Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 258 Dr Dlocb s Mlocdenscbrttr. Nr. i e liL-Sostalen nur bedingt za, aber trotzdem kann man nicht behaupten, sie verfolgten nicht ein gemeinsames Ziel. Ja, cs mag sonderbar klingen, aber es ist so: die christlichsozialen Volkstribunen werden nicht nur durch die Peitsche im Parteigehege erhalten, die Lueger über jenen Elementen seiner Partei schwingt, die Schöffel, der Vielgehaßte, mit einem guten Treffworte als „moralisch wurmstichige Elemente" an den Pranger stellte. Ja, die Christlich-Sozialen haben ein hehres, ein hohes Ziel, ein Ziel, das zu den größten Anstrengungen begeistert, ein Ziel, dem sie ihr ganzes Sein widmen: es ist der heilige Futtcrtrog. Die Sehnsucht, an den aus öffentlicheu Mitteln gefüllten Futtertrog zu gelangen, ist die Triebfeder jenes Rudels von sogenannten Politikern, die eine ungeheure Last von Diäten. Remunerationen, Zulagen usw. mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit auf sich nehmen, um die Interessen des von ihnen vertretenen christlichen Volkes zu wahren." Zu viel verlangt. In Julius Nodenbergs „Deutscher Rundschau" (Verlag von Gebrüder Paetel-Berlin) gibt Sidney Whitman zum Schluß einer Reiseschilderung von Moskau und Warschau folgenden Scherz zum Besten: „Der unvermittelte Uebergang vom Tragischen zum Komischen ist ein Charakterzug der Polen. In der Tat kommt es sehr selten vor, daß ein des Deutschen mächtiger Fremder sich in Warschau befindet, ohne daß er die neueste Anekdote zu hören bekäme, die meistens die polnischen Juden in harmloser Weise zum Besten hat. So will auch ich meine Betrachtungen über Warschau mit einer solchen beschließen. Ein Jude, der mit Chemikalien handelte, wurde in Warschau vor Gericht gezogen, weil er, ohne die amtlichen Vorschriften zu beachten, an Jemanden Gift verkauft hatte. Vor Gericht liest der Richter ihm die Klage vor, als ihn der Jude plötzlich mit der Frage unterbricht: „Verzeihen Sie, Herr Präsident, verstehen Sie etwas von Chemikalien?" „Dazu ist der Sachverständige, Herr Sp., zugegen," erwiderte der Richter, auf den betreffenden Herrn hinweisend „Und Sie, Herr Sp.?" fragt der Jude, indem er sich zu dem Sachverständigen wendet, „verstehen Sie etwas vom Gesetz?" „Sie haben doch soeben von dem Herrn Präsidenten gehört, daß ich Sachverständiger für Chemikalien bin. Wenn Sie etwas über das Gesetz wissen wollen, wenden Sie sich doch gefälligst an den Herrn Präsidenten!" „Ich bitte, bedenken Sie einmal, Herr Präsident! Sie sind der Vorsitzende vom Gericht und verstehen nichts von Chemikalien; und der Sachverständige für Chemikalien versteht nichts vom Gesetz. Und ich armer Jude soll verstehen beides, das Gesetz und die Chemikalien! Herr Präsident, wie können Sie mich verurteilen?" Christen und Juden in Marokko. Von Dr. Alfred Klee (Berlin). Die Konferenz von Algeciras ist zu Ende. Dank der Haltung Deutschlands ist der Tunisierung Marokkos ein Riegel vorgeschoben worden, und die Vorteile der wirtschaftlichen Erschließung des Landes werden allen Mächten zugute kommen. So bedeutet die Konferenz ein gutes Stück Kulturarbeit. Und Kulturarbeit ist auch in der letzten Nachmittagssitzung geleistet worden, in der die Frage des Gefängniswesens und der Sklaverei, der Sicherung der Schiffahrt durch Leuchtfeuer und der Bau einer neuen Nordwestbahn, die im Anschluß an das europäische Bahnnetz die Entfernung zwischen Europa und Südamerika erheblich kürzen würde, zur Sprache kam. Einstimmig hat sich auch dir Konferenz in dieser Sitzung auf den Antrag des amerikanischen Delegierten dahin ausgesprochen, daß die Lage der Juden in Marokko fortdauernd verbessert werden müsse. Herr White wies namentlich darauf hin, daß nicht etwa von der einigermaßen erträglichen Lage in den Küstenstädten auf eine gleich glückliche Lage im Innern des Landes geschlossen werden dürfe. Herr v. Radowitz und der Marchese Visconti-Venosta befürworteten den Antrag warm und der Herzog v. Almodovar fügte hinzu, daß sämtliche Delegierte der Mächte sich anschlössen und daß kein Land glücklicher wäre, als Spanien, sich diesem edlen Gefühle religiöser Duldung anzuschließen, weil so viele Juden in Marokko mit Spanien durch die Bande der Abstammung und durch die Gemeinsamkeit der Sprache in Verbindung ständen. Die Lage der Nichtmohammedaner, das heißt in erster Linie der Juden, da die Anzahl der Christen, die