Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Heite 362 Dr. LLocd's Mlocdenscbrttt. Nr. 16 Delegierter Dr. Zweig (Proßnitz) wünscht, daß in der heutigen Verhandlung nicht die trennenden, sondern die einigenden Momente hervortreten mögen. Das wird aber unmöglich gemacht, wenn heute schon nach dem Programme der künftigen jüdischen Kandidaten gefragt wird. Alle Svuderwünsche müssen znrückgestellt werden, weil die Juden sich als ein selbständiger politischer Faktor konstituiert haben. Die Eintragung in den deutschen Kataster — so weit dies möglich erscheine — sei im Interesse der Judeuschaft gelegen und wird nicht aus Rücksicht für diese oder jene politische Partei empfohlen. Wenn wir den alten jüdischen Gemeinden raten/ sich in den deutschen Kataster einzutragen, so sichert das auch das Schicksal der politischen Judengemeinden für absehbare Zeit, denn die Aenderung der mährischen Landesordnung sei von einer qualifizierten Majorität abhängig, und diese Majorität können die Tschechen allein nicht aufbringen. Die derzeitigen politischen Judengemeinden seien aber ein wahrer Segen für die Judeuschaft geworden. Das ist „Klein-Zion" in der betreffenden Stadt. Diese Bastion zn erhalten, hängt von dem guten Willen der Deutschen ab. Wenn aber die Deutschen an den Wahlstimmen der Juden kein Interesse mehr hätt,n, daun würden sie leicht die Hand dazu bieten, die politischen Judengemeinden aufzuheben, um dafür andere Konzessionen auf nationalem Gebiete einzutausckeu. Redner betont, daß die Entscheidung der heutigen Delegiertenversammlung gewiß nicht ungefährlich sei, die Gefahr des Boykotts bestehe immer, sie bestehe aber auch bei einer etwaigen gegenteiligen Entscheidung Der Vorschlag der „Oesterreichisch-Jsraelitischeu Union", zu dem er seinerzeit als Zionist selbst die Anregung gegeben, entspricht allen Bedingungen. Auf dieser Basis können sich die Juden aller Richtungen zusammenfindeu. Redner beantragt daher gleichfalls, den Vorschlägen des Referenten zuzustimmen. Delegierter Dr. H a m l i ch erklärt, sich den Ausführungen des Vorredners zu akkommodieren und zieht seinen Antrag, daß jüdisch-nationale Kandidaten anfzustellen seien, zurück. Delegierter H i ck l (Schaffa) erklärt namens der nationalen Juden, daß nationale Politik von wirtschaftlicher Politik nicht zu trennen sei. Die Juden dürfen nur eine jüdische Politik betreiben. Redner beantragt, daß die Delegierten-Versammluug ein Exekutivkomitee einsetze, welches die Aktion weiterzuführeu und zum Zwecke der Durchführung der heutigen Beschlüsse in den betreffenden Wahlkreisen Bezirksversammlungeu abzuhalten hätte. Referent Sekretär Fleischer erblickt in der heutigen Versammlung einen erfreulichen Fortschritt in der politischen Organisation der mährischen Judeuschaft. Er akzeptiert den Antrag, daß die Versammlung ein eigenes politisches Organ schaffe, an welches die „Union" die bisherigen Agenden gerne abgeben werde. Es sei ja auch dies schon in der Vertrauensmänner-Versammlung in Aussicht genommen worden. Bei der Abstimmung werden die Refereutenanträge einstimmig zum Beschlüsse erhoben und in das Exekutivkomitee gewählt die Herren Dr. Hieronymus Fialla, Doktor Ludwig Körner, Dr. Gustav Zweig, Dr. Theodor Haas, Dr. Hermann Hamlich und Dr. Berg. Nachdem noch der Vorsitzende der „Oesterreichisch- Jsraelitischeu Union" und deren Sekretär für die geleistete verdienstliche Vorarbeit den Dank der Versammlung ausgesprochen, wurde die Delegierten-Versammluug für geschlossen erklärt. Das gewählte Exekutivkomitee trat sofort zur Durchführung der ihm zugewiesenen Aufgaben zusammen. Talmud-Thora-Verein für die westlichen Bezirke Wiens. In der Sonntag den 15. d, Vormittags 10 Uhr, abgehaltenen X. Generalversammlung wurde nach Entgegennahme des allseitig befriedigenden Schul- und Kassaberichtes unter Votierung des Dankes an den derzeitigen Vorstand diesem von der Versammlung das Absolutoriurn erteilt. Es erfolgte, mit Ausnahme eines Mitgliedes, für welches in Herrn Siegfried Stein Ersatz gefunden wurde, die Wiederwahl des statutengemäß in diesem Jahre ausscheidenden Teiles des Vereinsvorstandes. Die Schule wird zur Zeit von weit über 200 Knaben und Mädchen besucht. Die Resultate des Unterrichtes sind, nach dem Bericht des Vorstandes über das erste Jahrzehnt der Schule, einer Beilage zum diesjährigen Jahresbericht, sehr zufriedenstellend. Die Bibliothek der Schule zählt über 300 Nummern. Auch in finanzieller Hinsicht ist ein Fortschreiten von Jahr