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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-20 · 16 (20.4.1906) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
16 (20.4.1906)
Date
1906-04-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Blvch's WochrnfchrM Seite 257 qezwungen hat, sich dem Handel zuzuwenden. Und es ist nicht hübsch, daß dies jetzt den Juden von denen zum Vorwurf gemacht wird, die in früheren Zeiten ihnen das Bürgerrecht, das Recht, Grund und Boden zu erwerben und ein Handwerk zu betreiben, vorentbalten baben. So waren die Juden geradezu gezwungen, Handel zu treiben. Er sei überzeugt, daß bei der Anpassungsfähigkeit der Juden diese, sobald ihnen die Gelegenheit gegeben wird, ebenso erfolgreiche Landwirte werden würden, wie ihre christlichen oder mohammedanischen Nachbarn. Der Redner kam nochmals auf die Einwanderungsfraae zurück, empfahl dringend die Türkei, wo die Juden Sicherheit und Wohlstand erlangen und den Reichtum des Landes vermehren würden und versprach, alles was in seinen Kräften stehe, tun zu wollen, um den Juden behilflich zu sein. Scheik Abdullah Quilliam Bey hat allerdings die Lage der Juden unter der Herrschaft des Islam gar zu rosig gemalt. In Bersten, Marokko, Tunis geht es den Juden nichts weniger als gut. Ja, ihre Lage dort ist entsetzlich. Aber der Scheik kann und wird erwidern, daß die Juden in diesen Ländern ihre Behandlung nicht dem Islam, sondern der Rückständigkeit der betreffenden Länder zur Last legen sollten. So wenig wie das Christentum für alles verantwortlich gemacht werden darf, was Christen tun. darf der Islam für alles verantwortlich gemacht werden, was Mohammedaner tun, und dürfte auch, was mit besonderer Vorliebe geschieht, das Judentum nicht verantwortlich gemacht werden für das, was einzelne Juden tun. Aber es ist doch interessant, daß mohammedanische Priester toleranter und rücksichtsvoller den Juden gegenüber sich äußern, als viele christliche Geistliche in Deutschland. Glaubt beispielsweise Herr Stöcker mit seinem Christentum vor gebildeten Menschen besser abzuschneiden als der türkische Priester mit seinem Islam? Und doch beansprucht der Islam nicht wie das Cbristentum die Religion der Liebe zu sein, befiehlt der Islam nickt, sogar die Feinde zu lieben rc. Oder sollte gar der Doktor der Theologie und ehemalige Hofprediger, der fortwährend das Christentum im Munde hat, richtig das Christentum interpretieren? Wenn der Sckeikh-ul-Jslam deutsche Antisemiten hörte, sonst aber nichts vom Christentum und dem deutschen Volke wüßte, müßte er nicht glauben, das Christentum stebe weit hinter dem Islam zurück, oder wenn er klug genug ist, die Religion nicht verantwortlich zu machen für das Treiben ihrer Bekenner, müßte er nickt die Deutschen für ein rückständiges Volk, wie etwa die Perser, Tunesier 2c. halten? _ Die Musik im Alten Testament. Ueber dieses Thema hielt Univerfitätsprofeffor Doktor Cornill im Kindergartenverein zu Breslau einen fesselnden Vortrag. Er zeigte, daß das Volk Israel unter allen Völkern des Altertums der Musik am meisten huldigte, sie im häuslichen und öffentlichen Leben liebte und pflegte und kein Fest, keine Königskrönung, keine Hochzeit, kein Gastmahl ohne Musik feierte, Musik an der Bahre, Musik beim Auszug und bei der Heimkehr der Krieger, Musik vor allem beim Gottesdienst! Aus den Psalmen erhalten wir Kunde von den Musikinstrumenten in Altisrael. Man liebte heitere Töne und schönen Rhythmus. Der Redner wies auf Jubal, den Stammvater der Tonkünstler und den Erfinder der Musik, hin, von dem im ersten Buche Moses erzählt wird. Zu Davids Zeiten gab es schon berufsmäßige Sänger und Sängerinnen. Der jüdische Volksmund benützte musikalische Ausdrücke auch für seine sprichwörtlichen Redensarten. Wenn er sagte, jemand sei zum Saitenspiel geworden, so hieß das: dieser jemand sei ins Gerede gekommen — es werde über ihn geklascht. Nachdem der Vortragende die Musik im Tempel geschildert und einen Abstecher in das Gebiet ber assyrischen Musik gemacht hatte, wandte er sich den Musikinstrumenten des alten Volkes der Juden zu. Die ältesten seien die Schlaginstrumente gewesen; ihnen seien die Blasinstrumente und die Saiteninstrumente gefolgt. Unter Hinweis auf alle die Stellen der Schrift, die uns Kunde geben von dem musikalischen Leben jenes bedeutsamen Volkes, plauderte er intereffant über die einzelnen Instrumente — die Pauke, die Sistra, dem Schellenbaum, den Triangel, die Spitzharfe, die Zither, die Harfe Davids, über ein