nicht Angehörige eines europäischen Staates sind, gering ist, ist im allgemeinen trostlos. Es mag zugegeben werden, daß der Sultan und der Maghzen von den besten Absichten beseelt und durchaus gewillt sind, Toleranz zu üben, und vom Standpunkt der marokkanischen Zentralregierung au§ wäre wohl die apokryphe Aeußerung nicht ungerechtfertigt, die der marokkanische Delegierte Torres auf der Konferenz bei der Judendebatte getan haben soll: „So behandeln wir die Juden nicht, wie die Russen es tun." Aber Marokko ist groß und der Maghzen ist weit; die Lage der jüdischen Bevölkerung somit abhängig von der größeren oder kleineren Einsicht der Provinz- und Lokalbehörden und der mehr oder weniger großen Habgier der untergeordneten Beamten. Es kommen Beschränkungen in Wohnung und Kleidung vor, in Handel und Wandel, besondere Leistungen an Geld, Zwang zu widerwärtigen und degradierenden Arbeiten, zu denen der Mohammedaner sich nicht hergeben will, Beschränkungen vor Gericht, in der Berufswahl, erniedrigende Behandlung bei der Bezahlung von Steuern und ähnliches. Der Grad der Mißhandlung und Mißachtung ist in den einzelnen Landesteilen recht verschieden. Neben dem Wohlwollen des Gouverneurs spielt natürlich die wirtschaftliche Entwicklung des OrteS und der Einfluß des Europäertums, der sich namentlich in den Küstenstädten geltend macht, eine Rolle; von völliger Rechtsgleichheit kann nirgends gesprochen werden. . Wie eine blutige Ironie mutete es daher jeden Kenner der Verhältnisse an, als vor einigen Wochen ein Brief des Oberrabbiners von Tanger, Bengio, an den Sekretär der amerikanischen Delegation bekannt wurde, in dem es hieß, daß schon seit der Regierung des vorigen Sultans die Juden keinen Grund zu einer Klage hätten? und daß sie in jeder Beziehung gerecht und freundlich behandelt würden. Von welcher Seite mag wohl dieser arme Mann, der den Unterschied zwischen der Lage in den Küstenstädten und dem Landesinnern genau kennen muß, zu einer solchen Erklärung gepreßt worden sein? Einen Fingerzeig gibt vielleicht der Umstand, daß einer der angesehensten Männer der Gemeinde von Tanger der Korrespondent des Pariser „Temps" ist. Es ist das Verdienst des Hilfsvereins der deutschen Juden und seines Präsidenten Dr. Paul Nathan, bei Gelegenheit der Konferenz die Äufmerksamkeit der Mächte auf das Schicksal der marokkanischen Juden gelenkt zu haben. Der Hilssverein wandte sich zunächst an den deutschen Reichskanzler, der in wohlwollender Weise seiner Sympathie mit dem Bestreben, hie Lage der Nichtmohammedaner in Marokko zu verbessern, Ausdruck gab und die deutschen Delegierten anwies, wo immer auf der Konferenz sich eine Gelegenheit zeigen würde, in diesem Sinne zu wirken. Der Hilfsverein trat sodann weiter an die großen jüdischen Hilfsorganisationen außerhalb Deutschlands heran mit der Bitte, im gleichen Sinne sich an ihre eigenen Regierungen zu wenden. Dies geschah in Wien und London und dank dem Wirken des unermüdlichen, warmherzigen Menschenfteundes Jakob H. Schiff in den Vereinigten Staaten. In Italien gibt es bei der geringen Anzahl der dort lebenden Juden keine eigene Hilfsorganisation. Als ich in Rom um eine Unterstützung der Sache nachsuchte, wurde sie von dem damaligen Ministerpräsidenten Fortis, „da es sich um eine Frage der Humanität und der Zivilisation handle, die die ganze Menschheit angehen müsse", gern zugesagt und der Marchese Visconti-Venosta mit entsprechenden Weisungen versehen. Die spanische Regierung wurde durch den Senator Pulido informiert, der bei seiner Begeisterung für die Repatriierung der spaniolischen Juden mit Freude die Anregung des Hilfsvereines aufgriff; mit welch erfreulichem Erfolge, zeigt die Rede des Herzogs von Almodovar auf der Konferenz. Nur in Paris ist nichts geschehen. Aus welchem Grunde, ist nicht recht festzustellen. Möglich, daß die französische Regierung ursprünglich die internationale Behandlung neuer, nicht im Konferenzprogramm enthaltener Fragen und somit die Möglichkeit einer weiteren Einmengung der französischen Einflußsphäre zu vermeiden wünschte, und daß die in Paris zentralisierte „Alliance Israelite Universelle“ diesen Wunsch respektierte, in der Ueberzeugung, daß Marokko im wesentlichen französische Domäne sei und bleiben werde. Daß diese Auffassung irrig ist, hat der Verlauf der Konferenz ergeben, daß aber französische Vorherrschaft im Lande und Gleich-