Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021672--15331-3040091
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 15 der Berner Universität, derzeit Dekan an deren philosophischer Fakultät, Prof. Dr. Ludwig Stein in selbstloser Weise zu Gaste ein, um zu Gunsten der Handwerkerabteilung des Vereines im Festsaale des Colloredo Mannsfeld'schen Palais einen Vortrag „über das Wesen der Toleranz" zu halten. Von der Anschauung ausgehend, daß es eine absolute Toleranz überhaupt nicht geben könne, da dem begrenzten menschlichen Geiste der alles umfassende Göttergeist, der alles versteht, um alles zu verzeihen, nicht innewohnt, wußte der illustre Vortragende in geschickter und rednerischer Wendung in sein eigentliches Thema, die gegenseitige Tolerierung zwischen Wissenschaft und Religion, einzulenken. Mit geradezu bezwingender Logik erbrachte er den Nachweis, daß zumal die neuesten Forschungen so manche Bollwerke des Wissens über den Hausen geworfen und daß auf die Fragen bezüglich des Innenlebens der Persönlichkeit und des Menschheitszweckes die Naturwissenschaft keine Antwort geben könne. Der Redner erinnert an die letzte epochemachende Arbeit Ernst Machs, weist darauf hin, wie die für unumstößlich gehaltene Lehre von den Atomen durch die neuesten Entdeckungen, die sich in dieselbe nicht einfügen lassen, erschüttert werden, und gelangt zu dem Resultate, daß es eigentlich nur die mathematischen Wahrheiten sind, die Gebiete des Zählens und Messens, die unabänderlich bleiben. Jede Zeit hat ihre eigenen Wahrheiten und deshalb ist eigentlich die Gegenwart, die ihre neuen Erfahrungen, in Abwägung der älteren, bereits gewonnenen, weiter baut, — wie Professor Stein geistvoll sagt — die ältere. Wo aber die Wissenschaft versagt, setzt die Religion ein und an dem Festlande des Wissens soll der Glaube seine Schlacken absetzen, bis er sich von allem Aberglauben befreit; was sich auf natürlichem Wege nicht erklären läßt, wird immer die unumschränkte Domäne des Glaubens bleiben. Zwei Religionstypen ringen nun um die Oberhand, der pessimistische, der nach rückwärts schaut, und unser iesaianischer, der nach vorwärts blickt und sein Heil nur in der Zukunft sucht; alle Religionen sind wahr in dem, was sie gemeinsam haben, und falsch in dem, was sie trennt. Die Geschichte hat gezeigt, daß nur die Bekenner jener Glaubenslehren, die im religiösen Optimismus wurzeln, Jahrtausende überdauert haben, und so liegt auch in der fortschreitenden Entwicklung in dieser Richtung die Gewähr für ihren dauernden Bestand. Die volle Entfaltung der Persönlichkeit und die Erziehung zur Pflicht werden der Menschheit den Weg zeigen zu dem wahren Paradiese, das ihr nicht verloren ist. Es würde viel zu weit führen, auf alle geistvollen Einzelnheiten auch nur andeutungsweise einzugehen, nur wenige seingeprägte Gedanken seien hier angeführt, wie der Satz: „die Karikatur der Religion ist der Fanatismus, die der Wissenschaft der Atheismus, weiters daß die einzelnen Konfessionen die Dialekte des Glaubens", daß wir nicht gefallene Engel, sondern zoologische Parvenüs, und daß für unsere Fortbildung nicht das plusquam perfectum, sondern vielmehr ein ,;plusqnam futurum“ richtunggebend sein solle. Der Vortrag, aus dem die blendendsten Aphorismen, Raketen gleich, emporstiegen, gab dem Redner Gelegenheit, seine profunde Gelehrsamkeit und souveräne Beherrschung aller Wissensgebiete und Disziplinen, sowie sein geradezu stupendes Gedächtnis im strahlendsten Lichte zu zeigen, und bot auch durch die einzigartige oratorische Leistung, durch hinreißende Beredsamkeit und die ungewohnte Kunst, die mit Meisterschaft behandelte Sprache — nicht nur die deutsche — allen Sprechnuancen untertan zu machen, einen auserlesenen Genuß. Die distinguierte Zuhörerschaft, welche den eleganten Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, stand denn auch durch 1 '/* Stunden in athemloser Spannung unter dem Zauberbanne des Redners, und die staunende Bewunderung löste zum Schlüsse, als Zeichen eines sensationellen Erfolges, nicht endenwollenden, enthusiastischen Beifall aus. An den Vortrag schloß sich ein Begrüßuugsabend im „Hotel