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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-13 · 15 (13.4.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
15 (13.4.1906)
Date
1906-04-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite ‘240 Dr. Biodi’n Wochenschrifl. 3lr- 15 Wir können, meine Herren, ganz ohne Furcht in diesem höheren Sinne des Wortes tolerant sein, wir können ihnen Raum geben, daß sie mit uns auf gleichem Felde, mit gleichen Waffen den Kampf bestehen, und ich, meine Herren, bin gar nicht zweifelhaft, wem der Sieg gehören wird. Nun waren unter dem Ministerium Schönstedt Beförderungen jüdischer Richter in höheren Stellen ausgeschlossen, welcher Zeitraum seit dem Jahre 1847! Welche Wandlungen in der Toleranz und Gleichberechtigung! Der Vorwurf der Absonderung, welcher den Juden gewöhnlich gemacht wird, trifft vorzugsweise die Gesetzgebung, welche durch ihre ungleiche Behandlung die Juden niederdrückt, in den Christen aber das Gefühl der Supn iorität hcrvorbringt. a ö w. Kiblische und jüdisch-geschichtliche Stoffe i« Kunst «nd Literatur. Das Buch der Bücher, die Bibel, hat nicht allein auf das religiöse Denken und Fühlen, das moralische Bewußtsein und sittliche Tun aller zivilisierten Völker den größten Einfluß ausgeübt, sondern auch seit jeher die tiefsten Denker, die hervorragendsten Geister, die größten künstlerischen Genies zur Schaffung großer, unvergänglicher Werke begeistert. Dramatiker und Bildhauer, Maler und Musiker haben aus ihr Ideen und Motive geschöpft und an den von ihr gelieferten Stoffen ihre Schaffenskraft und Meisterschaft erprobt. Um nur Einiges davon zu erwähnen, erinnere ich an Racine (Esther und Athalie), Otto Ludwig (Die Makkabäer), Hebbel (Judith, Herodes und Marianne), Michel Angela (Moses), Leonardo da Vinci (Das Abendmahl-Passahmahl), Händel (Tie Oratorien: Israel in Egypten, Josua, Jephta, Samson, Saul, Elias, Juda Makkabäus). Welchen Einfluß Luthers Bibelübersetzung auf die Entwicklung und Ausbildung der deutschen Sprache gehabt hat, ist allgemein bekannt und anerkannt. Daß hohe geistliche Würdenträger, katholische und protestantische, Dom- und Hofpredigcr, bei besonders feierlichen Anläffen, wie Taufen und Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen von fürstlichen Persönlichkeiten, den Text zu ihren Reden und Ansprachen fast in allen Fällen aus dem Alten Testamente wählen, weiß jeder bibelkundige Zeitungsleser. Selbst Kaiser Wilhelm II., der den Vorträgen des Profeffor Delitzsch über Bibel und Babel zur großen Berühmtheit verhalf und es gerne gesehen hätte, wenn der Glanz des Alten Testamentes oder, wie er sagte, der Nimbus der Juden ein wenig abgeschwächt worden wäre, läßt es in keiner seiner Reden und Ansprachen an einem Zitate aus Israels Bibel fehlen. So hat er auch jüngstens seine bei der Beeidigung der Soldaten gehaltene Ansprache mit einem sehr wirksamen Spruche aus Jesaia 42 geschloffen. Welche Stellung übrigens die Kirche und insbesondere die protestantische zum Alten Testamente einnehmen soll, darüber hat es zu keiner Zeit vollständige Klarheit unter den christlichen Theologen gegeben. Dieser Punkt bildete schon in alter Zeit einen Gegenstand des Streites zwischen den zahllosen christlichen Sekten und auch nach der Reformation rief er Streit und Spaltung uuler den Evangelischen hervor. Hier sei diesbezüglich nur auf den synergistischen und antinomistischen Streit zwischen den Anhängern Luthers und Melanchthons