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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-06 · 14 (6.4.1906) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 14 Dr. Llocb's Mocbenscbritt. Sette 333 und wenn sie hätte in sein Herz blicken können, wenn sie seine Gedanken hätte erraten können, als er in sein Sparkassenbuch blickte — was er gar oft und ach so gerne tat — da hätte sie zustimmen müssen, daß vor den Zifsirreihen das Bildchen ihrer Person gaukelte, daß der Anblick der Totalsumme für ihn nichts Anderes war, als ein Bild zukünftigen Glückes, dessen Mittelpunkt sie bildete. Armes Kind! Sie wußte nicht, daß ihm die Erklärung auf der Zunge lag, so oft er ihre Hand in der seinen hielt, wenn er sich vor ihrem Wohnhause von ihr verabschiedete; da ahnte sie nicht, daß ihm nur der Mut fehle, die Worte herauszubringen. Wenn er sie verlassen hatte, nahm er sich jedesmal vor» es bei nächster Gelegenheit zu sagen, morgen würde es sicherlich zur Aussprache kommen. Sie wußte es noch nicht, daß er eine Taschenuhr für sie gekauft hatte, die er als Liebeszeichen benützen wollte. Und das ging ihm im Kopf herum, während sie sich halbtot grämte. Und der goldene Liebesbote lag in seiner Westentasche und tickte um die Wette mit den Schlägen seines Herzens, das die Abendstunde unruhig herbeisehnte, um ihr, der Geliebten, das Bekenntnis zu machen. Mutter wird doch mit ihm sprechen müssen, entschloß sich Beile, während sie nachsinnend über der Arbeit saß, aber plötzlich fühlte sie, wie sie jemand am Haare zog. Es war der kleine Sohn ihres Arbeitgebers; er hatte sein Nachmittagsschläfchen soeben beendigt. Mangels anderer Beschäftigung ergriff er mit seinen schmutzigen Fingern in ihre Haare. „Er übt sich im meistern", bemerkte David, dessen Aufmerksamkeit durch das Schauspiel auf das Mädchen gelenkt war. Beiles Ausruf brachte Heymann auf die Beine, und indem er des Kleinen Finger aus des Mädchens Haaren löste, gab er dem Kleinen eins auf die schmutzigen Wangen. In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe und der Vater des kleinen Missetäters erschien. Heymann schlich zu seinem Platz ünd indem er seinen Kopf tief über seine Arbeit beugte, war er bemüht, durch das schirr, schirr seiner Maschine, das Weinen des Knaben zu übertönen. Lipmann legte seinen Rock ab, setzte das fettige Sammtkäppchen auf, zündete sich mit wichtiger Miene eine Zigarre an und trat auf Meyer zu, um dessen Arbeit zu besichtigen. „Wie der aussieht?" fragte sich David; indem er ihn prüfend ansah; „wie ein Besen mit dem Stiel nach abwärts", schloß er zu seiner eigenen Befriedigung. „Und sein Schnupfapparat", er meinte Lipmanns Nase — eine vollkommene Fiedel! Und sein Mund! Gewöhnlich haben Taubstumme einen solchen Mund! Und sein Bart! Er hat zuviel von dieser Manneszier und die ist zu schön für das Gesicht. Er muß durch ein Versehen den Bart bekommen haben." Plötzlich ging die Tür auf und Frau Lipmann trat, schwer mit Paketen beladen, nach Atem ringend, watschelnd ins Zimmer, gefolgt von einem älteren Ehepaar. >iV- „Sind das Gelbschnäbel" *) dachte Meyer; „das sind sicherlich Landsleute von ihr, die erst kürzlich eingewandert sind?' „Sie ist wie ein Dampfkessel und pfaucht auch so", sagte sich David und warf einen gleichgiltigen Blick auf die Neuangekommenen, um dann wieder die Meisterin zu beaugapfeln. „Nein", verbesserte er sich selbst, sie gleicht doch eher einem Besen,, mit dem Stiel nach aufwärts. Ja, so ist es! Das wäre so eine Lust, eine Stange an diesen Kopf zu binden und damit den Boden zu kehren. Und ihr Mund? Der kann nichts abschmatzen!" „Da Leiser, schau nur, was für Gäste ich mitbringe", rief Zlate aus, als sie ihre Pakete niedergelegt hatte. „Setz Dich, Reb Aaron; nimm Platz, Basie. Das ist unser Geschäft", sagte sie lächelnd. „Es ist klein, aber wir haben die Absicht zu übersiedeln, um ein größeres. Quartier zu nehmen." *) „Gelbschnabel" werden die Eingewanderten spöttisch von den