Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021672--15328-3040088
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«SSaQBRBs wgawiMw^maBiifiBr^trarm Seite 242 Dr. Dlocb's MlocbenscdrM. Nr. 15 Heine sagt: „Alle diese Narren, die ich hier sehe, kann ich in meinen Schriften gebrauchen, sie sind bares Honorar, bares Geld." Ja, er hat das Geld sogar, wie Falstaff, schon angelegt. Aus einem dicken „Millionarren" erschreibt er einen wohlgepolsterten Stuhl, aus einem königlichen Trauerspieldichter einen mit Lorberblättern bedeckten Schweinskops, eine kluge, dürre Hofdame, von der nur der Kopf genießbar ist, liefert ihm Spargel. Hier zeigt sich sehr deutlich die verschiedene Art des Reingermanen und des komplizierten romanisch-germanischen Orientalen. Immerhin ersehen wir, daß Heine auch im witzigen Vergleiche im Banne Falstaffs steht. Er zitiert ja auch einige Male in den Bädern von Lucca Stellen aus ihm. Manches konnte er ja auch von andern haben. Den Festungsvergleich finden wir z. B. auch bei Börne. Vor allem darf man eines nicht übersehen. Manche Uebereinstimmung wird auf gleichem Jdeengang bei beiden beruhen. Und, wie seltsam dies auch klingen mag, Heine und Falstaff sind sich in manchem gar nicht so unähnlich. In der Tat haben der „Ritter vom Orden der Nacht" — so nennt sich Falstaff bei Prinz Heinz — und der „Ritter vom heiligen Geist" — so nennt sich Heine in dem wunderbaren Gedicht der Harzreise — manche Züge gemein. Der große Unterschied ist fteilich der, daß Falstaff zugleich subjektiv und objektiv komisch, Heine dagegen nur subjektiv komisch ist. Falstaff drückt das selbst sehr einfach und klar aus: „Ich bin nicht bloß selbst witzig, sondern auch Ursache, daß andere Witz haben." Heine ist höchstens Ursache, daß andere Witz haben — nach seinem Tode. Der blutige Satyriker konnte aber zuweilen recht behaglich humorvoll ganz in der Art wie Falstaff sein; und das hatte er von seinem Vater. Der war ein Mann „von unbegrenzter Lebenslust", „genußsüchtig, ftohsinnig und rosenlaunig". „In seinem Gemüt war stets Kirmeß", sagt Heine. Sein zweites Wort war: „Dann müssen wir ein neues Füßchen anzäpfen" Eine echt Falstaffsche Lebensregel! Der beste Humor Heines liegt in der geistig freien Behandlung des eigenen Jchs. Falstaff und Heine leisten beide Großes darin, es kommt ihnen selbst auf Widersprüche nicht an. Einmal sagt Falstaff „Der eine von ihnen (womit er sich meint) ist fett und wird alt", ein andermal: „Verzehre ich mich nicht? Schrumpfe ich nicht ein?" Heine ruft seinen geliebten Schwaben zu: „Ich bin nämlich feit einiger Zeit sehr dick — ach, die schwäbische Schule macht mir viel Kummer!" Ein andermal klagt er: „Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib." Obwohl sie es nicht sind, stellen sie sich beide sentimental an: Falstaff ist sentimental wie ein Brummkater und ein Zeiselbär, Heine meint: „Ich bin so sentimental, daß ich die Milchstraße des Himmels aussausen möchte." Charakteristisch ist ferner, wie sie beide mit ihrer Persönlichkeit Verstecken spielen, sie erraten lassen oder plötzlich damit herausplatzen. Falstaff spricht von einem wackern stattlichen Mann, „wohlbeleibt, er hat einen heitern Blick und einnehmende Augen", und sagt dann zum Schluß: „Jetzt fällt es mir ein, sein Name ist Falstaff." Heine tut das sehr oft. Man denke nur an eines seiner Gedichte, dessen Schlußpointe ist: „Ich bin selbst dieser brave Mann," oder den frommen Wunsch, wenn er von sich spricht: „Gott erhalte diesen letzten Klassiker." Ganz Falstaff ist folgendes aus einem Briefe an seinen Verleger Campe: „O, liebster Campe, ich gäbe was drum, wenn Sie mehr Religion hätten. Aber das Lesen meiner eigenen Schriften hat ihrem Gemüte viel geschadet; jenes zarte Gefühl, das Sie sonst besaßen, ist verloren gegangen, Sie glauben nicht mehr, durch 'gute Werke