hingewiesen. Selbst die sogenannte Einigungs- oder Koukordienformel, die der Tübinger Kanzler Andreä über Betreiben des Kurfürsten August von Sachsen 1560 entworfen und von 96 lutherischen Reichsständen unterzeichnet wurde, hat die von vielen gewünschte Ausgleichung nicht herbeigeführt, indem viele protestantische Staaten und Städte, wie Anhalt, Hessen, Pommern, Holstein, Bremen, Braunschweig, Straßburg und noch viele andere selbe nicht annahmen. In der Konkordienformel hieß es: Das Evangelium allein schaffe Seligkeit, die Predigt des alten Gesetzes sei jedoch förderlich zur Zucht, Belehrung und Abhaltung von Sünde. Wo sie angenommen wurde, wurde sie auch in die Zahl der zum allgemeinen Gesetzbuch des Kirchenglaubens erhobenen symbolischen Bücher ausgenommen. Mein, wenn auch die Theologen sich nicht darüber einigen konnten, welchen Platz sie dem Alten Testamente in der neuen Glaubenslehre zuweisen sollen, so hat doch dieses selbst durch seine großen, kraftvollen und Willensstärken Persönlichkeiten und noch mehr durch seine lebendigen, dramatischen Schilderungen von großen geschichtlichen Ereigniffen und Begebenheiten die Aufmerksamkeit und das Interesse aller geistesbegabten und talentierten Schriftsteller und Künstler zu allen Zeiten auf sich gezogen und ihnen reichlichen Stoff zur Betätigung ihrer dichterischen Begabung und ihres künstlerischen Könnens gegeben. Einen Beweis haben erst die jüngsten Tage geliefert. Ich meine die Erstaufführung der Oper „Salome" von Richard Strauß im Dresdener königlichen Hofoperntheater. Strauß hat des englischen Dichters Oskar Wilde gleichnamiges Drama komponiert. Wilde wiederum hat die Erzählung von der Enthauptung Johannes des Täufers, der von dem Jntrarchen Herodes Antipas in der Festung Machäus wegen der Vorwürfe, die er ihm gemacht halte, — Herooes hatte die Gattin seines Bruders Herodes Cretus entführt und zur Frau genommen — gefangen gehalten und später hingerichtet wurde, zu einem Drama nmgearbeitet. Ueber die Tatsache der Hinrichtung berichtet Josefus (Alterde XVIII5). Die nt den Evangelien (Matthäi 14, 3—12; Marc. 6, 17—29) über diesen Vorfall gemachten Mitteilungen tragen schon einen legendären Charakter. In diesen wird bte Geschichte in folgender Weise erzählt: „Denn Herodes hatte den Johannes greifen, ihn binden und ins Gefängnis legen lassen, wegen der Herodias, des Weibes seines Bruders. Denn Johannes hatte zu ihm gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, sie zu haben. Und er wollte ihn töten, fürchtete aber das Volk, weil es ihn für einen Propheten hielt. Am Geburtstage Herodes aber tanzte die Tochter (Salome) der Herodias vor der Gesellschaft und sie gefiel dem Herodes. Darum verhieß er mit einem Eide, ihr zu geben, worum sie nur bitten würde. Sie aber, angewiesen von ihrer Mutter, sagte: Gib mir hier auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers. Und er sandte hin und ließ den Johannes im Gefängnisse enthaupten. Und sein Haupt ward auf einer Schüssel gebracht und dem Mägdelein gegeben, und das brachte es seiner Mutter." Wilde hat nun die evangelische Erzählung mit der weitgehendsten dichterischen Lizenz umgearbeitet, um sie dramatisch zu gestalten. Nach ihm war Salome selbst bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Johannes dem Täufer in heißer Liebe zu demselben entbrannt. Als aber der fromme, heilige Mann (Johannes war ein Essäer) ihre brünstigen Küsse und Liebkosungen verschmähte und mit Abscheu und Zorn