Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 16 (20.4.1906)
- Date
- 1906-04-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 256 Dr. Bloch's WochrnsrtzrM.I Mr. 16 dies unter Hinweis auf den immer gefährlicher werdenden Zustand des sanken nicht zulassen, mußten aber angesichts des wütenden Geberdens der Frau endlich doch zugeben, nachdem dieselbe eine Erklärung aufsetzte, worin einzig und allein nur sie die Verantwortung für die Transferierung ihres Mannes übernahm. Einige Tage später starb der Maler im Roten Kreuz-Spital. Aus dieser den Tatsachen vollständig entsprechenden Darstellung ergibt sich also klar, daß von der Spitalsverwaltung dem Kranken nicht, wie gemeldet wurde, das Bett vor die Türe gesetzt wurde, sondern daß von derselben die weitgehendste Toleranz geübt werden wollte, indem man sich angesichts der geschehenen Perfiden Seelenfängerei ins Unvermeidliche fügen und bloß mit einem prinzipiellen Protest dagegen remonstrieren wollte, was mittlerweile auch geschehen ist. Sowohl die jüdische Gemeindevorstehung als auch die Chewra-Kadischa, deren Eingaben gegenwärtig dem Kultus- und Unterrichtsministerium vorliegen, werden sich auch mit dem prinzipiellen Erfolg begnügen und nicht auf der Exhumierung bestehen. Es genügt ja, wenn die Handlungen der Frau und des kirchlichen Funktionärs in den Gerichtsakten stigmatisierend angenagelt bleiben. Wir Juden wissen es ja von jeher, daß die Hand eines auf sein kanonisches Dogma pochenden Kaplänchens viel mächtiger ist als der Gesamtvorstand der größten Judengemeinde auf dem Kontinente, selbst zu einer Zeit, wo fast gleichzeitig mit diesem Gewaltakt ad majorem dei gloriam der Prinzipal dieses Kooperators durch Beihilfe jüdischer Stadtverordneter zum Pfarrer der angesehensten und fettesten Pfründe gewählt wurde. Lueger und Konsorten aber dürfen sich ins Fäustchen lachen, wenn sie daran denken, daß so was noch im XX. Jahrhundert in „Judapest", der Haupt- und Residenzstadt des von ihnen stets angegeiferten „verjudeten" Staates, Vorkommen kann. Budapest, 15. April 1906. Ein Judäo-Magyare. Jean Bodiu als Argument gegen die Täuflinge. Der Redakteur dieser Wochenschrift folgert am Schlüsse seines das Verhältnis Jean Bodins zu den Marannen behandelnden Artikels (Nr. 9, S. 130) mit vollem Rechte, daß Jean Bodin einer marannischen Familie entstamme. Diese Vermutung wird auch durch den französischen Brief bestätigt, welchen Capellain im Jahre 1673 an den berühmten Helmstädter Professor Hermann Corning gerichtet hat. Da heißt es unter anderem: „Was seine Religion betrifft, war er in seiner Seele gewiß ein Jude, denn in Frankreich erlaubt man nicht das öffentliche Bekennen des Judentums. Den Glauben hat ihm seine Mutter, die eine heimliche Jüdin war, beigebracht." Dieser Brief, der seit 1745 durch den Druck bekannt ist, diente schon im Manuskripte zur Hetze gegen Juden, besser gesagt gegen Täuflinge. Der protestantische Prediger zu Zelle, Sigmund Hoßmann, gab nämlich im Jahre 1701 im Helmstädt ein berüchtiges Buch heraus unter dem Titel: „Das schwer zu bekehrende Judenherz". Hoßmann hat böse Erfahrungen gemacht mit dem Juden Jonas Meier. Er wollte ihn in der Untersuchungshaft bekehren, es ging aber nicht. Der Jude wurde zum Tode verurteilt, der Prediger versuchte sich noch einmal — wieder vergebens. Selbst auf der Gerichtsstätte war er um das Seelenheil des armen Sünders bekümmert und forderte ihn fortwährend auf, sich dasselbe zu retten. Der hat darauf in seiner Verzweiflung, müde der Belästigungen und der Folter, mit einem Fluche geantwortet. Nach diesem Falle hielt Hoßmann gegen die Juden eine gcharnischte Predigt, aus welcher dann das genannte Buch entstanden ist. Er will in ihm den Beweis führen, daß das Judenherz widerstrebend und verstockt ist, für die Wohltaten der Taufe kein Verständnis hat und daher zwischen sechshundert Juden, die sich taufen lassen, nicht einer ist, der's rechtschaffen meint. Diese Tatsachen dienen aber nicht dazu, um der Seelenfängerei Einhalt zu gebieten, sondern machen wirksamere Mittel zur Bekehrung nötig, wie z. B. die völlige Ausschließung aus der Gesellschaft, ständige Ueberwachung jüdischer Häuser, der Zwang, christliche Predigten anzuhören. Als Beispiel eines schwer zu bekehrenden jüdischen Herzens wird Spinoza angeführt, der wegen seiner Lehren sich bei den Rabbinen verhaßt gemacht, aber auch in der christlichen Religion keine Beruhigung fand. Die Unaufrichtigkeit und unchristliche Gesinnung der Getauften beweise das Beispiel des „weltberufenen