Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Dlocb s Mocdenscvrm. Seite 259 berechtigung der Juden durchaus nicht Hand in Hand zu gehen brauchen, beweist die traurige Lage der jüdischen Bevölkerung in Tunis. Möge der einstimmige Appell der Mächte an die scherifische Regierung nicht unerhört Verhallen. Eine Regelung der Lage der Nichtmohammedaner liegt vor allem auch im Interesse der marokkanischen Regierung selbst. Erweist sie sich nicht stark genug Exzessen des Pöbels und Amtsüberschreitungen der Lokalbehörden erfolgreich entgegenzutreten, so werden die europäischen Mächte um des Friedens und des wirtschaftlichen Aufschwungs willen, der die Ordnung im Innern zur Voraussetzung hat, eingreifen müssen. Das zu erstrebende Endziel bleibt natürlich die völlig gesetzliche Gleichstellung. Man hat Wohl auf den Gegensatz hingewiesen zwischen der Rechtslage der türkischen Juden und den Verhältnissen in Marokko. Möglich, daß die Lösung sich in der Lage der marokkanischen Mohammedaner als westlichen Vorpostens des Islam finden läßt. Völker auf Grenzposten werden meist zu ganz besonders scharfer Hervorkehrung ihrer nationalen und religiösen Eigenart neigen. Wie dem auch sei, was in der Türkei durch die großen Reformgesetze möglich war, den Hattischerif von Gülhane von 1839, der allen Untertanen ohne Rücksicht auf Religion Schutz des Lebens, der Ehre und des Vermögens verhieß, und das Hattihumayum von 1856, das die bürgerliche Gleichstellung aller Untertanen ohne Unterschied der Religion verbürgte, muß auch für Marokko sich schließlich erreichen lassen. Gin historischer Fund. Unter dieser Ucberschrifl teilt Herr S. Rothschild in Worms in der „Münchner Allg. Zeitung" Folgendes mit: Berthold Auerbach erzählt in seinem Nachlasse, wie ihn als Knabe ein Schulkamerad plötzlich mit der Frage überrascht habe, was wohl mit den zerlesenen Gebetbüchern geschehe? Als dieser meinte, daß sie wahrscheinlich verbrannt oder in den Neckar geworfen würden, welche Antwort Auerbach nicht genügte, sagte sein Kamerad: „So frage doch deine Mutter!" „Ich fragte meine Mutter," erzählt der spätere Dichter, und sie sagte: „Kind, wohin gehen deine Gedanken immer? Aber ich kann dir's sagen. Ueber der Decke der Synagoge ist ein Speicher, und da liegen die Gebetbücher von hundert und hundert Jahren. Und der Atem der Lebenden steigt auf zu den Blättern, worauf der Atem der Verstorbenen gehaucht war und wo manche Träne hinfiel. Und die Werke der Verstorbenen und Lebenden gehen miteinander hinauf zu Gott."" Der Zauber des Synagogenspeichers hatte die Phantasie Des Knaben derart gefangen genommen, daß er die erste Gelegenheit benützte, sich-diesen wichtigen Ort anzusehen. Reizend schildert der Dichter den Besuch des Synagogenspeichers mit seinen alten Büchern. Hätte aber der spätere Dichter Gelegenheit gehabt, den Synagogenspeicher mancher israelitischen Gemeinde, innerhalb deren Mauern sich ein Stück Geschichte abgewickelt hatte, zu besichtigen, dann hätte er wahrnehmen können, wie so manches wertvolle Schriftstück, das über die Schicksale der Gemeinde Auskunft zu geben vermochte, hier unter die alten Gebetbücher gekommen war. Dies war besonders in Worms der Fall. In den Schreckensjahren 1618 und 1689 hatte man sicherlich manches wertvolle Dokument zum Schutze dorthin gebracht. Von dieser wichtigen Ansicht ausgehend, hat das vor kurzem verstorbene Vorstandsmitglied der israelitischen Gemeinde, Herr Julius Goldschmidt, hier in der Tat die Reste des alten Archivs entdeckt. Außer alten Gebetbüchern und bedeutenden Schriftstücken fand sich bei dieser Gelegenheit eine Menge alter Wimpeln vor. Es sind dies Streifen von Leinwand, die neben Namen und Geburtszeit des neugebornen Knaben auch den Namen des Vaters enthalten mit frommen Segenswünschen für das Wohl des Knaben. Diese Wimpeln, in einander verschlungen, bildeten fast einen unlösbaren Knäuel. Nachdem dieser entwirrt und durch ein gründliches Seifenbad gereinigt, waren die Wimpeln wie neu geworden. Diese zu entziffern schien schon deshalb geboten, weil