selig zu werden, nur der Schund ist Ihnen angenehm. Sie sind ein Pharisäer geworden, der in den Büchern nur den Buchstaben sieht und nicht den Geist, ein Sadduzäer, der an keine Auferstehung der Bücher, an keine Auflagen glaubt, ein Atheist, der im geheimen meinen heiligen Namen lästert. O, tun Sie Buße, bessern Sie sich!" Falstaff spielt auch mit seiner Gottlosigkeit, aber während Heine höchst witzig entwickelt, wie ein anderer durch ihn gottlos geworden ist, sagt Falstaff ftech-komisch, daß er es durch einen anderen geworden sei: „Ehe ich dich kannte, Heinz, wußte ich von gar nichts, und nun bin ich, die rechte Wahrheit zu sagen, nicht viel besser als einer von den Gottlosen". Falstaff droht einmal, als man ihn schlecht behandelt, recht komisch: „Ich lasse euch alle in Gassenliedern bringen und auf niederträchtige Melodien absingen". Heine konnte auch so drohen, aber er konnte auch anders drohen, mit bitterböser Satyre; das Gassenlied kann er selbst singen, und was für eins! König nimm dich in acht, beleidige nicht den Dichter. Er hat Flammen und Waffen. Aus dem Höllenfeuer beten Heilige los, doch gibt es andere Höllen: „Kennst du die Hölle des Dante nicht, Die schrecklichen Terzetten? Wen da der Dichter hineingesperrt, Den kann kein Gott mehr retten". In der Tat, ein schrofferer Gegensatz in der Verwertung derselben Idee ist wohl kaum denkbar. Das widerspricht dem natürlich nicht, daß Heine sich aus manchen Gründen zu der Komik des dicken Ritters hingezogen fühlte, weniger der Heine in Göttingen als der Heine in Paris, weniger der Heine der Platenkritik als der des Schwabenspiegels, der Heine, der schon durch körperliche Zunahme sich äußerlich ihm näherte, der ein Pariser Diner mit den Worten pries: „Es ist wert, knieend eingenommen zu werden." Jedenfalls aber hat er sich an diesem dicken, wandelnden Lehrbuch der Komik geschult. Wir suchten das an einigen Belegen zu zeigen, bei denen wir aber stets die seiner Eigenart entsprechende Umgestaltung beobachten konnten. So trat zuweilen gerade bei solchen Gegenüberstellungen die gegensätzliche Art der beiden großen Spaßmacher deutlich zutage. Wir wollten betonen, daß Heine weder so Nachahmungstalent ist, daß man bei Denkmalsfragen auch das in die Wagschale werfen könnte, noch selbst in seiner hervorragendsten Eigenschaft so ausschließlich aus sich selbst heraus schafft und unbedingt unerreicht ist, wie seine blinden Verehrer meinen. Freilich, die Extreme in seiner Beurteilung, wann werden sie sich mildern? Seine Beurteilung ist von seinem ersten Auftreten an' bis auf den heutigen Tag sich auffallend gleich geblieben. Seit den Tagen Ruges und Varnhagens ist er gleichzeitig über Gebühr gepriesen und über Gebühr verurteilt worden. Wahrscheinlich wird es so bleiben. Korrespondenzen. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 8. April unter dem Vorsitze des Herrn I. Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn. Beginn 10 Uhr Vormittags. Im Einlaufe befinden sich: An Spenden: Von Herrn kais. Rat Salomon Kohnberger für die israelitische Armenanstalt.K 400.— Von Herrn Moriz Edlen von Kuffner anläßlich der diesjährigen Osterfeiertage für die Armen des XVI. und XVII. Bezirkes .. 400.- Von Herrn Moriz Edlen von Kuffner anläßlich des Sterbegedächtnistages seines sel. Vaters für Arme des XVI. und XVII. Bezirkes. „ 280. - Von Herrn Hermann Freistadtl anläßlich des Sterbcgedachtnistages seiner sel. Gattin an wahrhaft Bedürftige . „ 200.— Von Herrn k. k. Kommerzialrat Isidor Mautner für das israelitische Altersversorgungs- und Siechenhaus. . „ 200.— Von Herrn Adolf Löwy anläßlich der Vermählung seines Sohnes Eugen zur Verteilung an das israelitische Blinden-. Institut, das israelitische Taubstummen-Jnstitut, den Verein „Kinderheim" und an arme Bräute.. 100.—

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.