von der lüsternen Gemeinheit sich abwandte, da sann die Verschmähte auf Rache. Der Geburtstag des Herodes bot ihr hiezu die Gelegenheit. Herodes, der selbst schon längst ein lüsternes Auge auf seine Stieftochter geworfen hatte, geriet bei ihrem Tanze außer sich vor brennender Begierde und versprach ihr, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Sie wünschte nun das Haupt des Johannes. Als ihr dieses auf einer silbernen Schüssel gebracht wurde, entzündeten sich alle dunklen, erotischen Triebe in ihr, und von einer unbändigen, sinnlichen Leidenschaft ergriffen, bedeckt sie das blutige Haupt mit brünstigen Küssen. Herodes gab bei dem grauenvollen Anblick den Befehl, Salome zu löten. Manche haben dem Dichter den Vorwurf gemacht, daß eine Handlungsweise wie die, die er der Salome andichtet, psychologisch und menschlich unmöglich sei. Ich will über die Berechtigung dieses Vorwurfes nicht entscheiden. Nur auf eine Analogie möchte ich Hinweisen. R. Jsmael b. Elischa war von außerordentlicher Schönheit. Er war auch einer von den zehn Gesetzeslehrern, die Kaiser Hadrian nach dem Aufstande unter Bar-Kochba auf die qnallvollste Weise hinrichten ließ. Nun traf es sich, daß des Kaisers Tochter den schönen Mann vor seiner Hinrichtung erblickte. Sie fand solches Wohlgefallen an ihm, daß sie sich, da sie ihn wohl nicht retten konnte, wenigstens die ihm vom Schädel und Antlitz abgezogene Haut erbat und dieselbe präparieren und aufbewahren ließ, um flch an deren Anblick zu erfreuen. Der Schädel oder die Schädelhaut (Karakephals) des R. Jsmael war noch viele Jahre später in Rom zu sehen (Chulin 123a, Aboda-sarah 11b und Raschi daselbst). Auch in der am 9. Ab. in allen Synagogen vorgetragenen Zinah „Arseh-hal' wonon", welche eine schmerzliche Klage über den Tod der „Zehn Märtyrer" enthält, wird des Umstandes mit der Kaiserstochter Erwähnung getan. Bei der Tochter eines Herodes kann wohl die gleiche oder noch um etwas größere Perversität wie bei der römischen Kaiserstochter zu finden sein. Ist doch Herodes I. selbst, der Großvater der Salome, nach Talmud B. Bathra 3b, pervers gewesen. Der Antisemiten wegen, die vielleicht auch diesen Umstand zu ihren schändlichen Zwecken ausbeuten könnten, will ich nur noch bemerken, daß Herodes nicht von jüdischer, sondern von idumäischer Abstammung war und daß er, ein Knecht und Speichellecker der jeweiligen römischen Machthaber, ganz und gar den Römern sich angeschlossen und nebst ihrer politischen Skrupellosigkeit auch alle ihre Laster in sich ausgenommen hatte. Seine römische Assimilation ging so weit, daß man in jüdischen Kreisen von dieser Zeit an den Namen „Edom" auf Rom übertrug und alle prophetischen Verkündigungen der Bibel über Edom und Esau auf Rom und das römische Reich bezog. Die Agadisten und Prediger der folgenden Jahrhunderte sprachen in ihren Vorträgen sehr oft von den Schlechtigkeiten und Gewalttätigkeiten Edoms und dessen einstigem Untergange und meinten damit Rom und das römische und byzantinische Reich. Prag-Weinberge. Stark. Falstaff ««d Heine. Heinrich Heines komische Kunst in ihren psychologischen und literarischen Quellen zu ermitteln, ist deswegen wichtig und reizvoll, weil er darin nach dem Urteil von Georg Brandes unerreicht, wenigstens in der Neuzeit, dasteht. Brandes selbst stellt in seiner meisterhaften Charakteristik Heine und Aristophanes zusammen. Rabelais und Heine zu vergleichen, würde

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