Amerikanern genannt. Meyer hatte sich nicht geirrt. Zlates Gäste waren erst kürzlich aus ihrer Vaterstadt, einer armseligen Stadt Westrußlands, emgewandert. Dort hatten sie eine bedeutend bessere Stellung eingenommen, wie ihre augenblicklichen Gastgeber. „Kommt, Ihr müßt mein Besuchszimmer ausehen", sagte Frau Lipmann zu ihren Landesleuten, die kaum noch Zeit gefunden hatten, sich der angebotenen Sessel zu bedienen, als sie schon in das vordere Zimmer geführt wurden. Als die Gesellschaft wieder zurückkam, bemühte sich Leiser, Reb Aaron in die Mysterien des amerikanischen Schneidersystems einzuführen. „Aber beinahe hätte ich vergessen, Euch etwas aufzuwarten", brach Zlate plötzlich aus. „Beilke", rief sie der Ausfertigerin in befehlendem Ton zu, „da hast Du einen Nickel, hol 2 Flaschen Sodawasser vom Kaufmann". „Geh nicht Beile", flüsterte David ihr über den Tisch hinüber zu, als er des Mädchens Widerwilligkeit bemerkte. Es war nicht- Ungewöhnliches für Beile, für die Meisterin etwas holen zu müssen, wenn sie es auch nur ungern und aus Angst, ihre Stellung verlieren zu können, tat. Aber bis nun hatte auch Zlate es als Gefälligkeit betrachtet. Jetzt aber hatte der Befehlston der Meisterin sie beleidigt und der Gedanke, vor den Fremden als Dienstbote angesehen zu werden, empörte sie. wie ihr plötzliches Erröten verriet. Aber die Aussicht, wieder Arbeit suchen zu müssen, Hütte Beile vielleicht doch bestimmt, dem Befehle uachzukommen, Davids Zuruf stachelte sie auf, im Nähen fortzufahren, als ob sie nichts vernommen hätte. H ymann hatte diese ganze Szene mitangesehen, ohne zu arbeiten; scheinbar beschäftigte er sich mit dem Schiffchen der Maschine. Mit klopfendem Herzen, geschlossenin Augen, mit zusammengebiffenen Zähnen wartete er die weitere Ent- Wicklung der Dinge ab. Er war voll Mitleid für sein Liebchen und haßerfüllt gegen David. „Aber kann ich was tun", sagte er sich. „Wie dumm, sich wegen der Kleinigkeit, eine Flasche Sodawasser holen zu müssen, um die ständige Arbeit zu bringen. Wozu sich wohl David hineingemischt hat!" „Sie sind doch nicht taub. Beile! Ich sag ihnen noch einmal, gehen Sie um Sodawasser, aber schnell!" kreischte Frau Lipmann. „Rühren Sie sich nicht, Beile", sagte David mit zornbebender Stimme. Beile blieb sitzen. „Ich sag, gehen Sie", donnerte nun Zlate, rot wie eine Klatschrose. „Es macht ja nichts", Zlate, mischte sich Basse, der Gast hinein und erhöhte nur noch das Unangenehme der Situation. „Wir haben soeben Tee getrunken. Laß doch, es steht sich ja nicht dafür", sagte Reb Aaron. Aber dieses beschwichtigende Zureden trug nur dazu bei, Zlate in noch größere Wut zu versetzen, und ohne die Folgen zu bedenken, stürzte sie auf Beile zu, riß ihr die Arbeit aus der Hand nnd rief: „Entweder holen Sie das Sodawasser oder Sie verlassen auf der Stelle mein Geschäft!" Heymann hätte jetzt gerne etwas gesagt, etwas getan, aber er wußte nicht was, seine Zunge war wie gelähmt, das Blut schien in seinen Adern zu stocken — er konnte weder sprechen, noch sich bewegen. Leiser, der ein ruhiger, friedliebender Mann war und unter dem Pantoffel seiner Frau stand, war auch wortlos und zog verlegen an seinem Bart. „Komm, Beile, wir gehen zusammen", sagte David entschlossen und stand auf. „Ich werde Dir bessere Arbeit suchen. Ihr Geschrei ist unnötig, Frau, Ihre Bk' kannten durchschauen Sie! Sie wollte sich vor Euch prahlen; nur deshalb hat sie Euch hergebracht, sie wollte Euch den Teppich im Besuchszimmer zeigen, aber das hat sie Euch wohl verschwiegen, daß er ratenweise abgezahlt wird und daß der Ratenhändler schon gedroht hat, ihn zurückzunehmen, wenn die Zahlungen nicht pünktlicher einlaufen." „Leiser, bist Du betrunken, daß Du noch immer schweigst", keuchte Frau Lipmann; ihr Gesicht war vor Wut und Verzweiflung entstellt. „Geht heraus", sagte Leiselendlich in einem Ton, der für eine freundliche Einladung weit eher gepaßt hätte.

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