Historikus und Politikus" Jean Bodins. Er war schon in seiner Kindheit im christlichen Glauben erzogen, dann ins Karmeliterkloster geführt, allein das jüdische heimliche Herz ist bei ihm geblieben, wie man aus seinem Heptaplomeres ersehen kann. Deshalb wird auch das Werk mit Recht von dem französischen Bischof Huet ein „pestilentialisches, häßliches und verderbliches", Bodin selbst ein Halbjude, auch „der Juden Spießgeselle" genannt. Budapest. Dr. Moses Richtmann. Der Islam und die Juden. Abdullah Quilliam Bey, der Scheik-ul-Jslam auf den britischen Inseln hat vor Kurzem in London einen interessanten Vortrag über die Juden unter der Herrschaft des Islam gehalten. Nachdem der Scheik die prinzipielle Stellung des Islam zu den Juden betont und einen geschichtlichen Rückblick bis in die Anfänge des Islam und auf die glänzende Stellung der Juden in Spanien unter maurischer Herrschaft gegeben, kam er auf die neuere Zeit zu sprechen. Während der Regierung des Vaters des jetzigen Sultans hatte in Rußland eine Judenverfolgung stattgefunden — und wann, warf der Redner dazwilchen, hat es in Rußland nicht Judenverfolgungen gegeben? —, da mußten die Juden fliehen und sie fanden Zuflucht m der Türkei. Um jene Zeit flohen fünfzehnhundert Juden über die Donau, wurden auf türkischem Boden ausgenommen und aus der Privatschatulle des Sultans unterstützt. Der Zar verlangte die Auslieferung der Juden, der Sultan jedoch erwiderte: Nein! sie haben meine Gastfreundschaft gesucht, und ich wäre kein Muselmann, wenn ich auch nur einen auslieferte, der einmal meinen Schutz nachgesucht hat. Die Nachkommen bieder Leute leben zum großen Teil noch in der Türkei; ein Teil hat sich in Rumänien angesiedelt. So lange dieses' eine türkische Provinz war, genoffen die Juden Freiheit und Sicherheit, waren sie glücklich und erfreuten sich eines schönen Wohlstandes. Ein Nachkomme dieser jüdischen Emigranten trat zum Islam über und erwarb einen historischen Namen als Omar Pascha. Im Krimkriege trieb dieser General die Russen aus der Dobrudscha zurück in ihre Heimat. Ein anderer Nachkomme jener Flüchtlinge, der auch Omar Pascha heißt, ist Jude geblieben und war einer der Leibärzte des jetzigen Sultans. Der Vortragende kannte ihn persönlich. Durch den Berliner Vertrag ist Rumänien unabhängig gemacht worden. Die Lage der Juden ist in dem autonomen Rumänien eine ganz andere als sie unter türkischer Herrschaft war. Redner glaubt, daß wenn Juden in Rumänien abstimmen könnten, nicht einer von ihnen wäre, der nicht für die Wiederherstellung der Herrschaft des Sultans stimmen würde. Auch in Bulgarien ist die Lage der Juden keine beneidenswerte. In Griechenland gibt es nur wenige Juden; sie haben dort kem angenehmes Los. Man braucht dagegen nur türkische Juden zu fragen, und man wird finden, daß sie sich nicht über ihre Behandlung zu beklagen haben. Nach seiner Ansicht, fuhr der Redner fort, hätte eine bedeutende Anzahl Juden, die nach der Türkei auswandern wollen, dort eine glückliche Zukunft. Er sage nicht, daß, wenn Scharen armer Juden nach der Türkei auswanderten, sie dort ein Land finden würden, in dem Milch und Honig fließt, aber es gebe Gebiete im ottomanischen Reiche, die sich besonders für Juden als Zufluchtsstätten eigneten, die das Unglück haben, in Rußland zu wohnen. Wenn der zehnte Teil von dem, was in Rußland geschehen ist, in der Türkei geschehen wäre, dann würden Flotten und Armeen ausgesandt worden sein, dann gäbe es einen allgemeinen Aufschrei und die Einmischung hörte gar nicht auf. Da es aber in dem christlichen Europa geschieht, sei es etwas ganz anderes. Es sei eine Schande für die Bekenner des Christentums, daß sie ruhig Tausende von Juden abschlachten ließen, ohne Einspruch zu erheben, während sie gleichzeitig jede Gelegenheit ergriffen, um die „ruchlose" türkische Herrschaft zu beschimpfen, wenn sie übertriebene Geschichten gehört. Wenn russische Juden, die doch aus Rußland hinausgebracht werden müssen, nach vorangegangenen Abmachungen zwischen ihren Führern und den türkischen Behörden nach der Türkei auswanderten, würden sie ein vorteilhaftes Feld für ihre Energie und für ihre Fähigkeiten finden. Man könnte einwendeN, daß die Juden keine Ackerbauern seien. Er wisse aber Nicht, daß dies so ganz wahr sei. Man scheint, sagte der Scheik, vergessen zu haben, wie es gekommen ist, daß die Juden Handelsleute geworden sind. Wenn man nur Geschichte lesen und selbst etwas Nachdenken würde, dann würde man schon finden, daß es die Macht der Verhältnisse war, die die Juden