zu Jahr festzustellen, so daß den sich steigernden Anforderungen bisher ohne Schwierigkeiten entsprochen werden konnte. Reichenberg. In der Nacht vom 20. zum 21. März 1906 verstarb hier der allgemein beliebte und hochgeachtete Herr Eduard Soyka im 78. Lebensjahre. Der Kultusgemeindevorsteher Herr Dr. Schnürmacher hielt dem Verblichenen in der am 21. März l. I. abgehaltenen Trauersitzung des engeren Vorstandes folgenden, von den Versammelten stehend angehörten Nachruf: „Eine schmerzliche Todesbotschaft hat uns heute zu einer außerordentlichen Versammlung vereinigt, die Kunde von dem Ableben unseres hochverdienten Nestors Herrn Eduard Soyka. Der bittere Schmerz, welchen diese Nachricht verursachte, wird nicht gemildert durch den Umstand, daß wir schon einige Zeit auf dieselbe gefaßt sein mußten. Der Verstorbene war nicht nur eines der ältesten Mitglieder unserer Gemeinde, er war ein Mitbegriinder derselben- und seit ihrer Gründung erfreute er sich durch die Lauterkeit seines Wesens, durch seinen schlichten, biederen Charakter, seinen wahrhaft frommen Sinn der Wertschätzung aller, die ihn kannten, ohne Unterschied des Glaubens. Kein Wunder, daß er mit unter den Ersten war, welche in den Vorstand dieser Gemeinde gewählt wurden, daß er seither durch volle vier Dezennien jedesmal wiedergewählt wurde, und zwar immer mit der denkbar größten Stimmenzahl, welche überhaupt auf einen Kandidaten' entfiel oder entfallen konnte. Ueber seine Tätigkeit im Vorstande braucht an dieser Stelle nicht viel gesagt zu werden. Wir alle sind ja selbst Zeugen gewesen, in wie freudiger und selbstloser Weise der Verblichene alle Sitzungen des Vorstandes und der Abteilungen, denen er angehörte, besuchte und wie er allen Angelegenheiten unserer Gemeinde in allen Ncssorts ein reges, nie erlahmendes Interesse entgegenbrachte. Er war es, der oftmals durch die Reife seiner Auffassung, durch die imponierende Stellung, die ihm vermöge seines Alters, seiner Einsicht und seiner Erfahrung zukam, Gegensätze zur Ausgleichung brachte. Seine besonderen Verdienste aber um unsere Gemeinde sind gelegen in seiner Tätigkeit als Tempelvorsteher, welches Amt er seit Jahrzehnten bekleidete. In dieser Eigenschaft hat er es mit tatkräftiger Initiative durchgesetzt, daß in unserer Gemeinde in dem herrlichen Gotteshanse ein wirklich moderner, wahrhaft erhebender Gottesdienst gefeiert wird, wie er vielen anderen jüdischen Gemeinden, und zwar nicht bloß kleineren Gemeinden, als Muster dienen könnte. In dieser Hinsicht ist die Reichenberger Kultusgemeinde dem Verstorbenen größten Dank schuldig. Allein unsere Gemeinde und ihr jeweiliger Vorstand waren sich dieser großen Dankespflicht gegenüber dem Verstorbenen auch allezeit bewnßt, und jeder Anlaß wurde von der Gemeinde und dem Vorstände benützt, um dem Verklärten die großen Sympathien, deren er sich erfreute, knndzutun und ihm auch ein sichtbares Zeichen der Dankbarkeit zn widmen. Ich erinnere an die Feier seines 70. Geburtstages, an das Fest seiner goldenen Hochzeit und an die im Vorjahre gefeierte vierzigjährige Wiederkehr des Tages seines Eintrittes in den Kultusgemeindevorstand. Noch in der letzten Sitzung am 16. März l. I. hat der Vorstand über meine Anregung infolge des kritischen Verlaufes, den die Krankheit des Verstorbenen genommen hatte, eine Cympothiekundgebung beschlossen, nämlich ihm den Wunsch des gesamten Vorstandes nach baldigster Besserung und Genesung auszndrücken. Zwei Tage später hatte ich Gelegenheit, den verehrten Mann zu sehen und ihm die Grüße und Wünsche des Vorstandes zu bestellen. Ich mußte die innere Bewegung Niederkämpfen, welche die Aufnahme dieser Kundgebung bei dem Kranken hervorrief. Herr Soyka war von dieser Aufmerksamkeit des Vorstandes sehr gerührt, dankte in herzlicher Weise und ersuchte mich, dem Vorstande seine besten Grüße zu übermitteln. Es gereicht dem Vorstande und unserer Gemeinde zur Ehre, daß sie die hervorragende Tätigkeit dieses Mannes im öffentlichen Interesse nicht, wie es so häufig geschieht, mit Undank lohnte, sondern stets anerkannte. Und nun hat der edle Mann ausgelitten, wir alle aber und unsere Gemeinde werden ihm ein ehrenvolles Andenken bewahren." In weiterer Würdigung der besonderen Verdienste des Dahingeschiedenen hatte der Vorsteher auf dem Tempel eine Trauerfahne und um das im Sitzungssaale befindliche Bild des Verstorbenen Trauerflor anbringen lassen und die Todesanzeige durch die Zeitung sowie an jedes Gemeindemitglied und die