sie die Standesamtsbücher damaliger Zeit darstellten und durch die Entzifferung ein schätzbares Material für die Erforschung der Genealogie einzelner Familien gewonnen werden konnte. Außerdem gewährten diese Wimpeln einen Einblick in die Kunstfertigkeit im Weben, Sticken und Malen jener Zeit. Nicht weniger als 443 Wimpeln, welche vom Jahre 1570—1940 reichen, hatte Herr Goldschmidt entziffert. Wenige Monate vor seinem Tode machte er mich darauf aufmerksam, daß noch eine große Anzahl von Wimpeln sich auf dem Synagogenspeicher befänden, die ich in der letzten Zeit entzifferte. Es sind 161 Nummern, die den Zeitraum von 1619—1841 umfassen. Ueberblicken wir die ganze Wimpelsammlung, so fällt unS vor allem die Leinwand auf, die fast wie Seide ausfieht und zeigt, wie fein man in jener Zeit zu spinnen verstanden hatte; auch die Farben, die trotz der entschwundenen Jahrhunderte ihre frühere Frische noch besitzen, muß man bewundern. Besonders interessant ist die Tatsache, daß die Stickarbeiten auS dem 17. Jahrhundert schöner ausgeführt sind als diejenigen auS späterer Zeit, die einen mehr schablonenhaften Charakter tragen. Die Zeichnungen sind besonders originell, wenn sie den Namen des Hauses darstellen, in welchem der Vater des Knaben wohnte. So ist auf den Winipelu oft ein Rad. ein Hufeisen, ein Roß ein Hut, ein Stern, ein Affe, eine Pulverflasche, eine Glocke rc. abgebildet. Daß die Ausstattung der Wimpeln im 17. Jahrhundert eine künstlerischere' ist als im nachfolgenden Jahrhunderte wird wohl darauf zurückzusühren sein, daß die günstige materielle Lage der Jaden der Entwicklung des Schönheitssinnes förderlich war, wogegen der materielle Niedergang während des 18. Jahrhunderts einen Rückschritt zur Folge hatte. Der Umstand, daß sich unter den Wimpeln viele vor dem Jahre 1689 finden, läßt darauf schließen, daß die Synagoge in der für WormS so unheilvollen Zeit wenig Schaden gelitten hatte. WaS nun die in den aufgestellten Registern enthaltenen Fanliliennamen betrifft, so begegnen wir öfters der Familie Oppenheim, aus deren Reihe sehr viele verdienstvolle Vorsteher der jüdischen Gemeinde hervorgegangcn sind. Wir wollen besonders auf David Oppenheim (gest. 1642) Hinweisen, welcher ans eigenen Mitteln den (Pult zum Austegen der Tßvrarollen), das Lehrhaus hinter der Synagoge und das Friedhofshäuschen erbauen ließ. Er hatte außerdem reiche Spenden für die Synagoge gegeben und dreißig Jahre lang alltäglich drei Studierende an seinem Tische gespeist. Einmal findet sich auch der Name Wertheimer. Aus dieser Familie entstammt Josef Josel Wertheimer, Vater von Samson Wertheimer, dem hochangesehenen Hoffaktor Kaiser Leopolds. Von anderen bedeutenden Persönlichkeiten wollen wir noch die Familie des Rabbiner- Levi herausgreifen, der einst von Napoleon l. bei dem von ihm berufenen Sanhedrin besonders ausgezeichnet wurde und der Ahn des in München verstorbenen General-Musikdirektors Levi gewesen. Auch den Ahnen des auf dem Gebiete der Ethik in neuerer Zeit öfters genannten Felix Adler in New-Iort begegnen wir in dem aufgestellten Verzeichnis. Schließlich wollen wir noch darauf Hinweisen, daß sich mit diesem Namen Familien aus dem 17. Jahrhundert befinden, welche heute noch der hiesigen israelitischen Gemeinde angehören. Wie die Reste des alten Archivs, darf auch das aufgestellte Wimpelverzeichnis als eine wichtige historische Quelle zur Erforschung der Geschichte der jüdischen Gemeinde gelten und als eine nach vielen Seiten bedeutsame Sprache der „Toten a» die Lebenden*. Die „Palmeustadt" in Dibel und Talmud. Die Stadt, in deren Nähe einst ein gleiches Wunder sich zutrug, wie am Roten Meere, und deren hohe Mauern beim Schalle der Trompeten zusammenstürzten, Jericho, wird in der Bibel mehrmal die Palmenstadt genannt. Zuerst an jener Stelle, wo berichtet wird, daß Mose vor seinem Hinscheiden vom Gipfel des Berges Pisga das Land überschaut hat, in das er nicht kommen durfte. Dort heißt es: Gott ließ ihn sehen die ganze Landschaft bis Dan im Norden, ferner alle Landschaften bis