zu bestrafen, die ihre Pflicht verabsäumt haben, indem sie es unterlassen haben, Maßregeln zum Schutz der Inden zu ergreifen und künftige Massakres zu verhindern? Ich wüßte nicht, bei der Frage, die ich mir zu stellen erlaubte, irgend etwas Beleidigendes gegen Ew. Exzellenz getan zu haben; denn es ist doch selbstverständlich, daß es in den Intentionen jeder Regierung liegt, alle ihre Bürger zu schützen. Meine Entschuldigung für diese Anfrage ist die Tatsache, daß die Jndenmassakres. in Ihrem Lande stattgefnnden haben und jetzt Berichte in die hiesigen Zeitungen kommen, daß man den Ausbruch der größten Massakres. die je die Welt gesehen hat. für die bevorstehende Oster.zeit erwarte und daß allgemein die Meinung verbreitet ist, daß die Regierung nicht in der Lage sei, ihren kräftigen Arm zum Schutz der Juden zu erheben, daß also die Inden in Rußland dem Verderben preisgegeben seien. Ich habe die Ehre in Hochachtung zu verbleiben Adolf Kraus, Präsident des Exekutivkomitees des U O. Bnai Brith. Auf dieses Schreiben ist nachfolgende nichtssagende telegraphische Antwort eingegangen: „Ich bin sicher, daß Sie nicht bezweifelt haben, daß ich Gewalttaten nicht billigen kann, gleichviel, gegen wen diese gerichtet find. Die beklagenswerten Ereignisse, welche stattgefunden haben, waren das Resultat der Unruhen. Sie können überzeugt sein, daß die Regierung alle möglichen Maßnahmen ergreifen wird, um allen Grausamkeiten gegen friedliche Bürger, ohne Rücksicht darauf, welcher Nationalität sie angehören, vorzubeugen." Graf Witte. Die Hungersnot in Marokko. Nach Berichten, die das Zentralkomitee der „Alliance Jsraolite Universelle" neuerdings erhalten hat, ist die Lage der Israeliten im Süden und Südwesten Marokkos gegenwärtig besonders beklagenswert. Zu der chronischen Anarchie, die infolge der Schwäche des Maghzen im ganzen Lande herrscht, und zu den bewaffneten Einfällen der aufrührerischen Stämme ist eine wirtschaftliche Krise schwerster Art hinzugekommen, die Tausende von Familien mit Vernichtung bedroht. Die Hungersnot wütet im gesamten Innern Marokkos als Folge der Trockenheit und der schlechten Ernte. Die unglücklichen Juden machen sich in der Furcht vor plündernden Araberstämmen verzweifelt auf die Flucht, suchen in den Küstenstädten Mogador, Mazagan, Azemur, Csablanca Asyl und kommen selbst bis Tanger. Die Hilfe der begüterten marokkanischen Juden, deren Wohltätigkeitssinn zu rühmen ist, reicht nicht entfernt aus. Die Alliance hat seit mehr als einem Jahre für die notleidende Bevölkerung in den verschiedenen Zentren, namentlich in Marrakesch, bedeutende Summen aufgewandt. Des Weiteren hat die Alliance angeordnet, an den Speisungen in ihren Schulen alle bedürftigen Kinder ohne Ausnahme teilnehmen zu lassen. Zur Fortsetzung dieses Liebeswerkes find beträchtliche Mittel notwendig, die bei der Ausdehnung des Unglückes gar nicht reich genug zur Verfügung gestellt werden können. Das „Deutsche Bureau" der Alliance (Berlin, X. 24, Oranienburgerstraße 42) nimmt gern freundliche Gaben für dieses außerordentlich dringliche Hilfswerk an. § .1 1 i- 4s | f 1