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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-04-06 · 14 (6.4.1906) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
14 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 225 großen Menge als Vertreter einer ganzen Rasse angesehen werden? Ist es für die Deutschen nicht betrübend, wenn Franzosen und noch mehr Russen gerade die Deutschen als die Verkörperung aller möglichen Laster hinstellen? Der Dichter soll ein Priester sein, eine hohe Aufgabe wurde ihm übertragen; er „sieht", nach Schillers eigenen Worten, „den Menschen in des Lebens Drang und wälzt die größere Hälfte seiner Schuld den unglückseligen Gestirnen zu". Unter einem solchen „unglückseligen Gestirne" leben auch wir, die Menschen versagen uns die Sonne, die da heißt: Gerechtigkeit und Liebe. Bevor wir schließen, indem wir den wirklich ergreifenden Roman Raabes allen zur aufmerksamen Lektüre empfehlen, denn wir können dies mit gutem Gewissen tun, wollen wir hier eine kurze Reminiszenz anfügen, die uns beim Lesen von Raabes Werke einfiel. Da lasen wir vor einiger Zeit eine Erzählung von W. H. Riehl, dem bekannten Münchener Novellisten. Sie schildert eine Michael Kohlhaas- Natur und betitelt sich: „Mein Recht". Hier wird ein Mann geschildert, dem, wie er meint, sein Recht, auf das er Anspruch zu haben glaubt, nicht zuteil wird. Dadurch ist ihm der Verstand getrübt worden. Nun sitzt der Arme da und hat ein Buch in zwei Hälften geschnitten. Es ist ein Buch, das wir als das Buch, die Bibel, bezeichnen. Die eine Hälfte bildet das Alte, die andere das Neue Testament. Nun grübelt der Arme über die Worte, so geschrieben stehen in Pauli Brief an die Römer, im 12.Kapitel. V. 19, der besagt: „Räch»keuch selbst nicht, Geliebte, sondern stellt es der Strafgerechligkeit (Gottes) anheim, denn es steht geschrieben: Mein ist die Rache und Vergeltung, ich will vergelten, spricht der Herr." Aber man hat jenen Manu gelehrt, das Alte Testament spreche nur von einem zürnenden und strafenden Gotte, der die Menschen zur Selbstrache auffordert; wie läßt sich nun das Alte Testament mit dem Neuen Bunde in Einklang bringen? Da geht ihm ein Licht auf! Wie, wenn die Worte des Neuen Testaments sich schon im Alten fänden, jene aus diesen geschöpft und abgeschrieben wären? Und in der Tat, er kann die zwei Hälften der Bibel wieder vereinigen, denn Pauli Worte finden sich bereits im V. Buche Musis, Kapitel XXXII, Vers 35. Und den folgenden Satz in Pauli Briefe: „Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn, wenn ihn dürstet, tränke ihn," v.rkündet bereits „das Buch der Sprüche" im XXV. Kapitel, 21 ff. Vielleicht werden sich manche deutsche Dichter an diese Lehre erinnern, wenn sie wieder daran gehen sollten, die nicht wegzuleugnenden Fehler, an denen auch Juden kranken — und welcher Mensch besäße sie nicht — zu schildern. Sie werden dies aber dann mit mehr Gerechtigkeit tun und mehr — Liebe. Korrespondenzen. Zwei Anregungen. Seit Beginn der antisemitischen Aera werden bekanntlich in Wien und überhaupt im Lande Niederösterreich jüdische Lehrer im öffentlichen Schuldienste nicht angestellt. Die Folge hievon ist, daß Juden nun seit mehr als einem Jahrzehnt überhaupt nicht in die Lehrerbildungsanstalten eintreten, da sie ja ihr eigentliches Ziel nicht erreichen können. Dieser Umstand bringt nun unangenehme Folgeerscheinungen für jene Institute mit sich, die auf jüdische Lehrer reflektieren müssen, so z. B. die Talmud-Thora-Schule mit Oeffentlichkeitsrecht, die jüdischen Kinderfürsorge-Jnstitute, jüdischen Waisenhäuser, Kinderhorte, Privat-Lehranstalten rc. rc. Für manche derartige Anstalt ist schon die Notwendigkeit erwachsen, in Ermanglung jüdischer Lehrer, andersgläubige Lehrpersonen zur Erziehung ihrer jüdischen Schutzbefohlenen anstellen zu müssen. Der Vorstand der Wiener Kultusgemeinde befaßt sich eben mit der Errichtung einer Anstalt zur Heranbildung jüdischer Religionslehrer. Da wäre es nun wohl der Erwägung wert, ob diese Institution nicht, auf breitere Basis gestellt, der Heranbildung jüdischer Lehrer überhaupt dienen sollte. Die Verhältnisse haben uns gelehrt, daß wir Juden nur auf uns selbst angewiesen sind. Die konfessionellen Institutionen werden eine Notwendigkeit bleiben, denn jene beffere Zeit, in der die wirkliche Gleichberechtigung aller Staatsbürger in unserem Lande bestehen wird, ist wohl noch sehr ferne. Dafür zu sorgen, daß in den jüdisch-konfessionellen Anstalten auch jüdisches Personale wirke, ist wohl eine Ausgabe unserer Kultusgemeinde, als der aussichtsführenden Behörde. — Es sei ihr diese Anregung zur Beachtung empfohlen. 