Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 15 (13.4.1906)
- Date
- 1906-04-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Dlocb's MlocbenscbrM. Seite 241 vielleicht auch nicht ohne Resultat sein. Die überzahlreichen Vergleiche mit Voltaire hat, wie schon Heine selbst, sein Biograph Strodtmann gebührend zurückgewiesen. Doch lassen sich Voltairesche Züge in Heine nicht verkennen. Von Cervantes war Heine mehr als entzückt. Mit Jean Paul und Brentano witzelt Heine in seinen ersten Reisebildern; E. T. A. Hoffmanns Kontrasteffekte erkennen wir verstärkt in seiner Nordseeperiode. In Heines späteren Sachen liest man oft den geistreichen Styl des Jungen Deutschland, so Wolfgang Menzels, den er später so übel zerzauste, besonders aber der jüdischen Satyriker Börne und Ludwig Robert. Bei einem Vergleich mit diesen, denen er manches witzige Motivchen verdankt, ließen sich vielleicht die gemeinsamen, orientalischen und bei Heine dann die hinzukommenden, rheinisch-romanischen Bestandteile feststellen. Auf den Witz und den Humor des ausgereiften Heine ist aber einer noch von offenbarem Einfluß gewesen, einer, der die zugleich witzigste und komischeste Figur der Weltliteratur schuf, Shakespeare, der Schöpfer des Falstaff. Shakespeares tragische Kunst wirkte bekanntlich auf Deutschland, besonders Norddeutschland, unermeßlich. Shakespeares Komik dagegen ist selten auf wirklich fruchtbringenden Boden gefallen. Narren fehlen zwar nicht, aber ein Falstaff. Wie tief steht selbst Kleists Dorfrichter unter ihm! Die neuhochdeutsche Blütezeit ist überhaupt arm an großen Humoristen, und Lichtenberg geht mehr auf Swift, Jean Paul mehr auf Sterne zurück. Auch bei Heine liegt der Falstaff nicht an der Oberfläche. Dazu ist die Form seiner Komik von Shakespeare zu verschieden. Shakespeare schuf eine außerordentlich wahre, komische Figur, er dagegen reihte meist, wie er selbst sagte, nur witzige Einfälle aneinander. Nur in den Bädern von Lucca und allenfalls noch in Schnabelewopskis Memoiren zeichnete er lebenswahre, allerdings stark mit Satyre untermischte, humoristische Gestalten, so in dem Hamburger Juden Gumpelino, noch treffender in seinem Diener Hyacinth. Signora Lätitia, die Wirtin zur roten Kuh, und der Kleine Simson sind freilich nur Karikaturen. Man hat die Bäder von Lucca „Schlammbäder" genannt und vor allem an Schnabelewopski — mit Recht — vielfach Anstoß genommen. Die Berechtigung der satyrisch-geistreichen Zote, wie wir sie hier und im Falstaff öfters finden, hat aber nicht einmal ein „Sittlichkeitsfanatiker", wie der Aesthetiker Friedrich Bischer, abgestritten. Er sagt im Hinblick auf Falstaff: „Man kann dem Komischen keine Stoffe vorschreiben. Es kommt überhaupt nicht auf den Stoff an, sondern auf das geistige Spiel, das mit ihm getrieben wird. Alles, auch das moralisch höchst Verderbliche kann komisch werden, aber auch alles. Der Geist soll seine Ueberlegenheit bewähren, mit dem Stoffe etwas Rechtes anzufangen. Der Stoff soll nicht als Stoff wirken. Ist er sittlich abstoßend, so kommt alles darauf an, daß unser Auge eben davon abgelenkt wird und nur den Widerspruch sieht." Meister der souverän-satyrischen Zote sind im Altertum Aristophanes und Petron, im Mittelalter Boccaccio und Rabelais. Falstaff-Shakespeare und Heine haben jedoch ein gut Teil Humor. Die Hauptmacher sind bei beiden um die Mitte dick und haben dünne Beine, Falstaff und Gumpelino. Sie bewerben sich beide um Frauengunst, beide mit Hindernissen. Shakespeare Wirtin ist, das heißt wird genannt, ein „ehrbares, tugendhaftes Frauenzimmer", Heines Wirtin ein „Muster von Ehrsamkeit, Anstand und Tugend". Bei Shakespeare ist sie sogar pistolenfest gegen Pistol, ähnlich bei Heine ein Gibraltar, eine uneinnehmbare Festung. Falstaff fordert refrainartig: „Wirtin, mein Frühstück! Ein Glas Sekt!" Schnabelewopski wettert dreimal: „Ungeheuer, warum hast du mir keine Suppe gekocht!" Falstaff heischt etwas geschäftsmäßig: „Küsse mich, Dortchen", ganz ähnlich Signora Lätitia: „Stehen Sie auf und umarmen Sie mich". Der ungebildete Teil des Boudoirs verdreht die Fremdwörter, bei Shakespeare Frau Hurtig, bei Heine Hirsch- Hyacinth. Pistol spricht in bombastischen Zitaten, Shakespeare macht damit Marlowe und Peele lächerlich; auch