Europe" zu Ehren des Gastes. Der Vereinsobmann kais. Rat F a l k o w i c z sprach - dem hervorragenden Denker und Redner Seite 245 für seine aufsehenerregende Darbietung, sowie die vornehme Art, mit der er sich in den Dienst des humanen Zweckes gestellt, in zündenden, einen Gedanken des Vortrages ungemein geistvoll variierenden Worten den Dank des Vereines aus. Pros. Stein erwiderte sofort in schlagfertiger, humoristischer Weise, worauf Prof. Grün, sowie Dozent Dr. Herzog mit launigen Worten den Ehrengast feierten und hiebei Gelegenheit nahmen, an das geistige und humane Wirken seines verewigten Vaters zu erinnern. Der Obmann-Stellvertreter Dr. B r a n d e i s brachte einen seinpointierten und formvollendeten Toast auf die Damen aus, Prof. Dr. Kisch setzte sich vom Standpunkte des Rabbiners mit dem ihm eigenen Takte mit den Anschauungen Prof. Steins auseinander und der Geschäftsleiter Dr. W e l t s ch wies auf das tolerante Zusammenwirken der zahlreich anwesenden Universitäts- und Mittelschulprosessvren mit den Vertretern der geistlichen Richtung hin, indem er diesen, sowie dem gleichfalls anwesenden Redakteur eines freisinnigen Blattes seinen Trinkspruch widmete. Herr Redakteur Oskar Kuh erwiderte denselben, anknüpfend an die Worte seines Vaters, des unvergessenen Publizisten David Kuh, „daß alle Ehre von der Treue kommt" mit einem Hoch auf den Zentralverein. Erst spät nach Mitternacht trennten sich die Gäste unter dem nachwirkenden Eindrücke eines seltenen ereignisvollen Abends. Das Märchen vom Ritualmord. Aus B e u t h e n wird berichtet: Die antisemitische und klerikale „Oberschlesische Zeitung" hat durch eine Ritualmordhetze einen Teil der Bevölkerung in große Aufregung versetzt. In Beuthen sind am letzten Dienstag in zwei Säcken die Leichenteile einer männlichen Person gefunden worden. Aus diesem Funde machte nun die „Oberschlesische Zeitung" am selben Tage noch einen Ritualmord und wußte schon, ohne erst den ärztlichen Befund abzuwarten, daß der Körper und die einzelnen Teile blutleer waren, ja, sie wußte auch, trotzdem die Leiche vollständig verstümmelt war, daß es sich bei dem Ermordeten um einen Nichtjuden handelte. Die Polizei, die sofort die umfassendsten Ermittlungen anstellte, konnte bisher kein Licht in das mysteriöse Dunkel bringen. Die „Oberschlefische Zeitung" behauptet, daß galizische Heujuden die in zwei Säcken untergebrachten Leichenteile im Heu versteckt und beim letzten Wochenmarkt in Beuthen unbemerkt aus die Straße geworfen haben. Die von dem Antisemitenblatt herbeigesehnte große Aufregung unter der Bevölkerung, von der es ebenfalls schon zu melden wußte, ist auch eingetreten, denn am Mittwoch wurden einem jüdischen Händler in der Ritterstraße die Fensterscheiben eingeschlagen. Durch den ärztlichen Befund ist nunmehr festgestellt worden, daß der Ermordete vergiftet und die Leiche erst nach Eintritt der Leichenstarre zerstückelt worden ist. Wie die bisherigen Ermittlungen ergeben haben, stammt der Tote, der zweifellos ermordet worden ist, nicht aus Beuthen. Man nimmt vielmehr an, daß die Leiche aus dem nahen Rußland oder Galizien an die Fundstelle geschafft worden ist. Diese Annahme wird durch eine Mitteilung der Beuthener Polizei bestätigt, nach welcher der Ermordete seinem Gesichtstypus nach ein galizischer oder polnischer Arbeiter gewesen ist. Das Trennungsgesetz in Frankreich 'Paris. Das ehemalige Konsistorium hat vorige Woche eine Anzahl von Notabeln zur Beratung der durch das Trennungsgefetz geschaffenen Lage einberufen. Narcis Leven präsidierte in Vertretung des abwesenden Gustav v. Rothschild. Es wurde dargelegt, daß die Pariser Gemeinde von den Kosten des Sammelns und irgendwelchen Beiträgen zu Leistungen an unfähige, benachbarte Gemeinden eine Jahresausgabe von 175.000 Francs zu decken haben wird. Dabei sind die Beiträge für die Gesamtorganisation der französischen Kultusgemeinden noch nicht berücksichtigt. Die neugebildete Reformgemeinschaft erklärte, innerhalb der Gemeinde verharren zu wollen, vorausgesetzt, daß man ihre Wünsche in der Synagoge Dr. Dlocv s MlocvenscDrm.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.