Blasinstrument, das Luther in seiner Uebersetzung als Pfeife bezeichnet habe, das aber wohl eine Schalmei gewesen sei, über die Flöte usw. — und gleichzeitig flocht er in seine Darlegungen recht anschauliche Schilderungen des damaligen Volkslebens und der großen Tempelfeste. Die Tempelmusik — so schloß er — sei längst verstummt: doch nicht umsonst habe sie getönt. Durch den Tempelgesang seien die Psalmen entstanden und in ihnen lebe die fromme Musik Alt-Israels weiter — in ihnen werde sie für immer fortleben. Jüdische Offiziere in Frankreich. Wir gestatten uns wieder einmal aus einem jüdischen, in Paris erscheinenden Wochenblatte die während einer Woche stattgefundenen Avancements jüdischer Offiziere hier wiederzugeben : Der Chef-Inspektor I. Klaffe A u s ch e r ist zum Subdirektor der Zentraldirektion des technischen Marinedepartements, Oberst Francfort, Kommandeur des 39. Artillerie-Regiments, zum Brigadegeneral ernannt und zum Kommando der Artillerie-Brigade des 11. Armeekorps überwiesen worden. Der Hauptmann des Generalstabes des 11. Armeekorps Libman n ist zum Eskadronschef befördert und dem 28. Artillerie- Regiment zugeteilt worden, der Hauptmann des 5. Infanterie- Regimentes Mayer zum Bataillonschef befördert und dem 81. Regimente überwiesen worden. Der Leutnant im 12. Artillerie-Regimente P i n t u s ist zum Hauptmann befördert und zum Adjutanten in demselben Regimente, Leutnant Aaron vom 39. Artillerie-Regimente zum Hauptmann befördert und zum Direktor des Artillerieparks dieses Regimentes, Leutnant Mayer-Samuel vom 31. Jnfanterie-Regimente zum Ordonnanzoffizier des Kriegsministers ernannt worden. Ein jüdischer Held zu Zeiten Napoleons III. Anläßlich der Einweihung eines Denkmals für die Luftschiffer, die während der Belagerung von Paris per Ballon die Vermittlung der belagerten Stadt mit der Außenwelt unterhielten, wird jetzt von den französischen Zeitungen ein jüdischer Name vielfach erwähnt. Es iü dies der kühne Held, Herr Reitlingen. ein geborener österreichischer Jude, der anfangs der Sechziger-Jabre nach Frankreich ausgewandert war. 1866 wurde er von Napoleon III beauftragt, ein Buch über das gegenseitige Kenoffenschaftswesen zu schreiben. Reitlingen entledigte sich seines Auftrages so glanzend, daß Napoleon III. ihm die Grand- Naturalisation wegen dem Staate geleisteter Dienste verlieh. Während der Belagerung unternahm Reitlingen Ballonfahrten nach Wien und London, wobei das zerbrechliche Fahrzeug eines Tages in einen Wirbelwind geriet und herabstürzte. Selbst der „Figaro" kann nickt umhin, ehrend des Mannes zu erwähnen, „der, obgleich in Oesterreich geboren, aus Liebe für das französische Wesen nach Frankreich Lbersiedelte und hier in Anbetracht seiner großen Verdienste um das Land naturalisiert wurde". _ Dev Großherzog von Hessen und Heinrich Heine. Aus Darmstadt wird dem „B. T." berichtet: Die Tatsache, daß der Großherzog von Heffen kürzlich den Schriftsteller Schmalenbach, der im Aufträge des Heine-Denkmalausschuffes kam, empfing, hat im deutschen Blätterwald ein mächtiges Rauschen erweckt. Besonders einige antisemitische Zeitungen haben sich in langen Tiraden ereifert und über die „Judenfreundschaft" des Großherzogs manche bittere Bemerkung gemacht. Für diese ganzen Notizen ist, wie wir hören, ein Darmstädter Hofbeamter verantwortlich zu machen, dem es besonders unangenehm ist. daß die Darlegungen des Großherzogs in die Zeitungen gekommen find. Deßhalb hat er auf Anfragen erklärt, daß diese Notizen dem Großherzog sehr peinlich seien. Davon kann natürlich gar keine Rede sein, denn der Großherzog hat, wie wir zuverlässig sagen können, ausdrücklich seine Erlaubnis zur Veröffentlichung seiner Aeußerungen erteilt. Im übrigen hat der Großherzog sich nur über Heines Dichtungen ausgesprochen; von den verschiedenen Konfessionen war mit keinem Worte die Rede. Eine Zeichnung der Lueger-Partei bringt das „Alldeutsche Tagblatt", die „unbestechliche Zeitung" der Schönerianer, in der Ausgabe vom 4. April in einem Leitartikel, der die bissige Ueberschrift: „Von der christlichsozialen Futtertrogpartei" trägt und mit folgenden Sätzen anhebt : „Das feste Band, das die christlich-sozialen Volksvertreter umschlingt und in der Parteihürde des Herrn Lueger beisammenhält, ist die Gemeinbürgschaft der Futtertroginteressen. Andere Parteien werden durch Ideale, durch Programme, durch Ueberzeugungen, durch ein gemeinsames Ziel zusammengehalten. Dies trifft bei den Christ-

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