Gumpelino spricht in bombastischen Zitaten, Heine verlacht damit Platen. Kleine witzige Züge wirken am meisten komisch. Heine ist auch durch solche beeinflußt. Er gestaltet sie aber um; denn der Erzähler wirkt auf andere Weise als der Bühnendichter. Fallstaff und Gumpel geraten beide bei ihren Bemühungen ins Schwitzen. Shakespeare läßt Dortchen sagen: „Ach, armer Affe, wie du schwitzest." Das ist einfach gesagt, aber es kommt Plötzlich heraus und wirkt äußerst komisch. Heine erzählt, er muß durch Beiwörter wirken: „Da erglänzte sein Antlitz in schwitzender Selbstwonne." Shakespeare tut genug, wenn er sagt: „Sie ist sphärisch wie ein Globus;" denn man sieht die, die er meint. Heine macht gleichzeitig eine komische Folgerung: „Sein runder Bauch befähigt ihn zur Anstellung bei der sphärischen Trigonometrie." Auch folgenden höchst amüsanten Zug Falstaffs finden wir bei Heine wieder, allerdings in verändertem Aussehen. Des göttlichen Schlemmers Falstaff Rechnung beträgt: ein Kapaun zwei Schilling fünf Pfennig, zwei Maß Sekt fünf Schilling acht Pfennig, Brot einen halben Pfennig. Hirsch-Hyacinth kramt aus seiner Tasche unzählige Sachen, zuletzt ein glattes Stück Brot. Aber bei Shakespeare ist es ein heiterer Zug zur Kennzeichnung des Feinschmeckers, bei Heine ein satyrischer Zug zur Karikierung des knauserigen Kleinkrämers. Und das ist bei aller Uebereinstimmung der grundlegende Unterschied. Shakespeare ist bei seiner Komik wahr, Heine, mehr zur Satyre neigend, übertreibt; er zeichnet bestimmte jüdische Modelle, verzerrt sie aber auch. Shakespeare bekam von seiner entzückten königlichen Gönnerin den Auftrag. Falstaff noch einmal auf die Bühne zu bringen; er tat das in den Lustigen Weibern, Heine bezog von dem ergrimmten Modell in Hamburg eine Ohrfeige. Heines Stärke liegt cber auch nicht in der großen komischen Charakterzeichnung, sondern im kleinen überraschenden Witz, ebenjo wie seine dichterische Größe nicht im Drama, sondern im kleinen Lied liegt. Und zwar liebt er den witzigen Vergleich, den schon Jean Paul und nach ihm Rüge und Bischer als höchste Stufe des Witzes bezeichneten, das heißt die Kunst, zwischen den entlegensten Dingen eine unerwartete Uebereinstimmung zu finden. Darin leistet Heine ganz Hervorragendes. Auch Falstaff und überhaupt Shakespeare ist hierin Virtuose. Wenige haben diese Witzart so genial verstanden. Deswegen lockt ein Vergleich. Auch hier entlehnt Heine. Shakespeare vergleicht die Jungfrau mit einer Festung, die, obgleich tapfer in der Verteidigung, einem Sturm doch nicht widerstehen könne. Dieselbe Metapher finden wir auch bei Heine, aber hier wird sie durch eine doppelsinnige Schlußpointe witziger als bei Shakespeare; in der Harzreise heißt es nämlich: „Sie glich einer Festung, die ebensowenig wie die, von denen König Philipp von Mazedonien spricht, einem mit Gold beladenen Esel widerstanden hätte". Darin steht Heine wohl ganz unerreicht da. Und wie fein und wohlverborgen ist die doppelsinnige Pointe bei all ihrer Derbheit. So heißt es von Falstaff: „Sein Gesicht ist Luzifers Leibküche". Entsprechend sagt Heine ganz einfach: „Hohle Wangen wie ein Suppenteller", und mit verstecktem Doppelsinn: „Ihre ausgekochte Gestalt glich einem Freitisch für arme Theologen." Heines Metaphern sind überhaupt sorgfältiger, spitzfindiger. Daß Falstaff mit einem Kirchturm verglichen wird, scheint nicht besonders treffend, aber wenn Gumpels Nase mit dem Turm von Pisa verglichen wird, so denken wir daran, daß beides lang und krumm ist. Wie Heine die Pointe ausarbeitet und nachwirken läßt, so bereitet er sie auch stets wohlbedacht vor; er steigert sich allmählich zu ihr. Er macht aus seinen Witzen hervorragende kleine Kunstwerkchen, wie er hervorragende kleine Lieder machte. Falstaff ist schlechtweg „Talgklumpen". Heine geht erst vom Fett zum Talg über: „Ihr blühendes Fett war keineswegs mit dem alten Talg der Mutter zu vergleichen." Shakespeare macht auch zuweilen verwickelte Vergleiche. Falstaff wirbt Rekruten und läßt sie für Geld wieder laufen. Davon kann er essen. Deswegen nennt er sie „Butterbemmen mit Herzen im Leibe, nicht dicker als Stecknadelköpfe". An diese originelle Idee erinnert die bekannte Narrenumwertung in Heines Buch Le Grand, ein höchst amüsantes Kapitelchen.