4- * * Am 3. und 4. d. M. fand in Wien der „Einkaufstag" statt. Eine Anzahl von Kaufleuten hat sich verpflichtet, einen Perzentsatz der Tageslosung dieser beiden Tage drei bekannten Wiener Humanitätsvereinen zuzuwenden. Es handelt sich dabei wohl nicht um antisemitische Vereine, aber um solche sogenannte „interkonfessionelle" Institute, bei welchen der Prozentsatz der jüdischen Gönner und Förderer entschieden den der jüdischen Schützlinge überwiegt. Wie immer, wenn es sich um Werke der Nächstenliebe handelt, finden wir auch bei dieser Aktion unsere Glaubensgenossen voran. Beim Spaziergange durch die Straßen der inneren Stadt lehrten uns die in den Schaufenstern angebrachten Plakate, daß es zumeist jüdische Firmen waren, die sich willig in den Dienst der guten Sache stellten und es ist ferner Tatsache, daß unsere Glaubensgenoffen ein großes Kontingent des kaufenden Publikums stellten. — Was tut nun das „Deutsche Volksblatt" angesichts dieser Aktion? In fetten Lettern proklamiert es: „Antisemiten, beteiligt euch am Einkaufstage, kauft aber nur bei Christen." — Wir zweifeln nicht daran, daß die Gesinnungsgenossen Bergani's dieser Aufforderung Folge geleistet haben. Begierig find wir nur, was von jüdischen Firmen aus den Einkäufen des jüdischen Publikums als Anteil dem Zwecke der Veranstaltung zufallen wird. Uns aber sollen derartige Vorgänge doch endlich die Augen öffnen. Wir Juden erhalten für unsere, gewiß nicht in Ueöerschüssen schwelgenden, anerkannt Rühmenswertes leistenden Institutionen selten oder nie materielle Forderung von Andersgläubigen. Sollten unsere Kaufleute sich nicht auch vereinigen, um durch derartige groß angelegte „Einkaufstage" unsere jüdischen Institutionen zu fördern? Vielleicht genügt diese Anregung, um unsere so rührigen Frauenvereine zu einer Aktion zu veranlassen. Die jüdischen Firmenchefs werden sich gewiß nicht sträuben, einen Wohltätigkeitsakt für ihre Glaubensgenoffen zu üben, da sie sich nun nicht geweigert haben, Gutes zu tun, auch wenn nicht voraussichtlich war, daß jüdische Arme daran partizipieren. Auch diese Anregung dürfte erwägenswert sein. Bericht über die Tätigkeit der Baron Hirsch-Stiftung zur Beförderung des Bolksfchnlnnterrichtes im Kön'greiche Galizien und Lodomerien mit dem Großherzogtume Krakau und im Herzogtums Bukowina im Schuljahre 1904/1905. Dem Kuratorium gehörten an: Präsident: Herr David Ritter von Gutmann, Großindustrieller; 1. Vize-Präsident: Herr Dr. Moriz Güdemann, Oberrabbiner; II. Vize-Präfident: Herr Dr. Ludwig Cwiklinski, k. k. Sektionschef; Schatzmeister: Herr Donat Z i s f e r e r, Stadtbaumeister; Schatzmeister-Stellvertreter: Herr Doktor Ludwig Schwitzer, em. Hof- und Gerichtsadvokat; Herr Theodor Cohn; Herr August Ritter von Dobiecki, k. k. Sektionsrat; Herr Dr. Marcel Ritter von Frydmann, k. k. Hofrat rc.; Herr Dr. Paul Hammerschlag, Direktor des Giro- und Kassen-Vereines; Herr Dr. Leon Kellner, k. k. Univerfitätsprofessor; Herr Dr. Julius K l e e b e r g, k. k. Hofrat beim Verwaltungsgerichtshofe; Herr Med. Dr. Edmund Kohn; Herr Moriz Koritfchoner. Börserat; Herr Max N i r e n st e i n, Banquier; Herr Julius N o s s a l, Direktor der k. k. priv. öst. Kreditanstalt; Herr Dr. Heinrich Ritter von R o z a, k. u. k. wirklicher geheimer Rat, k. k. Sektionschef; Herr Dr. Adolf Stein, Hof- und Gerichtsadvokat; Herr Salomon Steinhübl, Börserat. K. k. Regierungskommiffär: Herr Dr. Sigismund P i l a t, k. k. Sektionsrat. Im abgelaufenen Schuljahre wurden in den 48 Volksschulen der Baron Hirsch-Stiftung von 205 Lehrpersonen, und zwar 165 Lehrpersonen für die Volksschulgegenstände und 40 Lehrpersonen für das Hebräische, in 169 Klaffen 7859 Schüler unterrichtet. Der Schulbesuch war bis auf wenige Orte ein sehr zufriedenstellender. Die Lehrer wurden angewiesen, außer den gewöhnlichen Unterrichtsgegenständen in schulfreier Zeit dem Unterrichte in Handfertigkeit (Slöjd), sowie der Pflege der Jugendspiele, dem Turnunterrichte und der Veranstaltung von Aus-

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